Besuch beim Todesengel.
Der deutsche Übermensch ist, wer hätte das gedacht, reiner Geist oder genauer, und zwar in der parapsychologischen Begrifflichkeit des französischen Mediziners Charles Richet, Ektoplasma. Strömt die seltsame gasartige Masse jedoch für gewöhnlich nur während einer Séance aus den Körperöffnungen eines Mediums, so hat der äußerst beherrschte Germane längst gelernt, seine entmaterialisierte Form jederzeit perfekt zu kontrollieren. Auf diese Weise lässt sich mühelos Besitz von beliebiger Materie ergreifen und zum Beispiel eine tote Zahnfee vorübergehend wiederbeleben (in Wahrheit übrigens ein hundsgemeiner, handgroßer Vierbeiner mit einem Faible für Kalzium, der Menschen bevorzugt bis auf die Knochen auffrisst). Für gewöhnlich hält sich der Gasmann jedoch in einem eigens für ihn konstruierten Metallanzug auf, der ihn ein bisschen aussehen lässt wie Robby the Robot (aus „Forbidden Planet“), während er klingt wie Roger the Alien (aus „American Dad“) – wenn auch mit feinstem Kraut-Akzent (natürlich nur in der Originalfassung und als Ersatz für Thomas Kretschmann). Aber Vorsicht, das kann man leicht in den falschen Hals bekommen – Johann Krauss (im Gegensatz zur Comicvorlage mit deutschem Doppel-S), der Mann ohne Körper, gehört nämlich genauso zu den Guten wie die leicht entflammbare Liz und der rothäutige Riesenteufel mit der steinharten Faust, die selbst Bud Spencer neidisch machen müsste. Wem das alles bereits eine Nummer zuviel ist, der kann sich das Weiterlesen getrost sparen. Für alle anderen gilt: „Hellboy 2 – The Golden Army“ ist ein mit Gold nicht aufzuwiegender Trip ins Zentrum der schier unerschöpflichen Fantasiewelten von Filmemacher Guillermo del Toro und Comicautor Mike Mignola. Augen bitte weit auf, denn es wäre jammerschade um jedes verpasste Detail.
Schon nach den ersten Minuten möchte man den Film am liebsten anhalten und noch einmal genauer hinsehen: Elf Jahre nachdem der kleine Hellboy aus einem Dimensionsportal zu den Menschen gestoßen war (einer von den vielen missglückten Versuchen der Nazis, den Fauxpas der Bundeslade wieder wettzumachen), ist er auf den ersten Blick eigentlich ein ganz normaler Junge – wären da nicht die auffällige Pigmentierung und die beiden Hörner auf der Stirn (die er sich, ganz wörtlich, erst noch abstoßen muss). Am liebsten schaut er sich im Fernsehen Kinderprogramme mit Holzfiguren an, und so ist es kein Wunder, dass er sich die unheimliche Gutenacht-Geschichte, die ihm sein Ziehvater vorliest (eine schöne Gelegenheit, um John Hurts Figur noch einmal von den Toten zu erwecken), eben als Ray-Harryhausen-Version der Augsburger Puppenkiste vorstellt. Und die Idee ist so sensationell, dass man erst einmal innehalten muss, um sie überhaupt zu realisieren. Dann jedoch erinnert man sich an seine eigene, lang vergessene kindliche Vorstellungskraft und weiß plötzlich, wie treffend das ist, was sich da gerade auf der Leinwand abspielt. Später im Film, daran besteht kein Zweifel, wird es all diese Fantasiegebilde auch in ihrer tatsächlichen Gestalt zu sehen geben, doch mit dieser Erwartungshaltung im Hinterkopf ist der Zuschauer bereits völlig entwaffnet. Dass sich imaginierte Vorstellungswelten nämlich von ihrem realen Pendant, welches genauso fiktiv ist, durchaus unterscheiden können, liegt zwar auf der Hand, eben dies aber zu zeigen, darauf muss man erst einmal kommen. Und während man Hellboys kindliche Bebilderung der Geschichte um eine goldene Armee, die im ewigen Schlummer liegt, um keinen erneuten Krieg zwischen Menschen und Mythenwesen zu entfachen (für den Drachenkaiser also uninteressant), mit erwachsener Kenntnis um die Unangemessenheit der Vorstellung einer Welt aus Holzfiguren insgeheim belächelt, hat der Film einem längst alle Differenzierung zwischen Realität und Fiktion unter den Füßen weggezogen.
Genau das wollen die Verantwortlichen beim B.P.R.D. (Bureau for Paranormal Research and Defense) aber eigentlich lieber vermeiden, und so ist es Tom Manning, dem Leiter der geheimen Regierungsbehörde zum Schutz vor paranormalen Übergriffen, auch ein echtes Dorn im Auge, dass der wenig angepasste Hellboy eigentlich ganz gerne schon mal in der Öffentlichkeit gesehen wird – in Zeiten der Handyfotografie eine besondere Katastrophe – und gelegentlich sogar dreist für die Kamera posiert oder Autogramme gibt. Was das alles kostet, solche Aktionen wieder ungeschehen zu machen! Als der rote Riese aber während eines Einsatzes endgültig auffliegt und im Blitzlichtgewitter der Presse über Nacht zur öffentlichen Figur wird, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Schon bald nämlich muss Hellboy schmerzlich miterleben, wie wenig die Menschen mit dem umgehen können, was er ist. Dass er zugleich für eine Organisation arbeitet, die nicht nur die Existenz seiner Spezies verleugnet, sondern sogar von Grund auf bekämpft, lässt ihn für einen Moment fast die Seiten wechseln.
Wie sehr die Formen des Unvorstellbaren mit der realen Welt kollidieren, sie spiegeln und klarer sehen lassen, zugleich aber auch ihre Untiefen offenbaren und von Tod und Verderben künden, hat Guillermo del Toro zuvor auf eindrucksvolle, poetische und schmerzhafte Weise in seinem vielverehrten Kriegsmärchen von 2006 vorgeführt. Auch dort ist es eine mythische Erzählung, mit der die Geschichte anhebt, und überhaupt sind die Wurzeln des mexikanischen Filmemachers fest im Boden des vorrationalen Fabulierens verwurzelt. So wundert es kaum, dass er für eine Rückkehr zur geplanten Hellboy-Trilogie Prestige-Projekte wie „I am Legend“ und den nächsten „Harry Potter“ leichten Herzens ausschlug. Keiner der vielen Comic-Helden nämlich könnte del Toro näher sein als der große Teufelskerl mit dem kindlichen Gemüt. Überhaupt sind Hellboy-Erfinder Mignola und der Filmemacher echte Brüder im Geiste. Seit ihrem Debüt auf der San Diego Comic Con 1993 speisen sich die Comics um den gutmütigen Dämon nämlich vor allem aus europäischen Volksmärchen, Mythen und den Einflüssen Lovecrafts, Poes und anderen Autoren dunkler Romantik. Del Toro, auf dessen Agenda trotz aller Tolkien-Fesseln auch immer noch Lovecrafts „Berge des Wahnsinns“ stehen, brauchte Mignolas Konzept im Grunde nur zu adaptieren, und so ist die Zusammenarbeit der beiden im Fall von „Hellboy 2“ auch eine echte Liebesheirat geworden.
Die Geschichte selber hat diesmal keine konkrete Vorlage und bezieht eine Menge Inspiration aus „Pan´s Labyrinth / El laberinto del fauno“, am offensichtlichsten in der direkten Verwandtschaftslinie zwischen dem alptraumhaften Pale Man und dem Todesengel (einer der faszinierendsten und erschreckendsten Kreaturen aus del Toros filmischem Universum). Aber auch sonst setzt sich der sichere Stilwille des Mexikaners sichtlich durch und findet in Mignolas Konzept einen fruchtbaren Boden. Neben Tim Burton gibt es derzeit niemanden in Hollywood, der ein derart klares visuelles und motivisches Durchhaltevermögen auf die Leinwand bringt wie del Toro. Wo Burton jedoch mittlerweile gefährlich nah am Abgrund des Manierismus balanciert (und deshalb gut daran tat, mit „Sweeney Todd“ ein merkliches Stück von seinen Standards abzuweichen), wirkt es fast so, als arbeite der Mexikaner noch am Prolog seiner Fabulierkunst. Seine Figuren scheinen den idealen Mittelweg zu gehen zwischen George Lucas´ Sternenvölkern und Clive Barkers Höllenkreaturen. Doch während bei Lucas vor allem der Merchandising-Wert wichtig ist und bei Barker der sichtbare Schmerzfaktor, wollen del Toros Figuren vor allem über sich hinausweisen, und das verleiht ihnen einen lyrischen Wert, der den meisten Filmmonstern seit Frankensteins trauriger Schöpfung weitestgehend fehlt (und wie zum Beweis zeigt der Film dann auch einmal den rotgesichtigen Ron Perlman direkt neben dem schwarzweißen Boris Karloff, dem Mignolas Hellboy ganz sicher eine Menge zu verdanken hat).
Aber auch sonst will „Hellboy 2“ mehr als nur Schauwerte bieten, und so sind es vor allem die existenziellen Bedrängnisse der längst liebgewonnenen Figuren Abe (Doug Jones, der großartige Mann ohne Gesicht), Liz (Selma Blair) und Hellboy selbst, aber auch einiger Neuzugänge, die der Geschichte ihr Herz verleihen. Keiner von ihnen kommt am Ende ohne schwerwiegende Entscheidungen für oder gegen Liebe und Tod davon, und selbst auf der Gegenseite (einer Art Ein-Mann-IRA für Elfen und Dämonen) verbirgt sich auch hinter den niedersten Motiven noch ein Ziel mit nicht von der Hand zu weisender Berechtigung. Del Toro und Mignola kleiden ihre Geschichte dabei in Bilder, die soviel zu zeigen haben, dass ein einmaliges Hinsehen überhaupt nicht ausreichen kann. Und während man im Dunkeln sitzt und gebannt auf die Leinwand starrt, kann man sich schon einmal dabei ertappen, wie man sich insgeheim wünscht, dass dieser durch und durch glücklichmachende Film doch bitte, bitte niemals aufhören möge.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Universal Pictures International Germany GmbH
Weitere Filmkritiken | Startseite | Impressum
Schlagwörter: american dad, augsburger puppenkiste, übermensch, berge des wahnsinns, boris karloff, bprd, bud spencer, bundeslade, charles richet, charles robert richet, clive barker, comic, comic con, comic-verfilmung, dämonen, doug jones, drachenkaiser, edgar allan poe, ektoplasma, el laberinto del fauno, elfen, film, filme, filmemacher, filmkritik, filmmonster, forbidden planet, frankenstein, george lucas, guillermo del toro, h.p. lovecraft, harry potter, hellboy-trilogie, hollywood, i am legend, j.r.r. tolkien, johann kraus, johann krauss, john hurt, kino, kinokritik, kritik, lovecraft, merchandising, mike mignola, pale man, pan´s labyrinth, ray harryhausen, review, rezension, robby the robot, roger the alien, ron perlman, san diego comic con, selma blair, sweeney todd, thomas kretschmann, tim burton, todesengel, tolkien, tom manning, zahnfee



