THE FALL

Höhlengleichnis.

Filmkritik: The FallWas Orson Welles wohl für ein Projekt wie dieses gegeben hätte? Aus eigener Kraft finanziert, über Jahre geplant, ganz nach eigenen Vorstellungen auf Zelluloid gebannt – und dann die alles entscheidende Komponente, die dem großen Kinogenie bis auf die eine legendäre Ausnahme immer verweigert blieb: Fertigstellung und Leinwandpremiere ohne Einmischung von Studios, Investoren und sonstigen Parasiten. Welles hätte sein letztes Hemd dafür geopfert (was er ja ohnehin oft genug getan hat). Heute ist das alles nicht mehr gar so dramatisch, und wenn man nicht gerade Terry Gilliam ist, hat man mittlerweile ganz gute Chancen, seine skurrilen Traumprojekte tatsächlich auch irgendwann realisiert zu bekommen. Der richtige Status in der Branche, die Bereitschaft, sein eigenes, hart verdientes Geld ins Spiel zu bringen und das notwendige Durchhaltevermögen können da schon einiges bewirken. Und wenn am Schluss auch niemand zuschaut, der Film existiert, und zukünftige Generationen können immer noch über ihn entscheiden (denkt sich bekanntlich Francis Coppola bei so ziemlich allem, was er ohne finanzielle Not und Studioauftrag ins Leben setzt). Insofern ist Tarsem Singh eigentlich nur einer, der sich getraut hat, etwas zu tun, wovor die meisten seiner mindestens genauso gut betuchten, aber weniger ambitionierten Kollegen, eher zurückschrecken. Und diese Haltung macht „The Fall“ zu einer echten Kostbarkeit, die man im allgemeinen Kinobetrieb ansonsten meist vergeblich sucht.

Nachdem „The Cell“ 2000 einen ziemlichen Eindruck hinterlassen und den Begriff „Stilwille“ für den kommerziellen Hollywood-Film geradezu neu definiert hatte, wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass der bis dato vor allem durch hochgelobte Musikvideos und visuell anspruchsvolle Werbeclips bekannt gewordene Inder möglichst bald nachlegt und einem Blockbuster nach dem anderen seinen ungemein einprägsamen Stil aufdrückt. Das Gegenteil war der Fall. Tarsem (wie er sich mittlerweile nennt) lehnte eine ganze Reihe lukrativer Angebote ab und produzierte stattdessen lieber fleißig für die Industrie. Wer allerdings glaubte, der visionäre Filmemacher in ihm wäre dabei ins Koma gefallen, staunte nicht schlecht, als „The Fall“ beim Filmfestival Toronto 2006 das Gegenteil bewies. Tarsem hatte vier Jahre an seinem zweiten Langfilm gearbeitet und weltweit intensives Locationscouting betrieben. Die Reaktionen waren jedoch eher verhalten. So unverkennbar und entwaffnend die Bildsprache, so märchenhaft simpel und sperrig zugleich die Dramaturgie. Tarsem hatte im Grunde einen Kinderfilm gemacht, der für ein junges Publikum jedoch viel zu blutig ausgefallen war. „The Fall“ passte in keine Schublade, und so dauerte es trotz Aufführung auf der 2007er Berlinale auch ganze zwei weitere Jahre, bis der Film deutsche Leinwände erreichte – und das zudem derart limitiert, dass von Anfang an keine Chance für eine breitere Wahrnehmung bestehen konnte.

Um beurteilen zu können, wie bedauerlich das eigentlich ist, genügt bereits ein Blick auf nur wenige Minuten von Tarsems fantastischen Bilderwelten. Behutsam komponiert und detailreich ausgestattet belegt nahezu jeder Frame die große Hingabe, mit der Filmemacher und Crew an dieses Projekt herangegangen sind. Die Geschichte dagegen ist über weite Strecken einem bulgarischen Film von 1981 („Yo ho ho“) entnommen und weicht so geringfügig ab, dass man getrost von einem Remake sprechen kann. Bei Tarsem und seinen Co-Autoren Dan Gilroy und Nico Soultanakis wird aus dem Lehrstück über den Wert des Lebens allerdings ein derart farbenprächtiges Fantasiegebilde, dass ein Doppelfeature beider Filme wiederum (ein reizvoller Gedanke) doch eher zwei gänzlich eigenständige Werken zeigen würde.

In den frühen Jahren des Kinos bezahlt der Stuntman Roy (Lee Pace, noch bevor er mit „Pushing Daisies“ einem breiteren Publikum bekannt wurde) den effektvollen Sprung von einer Brücke beinahe mit dem Leben. Von der Hüfte abwärts gelähmt und seine Geliebte an den Hauptdarsteller verloren, verbringt er seine Zeit im Krankenhaus depressiv und mit suizidären Gedanken. Als die kleine Alexandria (unwiderstehlich und die meiste Zeit improvisiert: Catinca Untaru), ein Immigrantenmädchen mit gebrochenem Arm, zufällig in seinem Zimmer landet, gelingt es ihm, sie mit einer fantastischen Geschichte für sich zu gewinnen. Doch nicht die Zuneigung des Kindes ist sein Ziel. Nach und nach bewegt er sie dazu, ihm Morphium zu besorgen, um schließlich Selbstmord begehen zu können. Doch in der Vorstellungswelt des Mädchens ist Roys Erzählung längst real geworden, und so wird sie bald schon Teil seiner Fiktion.

Wie bereits im Vorgänger „The Cell“ bewegt sich Tarsem virtuos zwischen den Welten von Realität und Bewusstsein. Scheinen die primäre und sekundäre Erzählebene von „The Fall“ zunächst unabhängig voneinander zu existieren, greifen sie bald schon ineinander über. Die Optik von Roys Erzählung ist dabei ganz vom Vorstellungsvermögen des kleinen Mädchens bestimmt, und wenn sie etwas geändert haben will, nun, dann wird aus einem Spanier eben schon mal ein Franzose. So funktionieren Geschichten eben, wenn Erwachsene sie Kindern erzählen. Bei Tarsem wird daraus aber noch mehr. Roys Märchen von den fünf Helden, die gemeinsam gegen den bösen Gouverneur Odious in den Kampf ziehen, ist ebenso ein Traktat über die Evolution des fiktionalen Erzählens wie die Geburtsstunde des bewegten Bildes. Ganz zu Beginn beobachtet Alexandria in einer Quasi-Projektion die Schatten von Menschen an einer Wand, ohne die Urheber selber sehen zu können, und darin steckt ebenso viel platonisches Höhlengleichnis wie lupenreines Kino – nur dass die Kleine von Filmen noch nie etwas gehört hat. Wie es sich jedoch mit der Wahrheit hinter den Schatten verhält, davon wird sie im Laufe von Roys Erzählung eine Menge erfahren.

Tarsems Film ist in seinen fantastischen Sequenzen so fellinesk wie man es sich nur wünschen kann – und das liegt nicht nur an den detailreichen Fantasiekostümen aller Figuren (oder der atemberaubenden Musik von Krishna Levy). Kaum zu glauben ist dabei die Tatsache, dass alle Schauplätze, die der Film zeigt, tatsächlich real sind und keineswegs dem Computer entstammen (für Jerry Zuckers „First Knight“ musste Camelot als blaue Stadt noch eigens entworfen werden – hier hält Colin Watkinson einfach die Kamera drauf). Turmhohe Stoffbanner, an denen sich rotes Blut empor rankt, labyrinthische Treppenbauten, die allen Gesetzen der Logik zu widersprechen scheinen – wer hier nicht ins Staunen verfällt, hat wirklich schon alles gesehen. Vermutlich aber nur in Cinecittà. Und ganz wie Mastroiannis Snàporaz in “La Città delle Donne” sich nach und nach in einer surrealen Welt verliert, geht Roys und Alexandrias Realität zunehmend in der farbenprächtigen Heldengeschichte auf. Das Mädchen begreift schnell, dass der böse Odious in Wahrheit den verhassten Hauptdarsteller repräsentiert, an den der Stuntman seine Frau verloren hat, und so wird er einfach in die Darstellungswelt der Geschichte eingebaut. Von hier an versteht die Kleine mehr und mehr, wie sehr Roys narratives Fantasiegebilde ein Spiegel seiner selbst ist – und das wird im Verlauf der Ereignisse für ihr unschuldiges kindliches Weltbild fast zuviel.

Vielfach ist Tarsems Film mit „Pans Labyrinth“, diesem vielgerühmten Wunderwerk Guillermo del Toros (einem anderen großen Stilisten des Gegenwartskinos), verglichen worden. Da ist einiges dran und doch weniger, als man auf den ersten Blick glauben mag. Der Filmemacher selber sieht sich vermutlich viel näher an den Wurzeln von „The Wizard of Oz“, denn wenn am Schluss die realen Figuren hinter Alexandrias Fantasiegestalten auftauchen, lässt sich das durchaus als Zitat lesen – und das kurz bevor Tarsem mit einer ebenso schönen wie irrealen Traumfabrikmontage an den anderen großen Fellini-Verehrer erinnert (Giuseppe Tornatore nämlich). So ist „The Fall“ vor allem auch ein Film über das Kino selber und darüber, wie die Bilder auf der Leinwand die Unzulänglichkeit der Wirklichkeit einfach am Schneidetisch zurücklassen können. Dass dazu keine digitalen Tricks notwendig sind, ist mittlerweile fast schon in Vergessenheit geraten.

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Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Capelight Pictures

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The Fall (DVD, UK-Import, engl.) The Fall (Blu-ray, UK-Import, engl.)

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