JAMES BOND – EIN QUANTUM TROST

Die Wüste lebt.

Titeldesign ist Luxus geworden. Wer heute einem Film noch eine ausführliche Auflistung von Cast und Crew voranstellt (zumeist nach peniblen Vorgaben der einzelnen Unions), läuft Gefahr, sein junges und ungeduldiges Publikum schon gleich am Anfang mit Langeweile abzuschrecken. Das gilt besonders im Hinblick auf die frühzeitig einkalkulierte TV-Auswertung, die sich keine Atempause erlauben kann, will sie ihre mühsam gewonnenen Zuschauer nicht sofort wieder verlieren. Dabei geht aber zugleich auch eine große Chance verloren. Sind es doch gerade die großen und raffiniert gestrickten Titelsequenzen, die den Zuschauer ebenso subtil wie nachhaltig auf das einstimmen können, was folgt. Tim Burton erlaubt sich diesen Luxus bis heute, und für Tarantino gehören die Main Titles schlicht zum cinemanischen Gesamtkonzept dazu. Filmemacher mit sicherem Stammpublikum genießen da eine klare Ausnahmestellung, denn die vorangestellten Credits gehören zum Wiedererkennungswert. Im Grunde greift da das Gesetz der Serie. Die meisten US-TV-Shows legen großen Wert auf ihre oft ausgesprochen kunstvoll gestalteten Titelsequenzen („Desperate Housewives“, „Dexter“, „Nip/Tuck“), und das Publikum liebt sie dafür. Teaser, Credits, neue Episode, so funktionieren sie fast alle. Nichts anderes verleiht auf so einfache Weise das Gefühl, dass man sich an einem Ort befindet, an dem man sich wohlfühlt. Weil man seine Bewohner kennt. Weil man ihre Spielregeln beherrscht. Und weil man sicher sein kann, dass die geliebte Tradition auch über alle willkommenen Neuerungen hinweg erhalten bleibt. Wie gut also, dass das langlebigste Franchise der Filmgeschichte hier trotz massiver Aufräumarbeiten immer noch keine Ausnahme bildet und nicht vergessen hat, dass Maurice Binder und James Bond eine untrennbare Einheit ausmachen.

„Projectionists – pull curtain before titles“ hatte Otto Preminger auf den Filmdosen vermerken lassen, in denen sich die Kopien seines kontroversen Dramas „The Man with the Golden Arm“ befanden (nicht zu verwechseln mit „The Man with the Golden Gun“, auch wenn sich Ian Fleming oder sein Verleger für diesen posthum veröffentlichten Bond-Roman hier ganz sicher inspirieren ließen). Das hatte durchaus seinen Grund, denn 1955 gehörte es noch zur gängigen Praxis, dass der Filmvorführer den Vorhang erst öffnete, wenn die meist schläfrig langweiligen Credits durchgelaufen waren. Preminger jedoch legte großen Wert darauf, dass die Zuschauer die Titelsequenz auch tatsächlich zu sehen bekamen und als Bestandteil des Films begriffen, denn was der New Yorker Designer Saul Bass für dieses Heroindrama mit Frank Sinatra entworfen hatte, war dem Kinozuschauer bis dato noch nicht begegnet. Über Nacht quasi hatte er damit die Main Credits zur Kunstform erhoben und eine echte Revolution in Gang gesetzt. Filmemacher begriffen den immensen Effekt, der sich hier eröffnete, und in der Folge entwarf Bass einige der bis heute einflussreichsten Titelsequenzen überhaupt („Vertigo“, „Psycho“, „Broadcast News“, „Cape Fear“ und andere).

Fortan waren die Main Titles zu einem entscheidenden dramaturgischen Element geworden, und mit Maurice Binders imagebildendem Credit-Konzept für die Bond-Serie erreichten sie einen massenwirksamen Status, der in entscheidender Weise zur Entwicklung des modernen Musikvideos beitrug (und bezeichnenderweise dann auch von 1995 bis 2006 von dem Clipregisseur Daniel Kleinmann weitergeführt wurde). Binder entwarf dabei sowohl die berühmte Pistolenlauf-Sequenz, die mit geringfügigen Variationen bis zum Reboot der Serie mit „Casino Royale“ allen (offiziellen, also Broccoli-produzierten) Beiträgen vorangestellt ist, sowie das collagenhafte Grundprinzip der eigentlichen Credits aus halbnackten Frauen, Waffen und filmspezifischen Sonderelementen. Nachdem Binder-Nachfolger Kleinmann im Vorgänger-Film ein bisschen vom traditionellen Konzept abgerückt war und vor allem mit Roulette-Motiven gearbeitet hatte, kehrt „Quantum of Solace / Ein Quantum Trost“ wieder ganz zum bewährten Look zurück. Regisseur Marc Forster wechselte dafür einfach einmal die Verantwortlichen und übertrug den Designauftrag seinen langjährigen Partnern von MK12 (passender Weise namensgleich mit einer Colt-Browning).

Das Ergebnis ist bestechend, denn der Look übersetzt Binders klassisches Konzept verlustfrei in die Gegenwart und sieht damit Bond-typischer aus als alles, was Kleinmann je entworfen hat. Die Logik dahinter ist ebenso einfach wie ernüchternd, denn eine Agentur als bloßer Dienstleister kommt dem Prinzip der Serie näher als ein individueller Designer. MK12 hat es dabei leichter als alle anderen Beteiligten, denn als Agentur darf man entpersonalisiert arbeiten, während etwa David Arnold als Komponist auch nach fünf Bond-Filmen den schwierigen Balanceakt zwischen John Barry und eigenem Stil immer noch nicht zu einem schlüssigen Konzept verdichtet hat. Umso programmatischer lässt sich an den Credits ablesen, wie dieser Bond-Film von Regisseur Forster und Autor Paul Haggis (zusammen mit anderen, teils ungenannten Co-Autoren, die gerade nicht im Streik waren) funktioniert. Viel mehr als „Casino Royale“ nämlich arbeitet sich hier der zunehmende Anschluss an die Tradition der Serie in den Vordergrund, auch wenn das auf den ersten Blick gar nicht so aussehen mag. Bond bleibt zwar immer noch „Work in progress“, aber gerade deshalb ist dieser Film auch präzise darum bemüht, die Zielrichtung für die nächsten Beiträge zur Serie nicht aus den Augen zu verlieren.

Die Rückkehr promiskuitiver Frauenkörper in die Titelsequenz ist ein entscheidendes Zeichen. Dass Bonds traditionell wenig emanzipatorische Haltung Frauen gegenüber von seiner schmerzhaften Erfahrung mit Vesper Lynd herrührt und der wachsenden Gewissheit, dass der Dienst für Volk und Vaterland mit einer Liebesbeziehung nicht vereinbar ist, gehört zu den Grundzügen der Figur, wie sie Fleming frühzeitig entwickelt hat. Umso gnadenloser bestraft der Autor seinen Goldesel dann auch später, als dieser seine einmal gelernte Lektion wieder über Bord schmeißt. Wenn sich also jetzt aus der hügelreichen Wüstenlandschaft der Credits nach und nach potentielle 007-Gespielinnen hervorschälen, ist das nur konsequent. Später im Film wird sich zunächst aber noch ein duales Frauenbildes fortsetzen – einmal in Gestalt der naiven Strawberry Fields (ein Name, wie ihn Fleming selber nicht besser hätte erfinden können), die Bonds Charme schneller verfällt als ihr lieb sein kann, und einmal mit der Einführung der von Rache getriebenen, und deshalb in Maßen ebenbürtigen Camille (dazu noch Russin: Olga Kurylenko, der ein paar Unverbesserliche aus Moskau direkt mal Vaterlandsverrat vorgeworfen haben).

Der größte Witz dabei aber ist dieser: Wenn sich das erste Frauenbein langsam und leinwandfüllend aus dem Sand erhebt, listen die Credits die wichtigste und auf den ersten Blick am wenigsten angemessene Frauenfigur des Films – Judi Dench nämlich. Seit „Goldeneye“ spielt sie Bonds Vorgesetzte „M“, doch was unter Pierce Brosnan höchstens ein eher ermüdender Beitrag zur Rolle der Frau beim MI6 war (oder sonstigen Großkonzernen mit oder ohne Regierungsbeteiligung), gerät unter Daniel Craig mehr und mehr zur Macht- und Vertrauenskonstellation mit zwar äußerst kühlen, aber nicht zu übersehenden Anziehungspunkten. Wer in Denchs „M“ eine versteckte Mutterfigur sieht, sollte vielleicht noch einmal genau hinsehen, was sich zwischen ihr und ihrem Lieblingsagenten tatsächlich abspielt. Viermal nur treffen sie Auge in Auge aufeinander, und dann ist es vor allem „M“, die Bond fest in den Blick nimmt, während er schon wieder auf dem Sprung ist und lieber ausweicht. Über den Äther jedoch fragen sie beständig nacheinander, und „M“ verteidigt Bond auch gegen alle Vernunft. Das hat weniger damit zu tun, dass sie ihrem Mitarbeiter aufgrund jahrelanger Erfahrung die richtige Einschätzung zutrauen würde (und dafür hätte sie angesichts einiger fataler Fehlgriffe – sowohl seiner- wie ihrerseits – auch gar keinen Anlass), sondern gründet viel offensichtlicher in einer Haltung ihm gegenüber, die wenig rational ist. Das funktioniert allerdings auch nur mit der stoischen Professionalität, auf die Dench ihre Rolle aufbaut. Umso spannender wird zu beobachten sein, wie sich die Figur in Zukunft entwickelt.

Auf Seiten der Gegenspieler kehrt die Serie zu den großen Geheimorganisationen der frühen Jahre zurück und bereitet mit Quantum offensichtlich eine Wiederbelebung dieses Konzepts vor. Fleming hatte unter dem Kürzel SMERSH eine mächtige Killerbrigade der Sowjets ins Leben gerufen und Le Chiffre zu ihrem Zahlmeister gemacht. „Casino Royale“ wiederholt die Konstellation des Romans hier ziemlich genau, und so ist die Zuspitzung im Nachfolgefilm nur konsequent. Aus der sowjetlastigen Organisation scheint eine übernational operierende Unternehmung geworden zu sein, und der Name „Quantum“ ist vermutlich vor allem einer Rechtfertigung des recht gewöhnungsbedürftigen Titels geschuldet. Umso gesichtsloser kommt das Personal im Moment noch daher, denn um den großen Gegnern in den Chefetagen des global operierenden Bundes, der sich auch schon mal vom CIA und dem britischen Außenministerium unterstützen lässt, auf die Schliche zu kommen, wird die Serie sicher noch einen bis zwei Filme benötigen. War Le Chiffe (mit dem beunruhigenden Spiel von Mads Mikkelsen) zumindest noch ein Sadist mit Spaß an der Arbeit, so macht sich der Öko-Terrorist Dominic Greene (leider austauschbar: der immer großartige Mathieu Amalric) noch nicht einmal mehr selber die Finger schmutzig. Die Rückkehr der megalomanen Weltherrscher, wenn auch ganz sicher in anderem Gewand, muss also noch auf sich warten lassen.

Aber Bond ist auf einem guten Weg und findet auch bereits Gefallen an Cocktails mit hohem Vodka-Anteil (wofür man bei Smirnoff offensichtlich sehr dankbar war). „Quantum of Solace / Ein Quantum Trost“ mag kein Meilenstein der Serie sein, doch das zu erwarten wäre nach „Casino Royale“ auch schlichter Nonsens. Vielmehr leistet der Film eine konsequente Weiterführung des Ansatzes seines Vorgängers mit dem Gedanken, die Figur Bond unter relativ klarer Zielvorgabe weiter zu entwickeln. Auf der Grundlage eines festen 4-Filme-Vertrages von Daniel Craig ist das eine ziemlich entspannte Angelegenheit, und die Einspielergebnisse auf britischem Heimatboden alleine sprechen für sich: James Bond will return. Of course.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Sony Pictures Releasing GmbH

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