DER SELTSAME FALL DES BENJAMIN BUTTON

Zeichen der Zeit.

Filmkritik: Der seltsame Fall des Benjamin ButtonEin Blitzschlag, und nichts ist mehr wie zuvor. Eigentlich schon gesegnet, die Begegnung mit dem Elektrometeor überlebt zu haben, sieht sich der solchermaßen Aufgeladene fortan auch noch mit einem seltsamen Phänomen konfrontiert – er altert rückwärts. Zuvor ein Mann am Ende seines Lebens, beginnen sich seine Zellen nun offenbar konstant zu erneuern. Eine Erklärung dafür hat niemand. Doch bald schon zeigen sich die Schattenseiten dieser merkwürdigen Verleugnung aller natürlichen Zeitverläufe. Denn die Frau, die er liebt, wird vor seinen Augen zur Greisin, und es gibt nichts, was er dem entgegensetzen könnte. – Francis Ford Coppola hatte sich diese verwirrende Geschichte des rumänischen Philosophen Mircea Eliade 2007 als Vorlage zu einem noch verwirrenderen Film gewählt („Youth without Youth“) und war damit auf wenig Gegenliebe gestoßen. Umso aufschlussreicher erscheint der direkte Vergleich mit David Finchers faszinierender Verjüngungsfantasie (die mit F. Scott Fitzgeralds knapper Farce „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ nicht viel mehr gemeinsam hat als Titel, Grundidee und den Namen der Hauptfigur). Wie eine Variation desselben experimentellen Gedankens kommt die Geschichte aus der Feder von Eric Roth daher, und man könnte meinen, damit die Seelenverwandtschaft der beiden Filme trotz aller Differenzen sichtbar bleibt, ist auch der Blitzeinschlag nicht verloren gegangen – wenn auch als ganz eigenes, nicht weniger wundersames Motiv. Viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass (wie der überwiegende Rest der Welt) weder Roth noch Fincher Coppolas Film überhaupt zur Kenntnis genommen haben. Doch wie sich zeigt, führen manche Motive anscheinend ihr Eigenleben und altern dabei mal in die eine, mal in die andere Richtung.

Brad Pitt. Der seltsame Fall des Benjamin Button. Foto: Warner Bros. Entertainment GmbH

Die bloße Grundarchitektur ist von bemerkenswerter Dichte und Verspieltheit zugleich. In mehrfacher Brechung wird die Geschichte des Mannes erzählt, der mit dem äußeren Erscheinungsbild und den körperlichen Beschwerden eines Greises geboren wird, aber von Tag zu Tag eine physische Jugend zurückgewinnt, die er nie hatte. Doch zunächst einmal beginnt der Film in New Orleans im Jahr 2005, ausgerechnet an jenem Tag, der die Stadt beinahe vollständig zerstörte. Auf ihrem Sterbebett bittet eine alte Frau die Tochter, ihr aus einem Buch vorzulesen, das sie selber nie den Mut hatte anzurühren. Es sind die schier unglaublichen Erinnerungen eines scheinbar Fremden, die sich dort niedergeschrieben finden, und sie klingen zunächst wie reinste Fantasie. Benjamin Button, 1918 am Tag des Kriegsendes als alter Mann in Gestalt eines Babys geboren, vom eigenen Vater ausgesetzt, von der farbigen Leiterin eines Seniorenhauses liebevoll aufgenommen und großgezogen, zeichnet sein Leben auf, bevor er sich nicht mehr erinnern kann. Daisy (später Cate Blanchett), die Enkelin einer Heimbewohnerin, wird seine erste und unsterbliche Liebe, doch das erkennt er erst viel später. Mit siebzehn zieht es ihn in die Welt hinaus, und er heuert auf einem Kutter an, erlebt den Zweiten Weltkrieg und kehrt gereift und um viele Jahre jünger nach Hause zurück. Nicht viel hat sich dort verändert, doch er ist ein anderer geworden. Als er Daisy wiedersieht, nimmt das Schicksal seinen unaufhaltsamen, von großem Glück und großem Schmerz getragenen Lauf.

Ganz in der Tradition des Bildungs- oder Entwicklungsromans könnte dieser Film auf einer kiloschweren literarischen Vorlage beruhen. Tatsächlich sind es nur ein paar wenige Seiten, mit deren Verfilmung Hollywood Jahrezehnte lang schwanger ging. Im Allgemeinen hat Fitzgeralds Kurzgeschichte ansonsten aber wenig Wirkungsgeschichte produziert, und wenn überhaupt, dann indirekt mit Andrew Sean Greers 2004 erschienenem Roman „The confessions of Max Tivoli“, dessen Held John Updike ausdrücklich zum fiktiven Leidensgenossen Benjamin Button in Beziehung setzte (und damit der deutschen Ausgabe den passenden Anstoß für den offensichtlich an Fitzgerald angelehnten Titel „Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli“ lieferte). Ob Eric Roth oder sein Co-Autor Robin Swicord Greer gelesen haben, ist nicht auszumachen, alleine schon aus rechtlichen Gründen allerdings werden die beiden es eher abstreiten. So manches nämlich, was den Roman von der Kurzgeschichte unterscheidet, lässt sich durchaus auch im Film finden (bis hin zur auslösenden Erzähltechnik des Lebensberichtes und dessen Motivation). Für Plagiatsvorwürfe allerdings, wie man sie mancherorts lesen kann, reicht es dann auch wieder nicht aus, und die eine oder andere Entscheidung ergibt sich fast zwangsweise, will man die Grundidee in einem epischen Rahmen weiterentwickeln. Dass die Nennung Fitzgeralds und die Nutzung des Titels überhaupt noch in Finchers Film eingeflossen sind, hat vermutlich ausschließlich vertragsrelevante Gründe. Inhaltlich ist der Bezug praktisch gleich Null.

Gibt es also im engeren Sinn eigentlich keine literarische Vorlage, erscheint der romanhafte Aufbau, den Roth gewählt hat, umso auffälliger. In gewissem Sinne ist dieser Film mehr Romanverfilmung als „Forrest Gump“, mit dem er vielfach gerne verglichen wird, und für den Roth immerhin einen Oscar mit nach Hause genommen hat. Tatsächlich lassen sich eine Reihe von Parallelen finden, aber dagegen ist auch nichts einzuwenden. Entscheidend sind weniger die einmal bewährten dramaturgischen Griffe, die Roth erneut anwendet, sondern vielmehr die bemerkenswerte Tatsache, dass aller CGI-Aufwand ausschließlich der Notwendigkeit der Geschichte selber geschuldet ist und sich ihr gänzlich unterordnet. Das hatte bei Zemeckis damals aufmerken lassen (bis er dann mit „Polar Express“ und „Beowulf“ zu vergessen begann, dass Motion Capture allein nicht bereits einen Wert an sich ausmacht), und es zeigt sich auch hier, dass die computergenerierte Bearbeitung von Filmmaterial nicht zwangsweise in Selbstbefriedigung ausarten muss. Das ist vor allem Fincher zu verdanken, dessen über weite Strecken zurückhaltende Inszenierung vergessen lässt, dass Brad Pitts Gesicht nicht wirklich zum Körper des buckligen alten Mannes gehört, der Benjamin Button im ersten Drittel ist. Die Illusion bewegt sich deshalb am Rande der Perfektion, weil die Geschichte den Effekt weit überlagert. Je weiter sich der Film dann allerdings dem realen Bild seines Hauptdarstellers annähert, desto geringer gerät die Faszination, die er ausstrahlt. Am konventionellsten muss deshalb auch das mittlere Drittel erscheinen, und für sich alleine würde dieser Teil vermutlich kaum bestehen können.

Cate Blanchett. Der seltsame Fall des Benjamin Button. Foto: Warner Bros. Entertainment GmbH

Dass die Geschichte insgesamt allerdings irgendetwas anderes als pure Magie sein könnte, weist der Film gleich zu Beginn weit von sich. Als die Tochter der sterbenden Mutter ihr Bedauern über Vergangenes vortragen will, erzählt diese ihr eine Geschichte von einem blinden Uhrmacher (übersieht man leider fast, deshalb hier eine Erinnerung: Elias Koteas), der damit beauftragt wird, eine große Bahnhofsuhr für die Stadt zu fertigen. Doch der plötzliche Tod des Sohnes an der Front lässt ihn seine Pläne ändern. Am Tag der Präsentation nämlich läuft die Uhr rückwärts, zu Ehren all derer, die im Krieg gefallen sind, und getragen von der Hoffnung, dass sie vielleicht wiederkommen, wenn der Sekundenzeiger der Vergangenheit entgegentickt. – Was da zunächst wie eine fiktive Parabel anmutet, die der Tochter sagen soll, dass sich Vergangenes eben nicht ändern, die Zeit nicht wirklich zurückdrehen lässt, erklärt sich bald schon als untrennbar verbunden mit der Geschichte des seltsam alternden Mannes. Am Tag, als die Uhr zu ticken beginnt, erblickt er nämlich das Licht der Welt.

Wüsste man es nicht besser, so würde man meinen, hier habe Tim Burton auf dem Regiestuhl gesessen (während tatsächlich etwa Terry Gilliam und Steven Spielberg zu verschiedenen Phasen der Entwicklung im Gespräch waren), und es ist ein reizvoller Gedanke durchzuspielen, wie „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ unter dieser Vorgabe und mit Johnny Depp in der Hauptrolle wohl ausgesehen hätte. Fincher hingegen beschreitet – so möchte man meinen – nahezu gänzlich neue Wege und fügt seiner Filmografie eine Seite hinzu, die man gerade von ihm sicher am wenigsten erwartet hätte. So warm, so melancholisch, im ersten Drittel humorvoll, im zweiten romantisch und im dritten tragisch ist dieses bemerkenswerte Stück Kino geworden, dass alle seine bisherigen Arbeiten meilenweit entfernt scheinen.

Vielfach werden die zentralen Themen des Films – Vergänglichkeit, Andersartigkeit, existenzielles Alleinsein, die Verwobenheit aller Dinge miteinander – variiert, von einer Figur zur anderen übertragen und in neuen Konstellationen reinszeniert. Immer ist die Zeit die Grundtonart, auf die sich alles bezieht, und Benjamin Button fungiert als Beleg für ihre Existenz. Wenn er etwa mit langem Atem den Raum durchmisst, dann ist auch das nur ein Weg, der Zeit den äußersten Freiraum abzugewinnen und doch am Ende gegen sie zu verlieren – so treibt es ihn per Schiff in der Zeit vorwärts nach Murmansk (neun Stunden Differenz zu New Orleans), wo er die erste Liebe zu einer (älteren) Frau erlebt (die selber davon träumt, den Naturgesetzen zu widerstehen und den Ärmelkanal zu durchschwimmen), und wieder in der Zeit zurück in die Heimat, wo er seiner inzwischen herangewachsenen (aber per se jüngeren) Freundin Daisy aus Kindertagen wiederbegegnet und nicht mehr von ihr loskommt.

Brad Pitt, Cate Blanchett. Der seltsame Fall des Benjamin Button. Foto: Warner Bros. Entertainment GmbH

Ganz sicher hat dieser Film das Zeug zum Klassiker, und das gelingt ihm vielleicht vor allem deshalb, weil er so überraschend natürlich und unangestrengt wirkt. Die Bilder von Claudio Miranda (bei früheren Fincher-Produktionen noch Beleuchter) wirken wie aus einem Guss und verleihen dem Film eine durchgehende Wärme, die einen nie an der Ehrlichkeit der Geschichte zweifeln lässt. Pitts Spiel ist gelassen genug, um nicht über Gebühr auf sich aufmerksam zu machen, verblasst aber zugleich auch etwas neben der betörenden Präsenz von Cate Blanchett, die ihre vielschichtige Figur durch einige sehr unterschiedliche Entwicklungsstufen manövriert, ohne sie dabei zerbrechen zu lassen. Viel zu kurz erscheint der Auftritt von Tilda Swinton (eiskalt und verletzlich zugleich) als Benjamins erste Geliebte, doch gerade die wenigen Momente mit ihr erhöhen die Bedeutsamkeit dieser Episode und belegen einmal mehr, wie pointiert diese Schauspielerin eine Figur mit wenigen Strichen bereits ausformulieren kann. Aber auch an anderen Stellen finden sich Gesichter ein, die trotz der Begrenztheit ihrer Zeit auf der Leinwand einen entscheidenden Eindruck hinterlassen (Edith Ivey, Jared Harris, Taraji P. Henson).

Viele der Menschen, die in dieser Geschichte auftauchen, sind eigentlich etwas anderes als sie scheinen, und von ihnen allen ist Benjamin nur der offensichtlichste Fall. Einigen von ihnen setzt der Film am Schluss ein besonderes Denkmal, denn sie sind in Wahrheit nicht weniger gescheiterte Existenzen (durch Geburt oder die Umstände) als die Hauptfigur selber und allesamt auf eigene Weise Schicksalgefährten. Wenn Benjamin seinen Zustand erklären will, spricht er von einer Krankheit, mit der er geboren sei. Vielleicht meint er das so, vielleicht hat er aber auch gelernt, dass die Menschen seine Fremdartigkeit nicht anders begreifen können. Denn in Wahrheit ist die einzige Krankheit, die sein Leben bestimmt, das Leben selbst. Sie greift den Körper an, verändert ihn fortwährend, erzeugt Schmerzen jenseits aller Vorstellungskraft und endet irgendwann tödlich. Zugleich ist sie aber auch die seltsamste Krankheit von allen, denn sie kennt einen gelegentlichen Nebeneffekt, der nur bei ihr auftaucht und ausschließlich deshalb möglich wird, weil er sterblich ist. Und von diesem handelt Benjamin Buttons Geschichte vor allem anderen am meisten: Dem Augenblick des größten Glücks.

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Der seltsame Fall des Benjamin Button. Plakat: Warner Bros. Entertainment GmbH

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Warner Bros. Entertainment GmbH

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