W. – EIN MISSVERSTANDENES LEBEN

Sohn zweier Väter.

Es sind nicht gerade die leisen Töne, mit denen man Oliver Stone in Verbindung bringen würde. Was er sagt, sagt er laut, um sicherzustellen, dass ihn auch jeder versteht. Das kann mal sehr effektiv sein, denn man ist gezwungen hinzuhören. Schlimmstenfalls mündet ein derartig ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis allerdings in grausigem Schund, und wer Stones überlangen, überinszenierten und überambitionierten „Alexander“ tatsächlich bis zum Ende durchgehalten hat, weiß, wie sehr man einen Filmemacher für sein Werk hassen lernen kann. Umso überraschender kommen die wenigen seiner Arbeiten daher, die offensichtlich um größere Differenzierung bemüht und sich vielleicht selber nicht so ganz sicher über den eigenen Standpunkt sind. Am wenigsten hätte man das vielleicht von einem Biopic über den 43. US-Präsidenten erwartet, doch der im Original schlicht mit „W.“ betitelte Film ist alles andere als geradlinige Propaganda. „Nixon“ näher als „JFK“ wird mehr dokumentiert als bewiesen. Überhaupt ist der Fiktionsanteil so gering wie möglich gehalten, und der Großteil dessen, was es zu sehen gibt, beruht weitestgehend auf Berichten von Bush-Vertrauten. Es werden keine Geheimnisse gelüftet und keine wilden Spekulationen in die Welt gesetzt. „W.“ ist vor allem eine Annäherung an die Psyche seiner Titelfigur, die Mechanismen politischer Prozesse im präsidialen System und die immanenten Gefahren dynastischer Machtstrukturen. Wie fesselnd und faszinierend ein solches Anliegen geraten kann, wenn es mit den Mitteln des Unterhaltungskinos umgesetzt wird, führt dieser Film auf bemerkenswerte Weise vor und qualifiziert sich damit als eine der besten Polit-Biografien überhaupt.

Umso mehr muss man bedauern, wie wenig öffentliche Aufmerksamkeit die immensen Leistungen aller Beteiligten auf sich ziehen konnten. In den USA reichte es am Startwochenende immerhin für Platz vier der Kinocharts. In einigen europäischen Ländern hingegen, darunter Österreich, Spanien, Italien und Deutschland, musste eine gut versteckte Fernsehpremiere herhalten. Das Thema Bush ist aus Sicht der Industrie offensichtlich durch, und vermutlich will man sich die neugewonnene Amerika-Begeisterung nicht von einem Film verderben lassen, der an weniger harmonische Zeiten zurückerinnert. Weder bei den Golden Globes noch gar den Oscars 2009 spielte „W.“ auch nur irgendeine Rolle, und das zeigt mehr als deutlich, wie ängstlich und ignorant beide Veranstaltungen in Wahrheit entscheiden. Mit Josh Brolin und Richard Dreyfuss bietet der Film zwei der bemerkenswertesten schauspielerischen Leistungen in 2008, nur leider finden sie in einem Film statt, den man allem Anschein nach lieber erst mal schnell wieder vergessen will.

Brolins Bush ist wie der Film selber weder Satire noch bloße Nachinszenierung. Natürlich hat der Schauspieler das Original ausführlich studiert und seine Bewegungsmuster, seinen Sprechduktus, seine Haltung und Mimik adaptiert. Was er der Figur aber hinzufügt, ist eine Tiefendimension, die der Geschichte Einheit verleiht. Über rund drei Jahrzehnte spannt sich seine Darstellung, und so liegt es am Schauspieler, Kontinuität wie Wandel gleichermaßen sichtbar zu machen. Welche Anstrengung dahintersteckt, die Figur nicht auseinanderfallen zu lassen, lässt vor allem die durchgehende Konfrontation mit dem Vater ersichtlich werden, den James Cromwell stoisch und ohne sonderlich erkennbare Entwicklung anlegt. Bush Sr. ist keine Gestalt, die eine Veränderung erkennen lässt – erst als er trotz gewonnenen Krieges keine zweite Amtsperiode erringen kann, bricht die Figur ein Stück. Sohn Walker hingegen, zu Beginn ein orientierungsloser Hallodri, immer im Schatten des jüngeren, verlässlicheren, geliebteren Bruders Jeb, steht beständig unter Spannung. Nur zu Beginn, bei den Verbindungsbrüdern, scheint er sich von den anderen abheben zu können, doch was folgt, sind Niederlagen über Niederlagen. Nichts, was er beginnt, hält er durch. Für seinen größten Traum – Baseball – hat er kein Talent. Seine Ölquellen versiegen. Die ersten politischen Schritte verlaufen im Sand. Und immer das übermächtige Bild des Seniors vor Augen, unfehlbar, sicher im Sattel und Cleaner in Walkers Leben (Gefängnisaufenthalt, ungewollte Vaterschaft, Harvard-Aufnahme etc.). Dann der eigene Bruder als ständiges Gegenbild. Doch Walker, der auf Kritik mit Aggression reagiert, entwickelt Nehmerqualitäten. Jeden Morgen drei Meilen laufen, den Alkohol besiegen, es allen zeigen.

Brolin (in letzter Minute eingewechselt für Christian Bale) trägt die Figur über jede Phase ihrer Entwicklung und jede Niederlage schlüssig hinweg und rundet den Charakter Zug um Zug ab, reift ihn und macht ihn verstehbar. Autor Stanley Weiser liefert ihm dafür jede Menge Gelegenheit, legt den Hauptfokus jedoch auf den Konflikt mit dem Vater. Der ständige Schatten von „Poppy“, wie Walker ihn in lächerlicher Kindlichkeit auch dann noch nennt, wenn er auf ihn einbrüllt, und der unbedingte Wunsch nach Anerkennung durch den übermächtigen Senior geraten zum zentralen Handlungsmotiv für den Sohn. Das ist natürlich eine arge Vereinfachung und nicht frei von Klischees, für einen 120-minütigen Spielfilm aber doch eine notwendige Reduzierung. Zugleich gibt dies Weiser die Gelegenheit, seiner Bush-Interpretation einen entscheidenden Wendepunkt zu verschaffen. Als Poppy nämlich gegen Clinton verliert, hat Walker die strategisch richtige Erklärung parat: Den Krieg zuende führen, das hätte der Senior tun müssen. Überhaupt, Dinge bis zur letzten Konsequenz durchzukämpfen, das ist das Grundprinzip, mit der Walker sich selber vorantreibt. Und so kann es kein Wunder sein, dass sein eigener Irak-Krieg ein anderer wird.

Das ist dann auch der Punkt, in dem „W.“ zur Geschichte zweier Väter wird. Weiser variiert hier ein interessantes Motiv, das er bereits in „Wall Street“ zum Motor des Films gemacht hatte. War dort Charlie Sheens Figur fatalerweise vom realen zum idealisierten Vater übergewechselt (nämlich Gordon Gekko), so geschieht hier nichts anderes, wenn Walker plötzlich den Ruf Gottes hört, Präsident wird und in den Krieg zieht. Als er gefragt wird, ob er jemals mit Poppy über den Einmarsch im Irak gesprochen habe, erwidert er mit unerschütterlicher Überzeugung, er sei der falsche Vater für dieses Thema. Der andere nämlich (also Gott), habe hierzu die richtige Meinung, und deshalb rede er mit ihm. Punkt.

Die andere große Figur dieses Films ist Dick Cheney, Einflüsterer und Hauptdrahtzieher. Richard Dreyfuss legt ihn ebenso nüchtern wie bestimmt an. Sein Cheney braucht keine Zweifel, und so ist er auch keine diabolische Gestalt (eine Gefahr, der ein anderer Darsteller vielleicht erlegen wäre). Wenn er Walker ein Papier zur Absegnung erweiterter Befragungstechniken vorlegt (im Original „enhanced interrogation techniques“), kann er seinem Präsidenten beruhigt bestätigen, dass es sich dabei um Einschüchterungsmaßnahmen durch Hunde oder simuliertes Ertrinken handelt, jedoch selbstverständlich keine Folterungen vorgenommen werden. Das ist kein Zynismus, das ist kein Trick, sondern Cheneys Überzeugung. Ganz einfach.

Zu den bemerkenswertesten Sequenzen des Films gehört deshalb auch die entscheidende Sitzung zur Planung des Krieges. Interessanterweise stammt diese nicht aus der Feder von Weiser, sondern wurde von Stone selber verfasst. Dies wissend, muss es wenig wundern, dass Cheney hier den Jim Garrison des Beraterstabes gibt und wie von Geisterhand Stars und Stripes auf eine Projektion des Feindesgebietes zaubert. Sein Plädoyer für den Einmarsch ist so schlüssig, dass auch der größte Pazifist im Publikum für einen Moment nicht widersprechen kann. Ihm gegenüber steht als Anwalt der Vernunft ein ziemlich alleingelassener Colin Powell (Jeffrey Wright), dessen durchweg richtige Argumente schlicht ausgehebelt werden. Wirkungsvoller kann man sich auch als Zuschauer nicht entwaffnen lassen, und so bedauert man am Schluss dieser Sequenz, wie wenig man selber entgegenzusetzen hatte.

Dramaturgisch setzt der Film vor allem auf die Konfrontation der Hauptfigur mit sich selber. Die Narrationslinie verläuft durchweg non-linear, und während einerseits Walkers Entwicklung bis zur Präsidentschaft chronologisch präsentiert wird, hat seine eigentliche Amtszeit erst gegen Ende eine erkennbare Ordnung. Auch sind es nicht die erwartbaren Eckpunkte und Ereignisse, die der Film thematisiert. Vielmehr konzentriert sich die Erzählung auf Episoden, mit denen sich die Figur vorantreiben lässt, und das ist für ein politisches Biopic klassischer Prägung durchaus ungewöhnlich und wird vermutlich ein Ausnahmefall bleiben. Überhaupt sieht Autor Weiser die Zeiten für Filme dieser Art in den USA erst einmal beendet. Kein Studio wagt die Investition, und so ist „W. – Ein missverstandenes Leben“ auch im Wesentlichen mit Geldern aus China finanziert. Dass es in Deutschland nicht für eine Kinoauswertung gereicht hat, zeigt zudem, dass die Verleihindustrie hierzulande offensichtlich nicht weniger risikoscheu ist. Wünschenswert ist anderes.

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Lions Gate Entertainment

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