Partisanen.
Dem deutschen Verleih wird ganz mulmig geworden sein, als er Mitte Januar die katastrophalen Besucherzahlen dieses eigentlich vielversprechenden und gut besetzten Dramas über ein weitestgehend unbekanntes Kapitel des jüdischen Widerstandes im Zweiten Weltkrieg auf den Tisch bekam. Nach „Valkyrie“ direkt noch eine historische Lektion über eine heldenhafte Gruppe aus dem alten Europa, die Hitlers Truppen die Stirn bot – das war dem amerikanischen Publikum merklich zuviel. „Defiance“ fiel gnadenlos durch und war bereits nach einer Woche spurlos aus den Top Ten der US-Kinocharts verschwunden. Panikartig wurde der deutsche Verleihtitel geändert, ein neues Plakatmotiv präsentiert (mit einem angriffsbereiteren Hauptdarsteller und geradezu absurd blauen Augen) und der Starttermin um mehr als drei Monate verschoben (was die Constantin jedoch nicht davon abhielt, bis zum letzten Tag noch Trailer zu zeigen, die auf den 5. Februar verwiesen). Der Zuschauer bekommt so etwas in aller Regel nicht mit, aber die Kritik hat sich längst ihr Vorurteil gebildet, zumal das überlange Partisanenepos (rund 140 Minuten) schon bei den amerikanischen Kollegen eher wenig Gegenliebe hervorgerufen hatte. Man ist tatsächlich schnell gewillt, dem Film ein Übermaß an Pathos zu unterstellen (das er nicht hat), seinen dramaturgischen Freiheiten einen Verzicht auf Realismus vorzuwerfen (wessen er schuldig wird) und die Besetzung mit Daniel Craig als Kalkül zu werten (obwohl das legitim ist und einen Film erst finanzierbar macht). Das fällt umso leichter, als Regisseur und Co-Autor Edward Zwick bei der Behandlung historischer Stoffe der plakativen Propaganda eines Oliver Stone in der Regel näher steht als der vielschichtigen Gelassenheit eines Clint Eastwood. Genauso leicht kann man darüber aber auch aus den Augen verlieren, dass „Unbeugsam – Defiance“ über weite Strecken bemerkenswerte Stärken entwickelt, die ihn deutlich über das Niveau gängiger Heldengeschichten aus Hollywood erhebt.

Im August 1941 haben die Deutschen Osteuropa fest in der Hand. Massenexekutionen und Deportation bestimmen auch das Schicksal der weißrussischen Juden in Noliboki. Nach der Ermordung ihrer beiden Eltern durch die örtliche Polizei fliehen die Bielski-Brüder in die Tiefen der angrenzenden Wälder. Tuvia (Craig), der Älteste, nimmt blutige Rache an denen, die seine Familie ausgelöscht haben, doch dann schwört er der Gewalt ab. Schnell gesellen sich andere jüdische Flüchtlinge hinzu und geben sich in die Obhut der Brüder. Um die wachsende Gemeinschaft ernähren zu können, entschließen sich Tuvia und der Zweitälteste Zus (Liev Schreiber) zu regelmäßigen Raubzügen bei den benachbarten Bauern. Ihr Ruf als Plünderer und Widerständler zugleich eilt ihnen schnell voraus, und bald wird der Zulauf, den sie erfahren, kaum mehr überschaubar. Zus verlässt das Waldlager im Streit und schließt sich den Partisanen an. Tuvia bleibt als alleiniger Führer hunderter Flüchtlinge zurück und sieht sich den kaum zu bewältigenden Bedingungen des nahenden Winters hilflos ausgesetzt. Doch auch die Deutschen haben längst Witterung aufgenommen, und so wächst die Gefahr, entdeckt zu werden, von Tag zu Tag.
Lange Zeit war die schier unglaubliche Geschichte der Bielski-Brüder eher eine historische Randnotiz. Erst ein 1993 veröffentlichtes Buch der polnischen Soziologin und anerkannten Holocaust-Expertin Nechama Tec mit dem Titel „Defiance: The Bielski Partisans“ warf ein ausgesprochen helles Licht auf das kaum bekannte Kapitel jüdischen Widerstands. So froh die Autorin über die Tatsache war, dass ein Spielfilm die Geschichte einer noch breiteren Öffentlichkeit bekannt machen würde, so entsetzt war sie zunächst über das Ergebnis. Die dramaturgischen Freiheiten, die sich Zwick und Autor Clayton Frohman („Under Fire“) erlaubt hatten, seien mit den realen Hintergründen im Grundsatz nicht zu vereinbaren.
In ähnlichem Umfeld bewegt sich auch ansonsten die meiste Kritik. Vor allem Historiker warfen dem Film eine sträfliche Vereinfachung und Stereotypisierung vor, die der Sache nicht gerecht werde. Die Bielski-Brüder selber erfahren aus mancher Sicht eine allzu eindimensionale Darstellung, und der polnische Widerstand werde gar vollständig ausgeblendet. Nun ist es mehr oder weniger ein ungeschriebenes Gesetz, dass gerade Hollywood-Filme über den Holocaust natürlicherweise immer diejenigen auf den Plan rufen, die bestimmte Seiten der jeweiligen historischen Episoden oder Personen gar nicht, falsch, glorifiziert, unzureichend, unkritisch oder sonst wie unangemessen dargestellt sehen, und damit gleich mal alles in Grund und Boden verdammen. Das ist nun in den allermeisten Fällen ebenso kleinkariert wie unfair. Dennoch hält sich das dazugehörige Verhaltensmuster hartnäckig und traf alleine 2009 bereits „Operation Walküre“ und „Der Vorleser“ mit voller Wucht. In den meisten Fällen ist das wenig mehr als Haarspalterei. Dabei geht es jedoch nicht darum, den Hinweis auf historische Ungenauigkeiten obsolet erscheinen zu lassen, denn wie sehr gerade filmische Erzählungen das Geschichtsbild einer breiten Masse prägen können, belegt jeder einzelne Meter Zelluloid an NS-Propaganda unmissverständlich.

Nur handelt man da mit Äpfeln und Birnen. Zwicks Film will nicht mehr, als eine weitestgehend unbekannte und darüber hinaus äußerst erzählenswerte Episode aus den Kerkern der Geschichtsbüchern herausholen, um sie einem interessierten Publikum in möglichst wirksamer, also unterhaltender Form nahe zu bringen. Dass er das mit den Mitteln des Hollywood-Kinos macht, ist an sich kein Problem. Wer glaubt, hier eine Eins-zu-Eins-Abbildung der historischen Ereignisse um die Bielski-Brüder geliefert zu bekommen, leidet ohnehin an klinischer Naivität. Ein Spielfilm, der Geschichte nicht überhöht und für den Effekt dramaturgisch zurechtrückt, spricht kein breites Publikum an und bleibt somit wirkungslos. Die Frage ist, ob er damit riskiert, den realen Hintergründen nicht mehr gerecht zu werden oder sie gar dem bloßen Effekt zum Opfer fallen lässt. Hier allerdings ist das ganz sicher nicht der Fall.
Zwick mag Geschichten übergangener Heldentaten, von denen die Öffentlichkeit nie Kenntnis genommen hat, und das ist hier nicht anders. Für Beispiele braucht man nicht bis zum Farbigenregiment aus „Glory“ zurückzudenken, denn bis in Leonardo DiCaprios modernen Glücksritter aus „Blood Diamond“ hinein geschieht heroisches Handeln bei Zwick vor allem im Verborgenen, und es ist die Aufgabe des Künstlers, den Schleier zu lüften. In dieser Rolle sieht sich der Filmemacher gerne, und so wundert es wenig, dass er bei der Historie der Bielskis begierig zugegriffen hat.

Vieles an „Unbeugsam“ ist pure Fiktion, und auch ohne realen Hintergrund würde der Film, der so manchen von einer Art Holocaust-Western hat sprechen lassen, reibungslos funktionieren. Eine interessante Darstellerriege trägt das Ihre dazu bei, dass einen die Figuren nicht kalt lassen (ein Problem, das bei Zwick sonst nicht unerheblich ausfällt), und Daniel Craig belegt eindrucksvoll, dass er wohl der erste Bond-Darsteller sein wird, der auch nach Abschluss der Serie keine großen Schwierigkeiten haben sollte, sich vom Image des Franchise wieder zu lösen. Sein Tuvia ist vielschichtig und grob zugleich. Wenn er zu Beginn den Mörder seiner Eltern hinrichtet und die um den Tod flehende Mutter und Ehefrau dem Wahnsinn nahe zurücklässt, gehört das zu den stärksten Momenten des gesamten Films – und ist zugleich verstörender und kraftvoller als alles, was danach folgt.
Ziemlich verwirrend und wenig glaubwürdig gerät in der englischen Originalfassung die Akzent- und Sprachvielfalt der Figuren. Bryan Singer hatte sich bei „Valkyrie“ kluger Weise dagegen entschieden, seine Darsteller mit deutscher Verhärtung sprechen zu lassen, und Zwick hätte gut daran getan, seinen Schauspielern hier Ähnliches vorzugeben. Zwei Engländer (Craig und Jamie Bell) und ein Amerikaner (Schreiber) sind als Brüder alleine schon eine akustische Herausforderung. Dass sie zugleich noch russische Juden darstellen, macht den Klangteppich nicht unbedingt besser. Mit der deutschen Synchronfassung ist man also, will man sich auf die Geschichte konzentrieren, deutlich besser bedient.
P.S.: Wer sich wundert, wieso Tuvia in Gestalt seines Darstellers Daniel Craig trotz widriger Umstände fast immer perfekt rasiert und mit makellosem Seitenscheitel auftreten kann, der findet eine ziemlich überzeugende Antwort in Barry Levinsons (zumindest in diesem Fall) erhellender Satire “Inside Hollywood“.

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat / Fotos: Constantin Film Verleih GmbH
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![Nechama Tec: Bewaffneter Widerstand [Defiance: The Bielski Partisans] (Broschiert, dt.)](http://www.alienus.de/screenwrite/Amazon/51-XK9zNk%2BL._SL160_.jpg)




