INSIDE HOLLYWOOD

By Thomas Lenz

Eine haarige Angelegenheit.

Filmkritik: Inside Hollywood (What just Happened)Bruce Willis ist eine ziemliche Diva und ein selbstverliebter Egomane obendrein. Wenn etwa sein ohnehin schon von ruppigen Investoren, eigenwilligen Regisseuren und einem verkorksten Privatleben gebeutelter Produzent mit Engelszungen auf ihn einredet, doch bitte seinen dämlichen Bart abzunehmen, damit die Zuschauer ihn ganz unverstellt so sehen können, wie sie ihn am liebsten haben, und weswegen sie ihr hart verdientes Geld an die Kinokassen tragen, dann rastet er schon mal komplett aus und verwüstet eine Garderobe. Wenn der Film mit Gesichtsbehaarung nicht finanziert würde, tja, dann eben nicht. Solle man ihn doch verklagen. – Eine Diva eben. Auf der Beerdigung eines nicht gerade mit dem besten Ruf ausgestatteten Hollywood-Agenten setzt der Mann dann noch eins drauf: Statt an der Kanzel über den gerade Verstorbenen zu reden, erzählt er lieber von sich und den Dingen, die ihm die eine oder andere Ikone der Filmgeschichte einmal als Weisheit mit auf den Weg gegeben hat. Und weil das kein Mensch lange aushält, gibt es diese Demontage auch nur auszugsweise zu hören. Doch zur Beruhigung all derer, die jetzt schon darüber nachdenken, ihre „Die Hard“-DVDs angewidert aus dem Fenster zu schmeißen: Dieser Bruce Willis ist natürlich reine Fiktion. Dass es den Typus des arroganten Vielverdieners im Eldorado der Eitelkeiten an Amerikas Westküste zuhauf geben mag, daran besteht jedoch kaum ein Zweifel. Barry Levinsons leichtfüßige Komödie nimmt sich diese und andere Klischees der Traumfabrik vor und nutzt sie für einen launischen, aber niemals ernsthaft bissigen Blick auf die Industrie, die ihn und alle anderen Beteiligten dieses Films immerhin jahrelang ganz gut genährt hat. Im Vergleich zu merklich verärgerteren Beiträgen aus dem Umfeld der Nestbeschmutzer wie Blake Edwards´ „S.O.B.“ oder Robert Altmans „The Player“ ist das natürlich Streichelzoo. Aber Spaß haben darf man ja trotzdem.

Bei Gelegenheit berichtet Clive Barker davon, wie sehr es ihn selber überrascht hat, dass er angesichts seines voluminösen Hollywood-Romans „Coldheart Canyon“ soviel über seine Hassliebe zur Filmindustrie zu sagen hatte. Heftig gebeutelt von katastrophalen Studioeingriffen (im Fall von „Nightbreed“), aber auch gut entlohnt für Verfilmungsrechte, die seit Jahrzehnten auf Eis liegen, war das aus einer Kurzgeschichte entstandene Buch eine willkommene Gelegenheit, dem einen oder anderen Industrievertreter mit zum Teil nur minimaler Maskierung ein nicht gerade schmeichelhaftes literarisches Denkmal zu setzen.

Barker befindet sich da in guter Gesellschaft. Immer gerne haben US-Schriftsteller ihre schlechten Erfahrungen mit Hollywood zwischen zwei Buchdeckel gepresst und sich dann besser gefühlt. Norman Mailer etwa konnte den Ärger über sein erstes nicht verkauftes Drehbuch gar nicht schnell genug zu dem zunächst wenig populären, dafür aber umso drastischeren „The Deer Park“ verarbeiten – so schnell, dass er nach Fertigstellung noch mal alles umschreiben musste, weil ihm die Erzählperspektive nicht passte.

Die Liste derer, die sich mit ganz unterschiedlicher Motivation als literarische Chronisten von Glamour und Gaga zwischen Mulholland Drive und Sunset Boulevard betätigt haben, ist gar nicht mal so kurz und reicht von Fitzgerald über Budd Schulberg („What makes Sammy run“) und Nathanael West („The Day of the Locust“) bis zu Bruce Wagner (dessen „Cellular-Trilogie“ völlig unverständlicher Weise immer noch auf eine deutsche Ausgabe wartet). Dazu gesellt sich die unüberschaubare Zahl der Autobiographien und Insider-Enthüllungen, von denen die meisten bestenfalls gerade noch als Briefbeschwerer oder Türstopper zu gebrauchen sind. Zu den besseren Exemplaren der letzteren Kategorie gehört Art Linsons Bestseller „What Just Happened? Bitter Hollywood Tales from the Front Line“, auf dem Levinsons Film lose basiert.

Linson, erfolgreicher Produzent meist qualitativ recht hochwertiger Filmerfolge wie „Fight Club“, „The Untouchables“ oder „Heat“, hatte einfach zu Papier gebracht, was ihm in über drei Jahrzehnten Hollywood so untergekommen war, und auf dieser Grundlage ein mehr oder weniger fiktives Drehbuch verfasst. Manches lässt sich gar fast identisch wiederfinden, und so war etwa das Vorbild für die hart umkämpfte Gesichtsrasur des Hauptdarstellers ein wochenlanger Konflikt mit Alec Baldwin am Set von David Mamets „The Edge“ (um zu erfahren, wie die Sache ausgegangen ist, genügt ein Blick aufs Filmplakat). De Niro, der Linson bereits von fünf gemeinsamen Projekten kannte, fand die Angelegenheit offensichtlich reizvoll genug, um gleich mal als Produzent und Hauptdarsteller einzuspringen. Auch sonst ist „Inside Hollywood“ eine echte Familienangelegenheit. Mit Sean Penn, der hier ebenfalls sich selbst spielt (und seine Frau gleich mit ans Set bringen konnte), hatte Linson nach drei gemeinsamen Filmen zuletzt „Into the Wild“ produziert (und von dort direkt mal Catherine Keener mitgebracht). Levinson und De Niro trafen zum vierten und Levinson / Willis zum zweiten Mal aufeinander. Der Film wurde flott abgedreht, und dann wollte ihn eigentlich niemand sehen. So familiär, wie er angelegt war, so blieb er auch.

Das mag daran liegen, dass De Niro alleine überhaupt keine verkauften Tickets mehr einbringt und Komödien ohne Fäkalhumor, Hunde, Teenager oder Kinder im Hinblick auf ein breites US-Publikum derzeit überwiegend unverkäuflich sind. Andererseits hat Linsons semi-biographisches Anekdotenalbum irgendwie den Charme eines TV-Piloten, und wenn nach rund 110 Minuten alles schon wieder vorbei ist, fühlt man sich eigentlich gut eingestimmt auf die nächsten Verwicklungen rund um den strauchelnden Filmproduzenten Ben (De Niro), seine vielleicht nicht mehr oder vielleicht doch noch zu kittende Ehe (mit Robin Wright Penn), seinen alten Freund und plötzlichen Nebenbuhler (immer sehenswert: Stanley Tucci), die wenig kompromissbereite Studiochefin Lou (Catherine Keener) und eine Handvoll weiterer skurriler Figuren vor und hinter der Kamera. Ein eigenständiger Film sieht anders aus, und so gehört diese gutgemeinte, gutgemachte und durchweg gut unterhaltende Komödie auch weniger auf die große Leinwand als auf den Fernsehbildschirm.

Das ist in gewissem Sinne bedauerlich, denn „What just happened“ hat eine Reihe zündender Pointen, bestens gelaunte Darsteller und einen De Niro zu bieten, der trotz allem Druck, der auf seiner Figur lastet, so entspannt auftritt wie schon lange nicht mehr. Über die Gesetzmäßigkeiten von Hollywood erfährt man dabei allerdings gerade mal so viel, wie man ohnehin schon zu wissen vermeint. Hier beißt niemand die Hand, die ihm seine Mahlzeiten serviert, und so könnte der (zumindest in formaler Hinsicht) deutsche Titel kaum weiter über sein Ziel hinausschießen. Wer dazu übrigens einmal das hiesige Gegenstück sehen will, der ist mit Helmut Dietls „Rossini“ gut bedient.

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Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat / Fotos: Concorde Filmverleih GmbH

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Inside Hollywood (DVD, dt.) What just happened (DVD, UK-Import, engl.) Art Linson: What just happened? Bitter tales from the Front Line (Taschenbuch, engl.)

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