Kleine schwebende tote Menschen.
Das FBI hat mit Abstand die schickste Dienstkleidung aller Behörden. Agents und Special Agents erkennt man an ihren auffällig unauffälligen schwarzen Anzügen, den passenden Krawatten und gestärkten weißen Hemden. Quentin Tarantino fand es bekanntlich irgendwie lustig, diesen Stil zu kopieren, und hat so dafür gesorgt, dass man beim Anblick der Bundespolizei auf der Leinwand fortan nie mehr so ganz wusste, ob man es nun mit gewissenhaften Staatsdienern oder gewissenlosen Kriminellen zu tun hat. Im Fall des Ermittlerpärchens Anderson und Hallaway, gerade auf dem Weg zum Einsatz auf einer Polizeiwache irgendwo in der Provinz, ist die Entscheidung jedoch eine leichte. Willkommen sind die beiden zwar vielleicht nicht gerade (auch wenn alle irgendwie aufgeregt sind über den hohen Besuch), angesichts der ausufernden Gewalt allerdings, mit der ein gesichtsloser Killer über die Main Titles hinweg gerade sein blutiges Handwerk verrichtet hat, aber auch im Hinblick auf die beunruhigenden Bilder zweier lokaler Cops mit Hang zur Psychofolter, kommen die beiden Bundesbeamten im schicken Anzug gerade recht, um den sichtlich überforderten Gesetzeshütern vor Ort die Verantwortung abzunehmen. Das sind nun durchweg bekannte Verläufe, und im Fall von „Surveillance / Unter Kontrolle“ streifen sie mehr als einmal die Grenze zur Parodie – wäre da nicht diese verstörende Eröffnungssequenz, die so gar keinen Humor kennt und nichts Gutes erwarten lässt. Doch auch das gehört zum perfiden Spiel eines Films, in dem bekannte Genre-Muster vor allem dazu dienen, Regeln aufzustellen, die niemand hinterfragt. Umso widerstandsloser wird der Zuschauer von einer seltsam verschachtelten Geschichte umkreist und eingefangen, bis er am Schluss so wehrlos dasteht, dass er sich entweder angewidert abwendet oder vor entsetzter Begeisterung den Mund nicht mehr zukriegt.
Die Tatsache, dass die USA jede Menge Landfläche zu beklagen haben, auf der die Zivilisation entweder noch nicht so richtig angekommen oder auch schon wieder verschwunden ist, bietet von jeher verlässliches Konfliktpotential für blutige Geschichten, in denen naive Großstädter auf ganz eigene Derivate von Recht und Ordnung stoßen und dabei selten mit heiler Haut davonkommen. Was sich da am Rande des Highways abspielt, den die Protagonisten auf der Durchreise in aller Regel ungewollt verlassen, ist mit vernünftigen Argumenten ebenso wenig unter Kontrolle zu bekommen wie mit Geld oder Glasperlen. Wo ganze Familien dem Kannibalismus frönen („The Texas Chainsaw Massacre“) oder Kinder alle Erwachsenen niedermetzeln („Children of the Corn“), hat sich die Zivilisation längst verabschiedet. Solche Parallelgesellschaften stehen aber meistens erst am Ende einer Entwicklung. Auf dem Weg dorthin lauern Highwaycops vorbeifahrenden Touristen auf, schießen ihnen in die Reifen und spielen eine Runde Funny Games. An dieser Station des zivilisatorischen Niedergangs macht Jennifer Lynchs zweiter Spielfilm Halt und schaut eine Weile zu, ohne einzugreifen. Genaugenommen baut er darum beinahe den gesamten mittleren Akt, und vor lauter Fassungslosigkeit über das, was es dort zu sehen gibt, vergisst man für eine Weile sogar, wo die Geschichte eigentlich einmal vorgegeben hatte hinzuwollen. Doch das muss einen nicht wundern, denn die Diskrepanz zwischen demjenigen, was auf der Oberfläche preisgegeben wird und demjenigen, was sich in Wahrheit dahinter verbirgt, ist hier das zentrale Leitmotiv, und das wird auf verschiedenen dramaturgischen Ebenen mit unterschiedlichem Effekt durchdekliniert.
Doch so wie die Bedeutsamkeit der Handlungsstränge variiert, rückt auch das Personal des Films ständig wechselnd in den Vordergrund, und man ist gezwungen, die jeweilige gleichwertige Gewichtung der einzelnen Erzählstränge kritiklos zu adaptieren. Das gelingt durch einen einfachen, aber wirkungsvollen Trick. Wenn die beiden Agents (Bill Pullman, der anscheinend doch ein Schauspieler ist, und Julia Ormond, die ihrem Portfolio bemerkenswerter Frauenfiguren problemlos eine weitere Variante hinzufügt) nämlich auf der Polizeiwache auftauchen, warten dort drei Zeugen eines Ereignisses, das allem Anschein nach in irgendeiner Form zu dem Mord vom Anfang in Verbindung steht: einer der beiden Highwaycops, eine junge Frau unter Drogen und ein achtjähriges Mädchen unter Schock – jeder von ihnen ein Protagonist für sich und bloße Nebenfigur zugleich. Parallel erzählen sie ihren Teil der Geschichte, wobei das gesprochene Wort zumindest der ersten beiden ziemlich wenig mit den gezeigten Bildern zu tun hat. Nur einer erfährt nach und nach die ganze Wahrheit, auch wenn vieles davon für die Geschichte eigentlich irrelevant ist: der Zuschauer nämlich, der auch dasjenige zu sehen bekommt, was die Figuren verschweigen – aber vielleicht ist auch das nur ein Ablenkungsmanöver, denn erst mit der letzten Abblende ist die Geschichte wirklich erzählt. In jedem Fall aber wird auf diese Weise die vereinheitlichende Sicht eines autoritären Erzählers scheinbar aufgelöst und die Verantwortung auf die einzelnen Figuren übertragen. In Wahrheit ist das natürlich Unsinn, denn im Gegensatz zu Kurosawas „Rashomon“, den die Pressemappe eifrig herbeizitiert und damit bei dem einen oder anderen auch zielsicher ins Schwarze trifft, liefert das Puzzle aus drei Perspektiven keine erkennbaren Widersprüche, mit denen sich eine (wie auch immer geartete) relativistische Subjektivität des Erlebens beschwören ließe. An dessen Stelle rückt in „Surveillance“ vielmehr der Freiraum der Lüge, und damit kommen die Figuren auch eine ganze Weile gut davon. Erst als alle Perspektiven sich dort kreuzen, wo es kein Entrinnen mehr gibt, bricht das Konstrukt aus Wahrheit und Täuschung zusammen – und das mit fatalen Folgen. Denn hinter den multiplen Perspektiven steht letztlich immer noch eine einigende Autorität, ein blinder Fleck oder auch die filmimmanente Manifestation des Erzählers. Und die hat es in sich.
Jennifer Lynch ist im Grunde eine Newcomerin. Gerade mal einen Spielfilm hat sie vorzuweisen, allerdings liegt dieser bereits 15 Jahre zurück. Das Gewitter aus Hass und persönlichen Diffamierungen jedoch, das sich damals über ihrem Debüt entladen hatte, ist bis heute beispiellos. Die Geschichte um einen besessenen Chirurgen, der die Frau seiner Träume erst entführt und ihr dann Arme und Beine abtrennt, damit sie ihm nicht davonlaufen kann, war so kontrovers aufgenommen worden, dass „Boxing Helena“ sowohl für den Grand Jury Prize in Sundance nominiert wurde als auch die Goldene Himbeere erhielt. Größer kann eine Lücke in Hollywood kaum klaffen. Rückblickend ist kaum mehr verständlich, was die damalige Aufregung eigentlich verursacht hatte, aber Lynchs Film ruinierte nicht nur die vorzeitig ausgestiegene Kim Basinger (die eine millionenschwere Vertragsstrafe zahlen musste), sondern auch die Filmemacherin selber. Kostspielige Operationen an ihrer Wirbelsäule und intensiver Drogenkonsum zur Schmerzbetäubung bestimmten die Folgejahre, und außer der Inszenierung eines Videoclips für die New Model Army („Living in the Rose“) gab es lange Zeit kein filmisches Lebenszeichen von ihr. Umso mehr (oder gerade weniger) muss man sich wundern, mit welcher Liebe zur Sache ihr aktueller Film auftritt.
Man kann viel hineindeuten in diese seltsame Geschichte, in deren Zentrum ein kleines Mädchen steht, das dem Bizarren und Erschreckenden mehr Sympathie entgegenbringt als kindgerechter Bürgerlichkeit. Gerne mag man darin die Filmemacherin selber sehen, die nun einmal unter Umständen aufgewachsen ist, die aus der Sicht des normalsterblichen Festangestellten eher nicht förderlich für ein gesundes Erwachsenwerden erscheinen. Ihre Geburt soll den berühmten Vater zu seinem verstörenden Schwarzweißdebüt inspiriert haben (nämlich „Eraserhead“), und wenn man sich selber als das monströse Embryo sehen muss, dass dort so seltsam auf der Leinwand vor sich hin schreit, kann das bei manchem schon Grund genug für ein echtes Trauma sein. Nicht so hier, und das kleine Mädchen, das Bilder malt, die auch von Vater David stammen könnten, mag dafür Zeuge sein. Ansonsten sollte man sich aber tunlichst zurückhalten mit Vergleichen, Auf- und Abwertungen in Richtung eines ohnehin in sich geschlossenen künstlerischen Universums wie das eines David Lynch, dessen Rolle als Executive Producer sich offensichtlich ohnehin nur auf die investorenfreundliche Nennung seines Namens beschränkte. Stil und Sprache der Filmemacherin sind durchweg eigenständig (wieso auch nicht?), und wer unbedingt Vergleiche zum Werk des Vaters bemühen will, darf nicht vergessen, dass gerade in parallelen Anklängen Konventionen bedient werden, die man sich zunutze machen kann, um Erwartungshaltungen zu schüren (die dann auch prompt hintergangen werden). Nur über die End Credits weht unverkennbar ein feiner Hauch aus jenem wunderlichen Kosmos herüber, in dem die Welt von einem Zwerg regiert wird. Und der hat für Leute in schwarzen Anzügen bekanntlich eine Menge übrig.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Warner Bros. Entertainment GmbH
Schlagworte: akira kurosawa, bill pullman, boxing helena, children of the corn, david lynch, end credits, eraserhead, executive producer, fbi, film, filme, filmkritik, funny games, goldene himbeere, jennifer chambers lynch, jennifer lynch, julia ormond, kim basinger, kino, kinokritik, living in the rose, new model army, quentin tarantino, rashomon, review, rezension, the texas chainsaw massacre






