Zugfahrt im Schnee.
Zum Bedauern aller Nostalgiker geht kein Weg daran vorbei, dass eine Bahnreise über mehrere tausend Kilometer in Zeiten des transkontinentalen Flugverkehrs unbestreitbar anachronistische Züge trägt. Die bloße Personenbeförderung von einem Punkt auf der Landkarte zu einem anderen jedenfalls reicht als Argument für die lange Fahrt auf den Schienen nicht mehr aus. Verständlich also, dass Eisenbahn-Fan Roy bei seiner Frau zur Sicherheit lieber noch einmal nachfragt, ob das Paar den langen Trip von Peking nach Moskau wirklich nicht per Linienmaschine absolvieren soll. Aber Jessie – einst ein echter Wildfang, jetzt brave Bibelleserin und gezähmte Hobby-Fotografin – will ihrem Mann den Spaß nicht verderben, und so finden sich die beiden wenig später tatsächlich auf der längsten durchgehenden Eisenbahnverbindung der Welt wieder (und entgegen mancher Vermutung bezieht sich der Titel „Transsiberian“ auf eben diese und nicht – etwa analog zum Orientexpress – einen bestimmten Zug). Doch wie so oft im Kino, wenn sich zivilisierte US-Bürger in unbekanntes Terrain vorwagen und glauben, ihre bloße Herkunft garantiere auch bereits ihre Sicherheit, wird die Lage bald schon brenzlig. Ein zwielichtiges Pärchen, ein Koffer mit Matrjoschka-Puppen, ein fataler Zwischenstopp und ein undurchsichtiger russischer Polizeibeamter (ausgerechnet Ben Kingsley) – mehr braucht es nicht, um die höchst spannende Geschichte bis zum Ende so gut geölt laufen zu lassen wie die Räder des Zuges, auf dem sie spielt.
Nach dem verwirrenden Psychotrip „The Machinist / El Maquinista“ hat sich Regisseur Brad Anderson den Luxus erlaubt, einen geradlinigen Suspense-Thriller auf die Leinwand zu bringen, der fast so angenehm altmodisch anmutet wie die Reise mit dem eurasischen Schienenfahrzeug selbst. Ungewohnt lange nimmt sich der Film die Zeit, seine Figuren mit der nötigen Dosis an Sympathiewerten auszustatten, die es zulässt, dass man ihnen später genau diejenigen Dummheiten zu verzeihen bereit ist, mit denen sie sich überhaupt erst in die Bredouille bringen: Gutmensch Roy (Woody Harrelson an der Schwelle zur Parodie) erliegt seiner Naivität und die geläuterte Jessie (Emily Mortimer) ihrer allzu leichten Verführbarkeit. Das klingt ein bisschen arg simpel, funktioniert für die Geschichte aber überraschend gut und ist zudem behutsam genug strukturiert, um nicht auf ein angenehm ausbalanciertes Maß an Glaubwürdigkeit verzichten zu müssen.
Als großes Plus dieses Films aber erweist sich vor allem sein winterliches Setting im Herz eines Landes, das Zuschauer und Protagonisten gleichermaßen fremd bleibt. Denn während im nordamerikanischen Binnenland schießwütige Rednecks, hungrige Kannibalen und kettensägenschwingende Inzestmonster ihr anti-kolonialistisches Unwesen treiben müssen, um übermütigen Touristen das Fürchten zu lehren, ist die Bedrohung der weißgeschneiten Taiga vor allem ein unerbittliches Schweigen, das jeden Eindringling ohne Warnung einfach in sich zu verschlingen droht. Immer wieder erlaubt sich die Kamera einen ausgedehnten Blick auf nicht enden wollende Schneelandschaften, in denen die ratternde Eisenbahn das einzige Zeichen von Leben zu sein scheint. Dass hier verloren ist, wer vorzeitig aussteigt, wird offensichtlich. Und dass den Figuren genau dies früher oder später bevorsteht, daran kann bereits nach dem ersten Panoramashot eigentlich niemand ernsthaft zweifeln.
Dem Railmovie ein eigenes Genre zuzuweisen, wäre sicher zuviel des Guten. Filme, die vor allem auf den Schienen spielen und dort ihre ganz eigenen Regeln durchexerzieren, führen in der Geschichte des Kinos eher ein Randdasein. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass das Medium selber seinen Anfang unter anderem ausgerechnet mit der Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof genommen hat. Glaubt man der Legende nämlich, so hatte die berühmte 1895er Aufführung von „L’arrivée d’un train en gare de La Ciotat“, einem der ersten Filmbeispiele der Gebrüder Lumiére, heftige Publikumsreaktionen zur Folge – denn eine Leinwandprojektion bewegter Bilder hatte man bis dato noch nicht gesehen. Ob es nun wirklich den Tatsachen entspricht, dass die anwesenden Zuschauer in Panik gerieten, als sie den Zug im Anschnitt auf sich zufahren sahen, oder nicht, mag dahingestellt sein (vermutlich ist es schlichtweg Unsinn). Bemerkenswert bleibt aber, dass die ureigenste Fähigkeit des Kinos, Zeit visuell abzubilden, eine ihrer ersten Manifestationen tatsächlich auf den Schienen fand.
Das kommt aber vielleicht auch gar nicht von ungefähr. Sind doch beides Medien der Beschleunigung, die erst in der gleichförmigen Transportbewegung ihren Zweck erfüllen – der Zug auf den Schienen und der Film eben im Projektor. Dass das bloße Material des Kinos oder, wenn man so will, seine Software, die Filmrolle nämlich, in ihrer visuellen Erscheinung bereits unübersehbar mit dem Bild der Schiene verwandt ist, kommt verblüffender Weise hinzu. Und so rattern die beiden vor sich hin, bis die Digitaltechnik das Zelluloid und der Flugverkehr die Eisenbahn eines Tages gänzlich ersetzt haben werden.
In „Transsiberian“ erscheinen vielleicht gerade deshalb auch die technischen Errungenschaften der Gegenwart nicht unbedingt in bestem Licht. Handys helfen nicht weiter, und ausgerechnet Jessies liebster Zugang zur Wirklichkeit, ihre Digitalkamera, wird auf fatale Weise zur Bedrohung (wer übrigens Marke und Typenbezeichnung beim ersten Mal nicht lange genug gesehen hat, um sie sich einzuprägen, kann sicher sein, dass er dazu im Verlauf des Films noch ausgiebig Gelegenheit bekommt).
Wer unbedingt will, mag sich an „Strangers on a train“ erinnert fühlen und auch sonst ein bisschen Hitchcock spüren, doch das kann man auch schnell überbewerten. Immerhin jedenfalls wartet Andersons Film gegen Ende mit einem absurden Bravourstück auf, das einem Mordkomplott per Streuflugzeug in nichts nachsteht. Viel interessanter aber ist es, sich ein paar andere Railmovies in Erinnerung zu rufen und sich dann zu wundern, wieso es fast immer handfestes Spannungskino ist, das auf dem Zug aufsattelt. „Murder on the Orient Express“, „Emperor of the North Pole“, „Silver Streak“ (besser bekannt als „Transamerica Express“), „Runaway Train“, „Narrow Margin“, aber gerne auch ein Nebenprodukt wie „Under Siege 2“ – sie alle nutzen die Natur der Zugfahrt als dramaturgischen Motor.
Dabei steht die Entwicklung der Charaktere eher im Hintergrund und markiert so die deutliche Abgrenzung vom klassischen Roadmovie. Stationen sind auf dem Schienentrip eben nicht beliebig, sondern zwangsläufig vorgegeben. Wie viele Haken die jeweilige Geschichte auch schlagen mag, ihre Grundstruktur ist unvermeidlich linear, zielgerichtet und damit schicksalsträchtig (wohingegen das Roadmovie ja gerade die offene Form propagiert und mit dem Zufall arbeitet). Hinzu kommt: Worauf auch immer der jeweilige Film zusteuert, er tut es jedenfalls mit einigermaßen klarer zeitlicher Vorgabe, und innerhalb dieser muss er zuende erzählt werden. Eine solche Konstellation kommt dem Spannungskino deutlich entgegen, und so ist es auf den Schienen auch gut aufgehoben.
„Transsiberian“ bildet hier keine Ausnahme, operiert aber zugleich auch mit der Dramaturgie der Zwischenstopps. Denn wann immer die Figuren ihre Fahrt unterbrechen, setzt die Geschichte ihre Wegmarken – und die haben es in sich. Lange lässt der Film den Zuschauer im Unklaren darüber, was ihn eigentlich zu erwarten hat und führt ihn vielleicht sogar bewusst auf falsche Fährten. Doch umso gründlicher greift dann schließlich das entscheidende und völlig unvorhersehbare Ereignis, welches die Sache ins Rollen bringt. Für die Figuren ist ein Umkehren zu diesem Zeitpunkt natürlich längst zu spät, aber das liegt auch schlicht in der Natur der Sache. Auf den Schienen ist der Weg eben klar vorgezeichnet.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Universum Film GmbH
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