Nägel mit Köpfen.
Wem das Duo Pitt/Clooney mittlerweile gehörig auf den Keks geht, der muss sich nicht alleine fühlen. Als ob die festgefahrene Image-Maschinerie eines jeden einzelnen nicht schon ausreichen würde, macht das gemeinsame Auftreten alles nur noch schlimmer. Wie sehr ihnen selber das bestens funktionierende Gutmenschentum mit Junggesellenkoketterie, perfekt sitzenden Anzügen und immerwährender Schlagfertigkeit auf der einen (Clooney), bzw. solidem Familienleben und lustigen Hüten auf der anderen Seite (Pitt) den letzten Nerv rauben mag, kann man nur vermuten – anzusehen ist es ihnen jedenfalls nicht. Dass die leicht kalkulierbaren Abziehbilder, die sie beim Flanieren über den roten Teppich, bei gemeinsamen Pressekonferenzen in entspannter Atmosphäre oder klassisch inszenierten Photoshootings für Hochglanzmagazine abgeben, längst die Grenze zur Selbstparodie überschritten haben, lässt sich jedenfalls kaum übersehen. Warum also nicht die Not zur Tugend machen, und die Schraube noch ein Stück weiter anziehen? – So mögen die Coen-Brüder gedacht und sich dabei vorgestellt haben, wie eine Folge der „Ocean`s“-Reihe wohl aussähe, wenn Steven Soderbergh das Ruder an sie weiterreichen würde. Da so etwas aber nur eine hypothetische Überlegung bleiben kann, und niemand so irre wäre, eine derartig sichere (und unsprengbare) Bank einfach aus der Hand zu geben (schon gar nicht, wenn ihm ein schwerlich verwertbarer Revolutionsführer im Nacken sitzt), musste also eine eigene Variante her. Und die wäre doch eigentlich noch viel lustiger (werden sich die Brüder mit dem Faible für ambitionierte Kleingeister gedacht haben), wenn die beiden Headliner gar nichts miteinander zu tun hätten und der zugrundeliegende Plan, mit illegalen Tricks ans große Geld zu kommen, nicht von raffinierten Spezialisten sondern von ziemlich einfältigen Seiteneinsteigern quasi per Zufall ausgeheckt würde. An die Stelle des gehörnten Casinobesitzers würde vielleicht ein unbedeutender und gerade geschasster CIA-Analyst mit Alkoholproblemen treten (zum Beispiel in Gestalt des kahlgeschorenen John Malkovich), und die großen Bosse, tja, die kriegen zwar als einzige alle Fakten zusammen, blicken aber am wenigsten von allen durch. Was würden die Entscheider eines Hollywood-Studios wohl mit einem solchen Skript anfangen? Vermutlich nach dem Lesen verbrennen. Gut also, dass es von den Coens stammt, denn die haben derzeit ja bekanntlich Narrenfreiheit.
Nun macht sich das Filmemacherduett schon immer gerne einen Spaß daraus, genau dasjenige nicht abzuliefern, was im Allgemeinen gerade von ihm erwartet wird. Wer also nach dem schwer verdaulichen Vorgänger auf ähnlich illusionsloses Weltuntergangskino aus war, hat das Prinzip der Coens noch nicht begriffen. Als Brüder bedienen sie eben zwei Seiten derselben Medaille und schrauben ihr filmisches Schaffen von Output zu Output mit unbeirrbarer Lust am dialektischen Treiben voran. Glaubt man ihren Aussagen, so haben sie ihre letzten beiden Filme mehr oder weniger zeitgleich geschrieben. Umso größer, könnte man meinen, sind die inhaltlichen Parallelen – wäre da nicht ohnehin der ganze Kanon der Coen-Motive versammelt: Die Gier dürftiger Charaktere nach schnellem Geld. Der absurd-banale Zufall, der die Dinge zueinander führt. Die fatale, tödlich endende Verwechslung und die gründliche Fehlinterpretation von Bedeutungsträgern. Die grenzenlose Selbstüberschätzung einzelner Figuren (hier herrlich polternd überhöht in Carter Burwells schlagwerklastiger Partitur). Der obsessive Einsatz von Fetisch-Werkzeugen, mit denen sich die unzureichenden eigenen Möglichkeiten erweitern lassen (unglaublich, was für einen Gegenentwurf zum berüchtigten Bolzenschussgerät aus „No Country for Old Men“ sich Clooneys Figur hier im Keller heimlich selber zusammenschraubt). Und natürlich die historisch und lokal bedingte Prädisposition der handelnden Personen, von denen jede immer nur einen Teil der Zusammenhänge überschaut. In diesem Fall ist es die allgemeine Paranoia nach 9/11, die in den einzelnen Figuren ihre vielgestaltigen Spuren hinterlassen hat. Dass Clooneys Charakter etwa, ehemals Personenschützer, jetzt sexbesessener Verwaltungsbeamter im Finanzministerium mit dem bezeichnenden Namen Harry Pfarrer (gleich drei Pointen auf einmal), unter ganz handfestem Verfolgungswahn leidet, ist nur die offensichtlichste Variante.
Alles fängt damit an, dass der cholerische Staatsdiener Osbourne Cox (den alle nur „Ozzie“ oder eben „Cocks“ nennen), von heute auf morgen Frührentner geworden (gekündigt? Gekündigt worden?), in völliger Unterschätzung seiner eigenen Bedeutungslosigkeit, aber auch aus purer Langeweile damit beginnt, seine Memoiren aufzuschreiben – ein Vorhaben, das seine Frau, die kälteste Kinderärztin des Planeten, mit einem undefinierten Laut kommentiert, der in komprimierter Form mehr tiefempfundene Verachtung für den verhassten (und mit dem windigen Harry Pfarrer betrogenen) Ehemann beinhaltet als alle Dialoge von „Who´s afraid of Virginia Woolf“ zusammen (und deshalb auch von Tilda Swinton ausgestoßen wird). Am anderen Ende der sozialen Nahrungskette schlägt sich zur gleichen Zeit Fitnesstrainerin Linda Litzke (Frances McDormand – auch alle anderen Figuren haben seltsame Namen) mit ihrer Betriebskrankenkasse herum, die – und das ist nun wirklich eine Sauerei – einfach nicht bereit ist, Lindas geplante vier Schönheitsoperationen (die winzigen Babykrähenfüße nicht mitgerechnet) zu übernehmen. Was für ein glücklicher Zufall also, dass das Schicksal eine CD-Kopie von Ozzies Memoiren in die Hände von Lindas Kollegen Chad fallen lässt (für Brad Pitt die größte Idiotenrolle seit „Kalifornia“ und zugleich eine ideale Gelegenheit, daran zu erinnern, dass er ja auch lustig sein kann). Sofort vermuten die beiden das große Geld, das sich mit den vermeintlich brisanten Daten erpressen lässt – entweder von Ozzie oder den Russen (denn die sind ja nun schließlich die wichtigsten Gegenspieler des CIA). Dass beide kein Interesse haben und sich Chad schnell eine blutige Nase holt (auch wörtlich), macht die Sache nicht gerade einfacher. Und ganz nebenbei lässt der Zufall Linda und Harry, beides versierte Internetdater, auch noch zusammen im Bett landen, während der CIA sie bereits ins Visier genommen hat. Kompliziert genug? Gut.
Das Bemerkenswerteste an diesem absurden Panoptikum typischer Coen-Charaktere ist die Tatsache, dass sich trotz des geringen Identifikationsgrades der einzelnen Figuren schnell echte Vorfreude auf ihre nächste Szene einstellt – so dankbar ist man für die skurrilen Pointen, die sie mit garantierter Sicherheit bei sich tragen. Dass die meisten dabei gefährlich nah am Rande des Wahnsinns operieren, macht die Sache nur noch vielversprechender. Im Fall von Malkovich etwa dauert es nicht lange, bis einem klar wird, dass seine Figur irgendwann gänzlich die Kontrolle verlieren wird. Dabei ist Ozzie Cox innerlich bereits völlig tot, und wenn er in sich hineinlauscht, um die ersten Sätze seiner Memoiren zu formulieren, ist man sich für einen Moment nicht wirklich sicher, ob er überhaupt noch lebt. Dass von diesem Mann keine brisanten Enthüllungen zu erwarten sind, steht außer Frage, und was er dann schließlich mit langen Pausen in sein Diktaphon hineinspricht, ist so unfassbar banal und leer, dass man fast schon wieder mehr hören will. Wie er dann allerdings langsam aufdreht, als ihn Chad und Linda mit ihrem Erpressungsversuch nachts aus dem Bett klingeln, ist in seiner Gründlichkeit so sensationell komisch, dass der Film danach selber nicht mehr unter Kontrolle zu bringen ist.
Während Cox seine Unzulänglichkeiten noch mit ungezügelter Aggression kompensieren kann, fällt es den anderen männlichen Figuren weniger leicht, nach außen ein angemessenes Rollenverhalten aufrecht zu erhalten. Clooneys ehemaliger Personenschützer zum Beispiel kann noch nicht einmal mit einer Waffe umgehen. Nach außen unwiderstehlicher Womanizer mit ständig wechselnden Bettbekanntschaften, versagt er genau dann, wenn es darum geht, Nägel mit Köpfen zu machen. Als Ozzies Frau von ihm in aller Selbstverständlichkeit abverlangt, sich scheiden zu lassen, setzt er alles daran, sich mit ärmlich-erbärmlichen Ausreden zu drücken. Und als er später gänzlich den Überblick verliert, wimmert er seiner Frau, der erfolgreichen Kinderbuchautorin, hinterher wie ein kleiner Junge, der von seiner Mutter im Zeltlager abgeholt werden will. Nicht ganz so jämmerlich, aber doch nicht weniger männlich: Fitnesstrainer Chad. Als er entschlossen zum Telefonhörer greift, um Ozzie zu zeigen, wer das Sagen hat, ist noch nicht zu ahnen, wie klein mit Hut (Brad Pitt eben) er schon wenig später sein wird und ganz schnell zurückrudert. In beiden Fällen sind es Frauen, die das Heft in die Hand nehmen und die Männer kontrollieren. Dazu müssen sie entweder eiskalt sein (Katie Cox, Ozzies Frau), misstrauisch (Sandy Pfarrer, Harrys Frau) oder einfach nur entschlossen (Linda) – besondere Klugheit brauchen sie jedenfalls nicht.
Doch dieser hysterisch-komische Kosmos wäre nicht aus der Feder der Coens, gäbe es nicht auch eine tragische Komponente, die im Nachhinein so manches relativiert. Hier ist es Ted, der heimlich in Linda verliebte Chef des Fitnessclubs (traurig und hilflos in Gestalt des wunderbaren Richard Jenkins), ein Mann mit gutem Herz und ebenso guten Absichten – und gerade deshalb das einzige echte Opfer dieser wirren Geschichte um Geld, Gier und Neurosen. Umso mehr ist er eine naive Variante des desillusionierten Sheriffs Bell, der von besseren Zeiten träumt und sich selber als Relikt begreifen muss. Nun aber heißt es erst mal wieder abwarten, welchen Gegenentwurf die Coens als nächstes bieten, um damit ganz sicher wieder einen gehörigen Haken zu schlagen.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: TOBIS Film GmbH & Co. KG
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