THE STRANGERS

By Thomas Lenz

Helter Skelter.

Filmkritik: The StrangersWenn Kinder vor dem Schlafengehen mit echter Furcht und großer Vorsicht unter ihrem Bett nachschauen, ob da nicht vielleicht ein Monster lauert, das nur darauf wartet, im sicheren Dunkel der Nacht plötzlich hervorschnellen und einen packen zu können, dann wollen sie vor allem dies: Sicherstellen, dass sie nicht zu Tode erschreckt werden. Im Grunde erfordert das ziemlichen Mut, denn wer nicht ernsthaft an Monster glaubt, wird auch nicht nachschauen. Eine gewisse Chance nämlich, dass da tatsächlich etwas ziemlich Grausiges nur auf den richtigen Moment wartet, ist für den Betreffenden nicht von der Hand zu weisen. Was aber, wenn sich die schlimmsten Befürchtungen eines Tages bewahrheiten? Was, wenn einmal nicht bloße Leere, Staub und ein paar Spielsachen unter dem alten Lattenrost zu sehen wären, sondern das Entsetzen selbst Gestalt angenommen hätte? Natürlich, nach dem ersten lauten Panikschrei würde es sofort wieder verschwinden, alleine schon, um den Entdecker vor seinen rasch herbeieilenden Eltern Lügen zu strafen. Fortan aber wäre die Angst ein ständiger Begleiter und hinter jeder Tür, an jeder Ecke müsste man fest mit dem nächsten Schrecken rechnen. Und das solange, bis eintritt, was bei Stephen King die einzig sinnvolle Horrorautor-Definition des Todes ist: Nämlich dass die Monster einen kriegen. – So ungefähr lässt sich beschreiben, was Bryan Bertinos schweißtreibender Debütfilm „The Strangers“ nach etwa einer Viertelstunde mit Zuschauern wie Protagonisten gleichermaßen anstellt. Denn sobald in der ebenso einfach gestrickten wie immens effektiven Geschichte die ersten Anzeichen des Schreckens buchstäblich an die Tür klopfen, ist es um alle Zuversicht, die Sache würde schon gut ausgehen, bereits geschehen. Und daran wird sich bis zum schauerlichen Ende auch nichts mehr ändern, denn ohne Rücksicht auf Verluste dreht dieser ultragemeine Thriller die Panik- und Adrenalinschraube Minute um Minute ein Stück weiter. Wer hypertoniegefährdet ist, hält sich also besser fern. Allen anderen sei geraten: Popcorneimer zur Seite geräumt und am Sitz festgekrallt. Wer weiß, was darunter lauert.

Gemma Ward. The Strangers. Foto: Kinowelt GmbH

Hitchcock unterschied bekanntlich einmal zwischen zwei Arten, den Zuschauer mit einem Ereignis zu konfrontieren. Mit „Suspense“ bezeichnete er dabei das Erwarten eines solchen, zumeist gekoppelt mit einem Wissensvorsprung des Zuschauers, und setzte sie von der bloßen „Surprise“ ab, also dem unerwarteten Eintreten einer Sache ohne Vorwarnung. Sein Beispiel, die tickende Zeitbombe, ist dabei klassisch und einleuchtend zugleich, denn entweder weiß der Zuschauer im Gegensatz zu den Protagonisten, dass und möglicherweise auch wann eine Explosion bevorsteht, und kann so eine ganze Weile mitfiebern, ob die Betroffenen unbeschadet davonkommen, oder aber er weiß es eben nicht und ist ebenso überrascht wie die Figuren auf der Leinwand. Wie so Vieles in Hitchcocks Truffaut-Dialogen ist auch dies natürlich nur eine sehr oberflächliche Analyse, denn zwischen den beiden Varianten passen selbstredend noch eine ganze Reihe anderer Mittel, den Spannungsbogen möglichst straff aufzuspannen.

In „The Strangers“ etwa greift ein im Grunde ganz dreister Trick, den der Film ohne den geringsten Wirkungsverlust bis zum Ende durchspielt und sich dabei die potenzierende Wechselwirkung der beiden Varianten zueigen macht. Denn mit wenigen dramaturgischen Strichen und Schrecksequenzen (von denen man sich nicht allzu schnell wieder erholt) ist schnell sichergestellt, dass jeden Moment grauenerregende Dinge aus dem Dunkel hervortauchen, hinter den Protagonisten lauern oder sonst wie plötzlich im Bild erscheinen könnten. Das gelingt ohne großen Aufwand, denn alle zunächst aufgebaute Erwartungshaltung wird früher oder später bedient, und dass sich das auch im weiteren Verlauf nicht ändern wird, hat der Zuschauer schnell begriffen. Die Frage ist also nicht, ob das jeweils Schlimmstmögliche geschieht oder nicht, sondern lediglich wann – und mit jedem Eintreffen steigt der Adrenalinspiegel ein Stück weit mehr.

Die Grundzüge des Plots sind kaum mehr als eine Skizze: Ein Mann und eine Frau verbringen die Nacht in einem Landhaus, isoliert genug, um zu Fuß nur schwerlich den nächsten Nachbarn aufsuchen zu können, aber immer noch so nah an der Zivilisation, dass gesetzlose Übergriffe eher außerhalb der bürgerlichen Vorstellungskraft liegen – vorerst jedenfalls. In den frühen Morgenstunden hämmert es eindringlich an die Vordertür: Eine Fremde, in der Dunkelheit kaum zu erkennen und seltsam abwesend. Mechanisch fragt sie nach einer Frau namens Tamara, doch der Mann weist sie zurück – sie habe sich ganz sicher in der Adresse geirrt, und die Fremde verschwindet mit einem unheimlichen „See you later“ wieder in die Nacht. Das Pärchen, belastet mit persönlichen Spannungen und deshalb nicht ganz bei der Sache, misst dem Vorfall nicht viel Bedeutung bei, und wenig später setzt sich der Mann ins Auto, um für eine Weile dem zwischenmenschlichen Konflikt der beiden zu entkommen. Doch als die Frau alleine ist, klopft es wieder, dieselbe Fremde, dieselbe Frage, doch diesmal öffnet die Frau schon nicht mehr die Tür – zu groß ist das Unbehagen jetzt. Ein Blick aus dem Fenster genügt. Dort steht das Mädchen, regungslos, bedrohlich. Und dann wird der Zuschauer Zeuge, wie im Hintergrund bereits jemand lauert, der ins Haus eingedrungen ist, gesichtslos, stumm und mit einer Scarecrow-Maske verhüllt. Nichts passiert. Zunächst. Doch mehr sollte man vorab nicht wissen.

Gemma Ward. The Strangers. Foto: Kinowelt GmbH

Wie so viele Horrorthriller wirbt auch „The Strangers“ mit realen Ereignissen, die dem Film angeblich zugrunde liegen, doch das kann man getrost vergessen. Nicht anders als etwa im Fall von „Wolf Creek“ sind solche realen Grundlagen auch hier eher weit hergeholte Inspirationsquellen, wie sie jedem fiktiven Werk vorangehen. Die grauenerregenden Ereignisse im Landhaus der Familie Hoyt, 1801 Clark Road, vom 11. Februar 2005 sind pure Erfindung, auch wenn der Film zu Beginn großen Wert darauf legt, so zu tun, als würde hier ein realer Hintergrund wiedergegeben. Filmemacher Bertino (bis zu seinem Erstlingswerk Beleuchter bei kleinen Independent-Produktionen und Werbefilmen) berichtet jedoch auch gerne von dem entscheidenden Vorkommnis aus seiner Kindheit, das die Grundidee lieferte. Selber aufgewachsen in einem einsamen Landhaus, habe sich dort tatsächlich eines Nachts, als die Eltern einmal nicht zu Hause waren, jenes unheimliche Klopfen an der Tür ereignet. Bertinos Schwester habe geantwortet, und die Fremden draußen hätten nach einer bestimmten Familie gefragt, die aber eben dort nicht lebte. Mehr war nicht geschehen. Im Nachhinein, so Bertino weiter, habe sich herausgestellt, dass Einbrecher diesen Trick genutzt hätten, um festzustellen, ob Häuser leer stünden, um sie dann in aller Ruhe ausräumen zu können. – Von solchen eher harmlosen Einbrechern ist im Film selbstverständlich nichts geblieben, das nächtliche Klopfen scheint Bertino, damals noch ein Kind, jedoch so nachhaltig verängstigt zu haben, dass es Eingang in sein Debüt gefunden hat.

Die andere reale Inspirationsquelle für die nächtlichen Besucher fand der Filmemacher in „Helter Skelter“, dem preisgekrönten Tatsachenbericht von Vincent Bugliosi und Curt Gentry über die Morde der Manson-Familie von 1969. Das Ausbleiben eines apokalyptischen Rassenkriegs zwischen Schwarzen und Weißen, den Charles Manson eine ganze Weile prophezeit hatte, war Auslöser für drei brutale Morde gewesen (unter anderem an Roman Polanskis damaliger Ehefrau Sharon Tate), mit denen Manson, seinen eigenen Worten gemäß, den Schwarzen hatte zeigen wollen, wie man Weiße tötet – freilich um die ganze Sache dann schwarzen Gruppierungen in die Schuhe zu schieben und so die Lynchjustiz voranzutreiben. Im legendären „White Album“ der Beatles hatte er eine codierte Vorwegnahme des bevorstehenden Krieges erkannt, und so spielen Schallplatten in Bertinos Film vermutlich auch aus diesem Grund eine nicht wenig Unbehagen erzeugende Rolle.

Scott Speedman, Liv Tyler. The Strangers. Foto: Kinowelt GmbH

Überhaupt ist die Tonspur eine der effektivsten Waffen, mit denen in „The Strangers“ die Fantasie des Zuschauers malträtiert wird. Was es nicht zu sehen gibt, das gibt es immerhin zu hören, und zwar so lange, bis man sich nichts Sehnlicheres mehr wünscht, als erlöst zu werden von der Ungewissheit über dasjenige, was sich hinter Klopfgeräuschen an der Tür, springenden Schallplatten (in nervenaufreibender, minutenlanger Wiederholung) oder asthmatischem Keuchen aus dem Hinterhalt verbirgt. Nicht unwesentlich trägt dazu auch die wenig beruhigende Musik des Experimentalduos Tomandandy bei, die über weite Strecken an die elektronischen Partituren erinnert, mit denen Maurice Jarre in den 80ern so manchem Kinoerlebnis die entscheidende Note Unwohlsein hinzufügte.

Im Grunde ist Bertinos Film in seinem Bestreben, mit geringen Mitteln (äußerst erfolgreich) den größtmöglichen Effekt zu erzielen, eine echte No-Budget-Produktion, die unter Einsatz eines relativ hohen finanziellen Aufwandes ein breiteres Publikum zu erreichen versucht. Dazu trägt vor allem die Verkörperung der beiden Hauptfiguren durch Liv Tyler (gibt sich alle Mühe) und Scott Speedman bei, auch wenn die Konstellation vergleichsweise beliebig ist. Für den amerikanischen Markt jedenfalls hat das gut funktioniert. Die Besetzung einer Nebenfigur mit Topmodel Gemma Ward ist immerhin ein echter Godard-Effekt – denn ihr Gesicht gibt es kein einziges Mal zu sehen.

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The Strangers. Plakat: Kinowelt GmbH

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat / Fotos: Kinowelt GmbH

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