ILLUMINATI

Die bessere Geschichte.

Filmkritik: IlluminatiDie Chancen, dass Dan Brown einmal für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wird, stehen schlecht. Sprachlich und stilistisch bewegt sich der Amerikaner in etwa auf dem Niveau eines Zehntklässlers, und die Zeichnung seiner Charaktere ist so flach wie die Buchdeckel, zwischen denen seine voluminösen Bestseller gepresst sind. Doch was interessiert das einen Autor, dessen erfolgreichster Roman weltweit bereits mehr als 60 Millionen mal über den Ladentisch gegangen ist? Eben. Dan Brown ist ein Phänomen der Unterhaltungsliteratur, und im Grunde erscheint die Ursache dafür ebenso rätselhaft wie jede der großen Geheimbundverflechtungen, denen Symbolforscher Robert Langdon beharrlich auf die Schliche zu kommen versucht. Der ehemalige Lehrer, Sänger und Songwriter hat offensichtlich – und mehr oder weniger zufällig – einen Nerv getroffen. Timing ist in solchen Fällen alles. „The Da Vinci Code“ (dt. „Sakrileg“) flutete den Buchmarkt im April 2003 nur wenige Wochen nach dem Einmarsch der US-Truppen in Bagdad. Ein idealer Zeitpunkt, denn die weltweite Inflation der Verschwörungstheorien seit 9/11 hatte mit der Bush-Invasion ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht – was also hätte da besser funktionieren können als eine popkulturelle Beweisführung, die implizierte, dass man nur genau die Zeichen lesen muss, um zu erkennen, auf welche Weise geheime Mächte die Fäden der Weltgeschichte in der Hand halten? Und dabei hatte Brown lediglich das Prinzip des Vorgängerromans „Illuminati (Angels and Demons)“ fortgeführt. Wäre dieser Titel übrigens ein paar Jahre später erschienen, ließe er sich mit einigem Vergnügen als ironischer Kommentar auf die ebenso paranoide wie gescheiterte Suche nach Massenvernichtungswaffen lesen, die es nie gegeben hat – wer will, kann das jetzt anhand der blitzsauber aufpolierten Verfilmung von Ron Howard immer noch nachholen.

Tom Hanks, Ayelet Zurer. Illuminati. Foto: Sony Pictures Releasing GmbH

Als „The Da Vinci Code“ 2006 die Filmfestspiele von Cannes eröffnete, hagelte es Buhrufe und unnachgiebige Verrisse. Im Vorfeld hatte es erwartungsgemäß eine Menge äußerst werbewirksamer Proteste seitens wenig gemäßigter katholischer Verbände gegeben, die Vertreter von Opus Dei sahen sich als kaltblütige Mörder verunglimpft, und Bill Donohue, Präsident der berüchtigten Catholic League for Religious and Civil Rights, war angetreten, Ron Howard einen Maulkorb nahezulegen. Am exzellenten Einspielergebnis änderte das alles jedoch nichts. Die Kombination Dan Brown und Tom Hanks war unschlagbar. Dass der Film dabei weniger von einer stimmigen Geschichte als einer Handvoll digitaler Narrationstricks profitierte, fiel kaum ins Gewicht. Die hanebüchene und höchstens für christliche Fundamentalisten empörende Theorie einer Blutlinie, die sich von Jesus bis in die Gegenwart zieht, gehört von jeher zum apokryphen Plunder der Kirchengeschichte und ließ aus diesem Grund auch alle Plagiatsvorwürfe, die Dan Brown schon mit Erscheinen des Romans gemacht worden waren, gnadenlos scheitern. Eine Frau an Christi Seite – so what? Doch selbst zwanzig Jahre nach hysterischen Protesten gegen Martin Scorseses „Last Temptation of Christ“ und fast ein halbes Jahrhundert nach Erstveröffentlichung der Romanvorlage von Nikos Kazantzakis reichte das Motiv offensichtlich immer noch aus, um für jede Menge Aufregung zu sorgen. Kein Wunder also, dass der Vatikan kein Interesse daran hatte, für das zweite Rätselraten von Robert Langdon eine Drehgenehmigung auf heiligem Boden zu erlauben.

Armin Müller-Stahl. Illuminati. Foto: Sony Pictures Releasing GmbH

Das nun wiederum ist angesichts des Ergebnisses so ironisch, dass sich selbst die amtliche Zeitung der päpstlichen Regierung, der L´Osservatore Romano, ausgesprochen wohlwollend über „Illuminati / Angels and Demons“ äußern musste. Vielleicht ist Ron Howards Film gar das Kirchenfreundlichste, was seit Mel Gibsons christlicher Folterfantasie in Hollywood produziert wurde. Überhaupt ist der Vatikan nur ein beliebiger Schauplatz und der Geheimbund der Illuminati lediglich der MacGuffin einer Geschichte, die den Abenteuern von Indiana Jones näher steht als den aufklärerischen Ketzereien eines Umberto Eco. Dabei waren es im Grunde die Erfolgsromane des berühmten italienischen Semiotikers, die Dan Brown erst den literarischen Boden bereitet haben. Eco hatte sein detailliertes Wissen der mittelalterlichen Kunst- und Kirchengeschichte 1980 zu dem ungemein erfolgreichen Roman „Der Name der Rose“ verdichtet und damit eine Welle von Kriminalgeschichten losgetreten, die auf den fahrenden Zug aufsprangen und sich in ähnlichem zeitlichen und thematischen Umfeld bewegten (mit Frank Schätzing als populärem Beispiel). Das Spiel mit Geheimbünden und Zahlenmythologie führte Eco acht Jahre später in „Das Foucaultsche Pendel“ fort, ohne jedoch einen vergleichbaren Hype auszulösen. Gerade dieser zweite Roman jedoch wirkt im Rückblick heute wie eine Blaupause für Dan Browns Langdon-Bestseller, und daran wird sich vermutlich auch in den bereits angekündigten zwölf (richtig gelesen) weiteren Titeln um den brillanten Symbolforscher nichts ändern.

Natürlich ist Brown weit von Ecos präziser Sachkenntnis entfernt, wartet aber nichts desto trotz mit einer Menge mal mehr, mal weniger gut recherchierter Fakten auf, mit denen er seine Geschichten konstruiert. Eines der Hauptprobleme von Howards „Da Vinci Code“ lag genau hier. Zu viel Theorie, zu viel Information, dafür zu wenig Identifikation. Bemüht, möglichst viel von Browns erklärendem Überbau auf die Leinwand zu bringen, blieben die Figuren fast völlig auf der Strecke. Anstatt den großen Sympathievorschuss zu nutzen, den ein Publikumsliebling wie Tom Hanks automatisch mitbringt, um die geradezu erschreckend dröge Figur der Romanvorlage mit Leben zu füllen, legte ihm das Drehbuch von Akiva Goldsman soviel akademisches Geschwätz in den Mund, dass überhaupt kein Raum blieb, in Langdon mehr zu sehen als ein Rad im Getriebe der Geschichte. Die völlig fehlbesetzte Audrey Tautou als Beigabe mit französischem Akzent gab der Figur schließlich den Rest.

Diesen und andere Fehler begeht „Illuminati“ nun nicht mehr. Hanks bekommt in ausreichendem Maß Gelegenheit, seiner Figur ein gesundes Augenzwinkern zu verpassen, greift aktiv ins Geschehen ein und ist sogar mehr als einmal in ernsthafter Gefahr. Robert Langdon bekommt plötzlich ein Profil und löst sich von der gähnend langweiligen Schablone der Romanvorlage. Ähnliches gilt für den gesamten Film. Von Theorielast keine Spur. Zwar gerät auch diesmal der erklärende Dialoganteil vergleichsweise hoch, doch der mechanische Beigeschmack des Vorgängers ist verschwunden. Geschmeidig fällt der Schlagabtausch der einzelnen Charaktere aus, und das mag einiges mit dem Einfluss von David Koepp (wie gesagt, Indiana Jones) zu tun haben, der das Drehbuch diesmal gemeinsam mit Goldsman verfasst hat. Die große Leistung der Autoren liegt aber vor allem auch darin, den Film nicht nur um einige Längen der Vorlage entschlackt, sondern auch Plotwendungen merklich variiert oder ganz entfernt zu haben, die gefährlich zwischen völlig absurd und zuviel des Guten pendeln. Oder kurz: Der Film erzählt die bessere Geschichte.

Ewan McGregor. Illuminati. Foto: Sony Pictures Releasing GmbH

„Illuminati“ ist alles, was „The Da Vinci Code“ nicht war: spannend, temporeich, überraschend, humorvoll, beeindruckend, ja manchmal gar überwältigend. Dazu trägt nicht wenig die fantastische Optik der teils als Kulisse, teils digital nachempfundenen Vatikanstadt und ihrer Kirchen und Basiliken bei, die detailgetreue Ausstattung, eine exzellente Besetzung und ein fantastischer Score (Hans Zimmer nutzt mittlerweile sogar die Logoanimationen der einzelnen Produktionspartner für dramatische Effekte). Neben Tom Hanks bereichern der gewohnt zwielichtiger Stellan Skarsgard, ein starrsinniger Armin Müller-Stahl (im Original wie immer mit überdeutlichem deutschen Akzent) und die vielversprechende Ayelet Zurer das Ensemble. Die angedeutete Romanze der Vorlage zwischen Langdon und ihrer Figur bleibt glücklicherweise (weil Dan Browns Vorstellung von Belohnungssex ganz und gar gruselig ist) außen vor – auch wenn eine winzige Annäherung ihrerseits in den gut bewachten Vatikanarchiven mehr Erotik ausstrahlt als die gesamte Interaktion zwischen Hanks und Tautou im Vorgängerfilm.

Den bleibendsten Eindruck hinterlässt allerdings Ewan McGregor als Camerlengo, dem engsten Vertrauten des gerade verstorbenen Papstes und Dorn im Auge der konservativen Vatikanfront. Die Tiefe, die er seiner Rolle verpasst, ist so meilenweit von Dan Browns scherenschnittartiger Vorlage entfernt, dass auf der Leinwand eine völlig neue Figur entsteht. McGregor, der im Blockbusterkino meistens wie ein unterforderter Fremdkörper wirkt, legt hier eine derartige Glaubwürdigkeit an den Tag, dass es die Dramaturgie förmlich aus den Angeln hebt. Von einem perfekt gemachten Achterbahnfilm wie diesem noch mehr zu erwarten, wäre vermutlich Blasphemie.

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Illuminati (Angels and Demons). Plakat: Sony Pictures Releasing GmbH

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat / Fotos: Sony Pictures Releasing GmbH

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Hans Zimmer: Illuminati (Soundtrack, CD) Dan Brown: Illuminati (Filmbuchausgabe, Taschenbuch, dt.) Dan Brown: Angels and Demons. The illustrated movie book (Taschenbuch, engl.)

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