THE BROKEN

Die Reflexion frisst ihre Kinder.

Filmkritik: The Broken.Der einfachste Trick, einen Raum optisch zu vergrößern, setzt auf die expansive Wirkung von Spiegelflächen. Nicht nur sorgt die allgemeine Lichtreflexion für mehr Helligkeit, sondern die Vortäuschung von Tiefe lässt vor allem auch dort vermeintliche Fläche entstehen, wo in Wahrheit keine ist. Als völlig gleichgültig erweist sich dabei, wie schnell man die Illusion entlarvt, denn der Effekt bleibt auch danach noch unvermindert bestehen. Kein Wunder also, dass sich ein derartiges Missverhältnis zwischen Oberfläche und Tiefe von jeher als wirksamer Auslöser für allerlei Aberglauben und Fantasterei anbietet, denn zu akzeptieren, dass dort kein Raum ist, wo es einen zu sehen gibt, ist für den Verstand schon eine ziemliche Zumutung. Als Tore zu anderen, parallelen oder jenseitigen Welten eignen sich Spiegel deshalb offenbar ganz besonders gut – und sind so ein gefundenes Fressen für heidnische Rituale, Schauermärchen und modernen Großstadthorror. Im letzteren Fall ist es in erster Linie die archaische Kraft des Reflexionsträgers, die für großes Unbehagen sorgt. Denn der Spiegel gehört zu den wenigen Artefakten, die unverändert alle Entwicklungen der Menschheit überstanden haben, und ist deshalb mit einem Hauch prähistorischer Mystik aufgeladen, der ihn im Verdacht stehen lässt, ein bedrohliches Geheimnis zu bergen, das jederzeit in der Lage wäre, mit Leichtigkeit den Rahmen zivilisatorischer Sicherheitssysteme zu sprengen. Nicht anders verhält es sich auch in diesem, über lange Strecken äußerst unheimlichen zweiten Spielfilm des britischen Modefotografen Sean Ellis. Doch „The Broken“ ist nur auf den ersten Blick ein Stück Twilight Zone.

Lena Headey. The Broken. Foto © Gaumont Distribution

Poe mag dem Film vorangestellt sein, doch der naheliegendere literarische Assoziationsträger ist der Natur der Sache gemäß eher Lewis Carrol. Seine Alice heißt hier Gina (Lena Headey), und als die unauffällige Radiologin eines Tages ihr Ebenbild an sich vorbeifahren sieht, gerät ihr Leben aus den Fugen. Schockiert und verwirrt verursacht sie einen schweren Autounfall und verliert Teile ihres Erinnerungsvermögens. Unbehaglich gerät das Zusammensein mit ihrem Lebensgefährten, Alpträume bestimmen ihren Schlaf. Ein Psychiater, den die Ärzte ihr an die Seite stellen, insistiert darauf, dass sie etwas in sich birgt, an das sie sich nicht erinnern will. Beunruhigende Dinge geschehen, und der Zuschauer weiß längst, dass etwas Unheimliches am Werk ist, von dem Gina nichts ahnt. Als sie schließlich begreift, ist es längst schon zu spät.

Die Geschichte fällt nicht sonderlich komplex aus und ließe sich noch einfacher zusammenfassen, wollte man einige ihrer Pointen vorwegnehmen. Doch selbst dann würde der Film selber wenig von seiner Wirkung verlieren. Denn oberflächlich mag er zwar aussehen wie ein Mystery-Thriller, der auf einen überraschenden Twist hinausläuft (was durchaus auch der Fall ist), in Wahrheit ist das aber nur sein Skelett, ohne das er sich nicht bewegen könnte. In erster Linie will „The Broken“ ein Lehrstück in atmosphärischer Dichte sein, unbehaglich, kalt und gemein. Vieles ist kalkuliert, vorhersehbar und bedient sich bewusst bei einschlägigen Vorbildern. Das jedoch gehört zur Methode, denn mit den Antizipationen des Zuschauers rechtfertigt der Film seine unterschwellig dauerpräsente Bedrohlichkeit. Die Crux dabei: Mehr zu wissen als die Figuren, heißt in diesem Fall zugleich auch, die unbedingte Ausweglosigkeit ihrer Lage zu kennen. Und so sitzt man völlig hilflos, sieht dabei zu, wie sich das Grauen langsam ausbreitet und versucht, einer emotionalen Bindung mit der Protagonistin zu entkommen. Ohne Erfolg, versteht sich.

Lena Headey. The Broken. Foto © Gaumont Distribution

Die unheimlichen Filme seine Kindheit habe er vor Augen gehabt, als er die Geschichte entwickelte, sagt Sean Ellis. Gerne hätte er Nicolas Roeg für einen Gastauftritt dabei gehabt, doch die Gelegenheit ergab sich nicht. „Don’t look now / Wenn die Gondeln Trauer tragen“ gehört jedenfalls ganz offensichtlich zu denjenigen Genre-Exemplaren, die merklichen Einfluss auf die finstere Doppelgänger-Geschichte ausgeübt haben. Bis zu einem gewissen Grad übernimmt Ellis gar die für Roeg typische Erzählstrategie der fragmentarischen Andeutung, die seine Figuren so unaufhaltsam in den Abgrund treibt. Vor allem aber ist es die ungemein wirkungsvolle Technik atmosphärischer Vorwegnahme, die „The Broken“ mit seinem großen Vorbild teilt.

Wie bei so vielen Seiteneinsteigern muss auch im Fall von Ellis wenig wundern, dass seine Annäherung an filmische Stoffe nicht unbedingt gängigen Konventionen folgt. Der Blick ist schlicht ein anderer, und auch das hat er mit Roeg gemein, der bereits knapp zwei Jahrzehnte in unterschiedlicher Funktion hinter der Filmkamera gestanden hatte, bevor er 1970 mit „Performance“ seine erste (Co-) Regiearbeit ablieferte. Lineares Erzählen sollte fortan nie sein Markenzeichen werden, und je geradliniger er einige seiner späteren Arbeiten anlegte, desto belangloser erschienen sie.

Ellis entwickelt Narration noch mehr als Roeg von jeher aus dem Einzelbild und erlernte früh die fotografische Kunst des Stillebens. Bevor er 2001 seinen ersten Kurzfilm produzierte, hatte er bereits eine immens erfolgreiche Karriere als Modefotograf, Musikvideo- und Werberegisseur vorzuweisen. Dunkler und filmischer als seine Kollegen war sein Stil dabei schon immer und etablierte ihn rasch als Marke. Sein Videoclip zu „Never Ever“ der All Saints gewann den Brit Award, und nicht von Ungefähr kollaborierte er ausgerechnet mit David Lynch an einer Fotostrecke für Harper´s Bazaar.

„Left Turn“, Ellis´ erster Gehversuch im Erzählkino, ist stilistisch nicht sonderlich weit von „The Broken“ entfernt. Eine Frau, die inmitten eines heftigen Unwetters eine vermummte Gestalt am Straßenrand aufsammelt und es bald schon (zurecht) mit der Angst zu tun bekommt – mehr braucht die knapp viertelstündige Geschichte nicht, denn ihre eigentliche Wirkkraft entfaltet sich im Wesentlichen hinter einer bedrohlichen Atmosphäre aus Nacht und Regen, die weitaus größer ist als der simple Plot selber. Strategisch klug dehnt Ellis die Exposition weiter aus als notwendig und legt damit eine falsche Fährte, die das Eindringen des Grauens in den zivilisatorisch behüteten Alltag der Figuren umso erschreckender und nachhaltiger geraten lässt – Stephen King verfährt in seinen besten Arbeiten nicht anders.

Lena Headey. The Broken. Foto © Gaumont Distribution

Im Grunde funktioniert „The Broken“ nach demselben Prinzip und ist in Wahrheit auch nur ein 90-minütiger Kurzfilm, eine verstörende Momentaufnahme, die Ellis lediglich auf der Zeitachse ein stückweit ausdehnt. So filmisch seine Fotografien zum Teil geraten, so fotografisch ist sein Kino. Ganz anders verhält es sich bei „Cashback“, jenem oscarprämierten Kurzfilm von 2004, den Ellis zwei Jahre später in ein abendfüllendes Feature überführte. Episodisch, luftig leicht, hell und romantisch kommt dieser filmische Tagtraum daher, und man ist versucht zu bezweifeln, dass hier wie dort derselbe Autor am Werk war.

Es ist nicht schwer, „The Broken“ als atmosphärisch dichte Variante seiner offensichtlichen Vorbilder zu begreifen, und es damit auch schon gut sein zu lassen. Beim zweiten Sehen tritt die Geschichte jedoch deutlicher in den Hintergrund und erweist sich als bloßes Mittel zum Zweck. Lange Schwarzblenden zeugen davon, dass es dem Film schwer fällt, aus seiner eigenen Trance wieder aufzuwachen und zur oberflächlichen Narration zurückzukehren. Seine losen Enden sind dabei weitaus verstörender als alles, was er explizit zeigt. Die Spiegel dieses großstädtischen Schauermärchens erweisen sich als schwarze Löcher, und sie machen sich alles zueigen, was in Form gewohnheitsmäßiger Realität Balance und Sicherheit zu bieten scheint. Die Reflexion frisst ihre Kinder.

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The Broken. Plakat: Koch Media GmbH

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Koch Media GmbH
Fotos © Gaumont Distribution

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