Capote auf Coruscant.
Dass Anakin Skywalker, Sohn des Shmi, Vater von Luke und Leia Organa, sowie zukünftiger dunkler Lord der Sith, in den Jahren der Klonkriege eine Zeitlang einen Padawan an seiner Seite hatte, ist in der Geschichtsschreibung der Galaxie bisher unerforscht geblieben. Zudem handelt es sich bei dem Jedi-Lehrling um die jugendliche Togruta Ashoka Tano vom Planeten Shili (Heimat des ebenfalls weiblichen Jedi-Masters Shaak Ti), entdeckt von Master Plo Koon (Ratsmitglied seit Ende der Schlachten von Qotile), und durch Master Yoda früher als üblich an Anakin weitergereicht, in der Hoffnung, dem ungestümen Jedi auf diese Weise ein größeres Maß an Verantwortung lehren zu können. Ashoka wird ihm während eines Gefechts auf Christophsis erstmals zugeteilt und beweist schnell, dass sie mit ihrem Mentor (der sie am liebsten „Snips“ nennt) trotz unterschiedlicher Temperamente ein gutes Team bilden kann. Gemeinsam befreien sie aus einem Kloster auf dem Planeten Teth Rotta, den Sohn des Kopfes gut organisierten Verbrechens auf Tatooine, Jabba Desilijic Tiure („the Hutt“), weisen ganze Armeen von Kampfdroiden in ihre Schranken, duellieren sich mit Count Dookus finsterer Gehilfin Asajj Ventress vom Planeten Rattatak und stehen auch sonst nicht selten mit gezückten Lichtschwertern Seite an Seite. Umso erstaunliche also, dass später nie mehr von der kleinen Kämpferin mit den beiden gestreiften togruta-typischen Kopftentakeln (auch Lekku genannt und bekanntermaßen ein Indiz für die Verwandtschaft mit dem Volk der Twi’Leki) gesprochen wird, doch auf die Gründe dafür wird die Jedi-Gemeinde vermutlich noch eine Weile warten müssen. Viel leichter hingegen lässt sich klären, ob auch nur nein einziges dieser Details denn wirklich notwendig ist, um das aktuelle Spin-Off aus dem Lucas-Universum zu verstehen, denn die Antwort ist ein klares und entschiedenes Nein. Will man allerdings eine Idee davon bekommen, warum die Skywalker Ranch als Quelle kosmischen und ökonomischen Reichtums auf dem Planeten Erde einfach nicht versiegen will, und die Lichtschwerter deshalb vermutlich ewig surren werden, ist ein Blick in die unendlichen Tiefen der Sternenkrieger-Obsession durchaus hilfreich.
In ihrer Architektur ist die Starwars-Galaxie ein selektives System sich selbst potenzierender Leerstellen. Wo man einsteigt, ist im Grunde gleichgültig, denn die Tatsache, dass man immer nur eine sehr begrenzte Menge (realer ebenso wie zukünftiger oder auch nur möglicher) narrativer Stränge fixieren kann, liegt in der Natur der Sache. Daran ändert sich auch dadurch nichts, dass es selbstverständlich die jeweilige Autorität hinter dem sichtbaren Ausschnitt ist, die den Blick des Beobachters wenn schon nicht vollständig lenkt, so aber doch zumindest (mal mehr, mal weniger strikt) vorstrukturiert. Denn das bloße Angebot an Einstiegsmöglichkeiten ist groß genug, um dem Konsumenten wenigstens die Illusion freier Entscheidung zu suggerieren.
Dass die betreffende Autorität dabei schon lange nur in sehr eingeschränktem Maß noch George Lucas heißt, gehört zu den Notwendigkeiten eines über alle Maßen umfangreichen Merchandising- und Lizenz-Systems, wie es sein Urheber einmal in Gang gesetzt hat und unermüdlich weiter befeuert. Was 1977 noch eine recht einfache Geschichte war, die in erster Linie visuell völlig aus dem Rahmen fiel und seinem Publikum Bilder bot, die es so zuvor noch nicht gesehen hatte, ist längst ein derart komplexes Erzählgeflecht geworden, dass echte Diehard-Fans schon ihr reguläres Leben an den Nagel hängen müssen, um auch nur im Ansatz so eine Art von Überblick behalten zu können. Während sich nämlich die sechs Episoden der ursprünglichen Serie in erster Linie auf das Schicksal zweier Generationen von Skywalker-Jedis konzentrieren (und dabei auch nur die Geschichte von Anakin wirklich einigermaßen von Anfang bis Ende durcherzählen), schaut so ziemlich alles, was sich um den Kern des Franchise-Universums sammelt, auf Randfiguren, Vor-, Nach- oder Nebengeschichten und erforscht mit zum Teil akribischer Genauigkeit die Vita von Charakteren, die in den Hauptfilmen entweder nur kurz (manchmal als bloße Statisten) oder gar ausschließlich in Erzählungen anderer Figuren auftauchen. Ob in einer unüberschaubaren Zahl von Romanen, Comics, Videospielen oder TV-Spin-Offs – das Universum dehnt sich unendlich aus, und mit jedem Beitrag eröffnet sich ein neuer Komplex aus Leerstellen, die gefüllt werden wollen.
Ein besonders ergiebiges Umfeld bilden dabei die sogenannten Clone Wars. Zum ersten Mal kurz erwähnt in Episode IV (also dem eigentlich ersten Film, seit Einführung der zweiten Trilogie bekanntlich mit dem Untertitel „A new Hope“ versehen), allerdings nicht wirklich Bestandteil der Handlung bis zu Episode II („Attack of the Clones“) und III („Revenge of the Sith“), spinnt sich einiges an Leerstellennetzen, die sich zur Auswertung anbieten. Zuvor bereits 2002 für ein Videospiel näher beleuchtet und von 2002 bis 2005 im Cartoon Network traditionell animiert, kümmert sich um die drei Jahre der Geschichte zwischen den Episoden II und III nun eine durch und durch computergenerierte Animationsserie, deren Pilotfolge Lucas mal schnell vorweg über die Kinoleinwände jagt. Glaubt man der selbst verbreiteten Legende, so kam dem Jedi-Master die Idee beim Anschauen einiger bereits fertig produzierter Folgen der Serie, und – das muss der Neid ihm lassen – ein besseres Marketing hätte der neue Ableger kaum kriegen können, denn irgendwie schickt Warner so (und zum ersten mal ohne Fox) doch tatsächlich noch einmal einen neuen Teil der Sternen-Saga ins Kino, egal ob animierter Trittbrettfahrer oder nicht. Das tut der Serie gut, dem Merchandising-Verkauf (mit den üblichen Anstürmen auf einschlägige Spielzeugladenketten) und der Kino- und DVD-Auswertung auch.
Ob der Film tatsächlich auf die große Leinwand gehört, bleibt dabei fast belanglos, denn es ist der Effekt, der zählt. Optisch kann „Star Wars: The Clone Wars“ weder mit vergleichbaren Produktionen aus dem Hause Pixar konkurrieren, noch scheint der Film dies überhaupt zu wollen, denn an erster Stelle steht ja nicht die Kino- sondern die TV-Auswertung, und auf diese hin ist der Look auch konzipiert. Unter dieser Voraussetzung allerdings erscheint die etwas gewöhnungsbedürftige Collagentechnik aus kantigen Figuren mit einem Hauch von Anime (dafür sorgt Lucasfilm Animation Singapore mit seinem Partner CGCG aus Taiwan) und kinotauglichen dreidimensionalen Hintergründen durchaus gut überlegt und für das Medium mithin ein Stück wegweisend. Zugleich ist die gemilderte Computerspieloptik ein deutliches Zeichen für eine frühzeitig geplante Gleichschaltung mit den zugehörigen Zweitauswertungen auf den einschlägigen Konsolen (wozu hier also zweimal Arbeit investieren?).
Die Geschichte selber ist, wie immer, recht einfach und lebt vor allem von spektakulären Kampf- und Actionsequenzen, aber durchaus auch vom Umgang der Figuren miteinander. Hier ist mit der Einführung von Anakins Jedi-Lehrling Ashoka ein ganz guter Griff gelungen, denn das Zusammenspiel der beiden Charaktere deutet genügend Potential an, um sowohl für den Film Sympathiepunkte zu sammeln als auch für das langfristig angelegte Serienprojekt tragfähig zu sein. Auf der dunklen Seite der Macht hingegen bietet die undurchsichtige Asajj Ventress – ein echter Geheimtipp für das nächste Spin-Off – vielversprechendes Potential für ein dringend notwendiges Maß an Beunruhigung (denn den meisten Hauptfiguren, Anakin und Obi-Wan Kenobi allen voran, droht ja keine ernsthafte Gefahr). Die kahlköpfige Frauengestalt (sieht aus wie Skin von Skunk Anansie) kennen die Insider bereits aus dem einen oder anderen Comic, sowie der Cartoon-Network-Serie. Ein bisschen Comic Relief bieten einzelne Kampfdroiden (Kennzeichen: dumm wie Brot), den Niedlichkeitsfaktor liefert Jabbas kleiner Sohn (im Grunde aber auch nur ein hässlicher Wurm), und für den Wiedererkennungswert sorgen die Originalstimmen hinter Count Dooku (Christopher Lee), Mace Windu (Samuel L. Jackson in seiner zweiten Cartoon-Inkarnation nach „Afuro Zamurai / Afro Samurai“) und dem Cameo von C-3PO (Anthony Daniels). Absurdester Neuzugang: ein kaltblütig-tuntiger Hutt (Onkel von Jabba), der auf ausdrücklichen Wunsch von George Lucas zu klingen hat wie Truman Capote.
Bemerkenswert ist der Zuwachs femininer Körperlichkeit im Starwars-Universum. Hatte sich Carrie Fisher einst noch ihre Brüste so fest an den Körper zurren lassen müssen, dass sie nicht mehr sichtbar waren, so darf Anakins Schülerin in den „Clone Wars“ nun gerne bauchfrei auftreten (als Identifikationsfaktor für weibliche Teenager?), Asajj Ventress Ausschnitt zeigen, und Prinzessin Amidala muss sich gar bei jeder erdenklichen Gelegenheit so positionieren, dass der Bildausschnitt ihr kugelrundes und eng verpacktes Hinterteil bestens in Szene setzen kann. Man muss also die Hoffnung noch nicht aufgeben, dass Lucas irgendwann vielleicht doch noch die Adult-Area seiner Galaxie eröffnet und den ewigen Lichtschwert-Kalauern damit ein Ende setzt.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Warner Bros. Entertainment GmbH
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