Kill the Batman.
Wobei das natürlich das Letzte ist, was sich der Mann mit der rot überschminkten Karikatur eines Grinsens im Gesicht tatsächlich wünscht. Denn ohne den schwarzen Ritter im Fledermauskostüm, der wie von Zwangsneurosen getrieben beständig Gutes tun muss, ist er, der Joker, gänzlich unvollständig – doch das beruht auf Gegenseitigkeit. Die Maske des gesichtslosen Outlaws aber herunterreißen, um sein Geheimnis zu zerstören, seine Motive korrumpieren, um sie gegen ihn zu richten, ihn Dinge tun zu lassen, die alles verraten, wofür er steht – das ist der Mordplan des Jokers, und so sehen es die Karten vor, mit denen er spielt. Frei von den Fesseln einer wie auch immer gearteten Vergangenheit, die nur lähmt und fremdbestimmt, aber vor allem unbeeindruckt von moralischen Prinzipien, und damit in beiderlei Hinsicht seinem Gegenspieler ein entscheidendes Stück voraus, stellt der Joker seinen eigenen Regelkanon auf, und der bedeutet meistens: Entscheide Dich zwischen zwei Möglichkeiten, die Du beide nicht verantworten kannst. Folterspiele wie aus dem KZ, nur raffinierter und von langer Hand geplant, formale Terrorakte, die auf allen ideologischen Unterbau verzichten, und ein umfassender Blick auf die Natur seiner Gegner, der ihn immer einen fatalen Schritt voraus sein lässt – das sind die Waffen des Jokers, und sie verfehlen ihr Ziel nur, wenn genau das auch Teil des Plans ist. Kann man einer solche Figur ernsthaft applaudieren? Wohl kaum – aber die Zügellosigkeit, mit der sie über alles triumphiert, was die Zivilisation auch nur im Ansatz zusammenhält, fordert eine Form von Ehrfurcht ein, die sich nicht so leicht von der Hand weisen lässt. Das ist vielleicht des Jokers größter Triumph, und er braucht gerade einmal knappe zwei ein halb Stunden, um ihn davontragen zu können – was so unfasslich ist, dass man das Ganze wieder und wieder verfolgen will, weil man es einfach nicht glauben kann.
Schon das Versprechen am Ende des Vorgängerfilms, mit dem der Joker seine Wiederkehr auf die Leinwand angekündigt hatte, ließ so manchen Fan in echte Verzückung geraten. Waren doch bereits 16 Jahre seit dem letzten Kino-Auftritt des faszinierendsten und unberechenbarsten aller Gegenspieler aus dem DC-Universum vergangen – und das mit einem Stempel, den ausgerechnet der irrste aller Filmirren der Figur damals so nachhaltig aufgedrückt hatte. Die Nachricht, dass der sensible Heath Ledger nun die Lücke füllen sollte, die das frühzeitige Ableben von Nicholsons Joker-Fassung hinterlassen hatte, löste nicht wenig Skepsis aus, denn es schien ein weiter Weg von Mad Jack zu jenem homosexuellen Cowboy, mit dem Ledger sich merklich vom Image des austauschbaren Frauenschwarms ohne nennenswertes Profil hatte lösen können. Doch Ledger hatte die weiterführende Entwicklung seiner bis dato eher eindimensionalen Karriere bereits deutlich im Blick. Mit dem Heroindrama „Candy“ und seiner Interpretation des identitätslosen Bob Dylan in „I’m not there“ war der Schritt, den Ledger als Schauspieler anstrebte, unübersehbar, und die Entscheidung für Christopher Nolans kompromisslose Wiederbelebung des Jokers hätte genau jenen Wendepunkt bedeutet, der wohl auf seiner Agenda stand. Doch bekanntlich sollte es dazu nicht mehr kommen, und als der Schauspieler am 22. Januar verstarb, hat man im Hause Warner vermutlich mit einem unsicheren Balanceakt aus politisch korrektem Bedauern und marktstrategischem Jubilieren reagiert. Alle Aufnahmen mit Ledger waren bereits abgeschlossen und der Film somit nicht in der unangenehmen Lage, digitaler Nachhilfe zu bedürfen (wie etwa im berühmten Fall von Brandon Lee in „The Crow“ oder auch Oliver Reed in „Gladiator“). Für die Vermarktung also galt „Why so serious?“, denn nichts lässt sich in der Entertainment-Industrie so gut verkaufen wie der tragische frühe Tod eines Künstlers.
So erhielt der großangelegte virale Rummel um den mittlerweile sechsten Film des Batman-Franchise eine recht unangenehme nekrophile Note hinzugefügt: Die erste Joker-Actionfigur nach Ledgers Vorbild war schneller ausverkauft als die Kassen klingeln konnten, und ein unisono angestimmtes Oscar-Plädoyer mit dem Beigeschmack einer Erpressung, die sich der Joker selber nicht besser hätte ausdenken können (ein Anspruch, der darüber hinaus in der Mitte des Jahres so sinnlos ist wie die Forderung nach weißer Weihnacht, und der in seiner Absolutheit einfach einmal alles Spätere vorab ignoriert), sicherte dem kommenden Film eine Form der Bedeutsamkeit zu, die sich einzig aus Ledgers plötzlichem Ableben speiste. Am unwürdigsten allerdings gestaltete sich die Invasion schmierblättriger Spekulationen aus der untersten Schublade der Küchenpsychologie, die ungebremst darüber schwadronierten, wie der Schauspieler von der Rolle, die ihm soviel abverlangt hätte, absorbiert und an ihr zugrunde gegangen sei, wie die Trennung von Frau und Tochter ihn hierauf vorbereitet hätte (eine 1:1-Übertragung des Falles Owen Wilson, über den – da für einen Comedian nicht wirklich verkaufsfördernd – längst der Mantel des Totschweigens ausgebreitet ist) und Ähnliches mehr. Für die Legendenbildung sind solche Rahmenerzählungen aus der Kenneth-Anger-Schule unvermeidlich, und das erst recht, wenn ihr Träger ansonsten ein eher unbeschriebenes Blatt ist. Denn Ledger stand – und das unterscheidet ihn von der Riege der einschlägigen Frühverstorbenen – im Grunde für nichts als solides Handwerk: Keine Skandale, keine Ideologien, kein exzentrisches Auftreten. Umso mehr muss der Joker nun für seinen frühen Sturz herhalten. Absurd ist das allemal, und mit der Realität wird es reichlich wenig zu tun haben. Dem Absatzwert des Produktes hilft das ungemein, doch den klaren Blick auf Ledgers unstrittig exzellente Leistung trübt es gehörig. Denn die Heldenlieder, die von Anfang an auf seine Joker-Darstellung gedichtet worden sind, schießen in einer Art und Weise über das Ziel hinaus, dass sie durchaus an Hysterie grenzen.
Dabei wird vor allem übersehen, wie viel von Ledgers Interpretation in erster Linie auf der Grundlage einer perfide gestrickten Joker-Version Christopher Nolans und seines Bruders Jonathan beruht. Denn erst die Entscheidung der beiden Autoren, die Figur dort anzulegen, wo sie in ihrer schlüssigen Einheit aus Faszination und Abscheu für echtes Blockbuster-Kino eigentlich am unerträglichsten ist, und sie damit ausdrücklich von Burtons Vorgängerfassung abzuheben (die immer noch ein geheimes Einverständnis mit dem durchweg amüsanten Jack Napier zuließ), machte den Weg erst frei für Ledgers entfesselnd-verstörende Darstellung. Dabei hat diese Möglichkeit auch viel zu tun mit einer langen Entwicklung von Nemesis-Figuren im Hollywood-Film und der gewachsenen Bereitschaft, mit Abscheulichkeiten Kasse zu machen. Dass Nolans Joker nun auf seine Weise die genaue Schnittmenge zwischen „Hannibal“ und „Hostel“ getroffen hat, ist ein echter Glücksfall. Dabei macht er im Grunde nichts anderes, als sich der vorrangigen Version der Figur, wie sie in den Comics angelegt ist, möglichst weit anzunähern und andere Interpretationen außen vor zu lassen. Alternativen hätte es nämlich durchaus gegeben.
Seit der ersten Ausgabe der Serie von 1940 ein zentraler Bestandteil des Batman-Universums, durchlief die Gestalt mit dem verstörenden Dauergrinsen im Gesicht über die Jahrzehnte ihres Wirkens hinweg einige entscheidende Mutationen – und das ganz ohne Einfluss toxischer Chemikalien. Zu Zeiten der sogenannten Comic Codes Authority etwa, einer Art freiwillige Selbstkontrolle der Verleger als Reaktion auf populäre Thesen, denen gemäß die bebilderten Hefte vor allem antisoziales und homoerotisches Verhalten förderten (berüchtigt: Frederick Werthams “Seduction of the Innocent: The Influence of Comic Books On Today’s Youth” von 1954), degenerierte der Joker bis in die 60er Jahre hinein zum gemeinen, aber doch eher harmlosen Einbrecher und Spaßmacher, der so lange durch alberne Gimmicks auf sich aufmerksam machte (und von dem Nicholsons Version einiges erbte), bis ihn der damalige Herausgeber Julius Schwartz schließlich in die Verbannung schickte. Erst 1973 erschien der Joker wieder auf der Bildfläche, und das dank Denny O’Neil und Neal Adams nun als echter Soziopath mit Hang zu Mord, Folter und sadistischen Spielereien.
Über seine Herkunft besteht eher Uneinigkeit. Die bekannteste Version – nach Motiven eines „Detective Comics“ aus dem Jahr 1951 – stammt von Alan Moore (dem Vater der „Watchmen“) und erzählt die wilde Geschichte eines erfolglosen Stand-Up-Comedians und ehemaligen Chemieingenieurs, der zwei Gangstern den Zugang zur Fabrik seines früheren Arbeitgebers verschafft, um seine schwangere (im Verlauf der Ereignisse tödlich verunglückende) Frau finanziell versorgen zu können. Die Sache geht schief, und auf der Flucht vor Batman stürzt er sich in ein Säurebad, das seine Haut weiß, seine Lippen rot und seine Haare grün färbt. Der Tod seiner Frau und seines ungeborenen Kindes lassen ihn den Verstand verlieren, und aus dem glücklosen Niemand wird ein gefährlicher Krimineller. Doch wie bei Shaffers Salieri-Historie ist auch die Geburtsstunde des Jokers nur die fragwürdige Erinnerung eines Wahnsinnigen, der von seiner Vergangenheit ausdrücklich behauptet, sie habe vielfache Varianten. Tim Burtons erster Batman-Film etwa geht bekanntlich gänzlich andere Wege.
Von solchen Erklärungsversuchen nimmt Nolans Fassung bewusst Abstand. Ganz im Gegensatz zur detailliert zurecht erfundenen Historie von Bruce Wayne in „Batman Begins“ (ohne Drehbuch des Regisseurs) sollte die Herkunft des Jokers ausdrücklich unthematisiert bleiben. Den Gedanken einer multiplen Vergangenheit, wie Moores „The killing Joke“ (einer der wesentlichen Einflüsse für „The Dark Knight“) ihn durchspielt, übernimmt Nolans Film ein Stück, indem er den Joker Geschichten über den Ursprung seiner Gesichtsnarben der jeweiligen Gelegenheit und seinem Gegenüber einfach anpasst (oder vermutlich schlichtweg erfindet). Bei Nolan gibt es keine Vergangenheit für den Kartenspieler, keine Erklärung für seine Motive. Der Joker ist weder ein Terrorist (wie es eine ganze Abordnung von Kritikern gerne sehen will), noch ein ungeliebtes Kind, noch ein Prophet des Chaos, oder gar schlicht ein Fall für die Psychiatrie. Er ist all dies nur als Projektionsfläche, doch wirft er selber jeden Erklärungsversuch mit der nächsten Handlung wieder über Bord. Er gehört auf diese Weise in die Klasse der bedrohlichsten aller Villains, nämlich zu denjenigen, die sich nicht durch ihre Motive erklären lassen, um den Zuschauer mithilfe von Kausalisierungen in Sicherheit zu wiegen. „Beruhigen“ sollen solche Schemata, sagt Michael Haneke bei Gelegenheit, und damit der Tat selber ihren Schrecken nehmen (weshalb seine Figuren in „Funny Games“ bekanntlich nicht nur unerklärt bleiben, sondern auch noch die gängigen Motivklischees aktiv verhöhnen). Nolans Joker springt zwischen den Motiven, stellt seine Mitspieler (als Gegner würde er sie vermutlich nicht betrachten) so lange vor Alternativen, zwischen denen sich niemand wirklich entscheiden kann, und treibt sie vor sich her, bis sie zerbrechen, sich verleugnen, die Seiten wechseln oder resignieren.
Tragischstes Opfer seines Spiels ist der einst lupenrein demokratische Staatsanwalt Harvey Dent – von Bruce Wayne tatkräftig unterstützt in der heimlichen Hoffnung, mit Dents Aufstieg seine eigene Existenz als Batman beenden zu können. Doch Dent, der Mann der gerne eine Münze wirft, wenn Entscheidungen anstehen (ohne jedoch irgendetwas dem Zufall zu überlassen, denn seine Münze hat zwei identische Seiten), wird im Joker seinen Frankenstein finden und damit, wie es in Superhelden-Comics oft der Fall ist, auch den Vater seiner Identität als Monster. Wo die Münze zuvor Dents unbedingten Willen zur Entscheidung repräsentiert, wird sie später – nun wirklich mit zwei Seiten versehen (den sprichwörtlichen zwei Seiten der Medaille, und damit Spiegelbild der Figur selber) – den radikalen Wandel eines Weltglaubens zum Prinzip erheben lassen und den Zufall an die Stelle der Moral setzen (eine Technik, die sich auch der Bolzenschusskiller Anton Chigurh aus „No country for old men“ zueigen gemacht hat). Doch von derartigen Spiegelungen, Doppelungen und Inverssetzungen ist „The Dark Knight“ ohnehin randvoll.
Für Nolan ist die Verzahnung zweier Figuren, die sich gegeneinander definieren, bedingen und ausliefern, ein beständiges Motiv, das selbst in den Filmen, deren Vorlage er nicht selber geliefert hat, deutlich hervorscheint: Beobachter und Beobachteter in „Following“, in dem letzterer seinen Verfolger zum Komplizen und gleichzeitig zum Spielball macht, wenn er die Beobachtung potenziert – Leonard in „Memento“, der seine schwindenden Erinnerungen mithilfe von Tätowierungen festhält, und diejenigen Menschen, von denen er sich eine wiederkehrende Stringenz erhofft, selber aber zu deren Opfer wird (Natalie) oder ihre Identität bewusst umlenkt (Teddy) – die beiden rivalisierenden Magier aus „The Prestige“, ihre vielgestaltigen Doppelgänger und die Frau zwischen ihnen, deren Schicksale durch gegenseitigen Verrat bis in den Tod unlösbar miteinander verbunden bleiben – selbst Detective Dormer und der Kindermörder Finch aus „Insomnia“ sind durch den verschleierten Kollegenmord des Ermittlers und die Mitwisserschaft des Verfolgten so eng miteinander verbunden, dass keine klassische Auflösung möglich wird – und schließlich ist es Bruce Wayne selbst, der in „Batman Begins“ von Henri Dunn erst zu dem gemacht wird, der er als schwarzer Ritter mit Fledermausmaske sein Leben lang sein wird, nur um demselben Mann später als erbitterter Gegner gegenüberzustehen. In der Konfrontation von Batman und Joker finden derartige Motive ihre Nahrung und werden auf eigene Weise noch eine ganze Stufe überhöht.
Doch doppelte Existenzen und schicksalhafte Zweierkonstellationen stellen auch anderorts in „The Dark Knight“ die Koordinaten für dramaturgische Einheiten bereit (Wayne / Dent, Wayne / Rachel, Rachel / Dent, Dent / Joker, Dent / Twoface, Twoface / Gordon und andere mehr). Überall wird vorgetäuscht, mit Identitäten gehadert, versprochen und nicht gehalten, die Wahrheit verschwiegen oder umgestaltet – und überall ist es die Münze des grausem entstellten Harvey Dent (Aaron Eckhardt, wie man ihn noch nie gesehen hat), die als zentrales Symbol das beständigen Ringen um die Seele von Gotham City repräsentiert. Am Ende bleiben die Versuchungen des Jokers Zeichen dafür, dass irgendwo in der Stadt ein schwarzes Loch darauf wartet, alles in sich zu verschlingen. Von nirgendwo gekommen und auch auf seine Weise nach eben dorthin wieder verschwindend, ist die bloße Existenz des bösen Clowns Beweis genug für die ständige Bedrohung eines grausamen Weltenendes. Mehr Mephisto als alles andere, was man in ihm sehen mag, hält er Batman am Leben und raubt ihm dasselbe im gleichen Atemzug. Denn kaum Schlimmeres hätte er ihm antun können als dasjenige, was dem um Luft ringenden Zuschauer mit unumstößlicher Sicherheit bald schon eine weitere Fortsetzung der Serie bescheren wird. Batman forever.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Warner Bros. Entertainment GmbH
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