Spiegelbilder.
Was macht die meisten Geschichten, in denen Kinder die Hauptfiguren sind, für Erwachsene eigentlich so unerträglich? – Wer sich diese Frage im Geheimen schon oft gestellt, aber nie so recht eine zufriedenstellende Antwort gefunden hat, sollte vielleicht einmal einen Blick auf John Ajvide Lindqvists unbehaglichen Beitrag zum Blutsaugergenre über unterdrückte Aggressionen und soziale Kälte werfen – und das selbst dann, wenn einem Vampirfilme im Allgemeinen eher wie ein untotes Ärgernis erscheinen. Wo anderorts in Fiktion und Realität nämlich über dem ausgestoßenen, von den Eltern unverstandenen und von stärkeren Mitschülern permanent erniedrigten Zwölfjährigen in aller Regel eine Menge pädagogischer Sondermüll abgeladen wird, der ihn lehren will, die Faust in der Tasche zu machen und abzuwarten, bis sich das Blatt wendet, macht die Geschichte um den von gewaltigen Rachefantasien geplagten Jungen aus der Vorstadt ihrer Hauptfigur das größte Geschenk überhaupt: Sie stellt ihr eine ebenso gequälte Seele an die Seite, die ihr sagt, „Werde ein bisschen wie ich“. Und das heißt: Lass Blut fließen, wenn es sein muss. – Für ein Kinderfilmfestival also gänzlich ungeeignet, für erwachsene Zuschauer aber eine willkommene Gelegenheit, sich an die eigenen Demütigungen des Heranwachsens zu erinnern und festzustellen, dass es da Momente gab, in denen man sich nichts sehnlicher gewünscht hätte, als eine derartige Empfehlung zu bekommen. Insofern ist „So finster die Nacht“ vor allem eine arg verspätete Erfüllung dunkelster Kindheitsträume. Aber auch da gilt eben: Besser spät als nie.
Erstaunlicherweise gehören die nächsten Verwandten der Fledermäuse zu den langlebigsten Kopfgeburten populärer Legendenbildung. Die Figur des Blutsaugers mit Hang zur schicken Blässe scheint einer unerschöpflichen Variationsvielfalt eben schlicht die geeignete Projektionsfläche zu liefern. In regelmäßigen Abständen machen sich neue Formen des Vampirismus breit und loten unverzagt alles aus, was die Popkultur so hergibt. Wer dabei immer noch in erster Linie Christopher Lee und Max Schreck im Kopf hat, dem ist das Genre so fremd wie dem Vampir ein Sonnenbad am Strand. Hat sich eine Interpretation überholt, erhebt sich gleich auch schon die nächste aus dem Sarg. Während Anne Rice etwa dem blasiertesten Vertreter seiner Rasse mittlerweile den literarischen Holzpflock in die schmale Brust gerammt hat, feiert Stephenie Meyer mit ihren Unsterblichkeitsromanzen für verträumte Teenagerinnen derzeit Triumphe am Rande der Massenhysterie.
Hinzu kommt, dass die Blutsauger sich so ziemlich jedem Genre-Umfeld anpassen, in das sie hineingestellt werden. Weit entfernt davon, lediglich wohligen Grusel zu verbreiten, funktionieren sie ebenso gut als schmachtende Liebhaber („Twilight“), schusswaffensichere Actionhelden („Underworld“), verfluchte Apostel („Dracula 2000“), verfluchte Prinzen („Blacula“), adlige Lesben („Las Vampiras“), melancholische Privatdetektive („Moonlight“), sühnende Privatdetektive („Angel“), gestresste Großstädter („Love at first Bite“), vereinsamte Großstädter („The Wisdom of Crocodiles“), Schauspieler („Shadow of the Vampire“), Rockstars („Queen of the Damned“), schauspielernde Rockstars („The Hunger“), farbige Stripperinnen („Vamp“), Latino-Stripperinnen („From Dusk till Dawn“), Cops („Nick Knight“), Aliens („Lifeforce“), Enten („Count Duckula“) und komplette Vollidioten („Dracula: Dead and loving it“). Die Liste ist beliebig erweiterbar.
Der Vielzahl der Blutsaugerfiktionen ist dabei bemerkenswerter Weise ein durchgängiger Verzicht auf Einbindung in realitätsnahe soziale Kontexte gemeinsam. Vampirismus und Realismus halten sich in den allermeisten Fällen gänzlich voneinander fern. Stilisierung, Klischeeisierung, Überhöhung oder Ironisierung treiben der Fiktion stattdessen alle größere Ernsthaftigkeit aus und ignorieren so den Blick auf jegliche innere Dramatik, die das Motiv potentiell in sich trägt. Nur selten einmal findet sich eine vergleichsweise nüchterne Annäherung an den Stoff, und umso mehr muss aus dem Rahmen fallen, was etwa Poh Chi-Leong im Fall von „The Wisdom of Crocodiles“ herauszuarbeiten versucht hat (zudem ein wichtiges Dokument dafür, dass Jude Law mal ein vielversprechendes Talent war). Von allen Genre-Beiträgen mag dieser der Verfilmung des schwedischen Bestsellers „Låt den rätte komma in / Let the right one in“ deshalb auch am nächsten stehen, doch der vielfache Festivalgewinner unter zurückhaltender Regie von Tomas Alfredson geht noch einen ganzen Schritt weiter.
Eingebettet in ein Klima von drohender Armut und emotionaler Leere entfaltet sich die seltsame Geschichte des zwölfjährigen Oskars und seiner aufkeimenden Freundschaft zu dem gleichaltrigen Mädchen, das eines Tages neben ihm einzieht und auch im Winter immer barfuss geht. Eli hat keine Freunde, und der ältere Mann, mit dem sie zusammenwohnt, und der nachts Teenager kopfüber an Bäumen aufhängt, um sie ausbluten zu lassen, ist in Wahrheit auch nicht ihr Vater. Wie nebenbei und ganz natürlich fügt sich der Vampirismus des Mädchens in die erdrückende soziale Realität der Geschichte ein, und die Tragik einer Zwölfjährigen, die weder jemals zur Frau werden noch unter Gleichaltrigen leben kann, findet ihren Spiegel in Oskars emotionaler Verwahrlosung. Der Junge, der auf beiden Seiten seines getrennt lebenden Elternhauses nur eine Nebenrolle spielt und den körperlich überlegenen Kindern seiner Schule als Spielball für brutale Demütigungen dient, wird ihr einziger Freund.
Lindqvist hat seinen eigenen Roman für die Filmfassung adaptiert und das komplexe Personen- und Schicksalsgeflecht auf die beiden Hauptfiguren heruntergebrochen. Einiges hat es in die fertige Fassung trotzdem nicht geschafft, und einen Epilog hält der Autor gar noch für eine spätere Veröffentlichung des Films bereit. Bis dahin aber wirkt Alfredsons Fassung so perfekt wie sie nur sein kann. Von der ersten Einstellung, die Oskars gespenstisch transparente Spiegelung in der Doppelverglasung seines Kinderzimmerfensters zeigt (ein Bild, das es von Eli naturgemäß eigentlich nie zu sehen geben sollte – irrtümlicherweise), das Messer in der Hand, mit dem er in seiner Vorstellung alle Peiniger wie Schweine abschlachtet, über den schauerlichen Effekt, der zeigt, was mit einem Vampirmädchen passiert, wenn man ihm eine Einladung in die eigene Wohnung versagt, bis hin zum haarsträubend sprachlos machenden Finale, das so beiläufig und konsequent daherkommt wie die Sonne, die am Ende des Winters allen Schnee wegschmelzen lässt, der die Stockholmer Vorstadt dieser Geschichte fest im Griff hat, hebt sich „So finster die Nacht“ so gründlich von allem ab, was der Vampirfilm sonst hergibt, dass einem jetzt schon angst und bange werden kann vor dem geplanten US-Remake (unter der Regie von Matt Reeves).
Dabei bietet die Romanvorlage ausreichend Material für eine echte Alternativfassung, und man kann nur hoffen, dass sich die beiden Filme langfristig bestenfalls ergänzen und nicht etwa ausschließen werden. Tomas Alfredson jedenfalls hat seiner Version große Eindringlichkeit trotz zurückgenommener Mittel verliehen und eine Form der Beklemmung über den Film gelegt, die vor allem von einem durchgängigen Verzicht auf Verfremdung oder Stilisierung jeglicher Art herrührt. Ganz besonders aber sticht hervor, wie ernst Regie und Autor ihre Figuren und die existenzielle Tragik nehmen, die sie mitbringen. Es mag eine Weile dauern, sich in den Protagonisten (und ihren Darstellern) zurechtzufinden, jedoch liegt das vor allem an der Prädisposition des Zuschauers selbst und seinem kulturellen Gedächtnis, das Kinderkonflikte fast ausnahmslos in kindgerechten Geschichten verortet. Lindqvists Blutsaugerfantasie aber ist genau dies nicht, sondern stattdessen ein sehr erwachsener Blick auf die existenziellsten Konflikte Heranwachsender, ihre dunklen Wünsche und Träume jenseits aller Moral und gesellschaftlichen Tauglichkeit – und damit eine echte Ausnahmeerscheinung.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: MFA+ Filmdistribution e.K.
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