ANONYMA – EINE FRAU IN BERLIN

By Thomas Lenz

Der Krieg verändert die Worte.

Filmkritik: Anonyma - Eine Frau in BerlinWas dabei herumkommt, wenn eine Allianz aus ZDF und Michael Schmid-Ospach der Realisierung eines unbequemen Stücks deutscher Geschichte beiwohnt, führt Max Färberböcks Verfilmung der vieldiskutierten Tagebücher einer Unbekannten im Berlin der ersten Wochen nach Kriegsende geradezu mustergültig vor. Überhaupt haben Kinofilme mit öffentlich-rechtlicher Beteiligung aus Mainz vor allem ein Merkmal: Sie müssen mit äußerster Vorsicht auf ihre spätere Fernsehauswertung zugeschnitten werden. Die gefahrlose Umschiffung jeden Risikos in inhaltlicher, dramaturgischer und visueller Hinsicht ist also oberstes Gebot. Das macht das Ergebnis nun nicht notwendigerweise verzichtbar, sondern kann immer noch gefälliges Historienkino bieten, das zur Vorführung im schulischen Geschichtsunterricht taugt und zudem gut auf der Förderliste von FFA, Filmstiftung NRW und anderen öffentlichen Geldgebern aussieht. Im Hinblick auf die historische Bedeutung des zugrundeliegenden Zeitdokumentes jedoch ist ein solches Resultat eher ein nivellierender Witz, der so sehr darum bemüht ist, bloß niemandem auf die Füße zu treten, dass man am Ende vor allem einer nicht gerecht wird – und zwar der ungenannten Autorin der Vorlage.

Als die Rote Armee im April 1945 in Berlin einmarschiert, wird die weibliche Bevölkerung unmittelbar zu Freiwild. Ungehemmt stürzen sich die Soldaten entgegen Stalins Erlass auf die Frauen und machen sie sich sexuell gefügig. Einzel- und Gruppenvergewaltigungen sind an der Tagesordnung, und die Betroffenen haben keine Chance zu entkommen. Um die eigene Lage so gut es geht unter Kontrolle zu bekommen, beschließt die Protagonistin, sich einem möglichst ranghohen Besatzer exklusiv anzubieten. Der Plan geht auf, und andere Frauen folgen ihrem Beispiel. Brot gegen Beischlaf ist das Gebot der Stunde, und bald findet ein kultivierter russischer Major Gefallen an der Erzählerin. Langsam und den veränderten Umständen geschuldet, entwickelt sich eine Art Liebesbeziehung zwischen beiden, die den Besatzer zu schwerwiegenden Entscheidungen bewegt und sein Schicksal nachhaltig besiegelt.

Man kann guten Gewissens davon ausgehen, dass alle Beteiligten nur mit den allerbesten Absichten an ihr Projekt herangegangen sind. Doch was nützt das, wenn jeglicher Mut dabei gänzlich auf der Strecke bleibt? Die Samthandschuhe, mit denen man sich an die Arbeit gemacht hat, waren anscheinend nicht genug der Vorsicht, also ließ man seinen ursprünglichen Gegenstand lieber ganz in Ruhe. So jedenfalls sieht es aus, denn statt die anonymen Tagebücher tatsächlich zu verfilmen, haben Färberböck und Co-Autorin Catharina Schuchmann vielmehr um einige wenige Motive herum ihre eigene Geschichte gestrickt – und die lässt Uneingeweihte eher auf die Filmversion eines Kolportageromans schließen. Nun kann man immer gut argumentieren, dass die filmische Umsetzung realer Ereignisse einer gewissen dramaturgischen Anpassung bedarf, um erzählbar zu sein, und dagegen muss man auch gar nichts einwenden. Die Frage dabei ist aber, in welchem Maß so etwas geschieht, und inwiefern man ab einem bestimmten Punkt die historische Genauigkeit zugunsten einer klassischeren Narration schlicht aufgibt.

Bestimmt ist es legitim, sich lediglich auf denjenigen Teil der Tagebücher zu konzentrieren, die sich mit den Schändungen durch die Besatzer beschäftigen (ungefähr die Hälfte des Gesamttextes) und den Wegen, zu denen sich die Frauen entscheiden, um dem Schlimmsten langfristig zu entgehen. Dort dürfen dann auch schon einmal mehrere Personen in einer zusammenfließen, um die Aufnahmefähigkeit des Zuschauers zu entlasten (so vereint der russische Major eigentlich zwei, wenn nicht drei reale Gestalten der Vorlage). Das Hinzuerfinden von Episoden, die sich vermutlich aus den allgemeinen Recherchen Färberböcks ergeben haben und zur Ergänzung des Zeitbildes eingebunden sind, mag seine Berechtigung haben, verfälscht aber bereits den ursprünglichen Bericht und läuft Gefahr, allzu viel soziale Realität auf engstem Raum unterbringen zu wollen und dadurch an Glaubwürdigkeit zu verlieren (eine Art „Lindenstraßen“-Prinzip). Wirklich kritisch aber wird das Unterfangen dort, wo der Film ins Melodram zu verfallen droht und mit Motiven von Kriegskitsch und humanistischem Heldentum jongliert, das seine Inspiration bestenfalls aus amerikanischen Besatzerdramen bezieht und der Realität der Tagebücher nicht ferner sein könnte.

Das Problem beginnt bereits dort, wo der zunächst indifferente Major Andrej (den Namen hat er von einem russischen Lehrer, der in der Vorlage nur für ein paar angeregte Gespräche auftaucht) eine zunehmende Bedeutsamkeit erhält und langsam zur Identifikationsfigur heranwächst. Möglich, dass auf diese Weise dem barbarischen Treiben der einfachen Soldaten ein dramaturgisches Gegengewicht beigestellt werden soll. Möglich auch, dass Färberböck, wie er bei Gelegenheit anmerkt, bei seinen Recherchen auf Anhaltspunkte gestoßen ist, die ein größeres Empfinden der Erzählerin dem Major gegenüber nahelegen. Die Tagebücher jedenfalls lassen eher vermuten, dass sie im Beisammensein mit dem kultivierten Russen eine Projektionsfläche fand, um für eine kurze Zeit ihrer Sehnsucht nach (faktisch irrealer) Normalität nachgeben zu können (so fügt sie ihrem Bericht im Nachhinein eine bewusst überhöhte und mit dem Zusatz „für Romanautoren“ versehene Beschreibung jener kurzen sexuellen Erfüllung hinzu, aus der im Film ein Beleg für eine sehr eigene Form von Liebesbeziehung wird). „Der Krieg verändert die Worte“, lässt Färberböck sie sagen und erlaubt ihr so, von Liebe zu sprechen, wo vielleicht etwas ganz anderes gemeint ist. Für das Empfinden des Zuschauers ändert das allerdings gar nichts, und in anderem Umfeld würde man solche Weisheiten vielleicht auch bei Margaret Mitchell oder Colleen McCullough finden.

Als ob das nicht ausreichen würde, muss das Drehbuch aber auch noch eine Konstellation heraufbeschwören, die den Major vor eine fatale Entscheidung stellt und ihn zwingt, seine Gefühle für die Erzählerin gegen seine soldatische Pflicht und damit gegen sich selbst aufzuwiegen. Solche Konflikte haben sicherlich ihren berechtigten Platz in überzuckertem US-Frontkino (und das ist noch nicht einmal abwertend gemeint), hier jedoch, angesichts eines derart wichtigen Zeitdokumentes und vor dem Hintergrund des Schicksals der betroffenen Frauen schlicht deplaziert. Im Fall einer fiktiven Geschichte, die sich auf historische Ereignisse stützt, ist der Rahmen künstlerischer Freiheit groß genug, um mit den Mitteln klassischer Kolportage-Dramaturgie die Erzählung voranzutreiben und gegebenenfalls emotional zu überhöhen. Macht man sich jedoch an die Bebilderung einer dokumentarischen Vorlage, gerät ein solches Vorgehen zunehmend bedenklich.

„Anonyma – Eine Frau in Berlin“ wird dadurch nicht zu einem schlechten Film. Ganz im Gegenteil ist die Geschichte mit beachtlichem Aufwand und respektvoll erzählt. Färberböck lässt seiner Hauptdarstellerin Nina Hoss genügend Raum zur Entfaltung, und das Ergebnis ist eine beherrschte und würdevolle Darstellung. Viele der Randfiguren leben vor allem von ihren Schauspielern (etwa Irm Hermann, Rüdiger Vogler, Rolf Kanies), und manche kommen – der Natur der Sache geschuldet – viel zu kurz. Allerdings ist das ganze Unterfangen aber dann auch wiederum nicht mehr als solides Fernseh-Kino, und genau diesen Umstand mag man vielleicht am meisten bedauern.

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Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Constantin Film Verleih GmbH

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