Save the planet.
Die nahe Zukunft sieht wenig rosig aus. Die Grenzen schließen sich, und Schieberbanden machen gute Geschäfte, ohne dabei Rücksicht auf Verluste nehmen zu müssen. Wer rechtzeitig aufspringt, hat Glück gehabt, alle anderen bleiben gnadenlos auf der Strecke. Überleben kann hier nur, wer niemandem außer sich selbst vertraut und allen moralischen Bedenken gnadenlos entsagt. Zu dieser Spezies aktiver Darwinisten gehört Toorop, seines Zeichens Söldner, Einzelkämpfer, Auftragskiller und mit allen Wassern gewaschen – die ideale Wahl also für einen sehr speziellen Fall von Menschenschmuggel. Was so wertvoll sein soll an der bleichgesichtigen jungen Frau mit dem seltsamen Namen Aurora, interessiert den wortkargen Transporter dabei zunächst herzlich wenig, ganz egal, wie absurd die Umstände auch sein mögen. Was einzig zählt, ist die Verlockung einer neuen Identität, die ihn – für die US-Behörden ein gesuchter Terrorist – am Ende seines Trips auf amerikanischen Boden zurückkehren und das kriegsdurchzogene Osteuropa endlich hinter sich zu lassen verspricht. Doch die Ereignisse auf dem langen Weg vom einsamen Gebirgskloster irgendwo in der Mongolei zur Glitzermetropole am Hudson River überschlagen sich rasch, und die junge Frau legt schon bald rätselhafte Fähigkeiten an den Tag, die selbst den eiskalten Söldner frösteln lassen. Und das aus gutem Grund.
„Babylon A.D.“ ist in den ersten beiden Dritteln ein einziges Versprechen, das von Szene zu Szene größere Ausmaße annimmt. Dass es um nichts Geringeres als die Errettung des Planeten geht, verrät ein Off-Monolog Toorops bereits über die erste Einstellung hinweg. Dass der wortkarge Söldner dafür sein Leben opfern wird, fügt er wenige Sätze später lakonisch hinzu. Genug gesagt also, um die Uhr ein paar Wochen zurückzudrehen und noch einmal von vorne zu beginnen. Zügig kommt die Geschichte in Gang, und schon sieht sich der illusionslose Outlaw seinem schmierigen Auftraggeber von der Russenmafia gegenüber (so widerlich, dass es für einen eigenen Film reichen würde: Gerard Depardieu in einem Kurzauftritt). Spätestens ab hier setzt Regisseur und Autor Mathieu Kassovitz alles daran, einen undefinierten, aber ebenso geheimnisvollen wie spektakulären Horizont spürbar zu machen, der die Geschichte zu tragen, und auf den sie hinauszulaufen verspricht. Im Grunde wiederholt er damit das Prinzip, mit dem er schon sein gegen Ende arg überstrapaziertes US-Debüt („Gothika“) und zuvor die äußerst erfolgreiche Grangé-Verfilmung „Les Rivières pourpres / Die purpurnen Flüsse“ dramaturgisch vorangetrieben hatte – freilich mit dem unguten Beigeschmack, dass keiner der beiden Filme den großen Versprechungen wirklich hatte standhalten können. Und demnach ist es auch hier am besten, im Vorhinein möglichst gar nichts über das große Rätsel zu wissen, das der Film bis ins Finale vor sich hertreibt. Nur so nämlich üben die behutsam aufgebauten Anzeichen des Geheimnisses um das Mädchen Aurora die größtmögliche Faszination aus und machen alle spätere Erklärung zur Beiläufigkeit (aber wie so oft kann man das als Zuschauer auch nur dann erzielen, wenn man sich vorab das Lesen von Kritiken erspart).
Überhaupt wird den offenen Fragen zu Recht mehr Raum eingeräumt als ihren Antworten. Frühzeitig entfernt sich der Film dabei von seiner Vorlage und geht seine eigenen dramaturgischen Wege. Das ist umso bemerkenswerter, als es für Kassovitz ein langgehegter Wunschtraum war, den düsteren Cyberpunk-Roman „Babylon Babies“ des (hierzulande skandalöser Weise bis heute gänzlich unübersetzten) französischen Kultautors Maurice G. Dantec auf die Leinwand zu bringen. Erst der Erfolg von „Gothika“ hatte ihm die notwendige Freiheit verschafft, das Projekt tatsächlich auch in Gang zu bringen. Doch von dort an lief wenig nach Plan, und das Ergebnis ließ den Franzosen enttäuscht und wutschnaubend zurück. Selten jedenfalls hat ein Filmemacher sein eigenes Werk noch vor dem Start so gnadenlos in der Luft zerrissen wie Kassovitz im Fall von „Babylon A.D.“. In einem Interview mit dem amerikanischen TV-Sender AMC distanzierte er sich in einer Art und Weise, die kein gutes Haar mehr am produzierenden Studio ließ. Nichts als Dummheit und sinnentleerte Gewalt seien am Ende von seinem ursprünglichen Konzept übrig geblieben. Ständig habe ihm die Fox im Nacken gesessen, und zu keinem Zeitpunkt hätte er auch nur eine einzige Szene so drehen können wie vorgesehen. Schlimmer noch die Postproduktion: Ganze 15 Minuten seien dem Schnitt zum Opfer gefallen mit dem Ergebnis, dass die Geschichte nun entscheidende Elemente ihrer Schlüssigkeit verloren hätte (die europäische Fassung ist dabei immerhin noch 10 Minuten länger als die US-Version). Gerüchte von sogar 70 eliminierten Minuten hatten schon früher die Runde gemacht, waren aber von offizieller Seite schnell als Missverständnis abgemildert worden. – Sehr treffend prognostizierte Kassovitz eine gute Platzierung am Startwochenende (keine Kunst am Labor Day, dem einzigen Feiertag der USA, von dem die Kinobranche traditionell kein Stück profitiert) mit Einbußen von 30% in der Folgewoche – und behielt Recht.
Wie verständlich die Verärgerung des Filmemachers auch ist, so hat die panische Reaktion des Studios doch durchaus ihre Vorgeschichte. Schon frühzeitig war von ernsthaften Finanzierungsproblemen zu hören, heftigen Budget- und Terminüberschreitungen aufgrund ungeplanter Wettereinbrüche, aber auch von ungesunder Chemie zwischen Regisseur und Hauptdarsteller (mit den üblichen entschiedenen Dementis der jeweiligen Pressesprecher). Was auch immer davon den Tatsachen entsprechen mag, im Großen und Ganzen erinnert die Konstellation jedenfalls merklich an Kevin Costners einschlägiges „Waterworld“-Debakel, und das hatte bekanntlich einen der größten Flops der Filmgeschichte zur Folge. So mag man angesichts eines aus allen Rudern laufenden Desasters, bei dem eine hochambitionierte künstlerische Vision offensichtlich mit den Realitäten ihrer Produktionsbedingungen kollidierte, seitens der Fox frühzeitig versucht haben zu retten, was zu retten ist. Dass dabei nicht unbedingt mit Bedacht gehandelt wurde, sollte niemanden wundern. Vorsorglich strich man zudem das Marketingbudget auf das Nötigste zusammen, verschob den Starttermin und verzichtete in den USA gänzlich auf Pressescreenings – eine Maßnahme, die nie gut ankommt, und für die sich die Kritik in aller Regel mit vernichtenden Besprechungen revanchiert. „Babylon A.D.“ bildete hier keine Ausnahme.
All dies muss nun eigentlich mit dem Schlimmsten rechnen lassen. Umso überraschender fällt das Ergebnis aus. Denn was auch immer Kassovitz für seinen Film ursprünglich vorgesehen hatte, die jetzige Fassung jedenfalls ist ebenso kraftvoll wie faszinierend und hat nichts mit dem zu tun, was eine breite, vor allem in den USA offensichtlich arg voreingenommene Presse (und immerhin auch der Filmemacher selber) in ihr sehen will. Die Geschichte ist selbstverständlich simpel, und Vin Diesel als Hauptdarsteller zeigt den kaltblütigen Söldners mehr als dass er ihn spielt, doch das lässt sich verschmerzen. Diesels Agenten hatten vermutlich eine gute Möglichkeit gesehen, mit der Vision des Franzosen der seit einer Weile stagnierenden Karriere ihres Klienten einen merklichen Energiestoß zu verschaffen, und so war er kurzer Hand aus der weniger vielversprechenden „Hitman“-Verfilmung ausgestiegen (ein kluger Entschluss), um den digitalen Agent 47 gegen den Einzelkämpfer Toorop einzutauschen. Ob das auch zum Gewinn des Films beigetragen hat, mag man bezweifeln, denn bedauerlicher Weise bleibt die Hauptfigur nun ein eher eindimensionales Abziehbild (zu einem früheren Zeitpunkt, so heißt es, sei Vincent Cassel die erste Wahl für die Rolle gewesen, und dass es dazu nicht gekommen ist, darf man ausgiebig bedauern). Was Diesel allerdings dem Film hinzufügt, ist ein großes Maß an gewaltsamer Physikalität, die auf reizvolle Weise der ätherischen Zerbrechlichkeit Auroras (Mélanie Thierry) entgegensteht und so die gegenläufige Dynamik widerspiegelt, an der die Welt, in der sich die beiden befinden, nachhaltig zugrunde geht.
Hier liegen dann auch die großen Stärken dieses Films, dessen gewalttätige Grundkonstellation zunehmend mit einer rätselhaft transzendenten Atmosphäre aufgehellt wird, die von Liebe und Schmerz kündet, ohne auch nur im Ansatz konkret zu werden. Kassovitz umkreist diese Konstellation mit viel Gespür für große bis großartige Bilder und eine schicksalhafte Atmosphäre, hinter der etwas aufleuchtet, das der Film selber nicht benennen kann. Viel davon ist der Vorlage Dantecs zu verdanken, deren Geschichte sich aufreibt in der fatalen Kollision einer Realität ohne verbliebene Illusion oder Ethik auf der einen und fragwürdigen Techniken esoterisch-kosmologischer Daseinsüberwindung auf der anderen Seite. Nicht zu Unrecht war Dantecs vielschichtiger Zukunftsentwurf lange Zeit mit dem berüchtigten Warnsiegel der Unverfilmbarkeit versehen, und Kassovitz bestätigt mit seiner Version im Grunde genau dies. Kaum mehr als ein paar Namen, Konstellationen und ein vager Handlungsrahmen sind letztlich übrig geblieben, und dem gemäß betrachtet der Regisseur seine Version auch eher als Interpretation und Übersetzung denn als echte Verfilmung. Wo im Roman ein komplexes Geflecht von Charakteren und über weite Strecken hinweg wenig äußere Handlung vorherrschen, versucht der Film, einige entscheidende Motive der Vorlage in den Rahmen einer gänzlich neu erfundenen Fluchtgeschichte einzubinden. Wichtige Figuren wurden dabei merklich umstrukturiert und radikal entschlackt.
Umso bemerkenswerter allerdings fällt manche Neugestaltung auf, und was auf den ersten Blick wie eine völlige Abkehr vom Roman erscheint, erweist sich in einigen Fällen als gutdurchdachte und dem Medium angepasste Variation. Das trifft am eminentesten auf die schwierigste Figur der Vorlage zu, der Kassovitz sogar einen neuen Namen verpasst hat, und die zunächst so gar nichts mit Dantecs Charakter gemein zu haben scheint. Aus der schizophrenen Marie Zorn, deren alptraumartige Visionen über weite Strecken alles sind, was der Leser des Romans über sie erfährt, ist im Film die rätselhafte Aurora geworden – und die könnte kaum weiter vom Original entfernt sein. Bei genauerer Betrachtung aber lässt sich mit Erstaunen feststellen, dass dem Film gerade mit dieser Variante eine Übersetzung der Vorlage gelungen ist, die auf einer echten Versuchsanordnung beruht. Deren Koordinaten ergeben sich aus einer gänzlich differierenden Vorgeschichte der Figur und erlauben so ihre grundlegende Neuauslotung. „Babylon A.D.“ ist als Film insofern nicht weniger als eine Art Paralleluniversum, in dem aus einer israelischen Elitesoldatin auch eine Nonne werden kann (künstlich gealtert, ohne Glanz zu verlieren: Michelle Yeoh), oder aus einem komplexen Strategen wie Toorop ein einfach gestrickter Auftragskiller. Am Ende entscheidet das Medium selber, welche Variante die angemessenere ist.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Concorde Filmverleih GmbH
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