DIE MUMIE III

Lazarus:
Die Mumie – Das Grabmal des Drachenkaisers.

Das Wiederbeleben von Mumien hat seine ganz eigenen Gesetze. Wer schon einmal mit dem Gedanken gespielt hat, hier tätig zu werden, sollte bedenken, dass mit jemandem, der nach mehreren tausend Jahren aus dem Halbschlaf gerissen wird, nicht besonders gut Kirschen essen ist – zumal der ganzen Sache in aller Regel ein ziemlich gemeiner Fluch vorangegangen ist, der nicht unwesentlich zu einer Menge angestauter Aggressionen beigetragen hat. Hinzu kommt, dass auch bei bester Einbalsamierungsarbeit kaum von unversehrter Körperlichkeit die Rede sein kann, und so ist der Anblick, der sich da bietet, nicht gerade der angenehmste. Paradoxer Weise haben die Späterweckten allerdings enorme Kräfte (nicht selten magischer Natur), vor denen man sich tunlichst in acht nehmen sollte. Der Pharaonenpriester Imhotep etwa, erstmals 1999 (bzw. 1921), dann 2001 (respektive 1933, einem auch sonst ereignisreichen Jahr) noch einmal wiedererweckt, hatte keine Schwierigkeiten, Sandstürme und Wassermassen sowohl wirkungsvoll in Gang zu setzen als auch zu allem Überfluss noch mit seinem Konterfei zu versehen. Genützt hat ihm das am Ende zwar alles nichts, aber Eindruck schinden ließ sich damit schon. Der Drachenkaiser nun, im Shanghai des Jahres 1947 (oder 2008 eben) von einer Handvoll verblendeter Paramilitärs aus dem Reich der Scheintoten zurückgeholt, will da keineswegs zurückstehen und befehligt deshalb nicht nur gerade mal so eben alle vier Elemente, sondern ist auch noch in der Lage, beliebig seine Gestalt zu wandeln und zum Beispiel als dreiköpfiger Drache für gehörige Unruhe zu sorgen. Können die O`Connells, bekanntermaßen umfassend mumienerfahren und eigentlich schon im Ruhestand, da auch dieses Mal wieder mithalten und das Schlimmste (die Weltherrschaft durch eben jenen Wiederauferstandenen und seine ebenso entmumifizierte Armee nämlich) gerade noch so verhindern? – Wer sich das ernsthaft fragt, ist selbstredend im falschen Film. Wichtiger zu klären wäre vielmehr: Lässt sich das Konzept der „Mummy“-Serie (kein Kosewort für Mütter übrigens) auch beim dritten Mal noch wirkungsvoll und verlustfrei auf die Leinwand bringen? Funktioniert der Film auch ohne Rachel Weisz, Arnold Vosloo, Oded Fehr und Stephen Sommers (zumindest auf dem Regiestuhl)? Und nicht zuletzt: Haben alle Abenteuer-Archäologen erwachsene Söhne, die in ihre Fußstapfen treten? Fragen über Fragen. Hier ein paar Antworten.

Warum die US-Kritik den Film mit dem langen Titel („The Mummy – Tomb of the Dragon Emperor / Die Mumie – Das Grabmal des Drachenkaisers“) nahezu unisono zum größten Unsinn des Kinosommers 2008 erklärt hat, bleibt wohl ihr Geheimnis. Die Zuschauer jedenfalls hat es, wie so oft, wenig interessiert, und so stand einer Topplatzierung am Startwochenende lediglich der Mann aus Gotham City im Weg, und Regisseur Rob Cohen fantasiert schon direkt mal von einem vierten Teil, der das Abenteurerpärchen mit ambitioniertem Sohn und vertrotteltem Schwager möglicherweise nach Lateinamerika führen könnte (der großen Menge wiedererweckbarer Aztekenmumien wegen). Das alles sagt nun über vorhandene oder fehlende Qualitäten des Films selber natürlich herzlich wenig aus, und so muss man sich schon fragen, wieso ihn so ziemlich niemand außer Roger Ebert offiziell zu mögen scheint. Dazu ein Flashback.

1998 war außer einigen Hardcore-Fans (und Harrison Ford, wie man hört) eigentlich niemand mehr von einer Rückkehr des Begründers aller modernen Schatzjägerei überzeugt, und so schien den Jungs von Universal diejenige Idee eine gute zu sein, mit der Stephen Sommers das lange Zeit auf Eis gelegene Remake des studioeigenen Mullbindenklassikers in die Gänge bringen wollte. Anstatt nämlich das Horrorpotential des Originals von 1932 (das Boris Karloff ein Jahr nach „Frankenstein“ endgültig zum Typecast-Monster verdammte) auf kleiner Flamme von lächerlichen 10 Millionen Dollar noch einmal aufzukochen, und sich damit in die Reihe anderer Bewerber einzuordnen (Clive Barker, George A. Romero, Joe Dante), schlug der bis dato auf kleinere Produktionen festgelegte Sommers vor, die Story des Originals doch einfach als MacGuffin eines neuen Indiana-Jones-Ripoffs zu verwenden, und damit die Akzentuierung deutlich zu verlagern. Das kam an, und Remake-Initiator James Jacks konnte die zu erwartenden Dollars vermutlich bereits riechen – zurecht, wie sich bald zeigte, denn die problemlos durchgeboxte Budgeterhöhung auf rund 80 Millionen zahlte sich mehr als aus. Bis heute hat alleine der erste Mummy-Film eine knappe halbe Milliarde eingespielt, und das schnell nachgeschossene Sequel stand seinem Vorgänger in nichts nach. Sommers war saniert, etabliert und hatte ein neues Franchise auf den Markt geworfen. Ein Spin-Off („The Scorpion King“ und „The Scorpion King 2: Rise of a Warrior“), eine reichlich misslungene Animationsserie (“The Mummy: The Animated Series” bzw. “Secrets of the Medjai”), jede Menge Merchandising und eine “Revenge of the Mummy”-Achterbahn in den Universal Themenparks – soviel Nachbeben hatte zuvor noch kein Indy-Epigone erzielt.

Das muss einen nicht wundern, denn die Formel war klüger und die Ausführung aufwendiger als alle anderen Versuche zuvor. Während echte Gurken wie etwa „King Salomon’s Mines“ (mit Richard Chamberlain!) oder „High Road to China“ (mit Tom Selleck) nicht nur mit Low-Budget-Voraussetzungen ins Rennen geschickt worden waren, sondern auch kläglich daran scheiterten, einen eigenen Indy-Charakter zu etablieren, setzte Sommers für seine Schatzjäger-Geschichte vielmehr auf ein ganzes Ensemble mit einem zunächst recht widerborstigen Pärchen im Zentrum, das mehr von Nick und Nora hatte (aus der „Thin Man“-Serie) als von Indy und Marion (oder gar Willie). Nebenfiguren wie der Medjai-Führer Ardeth Bay (Oded Fehr) oder Evies Bruder Jonathan (John Hannah) als ständiger Comic Relief, sowie vor allem die eigentliche Mumie, Imhotep selbst (Arnold Vosloo mit dem Auftreten und dem Aussehen eines modernen Yul Brynner) taten ihr Übriges. Die Fortsetzung holte (in weiser Vorwegnahme des zentralen Schachzugs von Lucas´ viertem Indy-Film) gar noch einen vorlauten Sohn der O`Connells aus der Trickkiste hervor und fügte der Story einfach mal so einen zweiten untoten Gegenspieler hinzu (Dwayne Johnson als Skorpionkönig mit Motion Capturing in echter Beta-Testphase). Hinzu kamen enorme Schauwerte, antike Paläste, Heerscharen von Anubiskriegern, einstürzende Bauten, Sandstürme, Falltüren, fliegende Schiffe und endlos vieles mehr, das mit großem Vergnügen vorführte, wie einfach Filmemachen doch sein kann, wenn man ein großes Budget und jede Menge entfesselter Fabulierlust zur Verfügung hat.

Was sollte sich daran also im jetzigen dritten Aufguss der Reihe geändert haben? Zunächst mal kann man froh sein, dass „Das Grabmal des Drachenkaisers“ in China und nicht erneut in Ägypten ausgehoben wird, denn die erneute Wiederbelebung von Imhotep und seiner wenig dankbaren Geliebten bedurfte bereits im zweiten Teil einiges an Anstrengung, um die ganze Sache nicht allzu sehr nach dem Remake eines Remakes aussehen zu lassen. Verraten von seiner großen Liebe, stürzte sich der kahlköpfige Priester am Schluss des Films selber in den Tod und gab damit auch alle Motivation für ein weiteres irdisches Herumwandeln endgültig aus der Hand. Ein neuer Wiederkehrer mit Rache- und Machtgelüsten musste also her, und da kam der Erfinder der chinesischen Mauer ganz recht. Vermutlich waren es auch finanzielle Anreize, die den Blick in Richtung Fernost gehen ließen, denn der Anteil chinesischer Crewmitglieder des Films überschreitet denjenigen der Amerikaner bei weitem. Unabhängig davon aber erwies sich das neue kulturelle Umfeld auch als fruchtbar für einen spannenden neuen Look, von dem die Serie ausgesprochen profitiert. Von den staubigen Ausgrabungsstätten voller Falltüren und geheimer Tötungsmechanismen (hier kommt die Serie ihrem großen Vorbild zum ersten Mal gefährlich nahe) über die buntbeleuchteten Straßen von Shanghai (wo Jonathan den prunkvollen Nachtclub „Imhotep“ betreibt), die lawinenlastigen Schneehöhen des Himalaya und die paradiesischen CGI-Träume des sagenumwobenen Shangri-La gibt der Film alles, was er an Kulissen auftreiben konnte.

Was Geschichte und Charaktere betrifft, hat sich das „Smallville“-erfahrene Autorenteam Alfred Gough und Miles Millar einiges einfallen lassen, um die beiden Vorgängerfilme möglichst hinter sich zu lassen, ohne dabei die Regeln der Serie auch nur im Ansatz zu verletzen. Alex, der mittlerweile den Kinderschuhen entwachsene Sohn der O`Connells, tritt offensichtlich lieber in die Fußstapfen seiner abenteuerlustigen Eltern als eine College-Karriere zu verfolgen, und so ist er es auch, der das titelgebende Grabmal entdeckt. Überhaupt nimmt er den beiden einiges an (Action-) Arbeit ab und tut es damit seinem jüngeren Filmkollegen Mutt Williams gleich. Das Verhältnis zu seinen Eltern ist natürlich (!) nicht ganz problemfrei (zunächst), und vor allem mit Vater Rick (Brendan Fraser trotz Sohn kein Stück erwachsen) müssen schon mal Länge und Schusskraft der eigenen Waffen verglichen werden. Luke Ford ist ein bisschen arg kreuzbrav in seiner Rolle und wäre seinen Gegnern aus der Unterwelt alleine sicher noch nicht gewachsen – von einem ganzen Film, den er auf seinen Schultern tragen sollte, ganz abgesehen. Umso mehr überstrahlt ihn die geheimnisvolle Lin an seiner Seite (Isabella Leong, in Hongkong bereits ein echter Shooting-Star und 2007 auf der Berlinale in dem taiwanesischen Homosexuellendrama „Spider Lilies“ aufgefallen), mit deren Präsenz er schlichtweg nicht mithalten kann. Noch faszinierender aber ist die zweite neue Frauenfigur, die sich Gough und Millar ausgedacht haben, und Michelle Yeoh, die schon James Bond mühelos die Show stehlen konnte, schenkt ihr mehr Tiefe als irgendeinem anderen Charakter der ganzen Serie (nicht weniger beeindruckend fällt fast gleichzeitig ihre Leistung in Mathieu Kassovitz´ atemberaubender Dantec-Verfilmung „Babylon A.D.“ aus).

Einziger echter Wermutstropfen ist nicht nur das Fehlen von Rachel Weisz, sondern fast vielmehr noch ihre Ersetzung durch die völlig deplazierte Maria Bello. Wie sehr vor allem Weisz zum Witz der ersten beiden Filme beitrug und an die Stelle eines bloß routinierten Nebeneinanders mit ihrem Partner einen Hauch echten Screwballs setzen konnte, so sehr erstickt das bemühte, aber fehlgeleitete Spiel ihrer Nachfolgerin fast zwangsweise alles Leben der Figur. Zugegeben, Bello ist in einer kaum zu meisternden Lage, und die Autoren haben ihr, wissend, dass die Fans Schwierigkeiten mit der Neubesetzung haben würden, eine entgegenkommend selbstreferentielle Rechtfertigung ins Drehbuch geschrieben (Evie ist jetzt überraschender Weise Bestsellerautorin zweier Mummy-Romane, und als sie anlässlich einer Lesung gefragt wird, ob die weibliche Hauptfigur mit ihr identisch sei, kann sie guten Gewissens antworten, dass es sich dabei nun wirklich eine gänzlich andere Person handle), aber für den Zuschauer, der die beiden Vorgängerfilme kennt, geht leider eine Menge verloren. Von der liebenswert naiven Ungeschicktheit, mit der Weisz ihre Rolle beseelt hatte, ist nichts übrig, und die Chemie zwischen Bello und Fraser stimmt einfach kein Stück. Das ist bedauerlich, aber eben auch nicht mehr zu ändern.

Ansonsten jedoch steckt auch dieser Teil der Serie wieder gewohnt voller bunter Jahrmarktattraktionen, und mehr will das „Grab des Drachenkaisers“ auch nicht leisten. Rob Cohen dirigiert das Spektakel souverän und mit sichtlichem Vergnügen, und wer am Ende sitzen bleibt, um auch die beschwingt anzuschauenden End Credits noch zu verfolgen, kann guten Gewissens sein, ein paar Euro sinnvoll investiert zu haben. Wem das alles nicht reicht, dem ist eben nicht zu helfen.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Universal Pictures International Germany GmbH

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