ALL THE BOYS LOVE MANDY LANE

By Thomas Lenz

Ablenkungsmanöver.

Filmkritik: All the Boys love Mandy LaneRomantische Komödie um das schönste Mädchen der Highschool, das trotz der vielen Verehrer von der großen Liebe nur träumen kann, nichts ahnend, dass diese doch längst an ihrer Seite ist: Und zwar in Gestalt des besten (leicht unterbelichteten, aber herzensguten) Freundes aus Kindertagen. – So oder zumindest ähnlich müsste sich die Geschichte hinter dem Titel eigentlich anhören. In gewissem Sinne ist das auch tatsächlich der Fall, nur dass sich Jonathan Levines Debütfilm gemeiner Weise als böser Zwilling eines solchen Sujets entpuppt und es dabei ziemlich ernst meint. Das schönste Mädchen, der beste Freund und die vielen Verehrer gibt es allesamt, nur stehen die Vorzeichen nicht wirklich gut für diese Konstellation. Eine ganze Weile wird das durch eine ziemlich schwüle und nichts Gutes verheißende Atmosphäre aus gleißendem Sonnenlicht und grobkörnigen Bildern zwar nur impliziert und bleibt damit über eine für das Genrekino ungewöhnlich lange Zeitspanne bloße Vermutung: Wenn aber schließlich eine Mitschülerin zur blutigen Fellatio mit einem Gewehrlauf gezwungen wird und so qualvoll aus dem Ensemble ausscheidet, hat die Geschichte um Mandy Lane ihre Unschuld sichtbar verloren – ganz im Gegensatz zur titelgebenden Figur übrigens. Und Keuschheit wird im Slasher-Film bekanntlich mit dem Überleben belohnt. Oder umgekehrt.

Vielleicht war es ja gerade der Wunsch, derartige Unberührtheit auch für den Film selber aufrecht zu erhalten, der die Weinsteins so lange davor hat zurückschrecken lassen, von ihren bereits Ende 2006 erworbenen Verwertungsrechten Gebrauch zu machen. Überhaupt stapelt sich in den Regalen der einstigen Miramax-Brüder mittlerweile so manches, was frühzeitig aufgekauft und dann aber irgendwie nie einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird. Möglicherweise ist die Liebe zum Kino, die Bob und Harvey Weinstein einmal zu den wichtigsten Figuren für Independent-Produktionen auf dem amerikanischen Markt gemacht hatte, inzwischen so groß, dass sie ihre Filme einfach mit niemandem mehr teilen wollen. Dafür lassen sie sogar schon einmal ein Produkt so stark nachbearbeiten, dass von der ursprünglichen Geschichte schlichtweg nichts mehr übrig bleibt (so geschehen bei Kyle Newmans „Fanboys“ – und mancher wird schon alleine bei der Erwähnung des Titels tief Luft holen müssen). Am wahrscheinlichsten ist jedoch die Vermutung, dass den beiden Jungs aus Queens das Auf-Kaufen längst wichtiger geworden ist als das Auf-Führen, und so kann man froh sein, dass die von allen heiß begehrte Mandy Lane nun doch noch die Chance zu einem kurzen Zwischenstopp auf der großen Leinwand bekommen hat, bevor sie den Rest ihres Daseins auf Flach- und Röhrenbildschirmen fristen muss.

Unter Umständen hatten die Einkäufer der Weinstein Company aber auch einfach nur mit einer falschen Rubrik im Kopf unterzeichnet. Der Titel jedenfalls ist reinster Etikettenschwindel und markiert damit bereits das Grundprinzip des gesamten Films. Das sollte man nicht übersehen und im Hinterkopf behalten. Überhaupt lohnt es sich, die meiste Zeit genauer hinzuschauen, als man es bei anderen Genre-Exemplaren um nach und nach gewaltsam dezimierte Teenager-Gruppen halten würde, denn Buch wie Regie geben sich alle Mühe, ihr Publikum von einem Ablenkungsmanöver ins nächste zu lotsen. Vor allem darf man sich nicht von strategischen Klischees blenden lassen, die sich schnell mal in den Vordergrund schieben, und schon gar nicht der Versuchung nachgeben, Merkwürdigkeiten, die nur für einen Moment aufblitzen, einfach zu ignorieren – denn dann ist man schon in die Falle getappt und wird sich am Schluss fragen, ob das denn alles wirklich so stimmig sei.

Amber Heard. All the Boys love Mandy Lane. Foto: Senator Entertainment AG

Dabei beginnt der Film für seine Charaktere mit genau derselben Konstellation, die auch den Zuschauer aufs Glatteis führt (das in der Hitze des texanischen Settings selbstverständlich wegschmelzen müsste). Wie magnetisiert richten sich Blicke über Blicke auf jenes Mädchen, dessen Faszination sich keiner entziehen kann, und von dessen Erscheinung sie sich alle so sehr blenden lassen, dass sie nicht einmal im Ansatz mehr klar sehen können. Aber wer will ihnen das schon verdenken? Randvoll mit hormoneller Vorbelastung wählen sie die schönste Jungfrau der Schule selbstverständlich zu ihrem liebsten Fantasieobjekt, und so ist auch hier der Titel im Grunde Unsinn – denn den Jungs geht es eigentlich weniger um Liebe als vielmehr um deflorierendes Flachlegen. Und da will eben jeder der Erste sein. Bekanntlich ist man das mit Sicherheit aber nur beim Sterben.

Davon können sich einige bei einem gemeinsamen Wochenende auf einer Ranch überzeugen, an dem Mandy Lane überraschender Weise ebenfalls teilnimmt. Das Mädchen, über das niemand so richtig etwas weiß, ist nämlich sonst nicht unbedingt für wilde Partys und exzessives Teenagertum bekannt. Doch irgendwie bleibt die unberührbare Schönheit auch fernab der Zivilisation ein verschlossener Außenseiter, nur macht sie das nicht weniger begehrenswert. Und wenn sie sich schließlich unerwartet vor aller Augen behutsam die Kleider vom perfekten Körper streift, um im See zu baden, zelebriert das der Film mit gleißendem Gegenlicht und einem verherrlichenden Gestus, der das Mädchen mit den langen blonden Haaren unmissverständlich zur Offenbarung erklärt. Nein, Mandy Lane ist irgendwie nicht von dieser Welt (was erklärt, warum sie aussieht wie Scarlett Johansson, in Wahrheit aber Amber Heard heißt), und so bedarf es als Gegengewicht auch jeder Menge Blut und Schmutz, um die Natur des irdischen Daseins wieder auszugleichen.

Amber Heard. All the Boys love Mandy Lane. Foto: Senator Entertainment AG

Ein richtiger Slasher aber ist dieser Film des AFI-Absolventen Levine und seines Autors Jacob Forman (auch für ihn der erste Langfilm) eigentlich nicht. Zwar vereint die Geschichte die meisten der standardisierten Elemente, verzichtet jedoch merklich auf eine gängige Spannungskurve. Nach einer vielversprechenden und in Tempo und Bildführung bemerkenswert untypischen Exposition, die auch als Kurzfilm gut funktionieren würde, beginnt die Sache in gewissem Sinn noch einmal von vorn und konzentriert sich lange mehr auf den Aufbau von Atmosphäre, als dass sie die Handlung wirklich vorantreiben würde. Wer der Erzählung völlig unvorbereitet folgt, wird die seltsam bedrohliche Grundstimmung zwar spüren, sie allerdings kaum zuordnen können. Das ist an sich zwar eine gute Sache, jedoch lässt sich eine solche Strategie nur dann auch wirkungsvoll entfalten, wenn das Marketing mitspielt und verschweigt, dass irgendwann eine große Metzelei einsetzt (und die ist nun einmal dasjenige, wovon sich Trailer und Kampagne ernähren). So hingegen muss sich das Publikum bereit erklären, ziemlich lange auf die erste Hinrichtung aus dem Hinterhalt zu warten. Für manchen mag das zuviel des Guten sein, auch wenn Formans Buch schlüssig und ohne Durchhänger funktioniert (und dabei auf das Gros der üblichen Klischees und Dialoge verzichtet).

Auffällig ist vor allem die Gelassenheit, mir der hier operiert wird. Zeitlupensequenzen und Lichtreflexionen haben in diesem Film eine größere Bedeutung als hektische Schnittfolgen und kreischende Cheerleader. Solange das Tageslicht dominiert, ist Levine (will man überhaupt einen Vergleich ziehen) visuell näher an Rob Zombie und „The Devil`s Rejects“ als alle anderen zeitgenössischen Slasher-Beiträge, und auch sonst würde sich die Optik des Films über lange Strecken gut in Spots für Retro-Outfits machen. Überhaupt sieht man an allen Ecken und Enden, dass Buch und Regie sich genau überlegt haben, wie sie zum einen von den Klischees des Genres profitieren, zum anderen aber auch gegen sie vorgehen können. Dass sie dabei neben den Filmen selber auch die einschlägige Literatur zur Kenntnis genommen haben, stellt sich spätestens zum Schluss heraus. So gerät „All the boys love Mandy Lane“ zum Genre-Kommentar, der intelligent genug ist, um mal mehr, mal weniger auffällig zu überraschen, dem zugleich aber der eigene Spannungsbogen nicht allzu wichtig erscheint. Das muss man wissen, denn sonst wird man sich wundern, warum alle geweckten Erwartungen immer wieder in demjenigen texanischen Sand verlaufen, der gegen Ende zumindest einigermaßen blutrot gefärbt ist.

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All the Boys Love Mandy Lane. Plakat: Senator Entertainment AG

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat / Fotos: Senator Entertainment AG

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