Die Einsamkeit der Venus.
Popkulturell betrachtet, hat James Howlett zwei nahe Verwandte: den traurigen Edward Scissorhands und den hundsgemeinen Freddy Krueger. Beiden fällt beim Essen zwangsweise das Besteck aus den Händen, und an mögliche Gefahren beim Wasserlassen will man lieber gar nicht erst denken. Dafür jedoch ist der eine immerhin ein erstklassiger Hairstylist und der andere ein echter Kinderschreck. Wie die Blutlinien zwischen den dreien genau verlaufen, ist nicht bekannt. Anders bei einem weiteren Angehörigen des von chronischer Amnesie geplagten Mutanten (der irgendwann beschlossen hat, sich erst Logan und dann Wolverine zu nennen), und im Grunde hätte man es wissen sollen. Ähnlicher Look, ähnliche Fähigkeiten, nur weniger gewillt, seinen Killerinstinkt zu unterdrücken. Sabretooth, unerbittlicher Erzfeind des unzerstörbaren Mannes mit den Scherenhänden, ist tatsächlich dessen leiblicher Bruder. So jedenfalls enthüllt es jetzt ein Blick in Logans verlorengegangene Vergangenheit. – Wer bis hierher nicht so genau nachvollziehen kann, wovon die Rede ist, hat vermutlich drei der einflussreichsten Comic-Verfilmungen der frühen 2000er Jahre verpasst. Die „X-Men“, eine organisierte Truppe heterogener Mutanten aus dem Marvel-Universum, brachten es auf insgesamt drei äußerst erfolgreiche Teile und erhielten nach dem Ausstieg von Bryan Singer 2006 unter der ziemlich oberflächlichen Regie von Brett Ratner einen lauen Abgesang. Trotz einer Unzahl interessanter Charaktere entwickelte sich dabei eine Figur rasch zum Publikumsfavoriten. Wolverine, schon für die Comic-Gemeinde der beliebteste der X-Men, bedeutete zugleich den Durchbruch für seinen Darsteller Hugh Jackman, der schon im Eigeninteresse nicht wenig dazu beitrug, seiner Rolle das erste Spin-Off der Serie zu verschaffen. Und das nicht zu Unrecht: Ein Einspielergebnis von 85 Millionen Dollar an den US-Kinokassen trotz wenig entgegenkommender Kritiken, einem wichtigen NBA-Spiel als Hauptkonkurrent und einem breitgestreuten Bootleg einen Monat vor der Premiere lässt keine Fragen offen.
Wie so viele Figuren aus der Franchise-Hölle der großen Comic-Verlage hat auch Wolverine eine wenig homogene Entwicklungsgeschichte durchlaufen. Erstmals Ende 1974 in einer Ausgabe des „Incredible Hulk“ aufgetaucht, stieß der grimmige Superheld mit den Adamantium-Klingen und kanadischen Ursprüngen bereits ein halbes Jahr später zur zweiten Generation der „Giant Size X-Men“. Ursprünglich entwickelt von Len Wein und John Romita Sr., bekam die Figur in den Folgejahren ihren entscheidenden Schliff von X-Men-Autor Chris Claremont, Zeichner John Byrne (der, selber Kanadier, verhinderte, dass der Neueinsteiger schnell wieder verschwand) und dem unvermeidlichen Frank Miller verpasst, der Wolverines ersten vierteiligen Solo-Auftritt mitbetreute. Zwei langlebige Serien folgten, zu der eine ganze Reihe angesehener Zeichner und Autoren (unter anderem „Wanted“-Schöpfer Mark Millar) ihren Beitrag leisteten. Anfang der 90er begann Marvel dann damit, ihrem bis dato weitestgehend identitätslosem Helden eine Vergangenheit unterzujubeln. Während „Weapon X“ sich jedoch auf eine bereits bekannte Episode in Wolverines Entwicklung konzentrierte (seine Verwandlung in eine unbesiegbare Kampfmaschine), wagte sich „Wolverine: Origin“ auf gefährliches Terrain und stöberte in der Kindheit der Figur. Die Begeisterung der Hardcore-Fans hielt sich in Grenzen.
Gavin Hoods Version sucht sich aus beiden Entwürfen Teile heraus, erzählt aber im Wesentlichen eine eigene Geschichte. Das Drehbuch von David Benioff („The Kite Runner“) und Skip Woods („Swordfish“) nimmt die Idee der Bruderschaft von Logan und Victor Creed, dem späteren Sabretooth, zum Anlass, eine Rachefantasie mit familiären Untertönen in Gang zu setzen, die zwar nicht sonderlich originell ist, aber genügend Raum bietet, um entscheidende Lücken in Wolverines Biographie auszufüllen und seine spätere Entwicklung, wie sie aus den „X-Men“-Filmen bekannt ist, in einem etwas anderen Licht erscheinen zu lassen. Das hat für Fans der Serie durchaus ihren Reiz, funktioniert aber auch für ein Publikum ohne jegliche Vorkenntnisse.
Was genau die Mehrzahl derjenigen, die „X-Men Origins: Wolverine“ bestenfalls nicht sonderlich mögen und schlimmstenfalls in Grund und Boden verdammen, von diesem Prequel erwartet haben, erschließt sich nur in Einzelfällen. Rückwirkend fällt vor allem die arg übertriebene Verklärung der ursprünglichen Trilogie auf. Der vergleichsweise banale Subtext einer von Rassismus durchsetzten und mehr oder weniger pogrombereiten Gesellschaft macht weder den zentralen Reiz der drei Filme aus, noch besteht Grund, einen vergleichbaren Hintergrund für „Wolverine“ zu beanspruchen. Ebenso wenig lässt sich bei einem Film, der einen einzigen Charakter in den Mittelpunkt stellt, ein gut ausbalanciertes Ensemble erwarten, in dem jede Figur verlustfrei neben der anderen bestehen kann. Der Ansatz dieses Prequels ist ein völlig anderer, und wer ihm das zum Vorwurf machen will, dem ist eben nicht zu helfen.

Jimmy (Jackman) und sein älterer Bruder Victor (Liev Schreiber ersetzt Tyler Mane) gehören einer unsterblichen Rasse an. Fast ein Jahrhundert lang ziehen sie von einem Krieg in den anderen und kämpfen unzertrennlich Seite an Seite. Erst als der zwielichtige Oberst William Stryker (in „X2“ noch von Brian Cox verkörpert, hier Danny Huston) sie in ein spezielles Team aus Mutanten aufnimmt, driften die Brüder auseinander. Schnell wird offenbar, wie wenig Victor seinen Killerinstinkt unter Kontrolle halten will. Jimmy verlässt die Einheit und geht eigene Wege. Die nächsten sechs Jahre lebt er unbehelligt irgendwo in den Rocky Mountains, an seiner Seite Kayla (ein Traum: die bisher weitestgehend unbekannte Lynn Collins), die Liebe seines Lebens. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer. Nach und nach werden die einzelnen Mitglieder der Einheit auf bestialische Weise getötet, und Stryker spürt Jimmy auf, um ihn für die Jagd auf den Killer anzuheuern. Doch erst als ihm alles genommen wird und er begreift, dass sein Bruder verantwortlich ist, gibt er sein friedliches Leben auf und lässt sich in eine unbesiegbare Kampfmaschine verwandeln.

Natürlich ist das alles absurder Unsinn, aber wer von einer Comic-Verfilmung aus dem Hause Marvel übermäßigen Realismus erwartet, unterliegt ohnehin einem grundsätzlichen Missverständnis. Zweifellos ist „Wolverine“ ein nicht selten lauter, actionreicher und mit CGIs durchzogener Ritt, der so weit von Gavin Hoods „Tsotsi“ entfernt ist wie die Erde vom Mond, aber das hat dieses Genre nun einmal an sich. Wer sich hingegen von falschen Erwartungen und Vorurteilen freimacht, wird erstaunt sein, wie viele kraftvolle Sequenzen in diesem Film stecken, um wie vieles tragischer und einsamer Logans Schicksal im Vergleich zur „X-Men“-Trilogie ausfällt, und wie schlüssig sich seine Geschichte letztlich entfaltet. Für das, was er sein will, ist dieser Film jedenfalls ziemlich makellos.
Viel davon ist den interessanten Nebenfiguren zu verdanken, auch wenn den meisten ein nur recht kurzes Leinwandleben vorbehalten ist. Dominic Monaghan („Lost“) als Bolt, der in der Lage ist, Elektrizität zu kontrollieren, Kevin Durand als The Blob, der als aus dem Leim geratener Wrestler für eine der wenigen wirklich lustigen Sequenzen sorgt, und Taylor Kitsch als rätselhafter Gambit bieten neben einer ganzen Reihe weiterer Mutanten Potential für mehr. Einzig Will.I.Am als teleportierender John Wraith ist verzichtbar und belegt, dass es wenig Sinn macht, jeden erfolgreichen Rapper auf die Leinwand zu holen, solange er in der Lage ist, einigermaßen störungsfrei geradeaus zu sehen.
Am effektivsten fällt die Variation der Sabretooth-Figur aus, die von Liev Schreiber eine überzeugend beängstigende Verkörperung erhält. Für eine Weile sieht es im direkten Vergleich gar so aus, als hätte der Schauspieler die Schraube der dunklen Seite seiner Bruderfigur aus „Defiance“ einfach noch ein merkliches Stück enger gezogen. Interessanter Weise wiederholen sich in beiden Filmen zudem auch entscheidende dramaturgische Einsätze seiner jeweiligen Rolle. Das ist natürlich bloßer Zufall, sagt aber viel darüber aus, wie sich massentaugliches US-Kino die Entwicklung von Bruderbeziehungen, die eine feindliche Dimension annehmen, idealerweise vorstellt.
Rund um die Figur Deadpool ist bereits ein weiterer „X-Men Origins“ in Arbeit, und auch ein zweiter „Wolverine“ wurde vom produzierenden Studio eiligst angekündigt. Die Franchise-Maschinerie ist also mit dem überzeugenden Erfolg dieses Prequels neu angekurbelt worden und widerlegt damit die mancherorts herbeischwadronierte These, mit Zack Snyders (großartiger) „Watchmen“-Verfilmung sei das Superhelden-Genre für die Leinwand erst einmal auf Eis gelegt. Das Gegenteil ist offensichtlich der Fall.

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat / Fotos: Twentieth Century Fox of Germany GmbH
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