FROST/NIXON

Am Ende entscheiden die Bilder.

Filmkritik: Frost/NixonAngenommen Altkanzler Helmut Kohl würde sich entgegen aller (auch noch so weit hergeholten) Wahrscheinlichkeit zu einem Interviewmarathon mit Oliver Geissen bereit erklären. Und als ob diese Paarung nicht an sich schon absurd genug erschiene, würde es der leichtgewichtigen Moderator im Verlauf der Gespräche auch noch erreichen, dem ehemaligen Regierungschef die Namen aller Spender der berüchtigten Schwarzgeldaffäre zu entlocken – eine Leistung, zu der bekanntlich kein Untersuchungsausschuss jemals fähig war – und ihn darüber hinaus zu einem echten Reuebekenntnis zu bewegen. Wie atem- und sprachlos würde die Nation das wohl zur Kenntnis nehmen? Im Vergleich jedoch zu demjenigen, was dem Briten David Frost in seinen 1977er Fernsehinterviews mit dem wenig ehrenhaft seines Amtes verlustig gegangenen Richard Nixon gelang, bliebe ein solches Szenario allerhöchstens eine amüsante Randnotiz. Frost hatte bis dato sein Geld praktisch ausschließlich mit luftigem Entertainment verdient, und umso weniger musste es wundern, dass sich das Feuilleton vor Lachen kugelte und jede Menge Spott über ihm ausgoss, als sein größenwahnsinnig erscheinendes Vorhaben bekannt wurde. Gegen das politische Schwergewicht Nixon, mit allen Wassern gewaschen und selbst dem größten Verbrechen seiner Amtszeit als US-Präsident quasi unbeschadet entkommen, erschien Frost wie ein kleiner Junge, der nicht wusste, mit wem er sich hier anlegte. Doch damit nicht genug. Kein Sender wollte ihm das absurd erscheinende Programm abkaufen, noch nicht einmal die Werbewirtschaft glaubte an ihn, und so waren es sein eigenes Geld und die Zuwendungen wohlgesonnener Freunde, die den bereits mit Nixon geschlossenen Vertrag bedienten und alle Beteiligten offenen Auges in den Ruin zu treiben drohten. Was dann jedoch folgte, findet sonst eigentlich nur im Kino statt. Und genau dort ist es jetzt auch tatsächlich angekommen.

Zunächst aber hatte Peter Morgan (erfolgsverwöhnt mit „The Queen“ und „The last King of Scotland“) die Sprengkraft dieser schier unglaublichen Geschichte erkannt und sie auf die Bühne gebracht. Ein bisschen mag er sich dabei gefühlt haben wie David Frost selber, als dieser angesichts der immensen Einschaltquoten von Nixons Rücktrittsrede die ungeheuren Möglichkeiten begriff, die ein Interview mit dem ehemaligen ersten Mann im weißen Haus freisetzen würde. Im Film sind es nicht nur, und noch nicht einmal in erster Linie, die Dollarzeichen, die Frosts Augen zum Leuchten bringen. Es ist vor allem der Gedanke an einen grenzenlosen Erfolg in Amerika, der den geschmeidigen Briten so massiv vorantreibt, dass er sogar ohne eine einzige Zusage eines Senders bereits Nägel mit Köpfen macht. Erst als er Nixon auf dessen eigenem Grund und Boden zum ersten Mal persönlich gegenübersteht, schwant ihm, worauf er sich hier eingelassen hat. Doch da ist es bereits zu spät.

Nicht die Interviews selber wollte Morgan ins Zentrum seiner Dramatisierung der Ereignisse stellen. Vielmehr bot ihm die Geschichte dahinter ein derart hollywoodreifes Potential, dass man eigentlich meinen sollte, das alles könne doch nur erfunden sein. Ist es aber nicht (von narrativen Freiheiten einmal abgesehen). Dass aus der Bühnenfassung nun ein Film geworden ist, könnte nicht konsequenter sein. Denn letztlich läuft alles in dieser völlig einzigartigen Episode aus TV-Geschichte und Politjournalismus auf diejenigen (reproduzierbaren) Bilder hinaus, mit denen am Ende über Sieg und Niederlage entschieden wird. Äußerlichkeiten, Erscheinungsweisen und der Eindruck, der beim Gegenüber entstehen soll, sind für jeden der beiden Kontrahenten entweder zentrale Überlebensstrategien oder gefährliche Manipulationsmuster.

Und was das heißt, zeigt sich bereits früh im Film: Wenn Nixon in den Hubschrauber steigt und ein letztes Mal in die Menge winkt, bevor aus dem einst mächtigsten Mann der Welt ein von einer ganzen Nation gehasster Privatier wird, ziert ein präsidiales Grinsen sein Gesicht, das nichts anderes sagt als: Ich habe alles richtig gemacht. Doch Frost, und mit ihm der Zuschauer, sieht mehr. Als Nixon sich nämlich abwendet, während die Kamera noch auf ihn gerichtet ist, fällt sein Gesicht in sich zusammen, und für einen Moment ist alle Täuschung dahin. Es ist dieser kurze Moment, diese verräterische Schwäche, die Frost auf die Spur setzt und ernsthaft glauben lässt, er könne Nixon in einem Interview zu einem Schuldeingeständnis bewegen. Und der Zuschauer ist auf seiner Seite.

Zu diesem Zeitpunkt hat man übrigens bereits völlig vergessen, dass es ja in Wirklichkeit der Schauspieler Frank Langella ist, den man da sieht, und eben nicht die reale Figur. Für die filmische Darstellung einer historischen Gestalt ist das eine echte Seltenheit, ganz egal, wie genau die originalen Fernsehbilder da reproduziert werden. Anthony Hopkins hatte Nixons Siegerlächeln in Oliver Stones Biopic tatsächlich ein- und ausgeschaltet wie ein Stroboskop, und der Gedanke dahinter wird ein ähnlicher gewesen sein wie hier. Um wie viel subtiler Langellas Interpretation im Vergleich jedoch ausfällt, lässt sich bereits an dieser winzigen Geste deutlich ablesen.

Bemerkenswerte Weise nimmt sich der Film eine ganze Menge Zeit, bis Nixon selber ein entscheidender Teil der Handlung wird. Und das hat seinen guten Grund. David Frost, dieser Hallodri, Playboy und Salonlöwe, ein Mann, der jedem Rock hinterher sieht, keine Party auslässt und vermutlich (ein Weggefährte hat daran keinen Zweifel) noch nie in seinem Leben wählen gegangen ist, sorgt erst einmal eine Weile für ziemliche Verwirrung beim Zuschauer. Der Brite mit dem eigenen Siegergrinsen (das nicht weniger Blendwerk ist als in Nixons Fall), das er so deutlich für jeden sichtbar vor sich her trägt, dass er meistens durch die Zähne sprechen muss, der perfekt gestylten Föhnfrisur und den albernen italienischen Slippern kann niemals der Mann sein, der einen derart versierten Gegner zu Fall bringen wird. So dachte damals die ganze Welt, und dem Kinobesucher soll es nicht anders gehen.

Michael Sheen, der angesichts von Langellas atemberaubender Leistung in der Wahrnehmung so mancher Kritik zu Unrecht fast völlig untergeht, verleiht seinem Frost schon frühzeitig, lange bevor die Figur auch ganz offensichtlich an Kontur gewinnt, ein Profil, das trotz aller leichtfüßigen Oberflächlichkeit bereits tiefer blicken lässt als man vermuten sollte (beide Darsteller hatten ihre Charaktere zuvor in der Bühnenfassung verkörpert). Kaum wahrnehmbar, aber dennoch wirksam, ist die nuancierte Vorbereitung, auf deren Grundlage Absturz und Wandel der Figur später glaubwürdig möglich sind. Wenn Frost von Nixon etwa zum ersten Mal und mit äußerst leichter Hand vorgeführt wird, lässt die Kamera keinen Zweifel daran, dass dem Mann, den sie dort zeigt, innerlich gerade vom einen Moment zum anderen das ganze Ausmaß seines bevorstehenden Versagens, die völlige Fehleinschätzung der Konstellation und die Absurdität seines Vorhabens klargeworden ist. Fortan wird der Zuschauer hinter jeder seiner Gesten, jedem Wort und Lächeln die zunehmende Anstrengung erkennen können, ein bestimmtes Bild nach außen aufrecht zu erhalten.

Überhaupt ist es die Spanne zwischen demjenigen, was die Bilder zeigen (oder die Worte sagen), und demjenigen, was sich hinter ihnen verbirgt, die den Film durchgehend bestimmt. Nixon erweist sich schnell als exzellenter Rhetoriker und begnadeter Manipulator, dem Frost schlichtweg nicht gewachsen ist. Wo Langella im schnoddrigen Tonfall weit ausholen kann und seine Figur mit langerprobter Sicherheit ausstattet, verliert Sheens Frost nach und nach die Kontrolle über die gut einstudierten Selbstdarstellungsmuster seiner Rolle in der Öffentlichkeit. Im Zuge dessen wird aus der ausgesprochen pointensicheren Komödie, als die “Frost/Nixon” sich eine ganze Weile ziemlich gut verkauft, ganz schnell und fast unbemerkt ein Thriller mit tragischen Untertönen, der eine derartige Dichte entwickelt, dass man sich mit vibrierenden Nervenenden im Sitz festkrallen möchte.

Ron Howard verzichtet dankenswerter Weise diesmal gänzlich auf illustrierende Bildmanipulationen, die „A beautiful Mind“ und „The Da Vinci Code“ streckenweise mit dem Charme von teuer bezahlten Powerpoint-Präsentationen ausgestattet hatten, und konzentriert sich stattdessen vor allem darauf, das Zeitkolorit möglichst plausibel abzubilden und den Blick der Kamera zum Bestandteil der Erzählung zu machen. Dass die Großaufnahme dabei zum Medium der Wahrheit jenseits aller Worte wird, ist ein schöner Beleg dafür, dass es im Zeitalter von Digitalisierung und Performance Capture weniger von der Technik als von der erzählten Geschichte abhängt, ob sich der menschliche Darsteller durch den virtuellen wirklich ersetzen lässt.

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Universal Pictures International Germany GmbH

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