Frauen halten zusammen.
Remakes genießen keinen besonders guten Ruf, und das in den allermeisten Fällen zu Recht. Rein ökonomisch betrachtet, hat die Neuauflage eines einmal bewährten Erfolgsproduktes natürlich einiges für sich, und soweit es die amerikanische Filmindustrie betrifft, sind Europa und Asien dahingehend echte Versuchsmärkte. Heimische Produktionen, die auch über die eigenen Grenzen hinaus gute Erfolge verbuchen können, dürfen sich meistens recht bald schon über Lizenzanfragen aus Kalifornien freuen. Doch auch die eigenen Archive werden in Hollywood längst auf mögliches Wiederverwertungsmaterial hin durchsucht, zumal man sich dabei meistens nicht einmal mehr um die Rechte kümmern muss. Auffällig ist, dass im Remake-Business vor allem Genre-Produktionen die Nase vorn haben. Klar definierte Zielgruppen bedeuten eben ein geringes Risikopotential, und der Erfolg zahlreicher Neuauflagen einschlägiger Horrorfilme der jüngeren Vergangenheit („The Ring“, „The Grudge“, „Halloween“, „Quarantine“) gibt dem Ansatz recht. Dass Diane English nun für ihre Fassung der klassischen Broadwaykomödie „The Women“ ein paar Geldgeber von der Existenz einer ebenso risikofreien Zielgruppe überzeugen konnte (nämlich Frauen, die ins Kino gehen, ohne dass ein Mann als Begleiter notwendig ist), muss man nicht unbedingt als Segen betrachten. Wer sich jedoch die Wartezeit bis zum nächsten Aufguss von „Sex and the City“ verkürzen will, ist hier an der richtigen Stelle.
1939 hatte George Cukor für MGM den Bühnenerfolg der späteren republikanischen Abgeordneten Clare Boothe Luce mit großem Erfolg auf die Leinwand gebracht und dazu ein ziemlich illustres Ensemble versammelt. Ursprünglich als Vehikel für Norma Shearer gedacht – damals neben Greta Garbo das wichtigste Gesicht des Studios (und bis zu dessen Tod Ehefrau von Produktionschef Irving Thalberg) – entwickelte sich „The Women“ schnell zum All-Star-Produkt mit kassenträchtigen Namen wie Joan Crawford, Joan Fontaine, Rosalind Russell und Paulette Goddard (immer wieder sehenswert: Eine wilde Kampfszene der beiden letzteren, von der sich die späteren „Dallas“-Autoren offensichtlich gerne beeinflussen ließen). Für Shearer war es der letzte große Publikumserfolg, und für ihre legendäre Feindschaft mit Crawford ein willkommener Anlass zu ausgedehnter Stutenbissigkeit am Set. Dem Umstand, dass die beiden auch im Film miteinander auf Kriegsfuß standen, kam Derartiges freilich nur entgegen.
Lichtjahre entfernt ist die 2008er Version von den megalomanen Diva-Allüren der Studiojahre und der Sensation, welche eine Produktion mit sich brachte, die 135 Frauenrollen und keinen einzigen Mann vorweisen konnte, und umso beiläufiger fällt das Konfliktpotential aus. Wo in Cukors Film vor allem die ausgefahrenen Krallen der Figuren im Vordergrund stehen („See them with their Hair down and their Claws out!“), herrscht bei English eitel Sonnenschein und das uneingeschränkte Bekenntnis zur Frauenfreundschaft. Die Macher begründen die Umgewichtung mit einer notwendigen Anpassung an veränderte gesellschaftliche Dispositionen. Im Klartext: Der wertkonservative Hintergrund des Originals, dem gemäß Frauen vor allem für den Erhalt ihrer (gescheiterten) Ehe sorgen mussten, weicht 2008 dem unbedingten Zusammenhalt der weiblichen Protagonisten, und zwar notfalls eben auch gegen ihre (untreuen) Männer.
Der Kern der Geschichte ist derselbe geblieben: Mary Haines, Ehefrau eines erfolgreichen Wallstreet-Brokers, erfährt durch unglücklichen Zufall, dass ihr Mann sie mit einer deutlich jüngeren Parfümverkäuferin betrügt. Während die Mutter rät, es ihr gleich zu tun und die Sache auszusitzen, drängt ihre Freundin Sylvie sie zur Konfrontation mit der Nebenbuhlerin. Das Ergebnis ist fatal, und Mary reicht die Scheidung ein. Es folgen eine einschlägige öffentliche Demütigung und ein handfester Konflikt mir der eigenen Tochter, bis Mary wieder zu sich selber findet und ihr Leben neu ordnen kann.
Was hier recht belanglos klingt, ist im Original eine höchst amüsante Sache, und das vor allem gerade weil dort die Frauenfiguren ihr gesellschaftlich zugewiesenes Rollenverhalten mit allen Mitteln (auch gegeneinander) durchzusetzen versuchen. Dass die Bühnenvorlage ihre Geschichte dabei dezidiert als Satire anlegt, ist möglicherweise bei aller politischen Korrektheit der Modernisierung unter den Tisch gefallen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatte die Autorin jedenfalls genügend Erfahrung auf dem gesellschaftlichen Parkett gesammelt, um sich gepflegt über die Eigenheiten ihrer Standesgenossen lustig machen zu können. Einmal geschieden, zweimal reich geheiratet, Mitherausgeberin von Vanity Fair – das sollte genügen, um zu wissen, worüber sie schrieb. Zudem hatte Clare Boothe Luce ein Jahr vor „The Women“ ihr Broadwaydebüt mit einem düsteren Drama über ehelichen Missbrauch gegeben, und so mag man davon ausgehen dürfen, dass ihre Sicht auf die Rolle der Frau keineswegs so unreflektiert war, wie die arg emanzipatorischen Neujustierungen bei Diane English befürchten lassen.
Aus der verräterischen Sylvie Fowler des Originals (dem Wortklang nach gilt hier: nomen est omen) ist 2008 eine karrieregeplagte Samantha Jones geworden, ohne überhöhten Sexdrive, dafür aber mit argen Gewissensbissen ausgestattet, wenn sie einmal bei der Alternative von Job oder Freundschaft auf das falsche Pferd setzt. Annette Bening pendelt nicht umsonst in Attitüde und Optik merklich zwischen Kim Cattrall und ihrer eigenen Carolyn Burnham aus „American Beauty“ – nur eben immer in merklicher light-Variante. Überhaupt gibt sich der Film alle Mühe (womöglich mit Rücksicht auf Investoren und Zielgruppe), dem bekannten New Yorker Frauenquartett zumindest mit assoziativer Nähe nachzueifern. Die zusammengezimmerte Vierergruppe kennt ihre eigene Carrie (Mary, die Hauptfigur, inklusive Meg Ryans Frisurdublette), eine häusliche Charlotte (mit Debra Messing gut ausgelastet), sowie Jada Pinkett Smith als lesbische Variante von Miranda (deren Darstellerin Cynthia Nixon sich ja passender Weise mittlerweile geoutet hat).
Einzig Marys Mutter (Candice Bergen – selbst in dieser kleinen Rolle unverzichtbar) hält an den Werten des 39er Originals fest – und wird selbstverständlich eines Besseren belehrt. Ansonsten gilt: Moderne Frauen halten zusammen und gehen ihre eigenen Wege, egal ob als Mütter, Ehefrauen, Karrieresingles oder (und da lässt sich ein tiefer Griff in die Klischeekiste nicht vermeiden) lesbische Schriftstellerinnen. Dagegen ist im Grunde nichts einzuwenden, nur sollte es eben auch über eine Spielfilmlänge von 110 Minuten tragfähig bleiben. Hier ist es bestenfalls kurzweilig.
Nun darf man nicht den Fehler begehen, ein Remake ausschließlich oder gar überhaupt am Original zu messen (und rein technisch betrachtet, beruht „The Women“ tatsächlich auf dem 39er Drehbuch von Anita Loos, Jane Murfin und all denen, die sonst noch Gerüchte halber beteiligt gewesen sein mögen). Die überwiegende Mehrzahl der Zuschauer wird Cukors Version kaum mehr kennen und noch viel weniger die Musical-Fassung von 1956 (unter dem Titel „The Opposite Sex“, immerhin mit der jungen Joan Collins). Für sich betrachtet ist diese Modernisierung vor allem ein Ensemblefilm mit überwiegend heiter-komödiantischem Ton. Das hat selbstverständlich seine gute Berechtigung, ist aber für die große Leinwand mittlerweile fast zu wenig.
Immerhin lässt sich auch für alle, die nicht zum direkten Zielpublikum gehören, unbedingt festhalten: „The Women“ hat 1. eine Menge Frauendialoge, die von weitaus größerer Realitätsnähe zeugen als Tarantinos Schwachsinn faselnde Abziehbilder aus „Death Proof“, 2. Eva Mendes in Unterwäsche und schließlich 3. die unbestreitbar hysterischste Kreißsaalsequenz der Filmgeschichte – und wer die nicht verpassen will, muss dann halt doch bis zum Schluss durchhalten.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Constantin Film Verleih GmbH
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