DER MANN, DER NIEMALS LEBTE

Spion gegen Spion.

Mit einem der bekanntesten Täuschungsmanöver der modernen Kriegsführung hatten die Briten das Deutsche Oberkommando 1943 davon überzeugen können, dass die alliierte Invasion Südeuropas vermeintlicher Weise nicht dort stattfinden würde, wo sie allgemein erwartet wurde. Die Idee dahinter war ebenso einfach wie genial: Geheime, aber eben gefälschte Dokumente zur Invasion fanden sich bei der Leiche eines hohen Mitgliedes der Königlichen Marine. Als offensichtliches Opfer eines Flugzeugabsturzes wurde der tote Körper an der spanischen Küste angespült, und die lokalen Autoritäten hatten nichts Eiligeres zu tun, als die Deutsche Abwehr über ihren Fund zu informieren. Dass dahinter ein clever ausgearbeiteter Plan stand, begriff man jedoch erst, als es schon zu spät war. Nachdem 1953 ein Spionageroman unter dem Titel „Operation Heartbreak“ erschienen war, der das Täuschungsmanöver ziemlich genau nachzeichnete, ohne dass der Autor jedoch offiziell Kenntnis davon gehabt hatte, entschied man sich zähneknirschend zur Veröffentlichung der tatsächlichen Hintergründe. „The man who never was“ (dt. „Der Mann, den es nie gab”), verfasst von einem der maßgeblich an der Aktion beteiligten Offiziere, avancierte quasi über Nacht zum Bestseller und lieferte die Vorlage für die gleichnamige Verfilmung von Robert Neame aus dem Jahr 1956. Die Titelähnlichkeit zu Ridley Scotts Spionagethriller – und zwar ausschließlich in der deutschen Fassung – kommt nicht von ungefähr. David Ignatius hatte das Manöver der Briten zum strategischen Auslöser seines Romans gewählt und den „Body of Lies“ eines fiktiven CIA-Agenten mit Informationen ausgestattet, die ihn als Undercover-Mitglied von Al Qaeda auswiesen, um eine konkurrierende Terrororganisation aus der Reserve zu locken. Von diesem Motiv ist im Film schlichtweg rein gar nichts übrig geblieben, und umso aberwitziger muss einem vor allem der deutsche Titel erscheinen. „Der Mann, der niemals lebte“ ist dort nämlich quicklebendig.

Warum genau sich die Drehbuchversion von „Departed“-Autor William Monahan so offensichtlich um diese strategische Idee herumwindet, kann der Film selber kaum beantworten. Vielleicht waren es die technischen Spielereien mit dem Internet, die letztlich den Ausschlag gaben für die gewählte Alternative, doch wirklich schlüssig muss einem das nicht erscheinen. Dass die expliziten Bezüge des Romans zu Al Qaeda außen vor bleiben, mag sich hingegen noch mit einer gewissen Vorsicht erklären lassen, die ein amerikanisches Breitenpublikum nicht mit allzu realen Angstfantasien belasten will, wenn man ihm auf der anderen Seite doch vor allem explosionslastiges Action-Kino liefert. Überhaupt dürfte Scotts Film für eine ganze Weile der letzte großbudgetierte Beitrag auf US-Leinwänden zur Rolle der Amerikaner im mittleren Osten und ihrem Krieg gegen den Terror sein. Die Zuschauer haben das Thema ganz unmissverständlich satt, und während Anfang Oktober die halbe Nation im heilssüchtigen Obama-Fieber umhertaumelte, musste Warner dabei zusehen, wie Disney mit einem verwöhnten Hund und Screen Gems mit einem lachhaft günstigen Zombie-Virus unangestrengt an Scotts aufwendig produziertem Anti-Terror-Feldzug vorbeimarschierten. Schon zuvor gab der Filmemacher der amerikanischen Kriegspolitik die Schuld am Desinteresse des Publikums für vergleichbare Stoffe – vermutlich ahnend, dass es seiner Produktion nicht viel besser ergehen würde als etwa „Lions for lambs“, „Rendition“ oder „In the Valley of Elah“.

Zumindest belegt „Body of Lies / Der Mann, der niemals lebte“ aber in aller Deutlichkeit, dass sich derzeit mit Starkino alleine kein Publikumserfolg erzielen lässt. Die Kombination DiCaprio / Crowe ist dabei für einen Film, der vor allem mit seinen Explosionen wirbt (deren prozentualer Anteil in den Trailern nebenbei weitaus größer ausfällt als im eigentlichen Film), wenig optimal. Überhaupt hat die Kinosaison 2008 gezeigt, dass Namen für den Erfolg amerikanischer Großproduktionen im echten Sinne Schall und Rauch sind. Einzig der Sonderfall von Heath Ledger trug das Seine zum Fabelerfolg von „The Dark Knight“ bei, aber auch das hatte nur sehr wenig mit den Starqualitäten des Darstellers zu tun. Beispiele wie „Cloverfield“, „Quarantine“ oder auch „Nick and Norah’s Infinite Playlist“ zeigen, dass geschicktes Marketing und die Rekrutierung von Teenie-Idolen für die große Leinwand gute Alternativen zum überteuerten Starsystem bieten.

Das Problem von Scotts Film ist aber auch noch ganz anderer Natur und hat sicherlich einiges zur lauwarmen Mundpropaganda beigetragen. Die Story ist einigermaßen kompliziert, und bis man einen echten Einstieg geschafft hat, ist fast schon ein Drittel des Films gelaufen. Die Figuren laden nicht unbedingt zur verstärkten Identifikation ein, und selbst wenn DiCaprios Undercover-Agent zunehmende Sympathiewerte entwickelt, reicht das bei weitem nicht aus, um sich auch Sorgen um dessen Schicksal zu machen – zumal sein Leben bis fast zum Schluss nur sehr eingeschränkt in Gefahr ist. Russell Crowes Schreibtischtäter hingegen ist nahezu so gesichtslos in seiner Fokussierung auf die Errettung der Zivilisation mit allen Mitteln, dass er noch nicht einmal zum Hassobjekt taugt. Die faszinierendste Gestalt hingegen, der undurchschaubare jordanische Geheimdienstchef Hani, beunruhigend elegant und gefährlich interpretiert von Mark Strong, bleibt zu sehr Nebenfigur, als dass er die Leerstellen der anderen Charaktere ausgleichen könnte.

Das alles macht „Body of Lies / Der Mann, der niemals lebte“ natürlich nicht zu einem schlechten Film. Ganz sicher aber taugt er nicht zur entspannten Unterhaltungslektüre, und das ist für eine derart teure Produktion natürlich keine gute Ausgangslage. Wie so oft ist Scott überzeugend darin, seine Figuren bei ihrem Tun zu beobachten und die multikausalen Konstellationen aufzuzeigen, unter denen sie operieren, und über die sie – auch gegen alle Wahrscheinlichkeit – die Oberhand gewinnen müssen, um zu überleben. Nicht anders ist es hier: Roger Ferris (DiCaprio) leistet für die CIA in etwa das, wofür der MI6 seinem Spitzenagenten mit Tötungslizenz so manchen Fauxpas gerne durchgehen lässt – den bedingungslosen Einsatz vor Ort und gerne auch direkt in der Höhle des Löwen. Als Drahtzieher im Hintergrund fungiert der nicht weniger kompromisslose Ed Hoffman (Crowe), ein Stratege an der Heimatfront, für den die eigenen Männer auf feindlichem Boden nicht mehr sind als potentielle Bauernopfer für den Erhalt der zivilen Freiheit. Um den Urhebern einer neuen Terrorwelle auf die Spur zu kommen, machen beide gemeinsame Sache mit dem jordanischen Geheimdienst. Schnell jedoch kollidieren die unbedingten Werte des monarchistischen Verbündeten mit den taktischen Lügengebäuden amerikanischer Spionagepolitik und werden für Ferris zur gefährlichen Zerreißprobe.

Scotts Output hat in den letzten Jahren erheblich an Fahrt zugelegt, und mittlerweile liefert er wie Woody Allen pro Jahr einen Film ab (von den zahlreichen Produzentenjobs, die er nebenbei noch abwickelt, ganz zu schweigen). Als Handwerker kann er das auch gut leisten, künstlerisch allerdings bleibt die Originalität dabei durchaus auch mal auf der Strecke. Von einer wirklich eigenen Bildsprache ist in diesem Film jedenfalls nur wenig zu spüren, und Scott verlässt sich vielmehr auf Bewährtes. Dagegen ist nichts einzuwenden, hält „Body of Lies“ aber merklich davon ab, länger als einen Kinobesuch im Gedächtnis zu bleiben. Ähnliches gilt für die Leistungen der beiden Hauptdarsteller, wobei Crowe entgegen allen Marketings eigentlich nicht mehr verkörpert als eine Nebenfigur. Zentrum des Films ist Roger Ferris, und DiCaprio legt ihn mit einer recht schlüssigen Mischung aus Verbissenheit und wachsendem Überdruss an. Je mehr sich Ferris in seinem eigenen, berufsbedingten Lügengeflecht verfängt und dabei Menschen auf der Strecke lassen muss, die ihm von Mal zu Mal mehr bedeuten, umso geringer wird die professionelle Gelassenheit, mit der sein Darsteller ihn ausstattet. Crowe hingegen gönnt seiner Figur keine Nuancen. Ed Hoffman ist nach vorbestimmten Koordinaten ausgerichtet, und die ändern sich nicht. Allerdings kann man beim Zusehen auch durchaus den Verdacht bekommen, Crowes Vorbereitung auf seine Rolle hätte einzig und allein in sichtbarer Gewichtszunahme bestanden. Ansonsten scheint er jedenfalls auf Autopilot geschaltet zu haben.

Überhaupt bedarf der Film offensichtlich einer Reihe auffälliger Hilfsmittel, um seinen Figuren ihre Individualität zu geben. Im Falle von Hoffman etwa reicht das CIA-Gehalt entweder nicht für eine Brille mit Gleitsichtgläsern, oder aber Crowe und Scott fanden es passend (oder charakteristisch?), ihn sein Gegenüber permanent über den oberen Brillenrand hinweg ansehen zu lassen. Das fällt einem aber erst auf, wenn es zu nerven beginnt. Offensichtlicher dagegen – und auch wenigstens praktisch erklärt – scheint er mit seinem Headset verwachsen zu sein, das ihn jederzeit mit Ferris in Verbindung bringt, und mit dem er problemlos seine Kinder in die Schule bringen und zugleich Exekutionen beauftragen kann. Überhaupt, wer sich immer noch fragt, warum James Bond inzwischen keine lustigen Technik-Gadgets mehr mit sich herumschleppt – hier kann er die Antwort finden: Die Fiktion ist offenbar einfach zu sehr von der Realität eingeholt worden, als dass Bonds einstmals unvorstellbare Spielzeuge noch irgendjemandem mehr als ein müdes Lächeln entlocken könnten. Und so sieht die Überwachungszentrale beim CIA mit all den unbemannten Luftfahrzeugen, die jeden Fleck auf dem Globus jederzeit überwachen können, auch nicht wesentlich anders aus als M´s Büro in „Quantum of Solace“.

Warum Ferris allerdings bei jeder Gelegenheit wie halbverdurstet Kaffee oder Tee trinken muss, bleibt wohl ein Geheimnis der Macher (und es liegt nicht an der Hitze im mittleren Osten, denn auf heimatlichem Boden sieht es nicht anders aus). Wer beim Zusehen irgendwann beginnt, darauf zu achten, wird Schwierigkeiten haben, sich auf den Rest des Films zu konzentrieren. Dabei sind manche Bildfolgen zu allem Überfluss so knapp montiert, dass DiCaprio die Tasse, aus der er gerade erst getrunken hat, für den Zuschauer unmittelbar schon wieder zum Mund führt. Sinn macht das keinen.

Was bleibt, ist der Eindruck eines handwerklich solide gemachten Spionagethrillers, der sich davor hütet, allzu politisch zu werden, gleichzeitig aber auch seinen Figuren nicht nahe genug kommt, um echte Identifikationsprozesse in Gang zu setzen. Erst als sich Ferris in die – im Roman so nicht vorhandene – Krankenschwester Aisha verliebt (in Gestalt der hierzulande noch unbekannten iranischen Schauspielerin Golshifteh Farahani), entwickelt die Figur merkliche Sympathiewerte, schießt aber dann auch zugleich so dermaßen übers Ziel hinaus, dass sie einem direkt wieder fremd wird. Für einen Blockbuster jedenfalls, erst recht im Jahr der Comics und Superhelden, ist das alles einfach zu wenig Mainstream. Aber vielleicht liegt darin ja auch gerade die Stärke dieses Films.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Warner Bros. Entertainment GmbH

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