Superheld im Trailerpark.
Es ist viel gesagt worden über Mickey Rourke und seine Leistung in diesem so unscheinbar daherkommenden Ausnahmefilm über einen Mann, der einmal eine bejubelte Größe seiner Zunft war und nun auf der untersten Stufe der gesellschaftlichen Leiter angekommen ist. Vor allem die zum Teil arg weit hergeholten Parallelen zwischen Rolle und Darsteller, seinen Absturz nach den kurzen Erfolgsjahren der 80er, in denen er zu Recht als einer der außergewöhnlichsten Schauspielern seiner Generation gegolten hatte, definierten das Standardprogramm. Die meisten dieser unterstellten Gemeinsamkeiten sind weiter hergeholt, als es auf den ersten Blick aussehen mag, aber derartiges gehört nun einmal zum Vermarktungshandwerk. Neben dem, was über ihn gesagt worden ist, hat man Rourke andererseits aber auch mit unermüdlicher Penetranz immer wieder denselben Kanon an Statements abgerungen. Wie ihm Darren Aronofsky das große Geschenk dieser Rolle gemacht, wie er ohne Gage alles gegeben habe, wie er diese neue Chance nutzen und dringend aufpassen müsse, nie mehr in alte Verhaltensmuster zu verfallen, und so weiter und so weiter. Neben all den vielen Worten, die auf beiden Seiten verschwendet worden sind, ist aber doch etwas ganz Entscheidendes vergessen worden, und das ist im Zusammenhang mit diesem Film eigentlich das Allerwichtigste und gehört deshalb dringend nachgeholt. Hier ist es: Danke, Mickey Rourke, für diese aufwühlende, tiefbewegende, ehrliche und durch und durch unvergessliche Figur, die so weit entfernt ist von all den müde erdachten oder selbstverliebt zusammengeschusterten Gestalten, die es sonst so oft im Kino zu sehen gibt. Danke für eine Figur, die lange nach Filmende noch bei einem bleibt, weil sie soviel Leben in sich trägt, dass man meint, sie müsse jeden Moment hinter der Leinwand hervortreten, die Arme hochreißen und sich von ihrem Publikum frenetisch feiern lassen. Wen Randy „The Ram” Robinson nicht mit voller Wucht ins Herz trifft, tja, der hat wohl keins.
„The Wrestler“ ist kein Wiederauferstehungsfilm und erzählt nicht die Geschichte eines heruntergekommenen Ex-Champs, der dafür, dass er nicht aufgibt, am Schluss mit dem Sieg belohnt wird (wie etwa zuletzt „Rocky Balboa“) – aber auch keine Chronik von Aufstieg und Fall eines besessenen Kämpfers auf Gedeih und Verderben, von dem am Ende wenig mehr als eine Parodie seiner selbst übrig bleibt (wie etwa „Raging Bull“). In erster Linie ist Aronofskys Film eine Überlebensstudie, mit dokumentarischen Stilmitteln erzählt und frei von jener (in der Regel virtuosen) Künstlichkeit, wie sie die Arbeit dieses Filmemachers bisher ausgezeichnet hat. Vielleicht war es die große Ablehnung, die zuletzt „The Fountain“ erfahren hatte, und mit dem so mancher die Karriere des bis dato hochgepriesenen Regisseurs bereits beendet sah. Vielleicht war es aber noch viel mehr die katastrophale Produktionsgeschichte dieses Films (in dem Brad Pitt und Cate Blanchett noch vor „The Curious Case of Benjamin Button“ als Paar hätten auftreten sollen), die ihn zu einem überschaubareren Projekt trieben, ohne große Sets (die beim Vorgängerfilm nach Scheitern des ersten Drehs unter dem Auktionshammer gelandet waren), ohne großes Budget und ohne große Namen. Zugleich sollte dies der erste Film werden, für den Aronofsky sich beim Drehbuch ausklinkte, hinter der Kamera auf Matthew Libatique verzichtete und stattdessen der dokumentarfilmerfahrenen Maryse Alberti („Taxi to the Dark Side“) vertraute.
Nichts aber hätte die Geldgeber mehr abschrecken können als die Entscheidung zu Mickey Rourke. Einen großen Namen wollte man, denn wen sollte schon ein abgehalfterter Miethengst aus den 80ern ins Kino locken? Rückblickend mutet es wie ein schlechter Witz an, dass bald schon Nicolas Cage ganz oben auf der Wunschliste stand, und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, was unter dieser Vorgabe aus Randy Robinson geworden wäre. Überhaupt ist eine alternative Besetzung nicht mehr denkbar, ohne dass der Film als das, was er schließlich geworden ist, in sich zusammenfallen würde. Ganz und gar ruht er auf Rourkes massiven Schultern und findet in seinem verunstalteten Gesicht, das so gar nichts mehr mit dem Mann zu tun hat, der selbst als heruntergekommener Harry Angel noch gut aussah, seine ideale Manifestation.
Was Cortison und unterbegabte plastische Chirurgen an ihm verbockt haben, ist für die Filmfigur ein unbezahlbares Geschenk. Aufgedunsen, geschwollen, verzerrt – so ein Gesicht würde in jedem anderen Fall einer intensiven Sitzung in der Maske bedürfen. Rourke bringt es einfach mit, und kein Funken seiner Mimik geht verloren. Während es in „Sin City“ fast gänzlich hinter künstlichen Elementen verschwand, trägt er es hier in einer Form zur Schau, die jenseits aller denkbaren Eitelkeit stattfindet. Der gern attestierte Mut, den vor allem Schauspielerinnen haben sollen, wenn sie sich für eine Rolle aller ästhetischen Anziehungskraft berauben lassen (wie etwa Charlize Theron in „Monster“), verstummt angesichts dieser Form von ungeschönter Bloßstellung. Es gibt keinen Spiegel, vor dem sich Rourke abschminken und zur Coverreife zurückverwandeln könnte. Dieses Gesicht ist echt und irreparabel gezeichnet.
Über die Credits montiert der Film eine Collage von Zeitungsausschnitten, die den jüngeren Randy auf dem Höhepunkt seiner Karriere zeigen. Dann dauert es eine Weile, bis die Kamera den jetzt 20 Jahre älteren Wrestler von vorne in den Fokus nimmt, und als es schließlich geschieht, hinterlässt es, obwohl man ja längst weiß, wie Rourke aussieht, einen tiefen Eindruck. Alles, die ganzen zwei Jahrzehnte dazwischen, haben ihre Spuren in diesem Gesicht hinterlassen, und zusätzlich noch zu erzählen, was seitdem passiert ist, wäre reine Zeitverschwendung, denn jeder Blick auf Randy von dort an bis zur letzten Einstellung sagt viel mehr. „I hate the fuckin´ 90´s”, bekennt er an einer Stelle, und obwohl er die Musik der Kurt Cobains und ihrer Epigonen meint (während er zu „Round and Round“ von Rat Attack umhertänzelt), spricht seine Geschichte doch von dem ganzen Jahrzehnt, denn für ihn war es kein gutes.
Inzwischen ist er im Ring drittklassiger Showkämpfe der Hinterhöfen und Sporthallen angekommen, und obwohl er immer noch als Main Act verkauft wird, kann er auch mit einem zweiten Job als Lagerarbeiter im Supermarkt kaum seine Miete für den Trailerpark aufbringen. Was dabei frühzeitig auffällt: Randy hält sich alle Bitterkeit vom Leib. Wenn er vor verschlossener Tür steht, weil das Geld wieder nicht bis zum Monatsersten ausgereicht hat, schläft er eben im Auto, und wenn er am nächsten Morgen von johlenden Kindern aus dem Schlaf gerissen wird, absolviert er erst mal einen kleinen Showkampf mit ihnen. Dieser Mann mag keine Zukunft haben, keine Chance, jemals wieder auf die Beine zu kommen, aber aufgeben ist ihm fremd. Ein bisschen Wärme holt er sich bei der Stripperin Cassidy (Marisa Tomei), die eigentlich Pam heißt, und für die er, ohne dass sie es zugeben kann, nicht bloß ein Kunde wie alle anderen ist. Die größte Kraft aber geben ihm Ring und Publikum, doch selbst als er nach einem besonders blutigen Kampf zusammenbricht, mit Bypass wieder aufwacht und vom behandelnden Arzt eröffnet bekommt, dass er seine Karriere nicht ohne Lebensgefahr mehr fortsetzen kann, gibt er sich nicht auf.
So wie die Kamera ihm zuvor in den Ring gefolgt ist, so begleitet sie ihn auch an die Fleischtheke, wo er sich fortan seine Miete verdient, und er wird es auf seine Weise schaffen, sich auch hier nicht wieder zu Robin Ramzinski (sein echter Name), und damit zu dem Mann degradieren zu lassen, der er war, bevor er „The Ram“ wurde. So nutzt er jede Gelegenheit, sich als Randy ansprechen zu lassen, und sei es auch nur von einer Drogerieangestellten, die er wohl kein zweites Mal mehr sehen wird. „Randy“ steht für das, was er kann und ist, seine Superheldenidentität, wenn man so will, und als nichts anderes gibt ihn sein Bühnenoutfit auch zu erkennen. Überhaupt liegt hier das regulierende Prinzip im Ring, wo die Guten gegen die Bösen kämpfen, ohne dass es freilich einen echten Wettkampf gäbe. In voller Montur, jeder mit seinem eigenen Superheldenkostüm, seinen spezifischen Waffen und Fähigkeiten ausgestatte, vorhersehbar, wiedererkennbar, und deshalb für ihr Publikum sehenswert. Im Ring gelten die Gesetze des Comics, nur dass die Protagonisten und Antagonisten nach der Show eine Form der Kameradschaft leben, die niemand erwarten würde.
In gewissem Sinne nimmt Randy seine Bühnenfigur mit ins reale Leben, und so behält er auch seinen Namen. Wenn er kann, baut er sich seinen eigenen Ring auf, ganz egal, wo er gerade ist. Als Beschützer von Cassidy, als Jongleur hinter der Fleischtheke, an der Spielekonsole und auf der improvisierten Tanzfläche. Aber bei allem Charme, Witz und einer augenzwinkernden Dosis Großspurigkeit ist Randy innerlich gebrochen, dem Leben aus der Spur geraten, und so ist der Ring sein einziges Zuhause. Nirgendwo wird das so schmerzhaft offenkundig wie in den wenigen Begegnungen mit seiner entfremdeten Tochter (Evan Rachel Wood). Hier findet der Film seine magischsten Momente, und für einen Augenblick sieht es so aus, als seien die verlorenen Jahre wieder gut zu machen. Doch vielleicht ist auch das nur Illusion. Denn wenn Axl Rose für Randy „Sweet Child O´ Mine” spielt, dann handelt der Song von nichts anderem als genau dieser unerfüllbaren Sehnsucht und der Erinnerung, die zu schmerzhaft ist, um ihr lange ausgesetzt zu bleiben.
„The Wrestler“ ist ein Film mit solcher Kraft, dass sich seine Bilder nachhaltig einbrennen und tiefe Spuren hinterlassen. Am Schluss bleibt die Leinwand so lange schwarz, dass man hofft, es sei nur ein Bildfehler und nicht bereits das Ende dieser grandiosen Geschichte. Und wenn man dann wieder zu sich gekommen ist, wird man vermutlich denken müssen, dass es nichts, aber auch wirklich überhaupt nichts gibt, was die sträfliche Ignoranz der Academy entschuldigen könnte, mit der sie diesen Film für die Oscars 2009 einfach übergangen und damit einmal mehr ihre erbärmliche Bedeutungslosigkeit bewiesen hat. So ist ein Film zum jahresbesten gewählt worden, der vom sozialen Aufstieg gegen jede Chance träumt. Dass sich das leichter goutieren lässt als eine Geschichte, die das genaue Gegenteil zeigt, legt nahe, dass Verdrängung angesichts düsterer Zukunftsaussichten immer noch die beliebteste Methode ist, sich den Realitäten zu entziehen.

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Kinowelt GmbH
Schlagworte: axl rose, brad pitt, cate blanchett, charlize theron, darren aronofsky, evan rachel wood, film, filme, filmkritik, filmreview, filmrezension, kino, kinokritik, kritik, kurt cobain, marisa tomei, maryse alberti, matthew libatique, mickey rourke, monster, nicolas cage, oscar, raging bull, randy the ram robinson, rat attack, review, rezension, rocky balboa, round and round, sin city, sweet child o´mine, taxi to the dark side, the curious case of benjamin button, the fountain







