TRANSFORMERS – DIE RACHE

By Thomas Lenz

Der Präsident ist in Sicherheit.

Filmkritik: Transformers - Die RacheMichael Bay hat offensichtlich Befürchtungen, für den Rest seiner Tage mit unüberschaubar montierten Verfolgungsjagden, einsatzbereiten Flugzeugträgern und schnittigen Kampfjets vor rot glühenden Sonnenuntergängen identifiziert zu werden. Jetzt wolle er erst mal einen Film ohne Explosionen machen, und man fragt sich mit einiger Berechtigung, was das denn bitteschön sein solle. Immerhin scheinen pyrotechnische Zerstörungsorgien mit dem Mann, dem Sean Penn einst lautstark ein unangenehmes medizinisches Problem an eine empfindsame Körperstelle wünschte, seit seinem Leinwanddebüt mehr oder weniger untrennbar verbunden. Was bei Russ Meyer die gigantischen Körbchengrößen leisten, schaffen bei Bay nicht minder gigantische Detonationen: Sie sind der Kitt, der alles zusammenhält. Abweichungen von Standard werden sofort mit Misserfolg bestraft („The Island“ für Bay bzw. „Black Snake“ für Meyer). Im Fall von „Transformers – Die Rache / Revenge of the Fallen” war die explosive Allgegenwart auch außerhalb von Set und Leinwand gar so überpräsent, dass in der Effektschmiede von ILM Teile der Hardware während des Renderns von CGI-Material einfach in die Luft gingen. Grund sei unter anderem die erhöhte Auflösung einiger Charaktere für das IMAX-Format gewesen (das es in den zugehörigen Theatern erlaubt, Chef-Transformer Optimus Prime zeitweise in Originalgröße zu bestaunen). Und jetzt ein Film ganz ohne Effekte, eine schwarze Komödie, eine wahre Geschichte? So jedenfalls will es der Herr über ein 200-Millionen-Dollar-Budget, das schneller wieder eingespielt war als ausgegeben. Leisten kann er es sich. Es wäre allerdings auch das erste Mal in seiner überaus erfolgreichen Karriere, dass er sein Publikum ernsthaft überrascht.

Transformers - Die Rache (Transformers - Revenge of The Fallen). Photo: Courtesy of Paramount Pictures. All rights reserved.

Nun kann man Michael Bay mit leichter Hand eine Menge Unrecht tun und dabei rasch verkennen, dass er nichts liefert, was nicht auch von ihm erwartet wird. Megan Fox etwa gelangte öffentlich zu der wenig erhellenden Erkenntnis, dass Schauspieler in seinen Filmen nicht besonders viel Gelegenheit haben, ihr Talent unter Beweis zu stellen. Widersprechen kann man ihr da kaum, aber so ist das eben, wenn man sich in die Hände des einzig legitimen Nachfolgers von Irwin Allen begibt. Bei Michael Bay zählt nun einmal in erster Linie der bloße Schauwert, und wen kann es da wundern, dass sich die (laut FHM) derzeit heißeste Frau des Planeten vor seiner Kamera vornehmlich in Hotpants und weit ausgeschnittenen, schlecht sitzenden Oberteilen auf Motorrädern räkelt, vor Riesenrobotern und (na was schon?) gewaltigen Explosionen davonlaufen muss, sowie insgesamt darüber rätseln lässt, ob Lipgloss mittlerweile auch als Permanent-Makeup möglich ist? Eigentlich niemanden.

Megan Fox. Transformers - Die Rache (Transformers - Revenge of The Fallen). Photo: Courtesy of Paramount Pictures. All rights reserved.

Dabei ist ihre Präsenz für beide „Transformers“-Filme in vielerlei Hinsicht unverzichtbar. Dass sie das überwiegend männliche Teenagerpublikum hormonell immens ankurbelt – geschenkt. Dass ihre Figur die märchenhafte Wunschvorstellung beflügelt, auch der letzte Nerd (hier heißt er Sam Witwicky) könnte am Ende noch das begehrteste Mädchen der Schule abbekommen – nur sekundär relevant. Stattdessen ist es vor allem ihre mit allen Mitteln zur Schau gestellte Fleischlichkeit, die beide Filme am Laufen hält, und Bay hat sie sogar dazu angehalten, noch das eine oder andere Gramm draufzulegen, um auf der Leinwand bloß nicht übermäßig mager zu erscheinen.

„Fleischlinge“ nennen die stählernen Aliens ihre menschlichen Freunde oder Gegenspieler, denn es ist in erster Linie das Baumaterial, das sie voneinander unterscheidet. Diese eine Differenz ist jedoch von enormer Relevanz, denn sie trennt letztlich ganze Welten, und nirgendwo finden sich alle damit verbundenen Implikationen so abschließend vereint wie im Anblick jener monogamen Männerfantasie, der Megan Fox ihren Körper leiht. Fortpflanzung, Sinnlichkeit, Fleischeslust ist der Natur der metallenen Außerirdischen fremd (und das, obwohl sie entgegen mancher Annahme keine Roboter sind, denn die hätten einen Konstrukteur als Urheber). Das muss auch so sein, denn die Vorlage der Filmfiguren ist schließlich eine Spielzeugserie für Kinder.

Transformers - Die Rache (Transformers - Revenge of The Fallen). Photo: Courtesy of Paramount Pictures. All rights reserved.

Transformers - Die Rache (Transformers - Revenge of The Fallen). Photo: Courtesy of Paramount Pictures. All rights reserved.

Da ein Blockbuster (ganz im Gegensatz etwa zur früheren Animationsserie und dem daraus hervorgegangenen Kinofilm) jedoch ein breiteres Publikum braucht, um funktionieren zu können, mussten die Transformer aus dem Kinderzimmer in die reale Welt einer Zielgruppe, die mindestens auf der Schwelle zum Erwachsensein balanciert oder diese bereits überschritten hat. Aus dem Spielzeug, mit dem sich als Kind voll und ganz identifizieren lässt, muss deshalb im Film ein Gegenüber werden, das man bestaunen kann, mit dem man aber letztlich nicht tauschen will, auch wenn es so übermächtig ist, wie man gerne selber wäre. Warum also lieber kein Transformer sein wollen? Weil die mit der süßen Megan Fox nichts anfangen können. Und das kann auch beim allerbesten Willen kein einziger einigermaßen geistig gesunder (und heterosexueller) Fünfzehnjähriger nachvollziehen.

„More than meets the Eye“ war schon frühzeitig der Werbeslogan für die seltsamen Figuren, die sich mit geschicktem Verschieben ihrer Bauteile und Gelenke zu Fahrzeugen, Geräten oder Tieren umbauen ließen. Als der US-Spielzeughersteller Hasbro die gesamte, bis dato in Japan vertriebene Serie übernahm, bekamen die nun neu benannten „Transformer“ auch eine Mythologie. Mehrere animierte TV-Produktionen und jede Menge Comic-Reihen (von Marvel, Dreamwave und IDW Publishing) bauten das Grundkonzept aus und hinterließen ein eigenes Universum mit einer unüberschaubaren Vielzahl an Charakteren, Storylines und Erklärungmustern, bei denen sich die Autoren beider Filme ausführlich bedienten.

Dass die metallenen Gestaltwandler es unter Federführung von Steven Spielberg auf die große Leinwand schaffen konnten, ist vor allem dem derzeitigen Stand der Technologie zu verdanken. Angesichts der komplexen Metamorphosen, die beide Filme zu bieten haben, wirken die ursprünglichen Spielzeuge geradezu steinzeitlich. Das änderte jedoch nichts daran, dass deren Nachfrage 2007 die Produktionskapazitäten von Hasbro merklich überstieg. Überhaupt erwies sich das Konzept hinter den Filmen als eine einzige Gelddruckmaschine. Ein immenses Product-Placement und die massive Einbindung der US-Army sicherte einen Großteil der Herstellungskosten. Allein am offiziellen Erstaufführungstag von „Revenge of the Fallen“ spülte ein ungebremstes Zuschauerinteresse rund 60 Millionen US-Dollar in die Kinokassen – und das an einem Mittwoch. Und da war der Merchandising-Verkauf noch gar nicht angelaufen.

Transformers - Die Rache (Transformers - Revenge of The Fallen). Photo: Courtesy of Paramount Pictures. All rights reserved.

Transformers - Die Rache (Transformers - Revenge of The Fallen). Photo: Courtesy of Paramount Pictures. All rights reserved.

Für die Mehrheit seiner Kritiker ist der Erfolg dieses zweiten Teils ein Grund, sich die Haare zu raufen. Man muss schon lange suchen, um jenseits der Fanblogs eine auch nur ansatzweise wohlwollende Rezension zu finden. Umso mehr lohnt sich ein zweiter Blick auf diesen Film, der angesichts seines immensen Budgets selbstverständlich vor allem ein Ziel hat: Geld zu machen. Dagegen ist nichts einzuwenden, und wenn man die End Credits vollständig durchhält, bekommt man auch eine Idee davon, wie viele Arbeitsplätze hier finanziert werden. In den USA ist die Entertainment-Industrie heute der zweitgrößte Wirtschaftsfaktor, und wenn ein Produkt wie dieses funktioniert, ist das gut für alle Beteiligten. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die zahlende Zielgruppe bekommt, was sie verlangt, und dies zu erfüllen, sind die Macher sichtlich bemüht.

„Transformers – Die Rache“ spielt (nach einem viel zu kurzen, atemberaubenden Auftakt in einer Vorzeit, wie es sie zuletzt in Emmerichs „10.000 BC“ zu sehen gab) zwei Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils, und man wird nicht selten ins Stocken geraten, wenn man diesen nicht kennt. Die Grundkonstellation ist prinzipiell dieselbe: Zwei Gruppen von Transformern (Autobots und Decepticons – ein ® muss man sich in beiden Fällen immer dazu denken) kämpfen um Gut oder Böse auf dem Planeten Erde und hinterlassen dabei jede Menge Schutt und Asche. Als Identifikationsträger fungiert erneut der etwas unbedarfte Enkel jenes Arktisforschers, der einst mehr oder weniger per Zufall die Geschichte in Gang gebracht hatte. Der Zufall spielt auch hier wieder eine große Rolle, und so muss schon der Splitter eines lebensspendenden Artefaktes (der Allspark aus Teil eins) seltsame Symbole nach Däniken-Vorbild in die Hirnwindungen von Sam Witwicky (Shia LaBeouf) projizieren, um eine wilde Jagd in Gang zu setzen, bei der so viele Handlungsstränge neben und ineinander laufen, dass es eigentlich für ein halbes Dutzend weiterer Filme ausreichen würde.

Transformers - Die Rache (Transformers - Revenge of The Fallen). Photo: Courtesy of Paramount Pictures. All rights reserved.

Das ist ziemlich ungewöhnlich für einen Blockbuster, setzt aber in gewissem Sinn fort, was sich bereits in „The Dark Knight“ ankündigte: Ultrateure und überlange Sommerfilme (beide über 150 Minuten) müssen heute mit den komplexeren Strukturen einschlägiger TV-Shows wie „Lost“ konkurrieren, um sich von den Mitbewerbern merklich abheben zu können. Man könnte auch sagen: Ein Film pro Film reicht nicht mehr aus. Den meisten Kritikern erschien das im Fall von „Transformers – Die Rache“ vor allem konfus. Bay nutzt die Vielfalt der Handlungsstränge aber vor allem für eine Erhöhung der Schauwerte, und das ist ganz im Sinne der Fans, denn in erster Linie geht es darum, eine möglichst große Anzahl von Metall-Aliens im Einsatz zu zeigen – viele davon mit deutlicher Anlehnung an andere Kinokreaturen (auf Cybertron, dem Heimatplaneten der Transformers, scheinen sich unter anderem ein paar Gremlins, Predatoren und Gungans in die Evolutionskette eingeschlichen zu haben). Wer das nicht sehen will, ist schlichtweg im falschen Film.

Transformers - Die Rache (Transformers - Revenge of The Fallen). Photo: Courtesy of Paramount Pictures. All rights reserved.

Dass „Transformers – Revenge of the Fallen“ ganz nebenbei ein noch größerer Imagefilm für die US-Armee ist als der Vorgänger, liegt wohl vor allem daran, dass man den amerikanischen Präsidenten diesmal auch mit Namen benennen kann, ohne Scham haben zu müssen. Als die Decepticons die Welt zu zerstören beginnen, mag zwar so manches historische Gebäude zusammenstürzen, Barack Obama jedoch, so geht es durch die Nachrichten, ist bereits in Sicherheit. Und diese Tatsache erklärt wahrscheinlich auch, wieso die Menschen ziemlich gelassen reagieren, als wenig später auf jedem Bildschirm des Planeten ein metallener Außerirdischer mit der beunruhigenden Stimme von Tony Todd erscheint und das Ende des Planten ankündigt. Mit dem richtigen Mann im weißen Haus ist eben alles möglich. Aliens besiegen? Yes, we can.

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Transformers - Die Rache (Transformers - Revenge of The Fallen). Plakat: Paramount Pictures Germany GmbH

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Paramount Pictures Germany GmbH
Photos: Courtesy of Paramount Pictures © 2009 DW Studios L.L.C. and Paramount Pictures Corporation. All Rights Reserved. HASBRO, TRANSFORMERS and all related characters are trademarks of Hasbro. ©2009 Hasbro. All rights reserved.

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Steve Jablonsky: Transformers - Revenge of the Fallen (Soundtrack, CD) Chris Mowry, Alex Milne, Josh Perez: Revenge of the Fallen - Alliance. Official Movie Prequel (Comic, Taschenbuch, engl.) Simon Furman, Jon Davis-Hunt, Josh Nizzi: Transformers - Revenge of the Fallen. Movie Adaptation (Comic, Taschenbuch, engl.)

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