Entgegen aller Konsequenz.
Ein gängiger Nebeneffekt von Literaturverfilmungen ist die Tatsache, dass die jeweilige Romanvorlage zum Kinostart in aller Regel noch mal einen nicht zu verachtenden zweiten Verkaufsschub bekommt und Autor wie Verlag neben dem Lizenzgeld für die Filmrechte auch erneut für das Originalprodukt abkassieren können. Dafür muss man nicht viel mehr tun als dem Buch ein neues Cover zu verpassen und den Handel mit genügend Exemplaren zu versorgen, auf dass der Käufer einem diese dann bitteschön auch zahlreich aus der Hand reißen möge. In seltenen Fällen tritt neben dem ökonomischen Effekt aber auch noch ein ganz anderes, viel bedeutsameres Phänomen auf: Da werden nämlich Bücher und Autoren, die bis dahin ein Randdasein in der öffentlichen Wahrnehmung geführt hatten, zum ersten Mal überhaupt erst breitenwirksam wahrgenommen. Im Fall des 1992 verstorbenen Richard Yates ist das durchaus ein Segen. Ende der 90er hatte der Schriftsteller Stewart O’Nan sich bei Gelegenheit eines umfangreichen Essays über den von ihm so verehrten Kollegen mit merklicher Resignation gefragt, auf welche Weise Yates, dessen Werk mit seinem Tod gänzlich in Vergessenheit zu geraten schien, irgendwann vielleicht doch noch einmal eine angemessene Würdigung erfahren könnte. An namhaften Bewunderern (Vonnegut, Tennessee Williams, Dorothy Parker) hatte es zwar nicht gemangelt, doch zum großen Ruhm nie gereicht. Yates selber bedauerte vor allem, nicht mehr Bücher geschrieben und mit „Revolutionary Road / Zeiten des Aufruhrs“, seinem Debütroman, auch zugleich bereits seine beste Arbeit veröffentlicht zu haben. Genau diese aber mag nun im Zuge der Filmfassung von Sam Mendes und Justin Haythe dafür sorgen, dass er vielleicht doch einen, wenn auch verspäteten Platz im kollektiven kulturellen Gedächtnis bekommt. – Wer will da noch behaupten, Kino und Literatur dienten sich nicht gegenseitig?
Yates selber stand mit Hollywood ironischerweise eher auf Kriegsfuß. Wie für viele seiner Schriftstellerkollegen diente die Filmindustrie vor allem als letzter Rettungsanker, um mit dem Schreiben wenigstens irgendwie Geld zu verdienen. Als Auftragsautor schaffte er es allerdings auch nur mit einem einzigen seiner Drehbücher tatsächlich auf die Leinwand („The Bridge at Remagen“). John Frankenheimer war Yates zwar so gewogen, ihn mit der Adaption eines anderen kontroversen Romans zu beauftragen („Lie down in Darkness“ von William Styron), die Verfilmung mit Henry Fonda und Natalie Wood jedoch, die dem Autor eine Menge Geld eingebracht hätte, scheiterte quasi in letzter Minute (laut Yates-Biograf Blake Bailey hatten Woods Agenten entschieden, dass eine Rolle als Fondas quasi-inzestuöse Tochter ihrem Image zu sehr schaden würde – eine Konstellation, die heute brandheißes Oscar-Material abgäbe). Damit hatte sich auch Frankenheimers Interesse, „Revolutionary Road“ auf die Leinwand zu bringen, verflüchtigt, und die Rechte gingen für ein Butterbrot an Albert Ruddy (späterer Produzent von Coppolas „Godfather“), der Yates immerhin die Option in Aussicht stellte, den eigenen Roman für die Kinofassung aufzubereiten – wenn auch mit merklichen Zugeständnissen. Die einzige Drehbuchversion verfasste schließlich Schauspieler Patrick O`Neal, und weil Yates hasste, was aus seinem Buch geworden war, setzte er alles dran, die Rechte zurückzubekommen. Vergebens. Der Roman überlebte seinen Autor unverfilmt, und das war vermutlich auch gut so.
Dies im Hinterkopf, darf man mit einiger Erleichterung anerkennen, dass Haythe und Mendes sich für ihren Film um eine Fassung bemüht haben, die der Vorlage im Wesentlichen treu bleibt, ohne dabei freilich das eigene Medium zu verraten. Allerdings sollte das auch das Mindeste sein, was mehr als ein halbes Jahrhundert später möglich sein muss. Inzwischen sind die 50er Jahre der USA, wie Yates sie sich vornimmt, weit genug entfernt, um eine Annäherung an den fatalen und zwangneurotischen Absturz der Protagonisten in die Bürgerlichkeit mit einer ungefährlichen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Distanz zu wagen, ohne dabei ein breites Publikum zu verschrecken. In sicherer Entfernung bewegen sich die Figuren durch ein bis ins kleinste Detail perfekt nachinszeniertes Zeitkolorit (Produktionsdesign: Kristi Zea), gehorchen den Gewohnheiten und angestammten Rollen ihres Jahrzehnts und ziehen sich hinter dem Spiel ihrer prominenten Darsteller zurück.
Diese Figuren, das sind vor allem Frank und April Wheeler, ein Paar mit großen Träumen, das irgendwie, ungewollt und doch selbstverschuldet in den Strom eines bürgerlichen Lebens geraten ist. Ein erstes Kind, ein zweites, ein Haus in der Vorstadt. Frank verdient gutes Geld mit einem bedeutungslosen Bürojob, April führt den Haushalt. Ihre großen Ambitionen zur Schauspielerei ertrinken jäh mit einem provinziellen Laientheater, und Frank sucht Abwechslung und Bestätigung in einer bedeutungslosen Affäre. Im Grunde scheint der Rest vorgezeichnet. Doch dann überzeugt April ihren Mann ausgerechnet am Tag seines ersten Betrugs, einfach alle Brücken hinter sich abzubrechen und in Europa ein neues Leben zu beginnen. Ein revolutionärer Geist erfasst die beiden, und für einen Moment scheint alles möglich. Doch weder Frank noch April sind in der Lage aufrechtzuerhalten, was den Forderungen einer von Sicherheitsdenken, Rollenverhalten und konservativen Versuchungen bestimmten Wirklichkeit entgegensteht.
Es fällt schwer, Winslet und DiCaprio nicht für ihre pointierte, frustrierende und aufwühlende Annäherung an ihre Figuren zu bewundern. „Revolutionary Road / Zeiten des Aufruhrs“ bietet eine exzellente Bühne für hochklassiges Schauspielerkino, und diese Gelegenheit ergreift der Film mit aller Macht. DiCaprios gestenreiches, punktgenau einstudiertes Spiel und Winslets instinktive, scheinbar unmittelbare Verkörperung Aprils ergänzen sich in der Widersprüchlichkeit der beiden Ansätze gerade deshalb so ideal, weil sie auf diese Weise ihre Figuren umso deutlicher voneinander wegdriften lassen. Im Gegensatz zum Roman, der erst gegen Ende die vorherrschende Perspektive Franks verlässt, gibt der Film April mehr Raum, macht sie präsenter, aktiver, bedeutsamer. Während Yates sie vor allem durch die Wahrnehmung ihres Mannes einbindet und damit vollständig entfremdet, stattet Winslet ihre Figur von Anfang an mit großer Ambivalenz und Vielschichtigkeit aus. Man kann sicher sein: Eine Verfilmung aus den 50ern hätte sich gänzlich auf Frank konzentriert und Aprils Verhalten umso unnachvollziehbarer aussehen lassen. Hier jedoch muss DiCaprio seinen Protagonisten ein ganzes Stück zurücknehmen und lässt ihn so deutlich zur unterlegenen Figur werden.
Wenn Frank etwa nicht aufhört, vernünftig auf April einzureden (und das tut er oft), obwohl sie nichts anderes will, als dass er schweigt, trifft ihn die Schuld, dass die Situation eskaliert. Daran lässt der Film keinen Zweifel. Es ist April, die letztlich die Initiative ergreift, während er sich zu einer billigen Affäre hinreißen lässt. Es ist April, die einlenkt, in seinem Sinne entscheidet, bewusst hinter ihm zurücktritt. Frank hingegen ist leer, unentschlossen, wankelmütig, cholerisch und traumlos. Das ist er auch bei Yates, nur dass seine Frau dort wie eine berechenbare Nebenfigur in Erscheinung tritt, mit Verhaltensmustern, die Frank zwar gut kennt, mit denen er aber nie umzugehen gelernt hat. Umso erschreckender gerät dann der Perspektivwechsel – ein Schritt, den der Film nicht machen kann, da er beide Figuren frühzeitig schon gleichwertig behandelt.
Es ist vor allem diese Entscheidung, die den Film als Produkt seiner Zeit kennzeichnet. Das ist legitim, zugleich aber auch ein Merkmal seiner Distanz. Die Verschiebung der Perspektive geschieht zwar behutsam und ohne Verrat an der Vorlage, sie markiert aber nichts desto trotz eine modernisierte Lesart. Sie macht den Zuschauer zum Beobachter, der mit den Vorgaben seiner eigenen Sozialisierung auf Menschen aus einer Zeit blickt, die ihm fremd erscheinen muss. Das ist faszinierend, nur zugleich auch mit dem ständigen Verdacht belegt, die Verhaltensmuster, Irrationalitäten und Entscheidungen der Figuren seien eben vor allem ein Phänomen einer Generation und ihrer Umstände.
Genau dies soll der Film aus Sicht seiner Macher aber gerade nicht sein. Unermüdlich weisen Mendes, Haythe und die Darsteller darauf hin, wie gegenwärtig und zeitlos die Geschichte doch sei, und wie präzise Yates das Psychogramm einer Ehe voller verlorener Träume, verpasster Chancen und uneingelöster Versprechen formuliert habe, das bis heute keinerlei Aktualität und Gültigkeit einbüßen musste. Für Yates und seinen Roman lässt sich das nun auch sicherlich aufrecht erhalten. Was allerdings die Filmversion angeht, so sind dem unmittelbaren Zugriff doch eine ganze Reihe von Filtern vorgeschaltet. „Revolutionary Road“ ist bewegend, bedrückend, aber nicht gefährlich.
Ganze Passagen übernimmt das Drehbuch bis ins kleinste Detail, lässt Dialoge unberührt, doch zugleich geraten entscheidende Nahtstellen unter den Weichzeichner. Gegen Ende scheint dann doch die Angst vor dem Zuschauer eingesetzt zu haben, und obwohl das Handlungsgerüst der Vorlage auch dort im Wesentlichen aufrecht erhalten bleibt, ist die tiefe Erschütterung, die Yates ohne Zugeständnisse zuende formuliert, auf der Leinwand behutsam abgemildert. Das schmälert die Leistung der Beteiligten nicht, zeigt aber, dass breitenwirksames Starkino offensichtlich immer noch weniger risikobereit ist, als es gerne vorgibt.

Artikel © 2009 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Paramount Pictures
Weitere Filmkritiken | Startseite | Impressum
Schlagwörter: albert ruddy, april wheeler, blake bailey, coppola, dorothy parker, film, filme, filmkritik, filmreview, filmrezension, francis ford coppola, frank wheeler, henry fonda, hollywood, john frankenheimer, justin haythe, kate winslet, kino, kinokritik, kristi zea, kritik, kurt vonnegut, leonardo dicaprio, lie down in darkness, literaturverfilmung, natalie wood, patrick o´neal, produktionsdesign, review, rezension, richard yates, romanadaption, romanvorlage, sam mendes, stewart o´nan, tennessee williams, the bridge at remagen, the godfather, william styron, zeitkolorit




