OPERATION WALKÜRE

Unter Denkmalschutz.

Deutschland hat schlimme Zeiten erlebt. Zum Beispiel im Sommer 2007. Die Ereignisse überschlugen sich, kein Tag ohne Neuigkeiten, die einem den Atem raubten: Wackere deutsche Statisten in NS-Unifom fallen von fahrenden Transportern herunter. Katie und Suri gehen in den Berliner Zoo. Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums verkündet auf Anraten des CDU-Sektenbeauftragten, dass es im Bendlerblock keine Drehgenehmigung für ranghohe Scientologen geben werde. Amerika entrüstet sich. Katie und Suri shoppen auf dem Ku´damm. Das Bundesfinanzministerium stellt fest, dass eigentlich ihm die Zuständigkeit für die fragliche Immobilie obliegt. Tom und Katie werden im „Borchardt“ gesehen. Der Chef der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben stellt klar, dass (selbstverständlich!) niemandem eine Drehgenehmigung aufgrund seiner weltanschaulichen Gesinnung verweigert werde. Man hätte lediglich Bedenken wegen möglicher Lärmbelästigung, prüfe das aber noch einmal. Tom und Katie sehen Suri auf einem Spielplatz beim Spielen zu. Eine eifrige Berliner Anwältin verkündet, die Produktionsfirma United Artists auf millionenfachen Schadensersatz zu verklagen (wegen der gestürzten Statisten von zuvor). Eine Drehgenehmigung im Bendlerblock wird erteilt. Man möge aber bitte nicht zuviel Lärm machen. Amerika atmet auf und zieht die Kriegserklärung in letzter Minute zurück. United Artists kassieren 4,8 Millionen Euro aus dem Deutschen Filmförderfonds. Frank Schirrmacher übt sich in verbaler Fellatio und verleiht Tom Cruise einen Preis für dessen Mut, gegen Bezahlung in einem Film mitgespielt zu haben. Der Ausgezeichnete hält eine viertelstündige Dankesrede über seine Karriere, den Weltfrieden und Yoghurt in Dosen (jedenfalls vom Gefühl her). Dann ist der Spuk vorbei. Es folgt ein kurzes Nachbeben: Stauffenberg-Erben sehen das (ideelle) Vermächtnis ihrer Ahnen gefährdet. Historiker und andere, denen gerade danach ist, stellen schon mal prophylaktisch (dafür aber umso bestimmter) die historische Stimmigkeit des zu erwartenden Films in Frage. Guido Knopp findet vier Fehler. Die ARD strahlt noch schnell eine aktuelle Scientology-Doku aus. Dann ist endlich offizieller deutscher Kinostart, und die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sich: „Operation Walküre“ ist ein guter Film.

Was selber wie der Plot einer absurden Komödie über deutsches Provinztheater, vorauseilenden Gehorsam und bedingungslose Heldenverehrung aussieht, wie sie Helmut Dietl in seinen besten Zeiten (die lange vorbei sind), vielleicht hätte machen können, ist bedauerlicher Weise ein ziemlich unangenehmes Beispiel für die hiesige Unfähigkeit, mit den einschlägigen Kapiteln der eigenen Geschichte einigermaßen souverän umzugehen. Den Scientology-Faktor einmal abgezogen, wiederholte sich hier in entscheidenden Punkten ziemlich genau das, was Anfang der 90er bereits einmal mit „Schindlers Liste“ passiert war. Lange bevor man Spielberg reumütig auf Knien hinterher rutschte, um ihm einen Verdienstorden nach dem anderen an die schmale Brust heften zu dürfen, hatte man sich lauthals über dessen Anliegen empört, seinen Holocaust-Film an originalen Gedenkstätten zu drehen. Ein Kindskopf aus Hollywood, der die Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis in bonbonfarbenen Kitsch verwandelt, soll bitteschön in seinen Studios in Lala-Land bleiben und die Hände gefälligst von den stummen Zeugen deutscher Schuld und Schande lassen. Überhaupt, wieso müsse es ausgerechnet ein Amerikaner sein, der die Geschichte des heldenhaften Industriellen (und NS-Opportunisten) Schindler verfilmt? Dieses Recht sei doch wohl eher einem deutschen Filmemacher vorbehalten (und es war ausgerechnet Arthur Brauner, der sich hier mit besonders wenig Ruhm bekleckerte). Spielberg, der Mann, für den die SS ja doch wohl offenbar nicht mehr war als ein Haufen gemeiner Jungs in Uniform, und der es sich erlaubt hatte, Hitlers Bücherverbrennung zur Episode eines kindischen Abenteuerfilms herabzunivellieren – dieser Mann wagte sich an den Holocaust. Was für ein Frevel. – Der Rest ist bekanntlich (Film-) Geschichte.

Nun also dasselbe Spiel noch einmal. Noch ein deutscher Held aus dunklen Zeiten, noch ein Hollywood-Eindringling auf heiligem Terrain. Ausgerechnet Tom Cruise, der Scientologe, wagte sich an die Kühlerfigur des deutschen Widerstandes, den Schutzpatron der Bundeswehr und den lebenden Beweis dafür, dass nicht alle Nazis gewissenlos waren (manche wollten eben nur ein bisschen Krieg führen). Und wieder so einer, der an deutschen Gedenkstätten filmen will. Sehr ärgerlich. Man holt sie zwar gerne ins Land, die Jungs von der amerikanischen Westküste, man heißt sie herzlich willkommen und bittet sie um einen Eintrag ins Buch der Hauptstadt, lockt sie mit üppigen Fördergeldern (denn schließlich retten sie die darbenden Babelsberger Studios vor dem Ruin), aber von Denkmälern der Geschichte sollen sie bitteschön ihre Finger lassen. Man empört sich, stellt sich stur, empört sich noch ein bisschen mehr, dann kippt die Stimmung, man rudert zurück, läuft den amerikanischen Freunden hinterher und bittet mit Blumen und einer Schachtel Pralinen um Vergebung. Das ganze Procedere ist an Albernheit kaum zu überbieten, denn schließlich geht es hier nicht um den Weltfrieden. Oder in den Worten Hitchcocks: „Ingrid, it’s only a movie.“

Jetzt also läuft der Stein des Anstoßes auch auf deutschen Leinwänden (nachdem er in den USA bereits auf weitgehend wohlwollende Kritik und ein akzeptables Zuschauerecho gestoßen war) und führt die gesamte Sache noch einmal komprimiert ad absurdum, denn Bryan Singers Version des gescheiterten Staatsstreichs ist all das, was ihm vorab angehängt wurde, genau nicht: Historisch ungenau, klischeebeladen, heroisch, kitschig und von einem Hauptdarsteller angeführt, der den psychologischen Nuancen der realen Figur hinter seiner Rolle nicht gewachsen ist. „Valkyrie / Operation Walküre“ erweist sich zum Glück mehr oder weniger als das genaue Gegenteil.

Das beginnt bei einem gut ausbalancierten Drehbuch von Nathan Alexander und Christopher McQuarrie („The usual suspects“), das die historischen Ereignisse wirkungsvoll verdichtet, ohne der Gefahr übermäßiger Vereinfachung oder Überhöhung zu verfallen. Die Figur Stauffenberg ist eingebunden in das Ensemble seiner Mitstreiter, und jeder einzelne von ihnen wird trotz aller notwendigen Knappheit mit wenigen Strichen gut genug vorgezeichnet, um den durchweg pointiert spielenden Darstellern ebenso klare Vorgaben wie ausreichenden Vertiefungsraum zu liefern. Singer bietet ihnen zusätzlich Zeit zum Atmen und Schweigen. Nicht selten in diesem Film werden Dinge gesagt, die erst einmal eine Weile bedrückend, bedrohlich oder herausfordernd im Raum stehen und darauf warten, was sich in den Gesichtern der Darstellern abspielt, bevor der nächste Satz fällt. Das erzeugt Spannung und erinnert immer wieder daran, dass die Beteiligten bei allem, was sie tun, mit ihrem Leben spielen. Jedes Wort kann zuviel gesagt sein.

Umso behutsamer müssen die Darsteller vorgehen. Auch wenn Cruise mit seiner Rolle naturgemäß im Zentrum der Handlung steht, so ist es nicht weniger das intensiv arbeitende Gesamtensemble um Bill Nighy, Christian Berkel, Tom Wilkinson (beängstigend), Kenneth Branagh und Thomas Kretschmann, das den einzelnen Fäden der Geschichte ihren Zusammenhalt gibt. Cruise selber bietet dabei aber die größte, da angenehmste Überraschung, und liefert die zurückgenommenste und differenzierteste Darstellung seiner Karriere ab. Während man andernfalls im Allgemeinen das Gefühl nie so richtig loswird, dabei zuzusehen, wie Tom Cruise Tom Cruise spielt, der eine Rolle in einem Film spielt, tritt er hier erstaunlicherweise schnell hinter der Figur zurück und lässt sogar seinen grausigen Selbstdarstellungsmarathon jenseits der Leinwand einigermaßen vergessen. Weniger ein Fremdkörper als noch in „Magnolia“, fügt er sich über den größten Teil des Films in das Ensemble ein, ohne ihm die geschuldete Aufmerksamkeit zu entziehen und stattdessen auf sich zu lenken (sonst nicht immer seine Stärke).

Singers Film ist vor allem Spannungskino, das bemerkenswerter Weise nicht unter dem geschichtlichen Vorwissen des Zuschauers leidet, sondern sich genau dieses zunutze macht, um die Identifikation mit den Figuren zu intensivieren. Das erweist sich als besonders wirkungsvoll, wenn der Film nach Stauffenbergs Anschlag ganz die Position der Putschisten einnimmt und die Geschichte eine Weile so erzählt, als sei der Staatsstreich tatsächlich geglückt. Zu keinem Zeitpunkt ist die Spanne zwischen Utopie und Wirklichkeit spürbarer, auch wenn sie insgesamt das generelle Prinzip des Films ausmacht. Vieles spielt sich auf den unteren Wahrnehmungsebenen ab, dort, wo die Bedrohung nicht wirklich greifbar, wohl aber spürbar ist. John Ottman (einmal mehr in einer Doppelfunktion als Komponist und Editor gleichermaßen) trägt hier mit einem bedrohlich brütenden Klangteppich im unteren Hertzbereich einiges zu einem allgemeinen Unbehagen bei, das den Film fast durchgehend begleitet. Auch sonst ist die Tonspur gut ausgefeilt und setzt nur selten auf heftiges Stakkato – dann allerdings umso wirkungsvoller.

„Valkyrie / Operation Walküre“ mag die Geschichte des Kinos nicht wirklich verändern, wohl aber um ein sehenswertes Lehrstück in publikumswirksamer Aufarbeitung historischer Stoffe erweitern. Wer dröge Gegenbeispiele sucht, findet im Archiv deutscher Beiträge zum Thema ganz sicher eine zufriedenstellende Auswahl.

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Twentieth Century Fox of Germany GmbH

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Operation Walküre (DVD, dt.) Operation Walküre (Blu-ray, dt.) John Ottman: Valkyrie (Soundtrack, CD)

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