TRACEY FRAGMENTS

Die Welt ist eine Collage.

Filmkritik: Tracey Fragments.In den seltensten Fällen ist Zetern wirklich angebracht, denn die meisten Filme, die es in Deutschland nicht ins Kino schaffen, gehören dort auch nicht unbedingt hin. Ausnahmen bestätigen die Regel, und dass wichtige Titel der letzten Jahre wie Terry Gilliams „Tideland“, Oliver Stones „W.“ oder gar John Woos „Red Cliff“ keine reguläre Auswertung auf hiesigen Leinwänden erfahren haben, belegt vor allem, wie unsicher die Verleiher hierzulande angesichts eines übermächtigen Blockbusterangebotes aus den USA geworden sind. Große Namen vor und hinter der Kamera garantieren keine Erfolge mehr, und so sind DVD-Premieren längst nicht mehr auf billig abgedrehte B-, C- und Z-Filme beschränkt. Echte Entdeckungen bleiben jedoch rar und gehen im Überangebot verloren, das Monat für Monat den Markt überflutet. Umso nachdrücklicher lohnt es sich, auf diesen mehrfach ausgezeichneten Independent-Film aufmerksam zu machen, der in vielerlei Hinsicht Neuland betritt und auf bemerkenswerte Weise die Grenzziehung zwischen klassischem Erzählkino und Videoinstallation entschärft. „Tracey Fragments“ ist Romanverfilmung und narratives Experiment gleichermaßen. Wer sich schon immer gefragt hat, ob das Kino überhaupt in der Lage ist, die literarisch längst gängige Annäherungen an den Bewusstseinsstrom mit eigenen Mitteln zu leisten, findet hier einen interessanten Antwortversuch. Regisseur Bruce McDonald und seine Cutter erfinden das Kino zwar nicht gleich neu, aber ihr Konzept gerät so modern und medial übergreifend, dass es auf der Leinwand eigentlich völlig deplaziert ist.

Ellen Page, Max McCabe-Lokos. Tracey Fragments. Foto © Tracey Fragments Inc.

Wie so oft bei schwierigen Fällen hat die Vermarktung (jedenfalls auf dem hiesigen Markt) wenig mit dem eigentlichen Film zu tun. Wer eine konventionelle Geschichte oder auch nur eine leicht konsumierbare Machart erwartet, wird bereits nach wenigen Minuten wieder aussteigen. Richtig ist: „Tracey Fragments“ kreist um ein 15-jähriges Mädchen (Ellen Page) und ihr emotionales Chaos aus Angst, Wut, Schuldgefühlen und Zurückweisung. Eines Tages verschwindet ihr kleiner Bruder, der sich für einen Hund hält (Tracey hat ihn hypnotisiert), und die Situation gerät endgültig außer Kontrolle. Ein marodes Elternhaus, ein transsexueller Psychiater, Kleinkriminelle und Menschenhändler bilden das Ensemble – Erinnerungen, Träume, Fantastereien den Resonanzraum. Als Grundton, wenn man so will, auf den sich alle Fragmente beziehen, dient die Psyche der Hauptfigur, und dass dort Dissonanzen vorherrschen, versteht sich angesichts des Seelenlebens eines Teenagers von selbst. Die Erzählform ist es jedoch, von der her sich dieser Film definiert, und die mag so manchen befremden, der von falschen Erwartungen geleitet ist.

Dass die Geschichte in Fragmenten erzählt wird, die erst in der Zusammenschau einen schlüssigen Halt bekommen, ist eine Notwendigkeit des Drehbuchs. Maureen Medved, die auch den Roman verfasst hat, hält sich hier weitestgehend an ihre eigene Vorlage, ohne entscheidende Strukturänderungen vorzunehmen. Erst der eigentlich filmische Anteil wagt den Schritt über die bloße Adaption hinaus und nimmt sich offensichtlich ein ganz anderes literarisches Medium zum Vorbild. Das Bildkonzept beruht nämlich auf einem Panel-Prinzip, wie es sonst nur in Comics auftaucht, und wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, McDonald hätte eine Graphic Novel umgesetzt (die tatsächlich aber erst im Anschluss an den Film entstand) – und das kongenialer als alles andere, was auf diesem Feld in den letzten Jahren auf die Leinwand gelangt ist.

Ellen Page, Slim Twig. Tracey Fragments. Foto © Tracey Fragments Inc.

Aber auch dieser Eindruck stimmt nur auf den ersten Blick. Während im Comic die Anordnung der Bilder zu einem Gitter eine zeitliche Folge impliziert, nutzt der Film die Aufteilung der Fläche in einzelne Einheiten zur parallelen Collagierung unterschiedlicher Wahrnehmungs-, Gefühls- oder Erinnerungsebenen. Der Gedanke dahinter ist von assoziativer Natur, denn erst die Gemeinsamkeit aller Elemente einer Fläche bildet die Einheit des jeweiligen Erzählmomentes. Mal wird eine und dieselbe Szene in mehrere Einstellungen und Perspektiven aufgelöst, mal stehen die einzelnen Panels in keiner direkten Beziehung zueinander, sondern ergänzen sich erst auf einer Meta-Ebene.

Der Vergleich mit ähnlichen Herangehensweisen und klassischem Split-Screen verdeutlicht diese Idee. In „24“ etwa ist der Echtzeiteffekt die treibende Kraft: Die Aufteilung des Bildschirms in das Nebenher gleicher Schauplätze zur selben Zeit dient ausschließlich der Spannungsdramaturgie. Ähnlich bei Brian de Palma: In „Sisters“ zum Beispiel ist es weniger die Zeit, die den Figuren im Nacken sitzt, sondern dasjenige, was gerade an einem anderen Schauplatz geschieht. De Palma nutzt die Spaltung der Leinwand für den Suspense-Effekt, bei dem der Zuschauer bekanntlich mehr weiß als die Protagonisten. Mike Figgis unterteilt in „Timecode“ die Bildfläche gar beständig in vier gleiche Panels. Hier ist es die Erzählnotwendigkeit, von der her sich die gewählte Struktur ergibt. Denn erst durch die gleichzeitige Wahrnehmung aller vier Handlungskomponenten erschließt sich die Geschichte. Weitere Beispiele lassen sich nach Belieben aufzählen.

Ellen Page. Tracey Fragments. Foto © Tracey Fragments Inc.

Mit keinem dieser Ansätze hat „Tracey Fragments“ auch nur das Geringste gemein. Am nächsten ist der Film vielleicht noch Peter Greenaways an Größenwahn grenzenden Letterbox-Variationen aus „Prospero´s Books“, doch fungiert dort die Aufteilung der Bildfläche mehr als ästhetisches Referenzsystem und weniger als Ausdruck der Innenwelt einzelner Figuren. Mit seinem assoziativem Ansatz kehrt das Konzept von McDonald in gewissem Sinne zu den Wurzeln des Split-Screen zurück. Abel Gance hatte das Verfahren in seinem 1927er „Napoleon“-Monument zur Allegorisierung eingesetzt und aus Bildern mit voneinander unabhängigen Motiven synthetische Einheiten angedeutet (berühmtestes Beispiel: der Kopf des Kaisers sui generis auf dem Körper eines Adlers).

McDonald verfährt jedoch weitaus weniger plakativ, zugleich aber auch merklich unbestimmter. Viele Collagen wirken beim ersten Ansehen fast beliebig, andere hingegen bloß ästhetisierend. Erst beim wiederholten Betrachten erschließt sich die ungemeine Präzision, mit der die einzelnen Panels zu Einheiten montiert worden sind. Fast ein halbes Jahr hat die Postproduktion in Anspruch genommen, und umso kunstvoller ist das Ergebnis geraten. „Tracey Fragments“ erschließt sich im Detail, unabhängig von seiner schnell nacherzählten Geschichte, erst durch mehrfaches Wahrnehmen. Die DVD ist dazu tatsächlich das ideale Medium. Abschnitte herauszuheben und gesondert zu betrachten, zwischendurch anzuhalten und einzelne Bildkompositionen genauer zu analysieren, ja Kapitel gar neu anzuordnen, dazu lädt dieser Film geradezu ein.

Ellen Page. Tracey Fragments. Foto © Tracey Fragments Inc.

Eine begleitende Aktion hat diesen Gedanken aufgegriffen und das gesamte Rohmaterial öffentlich freigegeben. Junge Filmemacher waren unter dem Titel „Tracey: Re-Fragmented“ dazu aufgerufen, ihre eigene Montageversion zu erstellen. Eine immense Herausforderung. Umso ernüchternder erscheinen die vergleichsweise konventionellen Ergebnisse, von denen drei dem Bonusmaterial der DVD beigefügt sind.

Im Grunde gehört „Tracey Fragments“ eher als Videoinstallation auf die Art Basel und weniger als geschlossene Einheit auf die Kinoleinwand. Zum wiederholten Ansehen prädestiniert, entwickelt der Film eine Sogwirkung, die sich vor allem dann einstellt, wenn man einzelne Abschnitte in Schleife laufen lässt. Erstaunlich ist dabei, wie unprätentiös er angesichts seines experimentellen Ansatzes wirkt, und wie nah man seiner Hauptfigur nicht nur trotz, sondern gerade wegen der sperrigen Erzählform kommt. Ein großer Anteil geht dabei unbestreitbar an die damals gerade einmal 20-jährige Ellen Page, die nicht nur völlig in ihrer Rolle aufgeht, sondern auch jetzt bereits in der Lage ist, das Echo früherer Filme („Hard Candy“, „Juno“, „An American Crime“) mit einzubringen und ihre Figuren auf diese Weise zusätzlich aufzuladen.

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Tracey Fragments. Plakat: Koch Media GmbH

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Koch Media GmbH
Fotos © Tracey Fragments Inc.

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Tracey Fragments (DVD, dt.) Maureen Medved: The Tracey Fragments (Taschenbuch, engl.)

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