KNOWING

Die Erde – ein Zahlenrätsel.

Filmkritik: KnowingFilme mit Nicolas Cage haben in den meisten Fällen ein entscheidendes Problem: Nicolas Cage. Die Variationsbreite, mit der er Figuren anlegen kann, ist äußerst gering, und pendelt regelmäßig zwischen hartem Kerl mit breitem Kreuz (Musterbeispiel „Con Air“) und geprügeltem Hund, der an der Welt verzweifelt (perfektioniert in „8 mm“). Von diesen beiden Normen weicht kaum eine seiner Darstellungen mittlerweile mehr ab, und umso bedauerlicher fällt die Tatsache aus, dass Rob Zombies „Werewolf Women of the SS“ leider nur ein Fake-Trailer blieb (zu sehen im Zwischenprogramm von Tarantinos nach allen Regeln der Kunst gescheitertem „Grindhouse“-Nonsens) – denn die wenigen Sekunden, die der Coppola-Neffe dort zu sehen ist, haben mehr Überraschungen zu bieten als die Mehrheit aller seiner schauspielerischen Leistungen der letzten gut zehn Jahre zusammen. Für Alex Proyas´ spannenden Mystery-Thriller „Knowing“ setzt Cage wieder ganz auf die Jammerversion seines darstellerischen Spektrums und hält die Augenbrauen fast durchgängig in der Diagonalen. Vorgeschobene Unterlippe, nach hinten gezogene Schultern, leichte Bückhaltung, mehr braucht es nicht. Schon die erste Einstellung zeigt ihn beim Beobachten von Himmelsphänomenen am Teleskop, seinem Sohn nebenher Hot Dogs brutzelnd und zwanghaft Rotwein nippend. Das genügt bereits, um seine Figur (Marke bodenständig-liebevoller Akademiker mit Alkoholproblem) zu definieren. Man weiß kaum, ob man angesichts einer derartig plakativen Charakterisierung weinen oder lachen soll. Das Faszinierende dabei ist allerdings, dass Cages minimaler Einsatz immer wieder ausreicht, völlig mühelos einen ganzen Film zu schultern. Und das ist auch in diesem Fall nicht anders. Wer also am praktischen Beispiel nachvollziehen will, was einen Star vom bloßen Schauspieler unterscheidet – hier ist eine gute Gelegenheit.

Eine Schulklasse im Jahr 1959 soll sich ausmalen, wie die Welt wohl in fünfzig Jahren aussehen möge. Ihre Ideen, so der Gedanke dahinter, werden in einer Zeitkapsel verschlossen, die ein halbes Jahrhundert verschlossen bleibt. Alle Kinder malen ein Bild, nur die verstört wirkende Lucinda, von der die Idee stammt, kritzelt wie besessen endlose Zahlenreihen auf ein Blatt Papier (Jack Torrance hätte das vermutlich gut gefallen). 2009 ist es so weit. Die Kapsel wird geöffnet, und Caleb, Halbwaise mit Hörgerät und Sohn des vom Tod seiner Frau aus der Bahn geworfenen Astrophysikers John Koestler (Cage), bekommt, wie alle anderen Schüler auch, einen Umschlag aus der Vergangenheit – Lucindas Zahlenreihen. Enttäuscht und fasziniert zugleich nimmt er das seltsame Blatt Papier mit nach Hause. Als es seinem Vater in die Hände fällt, ist dessen wissenschaftliche Neugier schnell geweckt. In einem nächtlichen Google-Marathon findet er heraus, dass die Ziffernfolgen die Daten und Opferzahlen von großen Unglücken seit Verschließen der Zeitkapsel darstellen. Drei Ereignisse stehen allerdings noch bevor, und John ahnt noch nicht, welche entscheidende Rolle er dabei spielt.

Lara Robinson. Knowing. Foto: Concorde Filmverleih GmbH

Eine ganze Weile sieht es so aus, als sei die Vorlage von Stephen King und unter Pseudonym geschrieben worden: Ein Ereignis aus der Vergangenheit, das plötzlich in der Gegenwart ungeahnte Ausmaße annimmt. Kinder mit seherischen Fähigkeiten und Kinder, die durch ihr Hörgerät seltsame Stimmen wahrnehmen. Ein Witwer, der Trauer und Schuldgefühle im Alkohol ertränkt. Eine unheimliche Bedrohung von außen, die Zug um Zug immer näher kommt. Ein Gescheiterter, der plötzlich im Zentrum eines Geschehens von kosmischen Ausmaßen steht. Und so weiter, und so weiter. Autor Ryne Douglas Pearson und eine Handvoll Skriptdoktoren haben den Meister des Übernatürlichen offensichtlich in erhöhter Dosis zu sich genommen. Dagegen ist nichts einzuwenden, denn die mysteriöse Offenbarungsgeschichte hat einen erheblichen Spannungsfaktor und entwickelt trotz relativ flacher Charakterzeichnung eine zunehmende Sympathie für ihre Figuren.

Dass „Knowing“ überhaupt jemals das Licht der Leinwand erblicken konnte, grenzt, wie so manche Wendung im Film selber, schon fast an ein Wunder. Der Pitch lag ewige Zeit bei Columbia auf dem Tisch und ging dann als Turnaround Deal an Escape Artists und Summit Entertainment (seit „Twilight“ ein echter Major Player unter den Independent Studios). In den meisten Fällen spricht eine solche Historie nicht unbedingt für ein Projekt – wird es doch zum Spottpreis der Entwicklungskosten verkauft, um nicht in den Giftschränken zu vergammeln oder neue Lizenzkosten zu produzieren. Ausnahmen bestätigen die Regel, und so beruhen gar einige der erfolgreichsten US-Kinoerfolge auf Turnarounds (etwa „E.T.“ oder „Forrest Gump“). Wohl um die Produktionskosten niedrig zu halten, entstand der Film dann vollständig auf australischem Boden, und so fungiert Melbourne mal schnell als Ersatz-Boston. Das sieht man dem fertigen Produkt jedoch nicht an, und noch weniger würde man auf die Idee kommen, dass alle Aufnahmen mit hochauflösender Digitalkamera entstanden sind. Der Look ist bestechend, und die Farbwerte glänzen in superber Qualität.

Nun muss einen die Behutsamkeit, mit der Alex Proyas seine Bilder komponiert, nicht wirklich wundern – gehört er doch zu der immer größer werdenden Zahl von Filmemachern, die den überwiegenden Teil ihres Handwerks beim Dreh von Werbeclips und Musikvideos gelernt haben. Vielen seiner Art geht dabei jedoch das Gespür für Dramaturgie und Charaktere ab, und da reicht das Spektrum von echten Katastrophen wie Michael Bay bis zu echten Visionären wie Spike Jonze oder Tarsem Singh (inzwischen bekanntlich nur noch Tarsem). Proyas, der vor dem eher austauschbaren Blockbuster-Erfolg von „I, Robot“ seinen Stil vor allem mit den düsteren Szenarien von „The Crow“ und „Dark City“ definierte, wählt bei diesem Film einen gekonnten Mittelweg. Während er auf der einen Seite einige spektakuläre Desaster-Szenarien auf eine derart packende Weise inszeniert (darunter die wohl sensationellste Plansequenz seit Joe Wrights Dünkirchentrauma aus „Atonement“), dass sich selbst Roland Emmerich erschrecken müsste, nähert er sich vor allem gegen Ende einer Form der visuellen Opulenz an, die einen entweder vollständig entwaffnet oder hemmungslos verärgert.

Überhaupt gibt es für „Knowing“ vermutlich nur zwei mögliche Reaktionen – echte Begeisterung oder durchgängige Ablehnung. Eines ist jedoch in beiden Fällen entscheidend: Proyas´ Film vermeidet es konsequent, antrainierte Erwartungshaltungen zu erfüllen und entwickelt sich stattdessen in einer dermaßen unvorhersehbaren Weise, dass man sich kein Major Studio vorstellen kann, das hier nicht panikartig eingegriffen hätte. Umso höher muss man Summit den Mut anrechnen, keine Kompromisse eingegangen zu sein, und der einigermaßen brauchbare Erfolg an den US-Kinokassen belohnte diese Haltung glücklicherweise auch. Proyas hatte weitestgehend freie Hand, und das tut dem Film sichtbar gut.

Ganz nebenbei liefert Marco Beltrami eine der besten Kompositionen seiner Karriere ab, und Proyas dankt es ihm mit einer akustischen Präsenz, die auch feinste Nuancen nicht von Soundeffekten überlagern lässt. Ungemein pointiert folgt die streicherlastige Partitur (mit erstaunlich hohem Pizzicato-Anteil) dem Geschehen und überhöht so manchen Schreckeffekt um den entscheidenden Faktor. In der Genauigkeit, mit der er Stimmungswechsel und dramaturgische Bewegungen begleitet, folgt Beltrami den legendären Tugenden seines einstigen Lehrers Jerry Goldsmith – auch wenn sich Instrumentierung und Klangbild bewusst an Bernard Herrmann orientieren.

„Knowing“ gehört fraglos zu den ungewöhnlicheren Blockbustern in 2009 und ist zugleich der erste vor den großen Sommerfilmen. Proyas mag vielleicht keinen Genre-Klassiker inszeniert haben, aber möglicherweise wird die Zeit zeigen, dass dies (zusammen mit Darren Aronofskys „The Fountain“) einer der wenigen Science-Fiction-Filme der 2000er Jahre ist, der weniger schnell altert als die meisten Produktionen. Etwas Vergleichbares jedenfalls wird es mit Sicherheit eine ganze Weile nicht geben.

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Knowing. Plakat: Concorde Filmverleih GmbH

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat / Fotos: Concorde Filmverleih GmbH

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Marco Beltrami: Knowing (Soundtrack, CD)

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