STAR TREK

Live long and prosper.

Filmkritik: Star TrekDie Welt ist komplizierter geworden. Lange Zeit ließ sich die menschliche Rasse problemlos in zwei Gruppen aufteilen: Trekkies und Nicht-Trekkies. Letztere waren im Wesentlichen identisch mit dem Volk der Jedi, und nur eine verschwindend geringe (statistisch also gar nicht existente) Anzahl Unentschlossener wollte mit beiden am liebsten gar nichts zu tun haben. Zum Anbruch des neuen Jahrtausends jedoch geriet das kosmische Gleichgewicht erheblich aus den Fugen. Erst schickte Jedi-Vater George Lucas eine Prequel-Trilogie ins All, die seine Lichtschwerter-Gemeinde ziemlich ratlos zurückließ, dann sorgten Gene Roddenberrys Nachlassverwalter mit dem gähnend langweiligen „Star Trek: Nemesis“ dafür, dass selbst der emotionsloseste Vulkanier in hemmungsloser Nostalgie versank und dem letzten Spin-Off („Enterprise“) enttäuscht den Rücken zukehrte. Frühzeitig hatte unterdessen ein gemeiner kleiner Hobbit aus Neuseeland seine Chance gewittert und der heimatlos werdenden Generation der Tagträumer einen Ring geschmiedet, sie alle zu knechten – und das ließen sie bereitwillig geschehen. Endlich konnte man seine Behausung wieder mit Begeisterung in ein Messie-Paradies aus Merchandising verwandeln, in seltsamen Fantasiesprachen sprechen und die Tapete mit Postern seiner Helden und Lieblingsfeinde überkleben. Von Fantreffen in voller Montur ganz zu schweigen. Doch lässt sich die einzig wahre Liebe langfristig wirklich unterdrücken? Natürlich nicht. Sauron ging erst mal in den Winterschlaf und büßte damit einiges an Macht über die Menschheit ein. Dankbar nahmen die Gegner des Imperiums das Friedensangebot der Skywalker-Ranch an und sorgten fortan für ansehnliche Einschaltquoten beim computergenerierten TV-Ableger „Clone Wars“. Wohin aber mit all den Romulanern, Klingonen und sonstigen Galaxie-Bewohnern, denen nicht nach Planetenschlachten und Droidenkämpfen war? Verbannen in unendliche Weiten? Auftritt J.J. Abrams, Lichtgestalt des US-Fernsehens. Der Begründer der Dharma-Initiative und jeder Menge anderer popkultureller MacGuffins machte alle Fanboyträume wahr: Er holte die Helden der ersten Stunde zurück auf die Kinoleinwand. Und da bei Abrams nie etwas ganz so abläuft, wie man es landläufig erwarten würde, sammelt er nun auch noch reihenweise Nicht-Trekkies ein und weckt in ihnen eine Begeisterung für die Abenteuer der USS Enterprise, die keiner je für möglich gehalten hätte. Für solches hat der prominenteste Vulkanier nur ein Wort: Faszinierend.

Chris Pine, Zachary Quinto. Star Trek. Foto: Paramount Pictures Germany GmbH

Puristen mögen bitte zuhause bleiben, hat Abrams in einem Interview verlautbaren lassen. Sein Film werde sie ohnehin nur enttäuschen oder ärgern, wozu also die Zeit verschwenden? Das ist strategisch ziemlich gewagt, inhaltlich aber die richtige Entscheidung. Echten Fanatikern kann man es ja ohnehin nie recht machen, und wer keine Vorstellung davon hat, was das heißt, dem lässt sich nur allerwärmstens jene „South Park“-Folge empfehlen, in der zwei Trekkies den Bau einer Zeitmaschine nicht beenden können, weil sie sich ständig darüber in die Haare kriegen, ob der Pilotfilm ohne William Shatner zum Kanon der Serie dazugezählt werden müsse, und ob eine Doppelfolge für einen oder zwei Zähler gut ist („Timmy in Time“, Season 4). Und wem das immer noch nicht reicht, kann sich ja einmal mit Betroffenen über den profunden Unterschied zwischen „Trekkies“ und „Trekkern“ austauschen (eine Kontroverse, die nicht einmal Gene Roddenberry himself erspart geblieben ist) – aber wer will das schon? Die Fundamentalisten unter den Trekkies werden also nicht viel Vergnügen an dieser Rückkehr zu den Wurzeln der Serie haben. Denn so manches, was Abrams und seine Autoren da auf die Leinwand bringen, ist für jemanden, der die Regeln der originalen 72 (oder eben 73) Folgen bisher für unumstößliche Naturgesetze gehalten hat, schwer zu schlucken. Alle anderen werden die gut durchdachten Abweichungen jedoch mit dem nötigen Augenzwinkern willkommen heißen. Denn was die Macher dieses neuen Abenteuers vor allem geleistet haben, ist eine erhebliche Entstaubung eines in die Jahre gekommenen Popkultur-Mythos. Die USS Enterprise glänzt wie nie zuvor.

Der Ansatz, festgefahrene Erzählstränge dadurch wieder in Gang zu bringen, dass man sie einfach noch einmal von vorne aufrollt, ist dabei weder neu noch besonders risikoreich. Batman, Bond und zuletzt Wolverine haben vom Blick auf ihre Ursprünge profitiert. Angestoßen hat das Prinzip letztlich aber George Lucas, und trotz aller Kritik an seinen drei Prequel-Episoden war der Reiz, bekannte Figuren und Ereignisse in ihre Vorgeschichte hinein zu begleiten, groß genug, um selbst grobe Fehlgriffe verzeihbar zu machen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Der zeitliche Sprung in die Vergangenheit erlaubt die unkomplizierte Besetzung mit neuen Darstellern, kann auf die Ausarbeitung einzelner Charaktere im Wesentlichen verzichten, besitzt aber die Freiheit, Entwicklungen, die das Publikum bereits kennt, in eigenen Handlungssträngen erstmals vorzubereiten. Im schlimmsten Fall führt das dazu, dass am Ende nur noch ein Pflichtprogramm abgespult wird, weil bestimmte Dinge der Vollständigkeit halber einfach durchexerziert werden müssen (was der Hauptgrund dafür ist, dass „Star Wars Episode III – Revenge of the Sith“ im Grunde nicht mehr als die wenig überraschungsreiche Bebilderung von bereits Bekanntem wurde). Bestenfalls hingegen füllt ein derartiger Ansatz hingegen blinde Flecken oder überrascht gar dort, wo man es am wenigsten erwarten würde.

Star Trek. Foto: Paramount Pictures Germany GmbH

Mit einem ausgefeilten Buch von Roberto Orci und Alex Kurtzman gelingt Abrams in seiner „Star Trek“-Version nicht nur, das Beste aus diesem Ansatz herauszuholen, er geht auch noch einen ganzen Schritt weiter. Der schlicht geniale Grundgedanke ist dabei einfach mal den Gesetzen des Roddenberry-Universums selbst entnommen. Ein Besuch aus der Zukunft nämlich verschiebt die Koordinaten der Geschichte ganz merklich und beginnt damit am Tag von Kirks Geburt. Fortan ist in der bekannten Galaxie nichts mehr ganz so, wie man es kennt. Der spätere Captain der Enterprise ist ein ziemlich ungestümer Teenager, den seine zunächst alleinerziehende Mutter einfach nicht in den Griff bekommen hat. Die Drohungen seines (vermutlich wenig respektierten) Stiefvaters via Mobilfunk klickt er einfach genervt weg, und mit Vertretern der öffentlichen Ordnung liefert er sich lieber ein Rennen, als dass er vor ihnen salutiert. Wie soll also aus einem solchen Wildfang einmal jener James T. Kirk werden, der nach unzähligen Heldentaten später den dümmsten Serientod der Filmgeschichte stirbt (in „Star Trek: Generations“)?

Chris Pine, Zachary Quinto. Star Trek. Foto: Paramount Pictures Germany GmbH

Noch schlimmer Spock: Wenn es den stets logisch denkenden und beherrscht handelnden Vulkanier zum ersten Mal zu sehen gibt, ist er noch ein Kind und lässt sich von anderen zu einer emotionsgeladenen Prügelei provozieren. Spock macht später noch andere Dinge, die man kaum glauben kann, wenn man sie sieht (und am wenigsten Kirk), aber das alles sind nur Ausläufer dieser ersten Begegnung. Spock est un autre, daran gibt es keinen Zweifel. Und doch ist es dieselbe Figur mit all ihren Trademarks, nur eben ein Stück menschlicher und voller (sichtbarer) innerer Konflikte. Damit ist die Rolle nicht neu erfunden. Wohl aber trägt diese Interpretation alles, was bisher nur implizit Teil des Charakters war (für Uneingeweihte: Spock ist lediglich Halbvulkanier und seiner menschlichen Mutter wegen immer in Gefahr, irdisches Verhalten an den Tag zu legen), nun deutlicher nach außen.

Dem Film tut das gut, denn die Figuren sind lebendiger, können erstmals auch Konflikte untereinander austragen, bleiben aber trotzdem auf dem Boden des bewährten Gesetzeskanons. Die Intialzündung der alternativen Realität, die mit zwei einschneidenden Ereignissen alles ändert, was die Figuren bislang ausgemacht hat, liefert dafür die jederzeitige Rechtfertigung. In Ray Bradburys bekannter Kurzgeschichte „A Sound of Thunder“ genügt für den Zeitreisenden bereits ein Schritt vom vorgegebenem Pfad, um die Geschichte der Menschheit für alle Zeiten signifikant zu verändern, und diese Idee greifen Abrams und seine Autoren ebenso dankbar wie effektiv auf. Alles ist plötzlich möglich an Bord der Enterprise, solange sich die Abweichungen in Grenzen halten.

Zachary Quinto, Zoe Saldana. Star Trek. Foto: Paramount Pictures Germany GmbH

Die Neubesetzungen der beliebten Figuren ist durchweg so treffend, dass man getrost von einer Wiedergeburt des gesamten Franchise sprechen kann. Zachary Quinto als Spock (seine zweite schulemachende Rolle nach dem finsteren Sylar aus „Heroes“) und Chris Pine als Kirk funktionieren alleine und im Team so perfekt, dass sie ihre beiden Vorgänger verlustfrei hinter sich lassen. Den schrulligen Bordmechaniker Scotty mit dem britischen Comedian Simon Pegg („Shaun of the Dead“) zu besetzen, steigert den Humoranteil der früher oftmals arg ernsten Raumgleiterei erheblich. Und die bis dato kaum bekannte Zoe Saldana verschafft der drögen Figur der Uhura endlich einen ganz merklichen Schuß Erotik. Dass jedoch Leonard Nimoys Gastauftritt in Wahrheit das Herz des Films ausmacht, muss man kaum gesondert betonen. Wie klug die Macher dabei mit dem Einsatz des älteren Spock die Neuausrichtung des jüngeren abrunden, müsste selbst für Verächter der Serie entwaffnend sein.

Abrams nutzt für diesen „Star Trek“ eine ganze Handvoll jeder narrativen Tricks, die er bei seinen TV-Erfolgen so wirksam eingesetzt hat und leistet darüber hinaus eine visuelle Überhöhung, die seine bisherigen Projekten (inklusive „Cloverfield“) nur im Ansatz bieten konnten. War „Mission Impossible III“ ein viel zu eng gesteckter Rahmen für die vielgestaltigen Komplikationsstrategien, mit denen „Lost“, „Alias“ und „Fringe“ so exzellent funktionieren, so bekommt man hier das Gefühl, Abrams habe gerade einmal ausgeholt, um in zukünftigen Sequels das Jonglieren mit den Bällen, die er in die Luft geworfen hat, erst richtig zu beginnen. Zu hoffen wäre es, denn der Raum, den er dazu hat, ist bekanntlich unendlich.

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Star Trek. Plakat: Paramount Pictures Germany GmbH

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat / Fotos: Paramount Pictures Germany GmbH

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