MILK

Preis der Freiheit.

Filmkritik: MilkWer den Werdegang Sean Penns als Schauspieler mitverfolgt hat, wird sich in früheren Jahren oft gefragt haben, wie jemand, der offensichtlich sein eigenes kreatives Vakuum als Darsteller nur mit detailgetreuer Übernahme einschlägiger Manierismen seines größten Vorbildes kompensieren kann, jemals ein eigenständiger Künstler werden solle. Vielleicht war es das Jahr 1989, das die entscheidende Wende brachte. Hatte sich Penn zunächst mit Brian De Palmas Kriegsdrama „Casualties of War“ auf plakativste Weise als De-Niro-Epigone verkauft, auf dass kein Funken eigene Persönlichkeit mehr übrig blieb (und sich Michael J. Fox an seiner Seite umso mehr als echter Schauspieler beweisen konnte, bevor seine Karriere kurz darauf so tragisch endete), durfte er noch im selben Jahr mit seinem Idol in der ziemlich unlustigen Neuauflage von „We´re no Angels“ um die Wette grimassieren. Die sichtbare Hilflosigkeit, mit der De Niro den Anforderungen der Komödie damals noch begegnete, mag bei Penn einen Schalter umgelegt haben. „State of Grace“ im Folgejahr, ein sensationeller Auftritt in „Carlito´s Way“ und schließlich „Dead Man Walking“ zeigten einen gewandelten Darsteller von großem Selbstbewusstsein und eigener künstlerischer Identität, die bis heute manchmal eine Wucht erreicht, mit der Penn den jeweiligen Film gänzlich für sich vereinnahmt. Bisweilen ist auch das wieder zuviel des Guten, und etwa in „Mystic River“ benötigt er dringend den erschreckend naiven Gegenpart von Tim Robbins, um nicht völlig aus dem Ruder zu laufen. Umso überraschender fällt seine sensible Herangehensweise an die historische Gestalt des ersten bekennenden Homosexuellen in der amerikanischen Politik aus. Harvey Milk in der Interpretation Sean Penns ist so blumig, traurig, liebenswert und identifikationsstark, dass all der große Zorn, der dem Schauspieler sonst anhaftet, nie existiert zu haben scheint.

Überhaupt ist die Besetzung Penns ein unerwarteter Glücksfall in einem Film, der unter anderen Voraussetzungen mit Leichtigkeit hätte scheitern können. Eine ganze Reihe von Drehbüchern kursierten seit Rob Epsteins faszinierender Doku „The Times of Harvey Milk“ von 1984, doch keines brachte es zur Produktionsreife. Angesichts des einfühlsamen, ausbalancierten und unspekulativem Films, der es unter der Regie von Gus Van Sant schließlich auf die Leinwand schaffte, ist das eine durchaus dankenswerte Entwicklung. Zuviel Heldenpathos für eine unreflektierte Herangehensweise liegt über der Geschichte des späteren Bürgerrechtlers, der an seinem vierzigsten Geburtstag seinem Geliebten gesteht, dass er sein ganzes Leben lang noch nichts geleistet hat, auf das er stolz sein kann. Es ist ein Leichtes sich vorzustellen, wie aus der Nacherzählung der Folgejahre, in der Milk zum Zentrum der Schwulenszene im Castro District von San Francisco wird, ohne nennenswerte finanzielle Mittel zum Stadtrat kandidiert, landesweit Furore mit seiner Politik für Homosexuellenrechte macht und schließlich 1978 ermordet wird, in den falschen Händen eine klischeebeladene Nummernrevue hätte werden können. Wilde Psychologisierungen vermeidet Van Sants Film zudem gänzlich und verzichtet deshalb auch auf Rückblicke in Milks Kindheit oder Jugend, wie sie im klassischen Biopic sonst selten fehlen.

Die Entscheidung von Autor Dustin Lance Black, lediglich die letzten acht Jahre in Milks Leben zu betrachten, und sich damit auf die Zeit seines öffentlichen Wirkens zu konzentrieren, verleiht Film und Figur die notwendige Glaubwürdigkeit. Black hat sich intensiv mit Milks Weggefährten auseinandergesetzt und mehr aktive journalistische Arbeit betrieben als man erwarten würde. Für den Sohn eines eingefleischten Mormonen, aufgewachsen in einem erzkonservativen Umfeld (Texas), in dem öffentlich gelebte Homosexualität undenkbar war, mag das Empfinden schwuler Amerikaner Anfang der 70er Jahre gut nachvollziehbar gewesen sein. Umso näher kommt er in seiner Interpretation dem revolutionären Geist der Zeit und dem Gefühl der Befreiung, den Milk bei den Menschen auslösen konnte. Dass dieser dabei das Gegenteil eines verbissenen Aufständischen oder gar phrasendreschenden Polit-Clowns war, macht ihn umso mehr zur Ausnahmegestalt und schillernden Filmfigur, wie sie sich ein Autor nicht treffender ausdenken könnte.

Der entscheidende dramaturgische Trick jedoch, der den Grundton des Films definiert und ihn trotz aller Leichtigkeit, die Penn seiner Figur verleiht, zum Schicksalsdrama erklärt, greift die vielfach belegte Todesangst Milks auf und verlagert sie in einen erzählerischen Rahmen. An keiner anderen Stelle des Films gibt es den immer um ein Lächeln bemühten Hoffnungsträger in vergleichbarer Düsternis zu sehen, als in den wenigen Sequenzen der Rahmenhandlung, die ihn dabei zeigen, wie er, motiviert durch die Ahnung seines nahen Todes, seine testamentarischen Erinnerungen mit einem Diktaphon aufzeichnet. Nun müssen solche Befürchtungen angesichts einer Unzahl von Morddrohungen, die Milk über die Jahre seines politischen Wirkens erhalten haben mag, nicht sonderlich wundern, und überinterpretieren sollte man sie erst recht nicht. Für die Wahrnehmung des Films ist eine derartige Einbettung jedoch von entscheidendem Wert. Sean Penn dabei zuzusehen, wie er seine lebensfrohe Figur an ihrem eigenen Monolog fast zugrunde gehen lässt, ist zutiefst bedrückend. Mit schwerer, von Erschöpfung gezeichneter Stimme vervollständigt er das Bild dieses Mannes, noch bevor der Zuschauer ihn kennen gelernt hat.

Doch diese dunkle Seite des Films bleibt im ansonsten chronologischen Verlauf der Erzählung lange außen vor. Nur ab und an scheint Finsternis in Harveys Freiheitskampf einzubrechen, und sie ist weniger politischer als privater Natur. Unfähig, seine Liebesbeziehungen mit seiner öffentlichen Rolle zu vereinen, endet jedes noch so kurze Glück schmerzhaft und bisweilen katastrophal. Erst im viel späteren Auftreten seines baldigen Widersachers jedoch, des Stadtratsmitglieds Dan White, findet Milk sein personifiziertes Gegenbild. Alles, was das konservative Amerika definiert, läuft in ihm zusammen. Dabei ist es weniger eine offene und irrationale Schwulenfeindlichkeit, die White ausmacht, als das langsame Begreifen, dass mit den liberalen Bestrebungen, die Milk verfolgt, ein ganzer Katalog an Werten nicht weiter durchführbar ist. Von der vielfach diskutierten These, White habe selber seine verborgene Homosexualität unterdrückt, will der Film zum Glück nichts wissen und vermeidet dahingehend jegliche Andeutung.

Aber auch auf Ebene der Darsteller markiert die Figur des bald offen handelnden Gegenspielers den entscheidenden Balancegeber zu Penns einnehmender Präsenz. Der vielbeschäftigte Josh Brolin fügt seinem Portfolio mit der beunruhigenden Verkörperung des zunehmend außer Kontrolle geratenden White eine weitere beeindruckende Leistung hinzu. Welches breite Spektrum an Rollen er mittlerweile bedienen kann, lässt sich an Beispielen wie „No Country for Old Men“, seiner Bush-Interpretation in Oliver Stones „W.“ und sogar albernem Trash-Nonsens wie „Planet Terror“ (wo er neben Rose McGowan einer der wenigen Lichtblicke ist) eindrucksvoll nachvollziehen. Zunehmend verstörend fällt sein Porträt des tief religiösen Politikers aus, der dem wachsenden Zuspruch Milks nichts entgegenzusetzen hat und nach und nach begreift, dass er als Relikt enden wird. Während Penn seine Figur leuchten lässt, verdunkelt Brolins Charakter und kehrt den fatalen Riss, der ihn innerlich durchzieht, sichtbar nach außen.

Van Sant ist mit „Milk“ zu einer geradlinigen Erzählweise zurückgekehrt, und das hat seinen guten Sinn. „Elephant“, „Last Days“ (im Grunde auch eine Art Biopic) und „Paranoid Park” hatten kein breites Publikum im Blick und konnten sich deshalb eine sperrigere Herangehensweise erlauben. Für die Geschichte des politischen Vorkämpfers der Gay Community jedoch wäre jede weniger leicht konsumierbare Dramaturgie oder Inszenierung kontraproduktiv ausgefallen. Möglichst vielen Menschen wollen Van Sant und Black diese entscheidende Episode im bis heute andauernden Kampf um rechtliche Anerkennung nahe bringen. Das hat seinen guten Grund, solange weder eine globale Rechtssicherheit für gleichgeschlechtliche Partnerschaften besteht (ausgerechnet am Tag der US-Präsidentschaftswahl 2008 scheiterte in Kalifornien ein Referendum zur Anerkennung der Schwulenehe), noch gar die Strafbarkeit homosexueller Praktiken in zahlreichen UN-Mitgliedsstaaten aufgehoben ist (lebenslange Haft oder Todesstrafe sind entgegen landläufiger Meinung weiterhin keine Einzelfälle besonders zurückgebliebener Bananenrepubliken, sondern in den meisten afrikanischen und asiatischen Staaten standardisierte Praxis).

Ein bisschen arg viel ist in den USA zum Filmstart über Parallelen zwischen Harvey Milk und dem amtierenden Präsidenten gefaselt worden, und Van Sant trug nicht wenig dazu bei. Im Grunde nimmt eine derartige Diskussion seinem Film gehörig den Wind aus den Segeln, denn egal wie viel Projektionsfläche die Amerikaner in ihrem derzeitigen ersten Mann im Staat sehen wollen, ein Vergleich mit den Zeitumständen des homosexuellen Aktivisten oder auch nur seiner Person ist eine ziemlich forcierte Sache. Die Größe Milks, und das zeigt der Film sehr deutlich, ist seine ebenso klare wie passionierte Zielvorgabe, die persönliche Eingebundenheit in sein Thema und die Notwendigkeit, von der Straße aus zu operieren. Dass er für die Freiheitsrechte derer, die an ihn glaubten, ein Leben privaten Glücks wiederholt aufgegeben hat, unterscheidet ihn nicht nur grundlegend von der vorgelebten Familienidylle im Weißen Haus, sondern lässt auch begreifen, warum die westliche Welt nur ganz wenige seiner Art hervorgebracht hat.

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Constantin Film Verleih GmbH

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Danny Elfman: Milk (Soundtrack, CD) Milk (DVD, UK-Import, engl.) The times of Harvey Milk (DVD, OmdU)

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