Verzicht auf Tiefenschärfe.
Nichts, aber auch wirklich rein gar nichts hat dieser ebenso solide wie unspektakuläre Verschwörungsthriller mit dem seit kurzem recht angeschlagenen Image des Bankengewerbes zu tun. Während die PR-Maschinerie alles dransetzt, das Gegenteil zu behaupten und Berlinale-Chef Dieter Kosslick den Filmemachern gar seismographische Fähigkeiten zuspricht, muss sich der Zuschauer fragen, ob er etwas nicht mitbekommen hat oder schlicht zu naiv ist, die Parallelen zu sehen. Hat er nicht, ist er nicht. Die Großbank in Tom Tykwers erstem US-Film dealt mit Waffenhändlern und Revolutionsführern, und wer ihr auf die Schliche zu kommen droht, wird von Auftragskillern aus dem Weg geräumt. Viel mehr als ein MacGuffin ist das allerdings nicht. Und wo Hitchcocks liebste Wortschöpfung schon im Spiel ist, darf man auch getrost weitere klassische dramaturgische Motive erwarten, die vom Großmeister herrühren. „The International“ bedient sich ausführlich bei „Vertigo“, „North by Northwest“ und „Torn Curtain“, meidet dabei aber glücklicherweise die Versuchung, ins Epigonenhafte zu verfallen. Die meisten Anleihen finden sich bereits im Drehbuch, und Tykwer setzt noch ein paar direkte visuelle Zitate oben drauf. Dagegen ist nichts einzuwenden. Die Großbank allerdings ist ein austauschbares Motiv und hat weder etwas über die bedrohlichen Verflechtungen des internationalen Finanzwesens noch die Schattenseiten der Globalisierung zu sagen – oder was einem da noch so alles einfallen mag. Räumt man diesen Vermarktungsnonsens zur Seite, bleibt immer noch ansehnliches Spannungskino übrig, das zwar seine Stärken hat, dem Genre aber auch kaum Neues hinzufügt. Wer nicht mehr erwartet, wird gut bedient.
Die Geschichte selber setzt sich aus vielfach bewährten Schablonen zusammen: Interpol-Agent Salinger (Clive Owen) ist den illegalen Machenschaften einer weltweit operierenden Großbank auf der Spur. Im Verlauf seiner Ermittlungen kommen unfassliche Verflechtungen ans Tageslicht, wichtige Zeugen werden vor seinen Augen erschossen, und Salinger findet sich schon bald selber in der Rolle des Gejagten wieder. – Mehr ist es nicht, was den Plot angeht. Der Rest ergibt sich durch einige interessante Nebenfiguren (von denen die mit Naomi Watts prominent besetzte Staatsanwältin an Salingers Seite die verzichtbarste ist), beständigen Schauplatzwechsel (Berlin, New York, Mailand, Lyon, Istanbul) und eine mal mehr, mal weniger aufregende Nummernrevue.
Es gibt zwei auf den Erinnerungswert hin inszenierte Sequenzen, die man, je nach Stimmungslage, faszinierend oder albern finden kann. Die eine ist eine spektakuläre Schießerei im (selbstverständlich nachgebauten) New Yorker Guggenheim-Museum, die andere findet an einer roten Ampel statt und wird vermutlich im nächsten Aufguss der „Scary Movie“-Reihe für überdrehte Heiterkeit sorgen. Das Problem ist in beiden Fällen die große Ernsthaftigkeit, mit der „The International“ daherkommt, und das öffentlichkeitswirksame Schwadronieren über die zerstörerische Macht der Banken (aus der sich auch Tykwer selbst nicht raushält) trägt das Seine dazu bei. Größere Gelassenheit stünde dem Film gut zu Gesicht, denn für echte Dramatik reicht weder die Geschichte noch ihr Personal.
Überhaupt bleiben die Figuren ohne größere Tiefenschärfe und laden nicht gerade zu verstärkter Identifikation oder gar Mitgefühl ein. Im Fall des eher eindimensionalen Salinger fällt das besonders schwer ins Gewicht. Zu aufrecht kommt die Figur daher, um real zu sein, zu bindungslos, um beim Zuschauer wenig mehr als Gleichgültigkeit für oder gegen ihr Überleben zu erwecken, zugleich aber auch nicht besessen genug, um Faszination auszuüben. Das Einzige, was man über Salingers Vergangenheit erfährt, trägt weniger zur Vertiefung als zur Nivellierung bei. Vor ein paar Jahren noch wäre Tom Cruise hier die passendste Besetzung gewesen (immer gut für eine Rolle, die gegen eine übergroße Macht auf scheinbar hoffnungslosem Posten steht).
Die einzig wirklich vielversprechenden Figuren bezahlen schnell mit dem Leben. Am Ende ist es ausgerechnet der im Original mit gewohnt enervierend deutschem Akzent ausgestattete Armin Müller-Stahl, der dem zunächst belanglosen Handlanger der Bankenspitze nach und nach eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit verleiht und seine Figur damit zum eigentlich tragischen Kern der Geschichte macht. Die ernüchternde Bilanz eines ganzen Lebens gibt er ihr mit auf den Weg, unaufgeregt, desillusioniert, aber auch so gefühlsleer, dass es nicht einmal mehr für Selbstmitleid reicht – und das alles in einer einzigen Dialogsequenz, die klüger und eloquenter ist als der ganze Film zusammen.
Unabhängig davon wird viel geredet, sehr viel. Mag sein, dass sich Tykwer und Autor Eric Warren Singer (dessen Anteil am MTV-Anime „Aeon Flux“ sichtbar durchscheint) bewusst den gewohnten Spielarten des Thrillers ein Stück weit verweigern, doch ein wirklich restlos überzeugendes Gegenkonzept bieten sie auch nicht. Immer wenn anderorts das Tempo angezogen würde, setzen Buch und Inszenierung auf Entschleunigung Das könnte im Grundsatz zwar durchaus interessant sein, nimmt hier aber der Spannung eher den Wind aus den Segeln. Wenn der Film dann doch einmal die Geschwindigkeit erhöht, weckt er zwangsweise eine größere Erwartungshaltung als er erfüllen kann.
Die wenigen großangelegten Action-Sequenzen setzen auf Übersichtlichkeit, und dafür kann man Tykwer dankbar sein. Die Schnittfrequenz hält sich in erträglichen Grenzen, und der Einsatz verwackelter Handkamerabilder bleibt zum Glück gänzlich aus. „Furios“ ist trotzdem nicht unbedingt ein Attribut, das einem hier einfallen würde. Gerade die vielbeworbene Schießerei in den Babelsberger Guggenheim-Kulissen sieht zwar aus wie eine Action-Sequenz, ist aber keine. Löst man sie Bild für Bild auf, lernt man eine Menge darüber, wie sie mit guter Überlegung konstruiert ist. Setzt man sie dann jedoch wieder zusammen, fehlt ihr immer noch der entscheidende Anteil Spannung. Im direkten Vergleich etwa mit Marc Forsters eröffnender Verfolgungsjagd durch Siena in „Quantum of Solace“, deren Ausgang von Anfang an unfraglich ist, bleibt Tykwers visuelle Logistik vor allem frei von Adrenalin. Planung und Durchführung fallen ebenso kühl aus wie das Ergebnis.
Vor ein paar Jahren hatte der deutsche Filmemacher mit ganz beachtlichem internationalem Ansehen das Angebot auf dem Tisch, John Travolta und Hugh Jackman in einem belanglosen Hacker-Thriller namens „Swordfish“ zu inszenieren. Tykwer lehnte ab, und die kurzweilige Geschichte (mit berüchtigtem oben-ohne-Shot von Halle Berry) ging stattdessen an den actionerfahrenen Clip-Regisseur Dominic Sena. Der Ton beider Filme könnte heute nicht unterschiedlicher sein. Doch trotz des unerträglichen Chargierens seines Hauptdarstellers (Travolta, nicht Jackman) und einiger heillos über alle Grenzen hinaus schießender dramaturgischer Spitzen, ist „Swordfish“ im Rückblick unterhaltsames Jahrmarkt-Kino, das auch beim dritten Mal noch Spaß macht. „The International“ hingegen will mehr als er liefern kann, und hätte vermutlich gut daran getan, sein Thema unter größerer Gelassenheit anzugehen.
Mit deutschen Darstellern und dem Blick auf ein nationales Publikum hätte Tykwer eine beachtliche Ausnahmeerscheinung für den hiesigen Markt geliefert. So hingegen muss sich sein Film mit der internationalen, also amerikanischen Konkurrenz messen, und das kann nur ein ungleicher Kampf sein. Wenig begeistert reagierten weite Teile der US-Presse, und mit großer Wahrscheinlichkeit liegt das daran, dass hier ein klassisches Hollywood-Sujet mit europäischem Blick umgesetzt wurde, ohne eine Sichtweise anzubieten, die eine Alternative erkennen lässt. Ganz anders lag der Fall etwa kürzlich bei Timur Bekmambetov und „Wanted“ oder (inzwischen im dritten Aufguss) Lois Leterriers „The Transporter“. Tykwer, der seinen Film am liebsten in der Tradition von Alan J. Pakula und Coppolas „The Conversation“ sehen will, ist möglicherweise doch (noch?) zu sehr Europäer, um amerikanisches Kino mit dessen eigenen Regeln zu schlagen. Das ist zwar nicht unbedingt erstrebenswert, wohl aber unerlässlich, wenn man sich auf dem internationalen Markt behaupten will.

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Sony Pictures Releasing GmbH
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