Nicht aufgeben.
Man mag von Til Schweiger halten, was man will, ihm jedoch vorzuwerfen, sich auf bewährten Erfolgsmustern auszuruhen, wäre schlichter Unsinn. Am liebsten wechselt er die Genres, so oft es geht. Dass seine darstellerischen Fähigkeiten begrenzt sind: geschenkt. Dass er einem außerhalb der Leinwand ganz schön auf die Nerven gehen kann: unbestritten. In beidem unterscheidet er sich allerdings auch nur unerheblich von der Mehrzahl seiner amerikanischen Kollegen. Was er jedoch ebenso mit ihnen teilt, wenn auch auf hiesige Verhältnisse reduziert, sind die alles entscheidenden Starqualitäten, die er sich – und das muss man einfach anerkennen – mit einiger Anstrengung über mittlerweile fast zwei Jahrzehnte hinweg fleißig erarbeitet hat. Will man unbedingt einen Vergleich anstellen, so ähnelt er von allen Hollywood-Überlebenskünstlern am ehesten Tom Cruise. Frühzeitig mit einem Erfolgsfilm auf ein bestimmtes Image festgelegt („Manta, Manta“ vs. „Top Gun“), jahrelang um schauspielerische Anerkennung gerungen (zum Beispiel „Bastard“ vs. „Eyes Wide Shut“), dabei selber ins Produktionsgeschäft eingestiegen, um die eigene Karriere gezielter kontrollieren zu können („Knockin´ on Heaven´s Door“ vs. „Mission: Impossible“) und schließlich trotz karrieretechnischer Tiefschläge („One Way“ vs. „Lions for Lambs“) immer noch obenauf. Und so stehen beide nicht zu Unrecht auf der Leinwand auch dann noch im Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn jedes andere Ensemblemitglied ihnen darstellerisch weit überlegen ist. Das sieht in Matthias Emckes Regiedebüt „Phantomschmerz“ nicht anders aus, und es ist alleine Schweiger zuzurechnen, dass dieses leise Drama viel größer wirkt als es eigentlich ist.

Man nimmt nichts vorweg, wenn man sagt, dass in dieser Geschichte trotz immenser Schicksalslast am Ende alles gut wird, denn dafür sorgt der Film schon selber. „Dies ist meine Geschichte“, schreibt Schweigers Figur mit elegantem Füller auf ein Blatt Papier, und aus dem Off spricht er es nach – in einem Duktus, der nicht klarer von Optimismus und Lebenswille handeln könnte. Bald schon erfährt man, dass er eigentlich nie mehr schreiben wollte und weiß deshalb: Am Schluss wird Marc auch diese Krise überwinden. Marc, das ist ein echter Taugenichts. Eine gescheiterte Ehe, nicht in der Lage, für längere Zeit einen Job zu halten, mit den Alimenten ständig im Rückstand und auch sonst immer knapp bei Kasse. Andererseits kann man ihm natürlich nicht wirklich böse sein, denn immerhin bemüht er sich, verkauft sogar sein geliebtes Auto, um Ex-Frau und Kind (Schweigers Tochter Luna) nicht im Stich zu lassen, erheitert seine Umgebung mit absurden Tierfabeln und bringt auch mit dem dümmsten Spruch noch soviel Charme auf, dass er nie alleine ins Bett muss. Marc ist aber vor allem leidenschaftlicher Radfahrer, und umso tragischer geraten die Folgen eines Verkehrsunfall für ihn: Um sein Leben zu retten, muss er der Amputation seines linken Beins zustimmen. Fortan wird er von quälenden Schmerzattacken heimgesucht, die ihn mit aller Macht daran erinnern, dass sein Leben nie mehr so sein wird, wie es einmal war. Doch statt aufzugeben, entwickelt Marc nach einer langen Phase der Verzweiflung die Kraft, sein Leben in den Griff zu bekommen und zu erkennen, was ihn im Innersten wirklich ausmacht.
„Ende“, möchte man hinzufügen, denn im Grunde klingt das alles verdächtig nach dem Plot eines Groschenromans. Ist es in gewissem Sinne auch, doch das tut nichts zur Sache. Die Geschichte ist denkbar einfach und tausendfach erzählt. Dass „Phantomschmerz“ dennoch keine Klischeeveranstaltung geworden ist, liegt vor allem an der großen Behutsamkeit, mit der Autor und Regisseur Emcke seinen Film und dessen Figuren angegangen ist. Das mag in erster Linie damit zu tun haben, dass er trotz einer Reihe dramaturgischer Freiheiten im Kern das Schicksal seines Freundes Stephen Sumner nacherzählt. Über die End Credits hinweg gibt es eine Reihe Fotos von ihm zu sehen, und im Film übernimmt er zudem die Funktion von Schweigers Body Double.
Die Übergänge zwischen fiktionaler Überhöhung und realem Vorbild sind relativ fließend, lassen sich aber auch nicht gänzlich verleugnen. Und das hat durchaus sein Gutes, denn es bewahrt den Film davor, am Respekt vor der zugrundeliegenden Geschichte zu ersticken. Wie groß die Gefahr ist, wird besonders exemplarisch an Oliver Stones „Born on the Fourth of July“ nachvollziehbar (sinnigerweise ausgerechnet mit Tom Cruise). Der Regisseur ließ es sich im Nachhinein nicht nehmen, das reale Vorbild Ron Kovic wie eine Waffe vor sich herzutragen und alle Kritik an seinem Film auf diese Weise einfach wegzubügeln. Wem Stones getreue Widergabe des realen Schicksals nicht gefiel, musste sich (zumindest implizit) den Vorwurf gefallen lassen, Kovic nicht ernst zu nehmen.
Wenn Emcke also eine ziemlich märchenhafte Liebesgeschichte einflechtet, die im Wesentlichen erfunden ist, rettet er seinen Film damit vor dem Absturz ins Weinerliche. Darüber hinaus gelingt ihm auf diese Weise eine bemerkenswerte dramaturgische Zweiteilung, die es dem Zuschauer erlaubt, die Welt von Marc nach dessen Unfall selber auch mit ganz anderen Augen zu sehen und der Figur so viel näher zu kommen als vor dem Schicksalsschlag. Bis dahin ist „Phantomschmerz“ nämlich vermeintlicher Weise auf dem besten Weg, sich lückenlos in die Riege gewohnter Schweiger-Romanzen einzureihen. In gewissem Sinne nutzt Emcke die Filmographie seines Hauptdarstellers also gar nicht einmal so ungeschickt, um das Publikum eine Weile in gutem Glauben zu lassen. Dabei ist es ganz egal, ob man den Film völlig unvorbereitet anschaut oder bereits um Marcs Schicksalsschlag weiß (letzteres ist ohnehin die Regel). Nur zu gerne lässt man sich fallen und für eine Weile wider besseren Wissens täuschen, wenn Schweigers sympathischer Hallodri sich in einer Romanze mit der unwiderstehlichen Nika verliert (und wer könnte ihm das beim Anblick von Jana Pallaskes sensationellen Beatrice-Dalle-Pornolippen verdenken?).

Umso schmerzhafter wird der Bruch, wenn die Geschichte kippt. Emcke bleibt aber auch hier zurückhaltend und nutzt nicht die Gelegenheit für ausgedehnte Gefühlsduselei – eine Gefahr, der die meisten anderen mit großer Sicherheit nur allzu leicht verfallen wären. Besonders hoch anzurechnen ist ihm aber, dass er nicht davor zurückweicht, auch schwierige Momente in Szene zu setzen. Wenn Marc aus dem künstlichen Koma geholt werden muss, damit er – eine rechtliche Notwendigkeit – der Amputation zustimmen kann, zeigt der Film das ohne Beschönigung und wird damit für einen Augenblick nicht wenig bedrückend. Emcke hätte es sich leicht machen und diese Wendung einfach aussparen können, aber das wird ihm der Respekt seinem Freund gegenüber zurecht verboten haben. Stipe Erceg, der Marcs besten Freund spielt, trägt zudem viel dazu bei, dass diese Sequenz in der nötigen Balance bleibt und nicht ins Rührselige abgleitet.
Emcke und Schweiger leisten mit „Phantomschmerz“ vielleicht auch ein bisschen Abbitte für den albernen Rollstuhlhumor aus „Wo ist Fred?“, ihrem zweiten von bisher (mit „Judas Kiss“) insgesamt drei gemeinsamen Filmen. Gerade aus dieser Perspektive ist es zu begrüßen, dass es trotz aller Ernsthaftigkeit vor allem der leise Humor der Hauptfigur ist, der „Phantomschmerz“ davor bewahrt, ein belehrendes Motivationsdrama zu werden. Bestechend geraten die Bilder des Vietnamesen Ngo The Chau, der hier seine bisher beste Arbeit abliefert und den Film optisch weit über das gängige Niveau hiesiger Kinoproduktionen hebt.

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat / Fotos: Warner Bros Entertainment GmbH
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