Anger Management.
Wenn Superhelden ihren Job an den Nagel hängen und zur normalsterblichen Tagesordnung hinüberwechseln, geht es meistens ganz schnell mit ihnen bergab. Peter Parker hat aus dieser Lektion gelernt (in „Spiderman 2“), Clark Kent ein bürgerliches Leben mit Lois Lane nach kurzer Zeit wieder ad acta gelegt (in „Superman 2“), und als die Justice League of America bei Gelegenheit von sechsdimensionalen Aliens gewaltsam auf ihre bürgerliche Identität reduziert wurde (in der „JLA“-Serie), war es erst einmal vorbei mit dem Heldentum. Nur der Hulk scheint als unterforderter Sicherheitsbeamter ganz gut klar zu kommen, denn diesen Posten hat er nun mittlerweile seit 2003 inne (zu bestaunen in Ang Lees erster Filmversion). Lukrativ ist die Sache vielleicht nicht, denn bereits für den Gegenwert einer Pizza lässt er seine Dienstpflichten bereitwillig außen vor. Im Großen und Ganzen aber überwiegen die Vorteile, und eine ruhige Kugel zu schieben schützt bekanntlich vor allzu hohem Puls, und das ist gut, denn der macht grün vor Wut. Lou Ferrigno kann es also gelassen angehen und seinem mittlerweile zweiten Nachfolger entspannt bei der Arbeit zusehen. Der ehemalige Bodybuilder hatte einst die erste Realversion des naturgemäß unbeherrschten Mutanten verkörpert und regelmäßig von einem Schnitt zum anderen die Rollen mit seinem weniger angsteinflößenden Alter Ego getauscht (also Hulk gegen Bruce Banner und Ferrigno gegen Bill Bixby). So einfach war das damals. Heute wäre der testosteronlastige Italo-Amerikaner als Darsteller arbeitslos oder maximal noch für Synchronarbeiten gefragt, denn der grüne Hüne mit der chronisch schlechten Laune hat seinen menschlichen Anteil längst auf ein Minimum an Motion Capture reduziert und ist ansonsten ein durch und durch digitales Riesenbaby. Das kann man je nach Belieben als Fluch oder Segen erachten, für die Logik der Transformation jedenfalls ist der technologische Fortschritt ein seltener Fall von Kongenialität.
Dabei leidet auch der aktuelle Hulk noch an den üblichen CGI-Krankheiten, die den Trick als Trick entlarven und sich nur bedingt in den realen Rest des Films einfügen. Das lässt sich zwar nicht verleugnen, überbewerten muss man es aber auch nicht. Immerhin steht dahinter dieselbe Industrie, die über Jahrzehnte hinweg mit minderwertigen Rückprojektionen und anderen heute absurd anmutenden Kompromisslösungen ganz gut gefahren ist. Warum also übermäßige Strenge auffahren, wenn es um digitale Monster geht? – Die 2008er Variante der mittlerweile seit über vier Jahrzehnten bestehenden Comic-Serie jedenfalls lässt sich jede Menge Zeit, bis der Zuschauer überhaupt einmal einen Blick auf das Ergebnis kostenintensiver Programmierarbeit werfen kann (eine dramaturgische Mühe allerdings, die schlichtweg vor die Hunde geht angesichts einer zeigefreudigen Werbekampagne, die kein Geheimnis aus dem Hulk selber und seinem Gegenspieler macht). Bis dahin setzt Marvel in seiner zweiten Eigenproduktion nach dem überaus erfolgreichen „Iron Man“ auf eine ausgedehnte Exposition, die den unbedarften Zuschauer nicht unbedingt eine Mutanten- oder Superheldengeschichte erwarten lassen würde. Allerdings gibt es den unbedarften Zuschauer höchstens noch in Sneak Previews oder hinter dem Mond, und so kann sich der Film eine ziemlich effektive Teaser-Montage erlauben, die in aller Kürze diejenigen Ereignisse zusammenfasst, aufgrund welcher Bruce Banner – seines Zeichens Atomphysiker mit Hang zum Selbstversuch – auf der Flucht vor der US-Army in einer brasilianischen Limonadenfabrik untergetaucht ist und sich dort angestrengt bemüht, seinen Puls möglichst niedrig zu halten, denn sonst, tja, wird aus dem eher schmächtigen Edward Norton ein ziemlich ungemütliches digitales Monster.
Natürlich lässt sich das nur eine Weile vermeiden, und als Banner schließlich von einem Sondereinsatzkommando unter der Leitung des fanatischen Emil Blonsky, eines britischen Söldners mit russischen Wurzeln (sozusagen seine politisch neutralisierte Fassung, da im Comic ursprünglich ein KGB-Agent aus Zagreb), aufgespürt und gejagt wird, bahnt sich der cholerische Golem mit der ungesunden Hautfarbe auch schon bald seinen Weg. Weitaus beängstigender aber als die ungebremste Aggression von Banners kontrollloser Zweitidentität ist Blonskys abgründige Begeisterung für das Potential der grünen Kampfmaschine. Dass die Army weniger an Banner interessiert ist als an der Möglichkeit, die (bislang ungeklärten) Umstände seiner Verwandlung zu reproduzieren und so einen neuen, aggressiven und unbesiegbaren Soldatentypus zu schaffen (Geschosse ignoriert der Hulk nämlich wie Mückenstiche), weckt in der Vorstellung des Söldners echte Allmachtsfantasien. Das muss er nicht aussprechen, denn es blitzt in seinen Augen auf wie das Grün in denjenigen Banners, bevor er sich verwandelt. Dass Blonsky dabei, einer klugen Entscheidung des Regisseurs gemäß, die er gegen den Willen des Studios durchsetzte, von Tim Roth verkörpert wird, kommt der Sache sehr entgegen. Hatte dieser doch in Tim Burtons unseligem „Planet of the Apes“-Remake selbst hinter der Affenmaske seines General Thade noch soviel beunruhigenden Wahnsinn verbreitet, dass man für einen Moment fast vergessen konnte, sich über den Rest des Films zu ärgern. Louis Leterrier wird das vermutlich ähnlich empfunden haben, und so mag es sich ergeben haben, dass Blonsky in seiner menschlichen Gestalt nun mindestens so verstörend gefährlich auftritt wie später als gammastrahlenmutiertes Supermonster (im Comic noch „The Abomination“, im Film leider namenlos), das immerhin noch bedrohlicher aussieht als das seltsame Amphibienwesen, das Manhattan ein paar Monate zuvor heimgesucht hatte (dokumentiert in „Cloverfield“).
Überhaupt ist der Übergang von den realen Charakteren (Banner und Blonsky) zu ihren digitalen Versionen (Hulk und Abomination) weniger fließend als eher sprunghaft. Tauschte die TV-Serie aus den 70ern noch einfach ihre Darsteller aus, so verschwinden die Schauspieler heute ganz und liefern höchstens noch ein paar per Cyber-Scanning generierte Spuren. In den meisten Fällen ist das bloße Effekthascherei (und – bewiesen im Fall von Robert Zemeckis´ „Beowulf“ – für die Dauer eines ganzen Films noch nicht tragbar). Im Fall einer Geschichte allerdings, die auf der vollständigen Transformation ihrer Figuren beruht, hat dieser Schritt eine durchaus bemerkenswerte Konsequenz. Filmimmanent ließe sich das durchaus thematisieren, jedoch ist „The incredible Hulk“ dafür ganz sicher die falsche Adresse. Insgesamt tut Marvel nämlich gut daran, die Dinge nicht übermäßig zu komplizieren, und damit greift das Studio auf eine Tugend zurück, die eine erfolgreiche Comicserie ausmacht. Komplexität braucht eben Zeit und damit Sequels.
Im Gegensatz zu den psychologischen Untiefen etwa, in denen sich Ang Lees „Hulk“-Version bewegte, und die so manchen Fan ratlos zurück ließen, gibt sich die Fassung aus der Feder von Zak Penn (superheldenerfahren seit „X2“) und Edward Harrison geradliniger und leichter konsumierbar. Beide Filme gegeneinander auszuspielen, hat dabei wenig Sinn, denn die Zielvorgabe ist nicht dieselbe. Marvel setzt wie schon bei „Iron Man“ (und allen noch geplanten Superhelden-Filmen des Studios) auf den Franchise-Effekt und kommt damit dem Gesetz des Comics als Serienprodukt näher. Wie alle Superhelden nämlich hat auch der Hulk über die Jahrzehnte seines Bestehens eine komplexe und psychologisch vielfältige Geschichte assimiliert, die in einem einzigen Film keinen Platz hat, und so kann sich Marvel alle Verzweigungen für später aufheben (immerhin gibt es da die überaus schwierige Seite in Banners Entwicklung, die das hohe Aggressionspotential des Hulk mit einem Missbrauch aus der Kindheit in Verbindung bringt). Lees Version hat im Grunde versucht, seiner Figur vieles von dieser Tiefe zu geben, den Film damit aber für klassisches Blockbuster-Kino merklich überladen (Ähnliches ließe sich zwar auch von Burtons „Batman“ behaupten, nur gelingt dort der Spagat merklich besser, und die überbordende Fabulierlust in Charakterzeichnung, Set-Design und Inszenierung kann die eigentlich über alle Maßen enggeführte Psychologie der Geschichte – in der gegenseitigen Co-Abhängigkeit von Bruce Wayne und dem Joker – gut überspielen).
Wie viel Komplexität Leterriers Version aber bereits tatsächlich hat, mag erst ein späterer Director’s Cut offenbaren. Immerhin kündigt der Regisseur bereits eine um ganze 70 (in Worten: siebzig) Minuten längere Fassung an.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Concorde Filmverleih GmbH
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