A personal Brand of Heroin.
Warum weibliche Teenager schon beim Anblick ihrer Lieblings-Boyband in derartige Verzückung geraten, dass es nicht selten zu Weinkrämpfen und hysterischen Schrei-Attacken kommt, wollen Neuropsychologen heute ganz nüchtern erklären können: Das Stirnhirn sei eben noch nicht ganz ausgereift, und so gerieten spontane Gefühlsäußerungen oftmals halt besonders unkontrolliert. Das beruhigt so manche verzweifelte Eltern sicher ungemein. Für die Auslöser derartiger Ausbrüche ändert sich damit jedoch nichts, und so müssen die solchermaßen Angehimmelten weiterhin gute Miene zum lauten und tränenreichen Spiel machen – schließlich werden sie gut dafür bezahlt. Ziemlich unvorbereitet traf die von wenig Zurückhaltung gekennzeichnete Heldenverehrung etwa den bis dato fast gänzlich unbekannten Robert Pattinson zunächst auf dem roten Teppich und setzt seitdem überall dort ein, wo er auftaucht. Mit welchen Maßnahmen auch immer die verantwortlichen PR-Strategen den Vorab-Hype um den Schauspieler geschürt haben mochten, das Resultat hätte in keinem Fall besser ausfallen können. Als Leinwandgesicht des jugendlichen Vampirs Edward aus den „Twilight“-Romanen von Stephenie Meyer dürfte der Brite fortan erst einmal mit Fluch und Segen einer Rolle zu kämpfen haben, die seiner Karriere ebenso den Weg geebnet wie ihr für eine ganze Weile Steine in denselben gelegt hat. Warum genau das junge Zielpublikum bei seinem Anblick vollkommen ausrastet, weiß er wohl selber nicht so genau, aber das kann ihm auch ziemlich egal sein. Für den nüchternen Beobachter bleibt nur ratloses Schulterzucken, denn seine Figur bietet in der äußerst erfolgreichen Verfilmung des Sensationsbestsellers nicht viel mehr als eine eindimensionale Projektionsfläche, die nett anzusehen ist, aber darüber hinaus so blass bleibt wie ihr Teint. Das behindert nicht den Unterhaltungswert, lässt aber gehörig am eigenen Stirnhirn zweifeln.
Und dabei ist die Hauptfigur doch eigentlich die wesentlich vielschichtigere Bella (sehenswert: Kristen Stewart, Jodie Fosters Tochter aus „Panic Room“). Mit ihrer hellen Haut irgendwie immer schon eine Außenseiterin im sonnigen Arizona, zieht die Siebzehnjährige gerade zu ihrem Vater in eine verregnete Kleinstadt am anderen Ende der Welt (nämlich Washington). Rasch wird sie an ihrer neuen Schule von einer ganzen Reihe Mitschülern umschwärmt, doch all ihre Aufmerksamkeit gilt vom ersten Augenblick an dem rätselhaften und unverschämt attraktiven Edward Cullen. Der aber schreckt zunächst vor ihr zurück und verhält sich auch sonst ziemlich merkwürdig. Wechselnde Augenfarbe, unglaubliche Kräfte, kein Schritt ins direkte Sonnenlicht – was könnte er anderes sein als ein Vampir? Doch mit der Erkenntnis hat sich Bella auch schon unsterblich in den Unsterblichen verliebt. Dass sie sich zugleich in lebensbedrohliche Gefahr begibt, liegt auf der Hand. Doch wie sich bald herausstellt, ist nicht Edward die wahre Bedrohung. Natürlich nicht.
Bevor man angesichts eines derart holzschnittartigen Plots gewillt ist, den Film gleich als belanglosen Teenagerkitsch abzuhaken, sollte man sich erst noch einmal in Erinnerung rufen, dass man es hier mit der Verfilmung eines immensen Bestsellers zu tun hat, dessen Erfolg nicht von ungefähr kommt. 17 Millionen verkaufte Exemplare (zwei Fortsetzungen eingerechnet), Übersetzungen in 37 Ländern, über 300 Fansites im Internet – mit Ignoranz kommt man da nicht weiter. Am schriftstellerischen Talent der (nebenbei bemerkt: ausgesprochen gutaussehenden) Autorin kann der Erfolg kaum liegen. Stephenie Meyer schreibt vor allem voluminös, ganz so, wie sie auch ihre eigene Lektüre am liebsten mag. Von Horrorliteratur oder –kino hat sie nach eigenem Bekunden geringfügige bis gar keine Ahnung – sie gruselt sich zu leicht. Es muss einen also wenig wundern, wenn ihre eigenen Vampirkreationen kaum Angsteinflößendes an sich haben. Die „Twilight“-Romane sind vor allem romantischer Natur, Coming-of-Age-Geschichten, Liebes- und Bewährungsfantasien. Dagegen ist nichts zu haben. Erstaunlich ist dabei auch lediglich die Tatsache, dass ausgerechnet die Einbindung einer (sehr eigenwilligen) Interpretation des klassischen Blutsaugers einen derartigen Erfolg zeitigt.
Im Grunde ist die Liebesgeschichte von Bella und Edward nicht viel mehr als die Variante eines hundertfach (und hundertfach besser) erzählten Sujets – nur dass einer der beiden eben ein Vampir ist. Da trifft einiges zusammen, was die Sache attraktiver macht, als sie eigentlich ist: Das große Geheimnis, das die Liebenden aneinander kettet und sie zu Verbündeten gegen eine allzu gewöhnliche Außenwelt macht. Die Gleichzeitigkeit innerer Reife und Lebenserfahrung auf der einen (Edwards Verwandlung ereignete sich bereits 1918) und der physischen Gestalt eines (für immer) Siebzehnjährigen auf der anderen Seite. Die Notwendigkeit, für die gemeinsame Liebe große Opfer zu bringen (etwa sich selbst in einen Vampir verwandeln zu lassen). Alles Bisherige aufzugeben. Sich in Ewigkeit zu binden. Und nicht zu vergessen: Dem anderen eine ständige, gefährliche, kaum widerstehbare Versuchung zu sein.
Denn genau das ist Bella für Edward. Haben er und seine Vampirfamilie doch dem Töten von Menschen abgeschworen und ernähren sich deshalb ausschließlich von Tierblut (auch wenn so mancher PETA-Aktivist nicht zustimmen würde, die sympathischen Untoten aus eben diesem Grund als Vegetarier zu bezeichnen), tritt mit Bella ein unglaubliches Verlangen nach ihrem Blut in Edwards Leben zurück. Lamm und Löwe seien sie füreinander. „My personal Brand of Heroin“ nennt er sie, und so darf es niemals zu leidenschaftlich werden zwischen den beiden – sonst nämlich könnte Edward seine Fänge in ihren Hals schlagen und nicht mehr aufhören, von ihr zu trinken. Das kennt der fleißige Popkulturjunkie bereits von Dr. Bruce Banner, der sich beim Liebesspiel allzu schnell in den giftgrünen Hulk verwandeln würde und deshalb seine Bedürfnisse im Zaun halten muss (zuletzt bezeugt von Edward Norton und Liv Tyler). Was im Marvel-Universum jedoch immer seine tragische Komponente hat, ist bei Stephenie Meyer vor allem ein küchenpsychologischer Stellvertreter für vorehelichen Geschlechtsverkehr – und von dem gilt es, lieber Abstand zu nehmen. Auf lange Distanz allerdings war der Autorin der verklausulierte Hinweis nicht genug, und so widmete sie dem Thema in aller Ausdrücklichkeit gleich einen ganzen Roman („Eclipse“, dem dritten Teil der Serie). Wichtige Anliegen sollte man eben deutlich formulieren.
Zwei ganz entscheidende Elemente des Vampirgedankens fallen hier also mehr oder weniger unter den Tisch: Die sexuelle Komponente (Orgasmus durch Blutsaugen – von Stephen King bei Gelegenheit einmal als Segen für den männlichen Potenzdruck erkannt) und das Berauschen an menschlichem Blut. Um beides geht es bei „Twilight – Biss zum Morgengrauen“ nämlich nicht. Legt man eine derartige Erwartungshaltung beiseite, so wird man mit einem schön anzusehenden, pointiert geschriebenen und einfühlsam romantisch oder erträglich kitschig inszenierten Stück Wohlfühl- und Kurzweilkino belohnt, an dem es wenig auszusetzen gibt. Melissa Rosenberg (immerhin mitverantwortlich für so manche blutige Wendung bei Serienkiller „Dexter“) hat die umfangreiche Romanvorlage schlüssig und nicht ganz ironiefrei auf runde zwei Stunden heruntergebrochen, sich dabei aber von der Autorin ausgiebig beraten lassen, so dass die Fans einigermaßen zufrieden sein dürften (nachdem eine erste Fassung seitens MTV Films von Meyer nicht gerade glücklich aufgenommen worden war). Catherine Hardwicke (die bereits 2003 mit „Thirteen“ einen weitaus schonungsloseren Film über Teenagersorgen abgeliefert hatte) findet zusammen mit ihrem Kameramann Elliot Davis schöne Bilder, und die Schauspieler machen ihre Sache allesamt ganz gut (wobei Pattinson offensichtlich nicht so recht weiß, was er mit seinen Armen machen soll und sie deshalb allzu oft funktionslos herunterhängen lässt – selbst dann, wenn er einfach nur auf dem Rücken liegt). Bemerkenswert fällt auch die ungemein gut durchdachte Musik von Carter Burwell auf, die den Ton der Geschichte besser trifft als die etwas willkürlich zusammengestellte Songauswahl (offensichtlich lässt sich Meyer beim Schreiben gerne von Muse und Linkin Park berieseln).
Wer sich ein erhellendes Doppelfeature zumuten will, der sollte auf „Twilight“ den überaus beunruhigenden schwedischen Vampirfilm „So finster die Nacht / Let the right one in“ folgen lassen. Die spiegelbildlichen Parallelen leuchten im direkten Vergleich der beiden ziemlich unterschiedlichen Genrebeiträge nämlich so hell auf, dass man sich (auch als Sterblicher schon) eine Sonnenbrille wünscht – nur mit dem Unterschied, dass der wesentlich unaufwendiger produzierte Film nach einem Roman von John A. Lindqvist seine seltsame Liebesgeschichte mit großem psychologischem Gespür und einer Düsternis ausstattet, die einen schaudern lässt. Fast wörtlich taucht die gleiche Frage in beiden Filmen auf – danach nämlich, wie lange der jeweilige Vampir schon ein Teenager ist. Im einen Fall reicht die Antwort für ein schmückendes Attribut und ein kurzes Auflachen im Kinosaal, im anderen lässt sie so tief in den Abgrund der Unsterblichkeit blicken, dass alle Blutsaugerromantik unwiederbringlich zum Teufel geht. So weit können Welten eben auseinanderliegen.

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat/Fotos: Paramount Pictures
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