DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILLSTAND

Time for Change.

Wir sind nicht allein. Das ist nicht nur die Grundüberzeugung vieler Paranoia-Patienten, sondern auch das unumstößliche Credo der weltweiten UFO-Gemeinde, Nina Hagen eingeschlossen. Und so diente diese prophetisch anmutende Feststellung 1977 naheliegender Weise auch als angemessener Slogan für die friedlichste aller Licht- und Alienfantasien mit dem etwas ausufernden Titel „Close Encounters of the Third Kind“. Bis heute hat Steven Spielberg seitdem noch viermal den Besuch außerirdischer Lebensformen auf dem Heimatplaneten der Erdlinge beobachtet, doch erst 2005 wurde es dabei ziemlich ungemütlich. Mit der an Kollateralschäden nicht armen Zerbombung des Irak war es an der Zeit, die beliebte Invasionsangst, mit der das Kino der fliegenden Untertassen in den 50er Jahren operiert hatte, wieder aufleben zu lassen. Im „War of the Worlds“-Remake lassen die Aliens erst mal die Erde stillstehen, indem sie alle Elektronik lahm legen, und pulverisieren dann nach und nach alles, was ihnen an menschlichem Leben vor die Laserflinte kommt. Dass sie dabei nicht so richtig mit den atmosphärischen Bedingungen des blauen Planeten klarkommen, belegt, dass Feldforschung nicht unbedingt zu den Stärken fremder Galaxie-Bewohner gehört. Ähnliches lässt sich im 2008er Remake des außerirdischen Pazifismus-Klassikers von 1951 feststellen. „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ zeigt in dieser Fassung nämlich, dass die Besucher aus dem All zwar offensichtlich mit Al Gore d´accord gehen, was den Klimaschutz angeht, von den menschlichen Fähigkeiten zu lieben, zu trauern, oder einfach auch nur mal nett zu sein, anscheinend aber noch nie etwas gehört haben. Vielleicht hätten sie einfach ausführlicher googlen oder in der Wikipedia nachlesen sollen – aber auf der Milchstraße gibt es eben keinen mobilen Internetzugang.

Der Tag, an dem die Erde stillstand (The day the Earth stood still). Foto: Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Trotz aller rückblickenden Beifallsbekundung sollte man nicht vergessen, dass weder Robert Wise noch Autor Edmund H. North für ihren Beitrag zu Völkerverständigung und Abrüstung den Friedensnobelpreis verliehen bekommen haben. Das sollte zwar niemanden wundern, liest man jedoch, auf welche Weise ihr Film mancherorts gegen seine Neufassung ausgespielt wird, könnten sich solche Gedanken durchaus einstellen. Freilich: In Zeiten, da die Landung außerirdischer Raumschiffe auf der Leinwand vor allem gerne mit der roten Bedrohung aus dem fernen und kalten Osten assoziiert wurde (zumindest will die Filmgeschichtsschreibung davon partout nicht abrücken), fiel ein B-Movie, das seine Aliens mit einer ausschließlich friedlichen Mission zur Erde schickte, unübersehbar aus dem Rahmen. Warnen wollten sie die Menschheit, und zwar vor der atomaren Katastrophe, zum versöhnlichen Gespräch motivieren, das war ihr Ziel, und am Schluss flogen sie mehr oder weniger unverrichteter Dinge wieder ab. Immerhin, so lehrt es die Geschichte, haben sie die atomare Abrüstung offenbar wirksam angestoßen und die Zerstörung des Planeten erst mal verhindert.

Über den Klassikerstatus dieses Films für sein Genre zu streiten, ist völlig obsolet. Bis in Spielbergs außerirdischen Gnom mit Leuchtfinger hinein ist sein Einfluss spürbar, und daran gibt es auch nichts zu rütteln. Das ändert aber wenig an der Tatsache, dass ein halbes Jahrhundert Wirkungsgeschichte die Sinne vernebeln und gerne übersehen lassen, in welchem Maße die Dokumentation dieser extra-terrestrischen Friedensmission auch ganz handfester Trash ist. Dazu bedarf es nicht erst alberner Raumanzüge und der Tatsache, dass für den damaligen US-Zuschauer augenscheinlich schon ein britischer Akzent genügte, um eine Figur als Alien durchgehen zu lassen (wohingegen Killerroboter aus der Zukunft ja bekanntlich ihre Sprachchips aus der Steiermark geliefert bekommen). Das Sujet selber, seine unausgegorene Dramaturgie und so manche bedeutungsschwangere Textzeile stehen in einem so gründlichen Widerspruch zur Ernsthaftigkeit, mit der die Schauspieler operieren, dass man dem Remake ruhigen Gewissens vorab schon einmal den Griff in die Pathoskiste verzeihen darf. Überhaupt, wer der Neufassung vorwerfen will, dass sie keinerlei Distanz zu ihrer ökolastigen Welterrettungsbotschaft erkennen lässt, der tut gut daran, noch einmal einen kritischen Blick auf das Original zu werfen, um sich dort auf die (ergebnislose) Suche nach ironischen Brechungen zu machen.

Die 2008er Fassung unter der Regie von Scott Derrickson (einziger bisheriger Beleg seiner Arbeit: „The Exorcism of Emily Rose“) ist in der Tat nicht weniger B-Film als das Original, und wenn man „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ unter dieser Voraussetzung betrachtet, machen die knapp über 100 Minuten auch einigermaßen Spaß – denn verbessert haben sich die Probleme der früheren Version um kein Iota. Der entscheidende Unterschied: Derricksons Film hat Millionen von Dollars verschluckt, und deshalb ist man vielleicht nicht so einfach bereit, ein entgegenkommendes Auge zuzudrücken, wenn die Geschichte fast in ihren eigenen Logiklöchern zu verschwinden droht. Hinzu kommen diejenigen Absurditäten, die das Drehbuch von David Scarpa einfach von der früheren Fassung übernimmt. Wie im Original wird es auch hier dem außerirdischen Besucher nicht ermöglicht, vor den Mächtigen der Welt zu sprechen – mit dem trotzigen Türsteher-Argument, das ginge eben nicht. Man stelle sich das einmal vor: Ein außerirdisches Raumschiff landet im Central Park (wo auch sonst?). Die Army, kann nichts ausrichten, denn ein riesiger Kampfroboter weist ihre Waffen einfach in die Schranken. Einer der Aliens verwandelt sich in einen Menschen und sagt, er hätte eine wichtige Botschaft für die UN. Was ist da die absurdeste Reaktion der Verantwortlichen, die man sich vorstellen könnte? Richtig, dass sie ihm seine Bitte verweigern und ihn stattdessen an einen Lügendetektor anschließen, um herauszufinden, ob er eine Invasion plant (wozu auch immer diese Information dann gut sein soll – vielleicht, um noch schnell eventuell ausstehenden Resturlaub zu nehmen, damit dieser unter der bevorstehenden Alien-Herrschaft nicht verfällt).

Über schlüssige Motivation und Logik nachzudenken, ist also müßig, aber das galt schon im Fall des Originals. Das eigentlich Ärgerliche dieses Remakes ist also weniger seine trashige Naivität in millionenschwerem CGI-Gewand, sondern vielmehr die Tatsache, dass man hier anscheinend die Gelegenheit für eine weitere, wenn auch unglücklich terminierte Wahlkampfhilfe in Richtung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten nutzen wollte. Das fällt in der deutschen Fassung kaum auf, denn ein messianischer Gesandter ist der Außerirdische im menschlichen Körper von Keanu Reeves nun nicht wirklich. Natürlich, der US-Präsident, der sich hier ganz schnell aus dem Staub macht und in einem Schutzbunker verschwindet, kommt ganz sicher nicht aus Illinois und verfolgt vielmehr die Strategie, dass es in jedem Fall am besten ist, die Army einfach auf alles feuern zu lassen, was irgendwie Probleme bereiten könnte. Darüber mag man noch mit wohlwollenden Sinn für Plakativitäten hinwegsehen. Hört man jedoch in die englische Originalversion hinein, fallen einem fast die Ohren ab – und das nicht etwa, weil die Außerirdischen gekonnt mit Audiowaffen operieren, die keineswegs nur das Trommelfell von Hunden gekonnt malträtieren.

Keanu Reeves. Der Tag, an dem die Erde stillstand (The day the Earth stood still). Foto: Twentieth Century Fox of Germany GmbH

„We can change“ ist das entscheidende Argument, das die Astrobiologin Helen (hier Jennifer Connelly in einer Rolle, die 1951 noch wesentlich irrelevanter ausfiel) dem außerirdischen Besucher entgegenhält, als dieser beschließt, dass es an der Zeit sei, den Planeten vom Menschen zu reinigen, bevor er das für die gesamte Galaxie wertvolle Ökosystem gänzlich zugrunde richtet. Sie sagt es einmal, und dann sagt sie es in minimalen Varianten bis zum Ende des Films noch mindestens ein Dutzend mal. Nur „Change“ könne die Welt noch vor dem Untergang retten, und erst im Angesicht der Bedrohung seien die Menschen bereit, diese Herausforderung auch anzunehmen. Change bis zum Abwinken, das ist die plakativste aller Botschaften dieses Films, und wer sie (in der englischsprachigen Fassung) nicht wahrnimmt, muss wohl taub sein. Dass es übrigens ausgerechnet ein kleiner, adoptierter, farbiger Junge (und zwar der Sohn von Hancock) sein muss, der letztlich die Verantwortung für die Errettung des Planeten trägt, kann man bestenfalls mit Belustigung zur Kenntnis nehmen.

So hätte „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ in einem Filmjahr, das sich in den US-Kinos vor allem auf Superhelden konzentrierte (geläuterte Rüstungsmogule und sonstige Großverdiener mit sozialem Gewissen), eine weitere Stufe in Hollywoods pathologisch anmutender Obamania werden können – wäre nicht eine fatale Verzögerung des Produktionsstarts dazwischengekommen. Jetzt also beschränkt sich seine Propaganda-Funktion auf die Rolle eines Bestätigungsschreibens, das die Wahlentscheidung Amerikas noch einmal als richtig unterstreicht.

Ein echtes Stück Realsatire am Rande: In einer Pressemeldung berichtet die produzierende Fox mit unüberhörbarem Stolz, auf welche Weise sie, in den Worten ihres Partners Vizeum, „den hohen Clutter der Vorweihnachtszeit durchstoßen“ konnte, um sich „nachhaltig im Relevant Set der Zielgruppe  zu  etablieren“. Worauf der Director Communication Consult des Unternehmens hier in den gut auswendig gelernten Phrasen seiner Zunft hinweisen will, ist ein Werbeblock-Konzept, in welchem die Clips einiger Industrie-Partner auf dieselbe Weise zerstört werden wie Teile der US-amerikanischen Zivilisation im Film. Die Auslöschung der Menschheit als Marketing-Stunt also. Man mag sich fragen, ob da heute nicht vielleicht so manchem findigen Experten für die Vermarktung von „Schindlers Liste“ eine aufmerksamkeitsstarke Kooperation mit den von wettbewerbsrechtlichen Vorgaben geplagten Gasversorgern eingefallen wäre. So jedenfalls werden nun ein Fernsehhersteller, ein Bierbrauer und ein Süßwarenkonzern von den Außerirdischen für ihre Ökosünden bestraft – immerhin ein bemerkenswerter Imagewandel. Am Ende zählt eben nur die Pointe.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat / Fotos: Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Weitere Filmkritiken | Startseite | Impressum

Der Tag, an dem die Erde stillstand (2 DVDs, Special Edition, dt.) Der Tag, an dem die Erde stillstand (DVD, dt.) Der Tag, an dem die Erde stillstand (Blu-ray, dt.)

Add to Technorati Favorites Diese Seite zu Favoriten.de hinzufügen Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen SocialTwist Tell-a-Friend

screen/write: filmkritik

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.