Guilty Pleasure.
Es ist immer erfreulich, wenn ein Film den Erkenntnishorizont seines Publikums erweitert. Im Fall dieser Wiedergeburt der langlebigsten aller Horrorfilm-Serien zum Beispiel klärt eine schlichte Infotafel bereits zu Beginn darüber auf, dass ein Remake inhaltlich nicht identisch mit dem Original sein muss. Der fleißige Kinogänger hat sich das schon immer gedacht, jetzt bekommt er es endlich auch schwarz auf weiß (bzw. umgekehrt). – Welche dubiosen rechtlichen oder marktstrategischen Hintergründe diese Richtigstellung auch immer haben mag, der 2009er Baustein im nicht totzukriegenden Slasher-Franchise um den Mann mit der Hockeymaske hält sich daran und ist im Wesentlichen eben keine Neufassung des Films von 1980. Das hat seinen guten Sinn, denn die Figur selber, der die Serie ihre ungemeine Popularität verdankt, hatte in dem billig produzierten, mittelmäßig inszenierten und talentfrei gespielten Genrebeitrag überhaupt keinen Auftritt. Im Fahrwasser von „Halloween“ entstanden, bedienten sich Regisseur Sean S. Cunningham und Autor Victor Miller nicht nur fleißig bei John Carpenters erfolgreichem Vorstadthorror, sondern griffen auch beherzt bei „Psycho“ zu – nur dass eben die Rollen vertauscht wurden. Und so sorgte eine rachebesessene und geistig umnachtete Mutter für jede Menge ebenso einfallsreiches wie drastisches Abschlachten hormongesteuerter Teenager. Die stumme Ikone des Schlitzerfilms jedoch, Jason Voorhees (Vorsicht vor holländischen Einwanderern), erschien lediglich als untotes Kind in einer jener schockartigen Traumsequenzen, die seit De Palmas „Carrie“ so effektiv die Leichtgläubigkeit des Zuschauers ausnutzen und immer mal wieder für einen zusätzlichen Adrenalinstoß vor den End Credits gut sind. Unter der Regie des Deutschen Marcus Nispel mordet sich Jason jedoch bereits nach der ersten Viertelstunde munter durch die dünne Handlung und sorgt dabei für etwas, das im selbstverliebten Trashnonsens des Fanboy-Kinos völlig verloren gegangen ist: Echter blutiger Schrecken.

Erst der unerwartet große Erfolg des ersten Teils hatte den Gedanken geboren, den Jungen, der zwei Jahrzehnte zuvor der Unachtsamkeit seiner Betreuer wegen im Crystal Lake ertrunken war und damit den Rachefeldzug seiner Mutter gegen alle Teenager dieser Welt ausgelöst hatte, einfach zum erwachsenen Untoten zu erklären und fortan selber mordend über die Leinwand ziehen zu lassen. Cunningham konnte mit der Idee wenig anfangen und zog sich aus dem Projekt zurück. Dass er allerdings bis heute mindestens so unentrinnbar von Jason Voorhees verfolgt wird wie dessen sonstige Opfer, gefällt ihm zwar vielleicht nicht sonderlich, sichert ihm aber seine ökonomische Existenz. 1983, nachdem alles andere, was er als Filmemacher zu initiieren versucht hatte, nicht so richtig gezündet hatte, stieg er wieder in die Serie ein und hat seitdem vier weitere Teile mitproduziert. Dass er jedoch im Grunde eigentlich gar nichts zum Erfolg des Franchise beigetragen hat, wohl aber sein Leben lang davon zehren wird, ist ein echter Treppenwitz der Filmgeschichte.
1981 erscheint die Figur des Jason zum ersten Mal (damals noch ohne Maske) und wird schnell zum Urbild des Serienschlächters – wortlos, ultrabrutal, unkaputtbar und mit einer bemerkenswerten Instinktsicherheit ausgestattet. Einfallsreicher in seinen Tötungsszenarien als Michael Myers, aber weitaus fantasie- und humorloser als Freddie Krueger (weshalb das Zusammentreffen der beiden 2003 auch nur bedingt funktionieren konnte), zudem meilenweit entfernt von der sadistischen Eloquenz eines Pinhead (aus Clive Barkers „Hellraiser“-Serie), zementiert er einen seltsamen Typus von Projektionsfläche, der zusammen mit den vier anderen Figuren trotz eines minimalen Variationsspektrums äußerste Langlebigkeit beweist. Nirgendwo greift das Gesetz der Serie so punktgenau wie im Slasher-Genre, und die Wiederbelebung, die nach und nach alle Beteiligten dieses Quartetts erfahren, stellt lediglich eine Anpassung an veränderte Sehgewohnheiten dar (nichts anderes leistet etwa Rob Zombies „Halloween“-Remake von 2007). Wie groß der Bedarf nach einer zeitgemäßen Erneuerung derart bewährter Konzepte ist, bewies das sensationelle US-Startwochenende, das Nispels Film mit satten 43 Millionen Dollar auf den ersten Platz der Kinocharts katapultierte.
Während Tom Tykwers solider bis belangloser Verschwörungsthriller „The International“ zum gleichen Zeitpunkt kaum auf nennenswertes Interesse stieß, zeigte Jasons Rückkehr auf die große Leinwand einmal mehr, dass praller Horror in Krisenzeiten besonders gut funktioniert. Wer will sich schon das skrupellose Treiben von Großbanken im Kino ansehen, wenn er es seit Monaten täglich in den Nachrichten zu sehen bekommt? Richtig, niemand. Um wie vieles verlässlicher, überschaubarer und vor allem irrealer ist da das amoralische Gemetzel, das der Hockeymaskenträger seit nunmehr fast drei Jahrzehnten erfolgreich praktiziert.
Der Vergleich mag weit hergeholt erscheinen, hat aber durchaus seine erhellenden Anteile. Was den (offensichtlich ausgesprochen publikumsfernen) PR-Strategen hinter Tykwers Film wie das Ei des Kolumbus erschienen sein mag, nämlich einen wie auch immer gearteten Bezug zur globalen Wirtschaftskrise herbeizureden, hat sich in Wahrheit schnell als übles Kassengift erwiesen. Kaum ein US-Zuschauer wollte sich gegen den Preis eines Eintrittstickets ansehen, wie korrupte Chefetagen mit seinem schwer verdienten Geld Schindluder treiben. Dass Tykwers Films derartiges überhaupt nicht thematisiert, ist dabei völlig egal, denn in der Vermarktung war es genau dieser Eindruck, den man erzielen wollte. Währenddessen versprach die Rückkehr des Slasher-Klassikers die bessere Bedrohung – eine rein fiktive nämlich, die nach dem Ende des Films dort bleibt, wo sie hingehört: Im Kino.

Mit ihrem „Friday, the 13th“-Beitrag (dem insgesamt zwölften übrigens) wiederholen die Initiatoren Andrew Form und Brad Fuller ihr vielfach bewährtes Remake-Konzept. Mal mehr, mal weniger gut funktionierte der modernisierte Neuansatz zuvor bereits bei „The Texas Chainsaw Massacre“ (ebenfalls unter der Regie von Nispel), „The Amityville Horror“ und „The Hitcher“, und die Wiederbelebung der „Nightmare on Elm Street“-Serie ist für 2010 auch schon in Arbeit. Bessere Optik, drastischere Gewalt, aber keine allzu weite Abweichung von den Vorgängern, so lautet das ebenso schlichte wie wirkungsvolle Rezept. Im Fall von Jasons Rückkehr gibt es auch noch jede Menge nackte Haut und ein bisschen Beischlaf zu sehen (im Slasher-Genre immer ein passender Anlass für den bigott erzogenen Schlitzer, strafend einzugreifen). Was diesen Film jedoch vor allem von der Vielzahl der Asia-Remakes und Torture-Pornos der letzten Zeit abhebt, ist die konsequente Gnadenlosigkeit, mit der nicht nur die üblichen Bauernopfer dran glauben müssen, sondern auch die sympathischeren Figuren abgemetzelt werden. Vor Jason ist niemand sicher, und daran lässt Nispels Remake keinen Zweifel.
Diese Form der Konsequenz ist im Grunde begrüßenswert, denn sie bewahrt den Film davor, in die Selbstparodie abzustürzen. Vom Paramount-Logo in blutigem Rot bis zum schocklastigen Finale gibt es keinen Raum für ein relativierendes Augenzwinkern, und Steve Jablonskys äußerst drastischer Soundtrack (Elektronik wie sie seit den einschlägigen Partituren von Maurice Jarre und Jerry Goldsmith nicht mehr im Kino zu hören war) trägt das Seine dazu bei, dass jeder bloße Gedanke an ein befreiendes Lachen bereits im Keim erstickt wird. Während die Serie nach den ersten vier Teilen, an die sich Nispels Fassung im Wesentlichen anlehnt, zunehmend ihres Schreckens verlustig gegangen war und immer absurdere Szenarien entwickelte (inklusive eines Science-Fiction-Plots in „Jason X“ – immerhin mit Gastauftritt von David Cronenberg), setzt dieser “Freitag, der 13.” gänzlich auf blutiges Entsetzen. Das kann man mögen oder auch nicht, unterhaltsam ist es allemal.

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Fotos: © MMVIII New Line Productions, Inc. and Paramount Pictures Corporation. All Rights Reserved.
Filmplakat: Paramount Pictures
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