Nationale Sicherheit.
Wem beim Titel spontan keine zweideutige Variante einfällt, der hat immer noch eine reelle Chance, sie alternativ im Foyer des Filmtheaters oder an der Kasse vor und hinter sich aufzuschnappen. Dergestalt gut vorbereitet, erwischen einen die ersten Bilder dann auch schon mit der richtigen Erwartungshaltung. „Get it on“ empfiehlt Marc Bolan aus dem Off, und die Strandschönheiten auf der Leinwand lassen sich das nicht zweimal sagen. Doch der Blick durchs Fenster zeigt nicht nur ausgelassene Liebesspiele, sondern vor allem auch eine Fotokamera, die heimlich und rege zugange ist. Wie sich später herausstellt, ist eines der Mädchen Prinzessin Margaret und der Fotograf keineswegs nur ein nerviger Paparazzo, dem das britische Königshaus ein paar enthüllende Schlagzeilen einbringen könnte. Hinter der Aktion steht vielmehr Michael de Freitas, der sich öffentlich als schwarzer Bürgerrechtler verkauft und deshalb das imagefördernde „X“ von seinem amerikanischen Vorbild übernommen hat. Doch auch wenn John Lennon und Yoko Ono ihm schon mal mit einer Handvoll versteigerungsfähigem Eigenhaar die Kassen aufgefüllt haben, ändert das nichts daran, dass Michael X in Wahrheit ein übler Drogenhändler und Erpresser ist. Bei Gelegenheit nutzt er die kompromittierenden Fotos, um sich vor Gericht freizukaufen und in die Karibik zu verschwinden. Dem MI5 gefällt das gar nicht, und so müssen die Bilder herbeigeschafft werden, koste es, was es wolle. Doch wie kann das gehen, wenn sie in einem Bankschließfach liegen, und niemand, aber auch wirklich niemand etwas davon erfahren darf? Ganz einfach. Man schickt eine unwissende Gruppe von Kleinkriminellen vor, denen man den Einbruch in den betreffenden Tresorraum mithilfe einer unverdächtigen Vertrauensperson möglichst schmackhaft macht. Im Grunde also eine leichte Sache. Allerdings: wer hätte gedacht, welch explosives Material der eine oder andere so in seinem Schließfach versteckt und dann wenig Spaß versteht, wenn es in die falschen Hände gerät? Vermutlich niemand.
„The Bank Job“ ist eine ziemlich clevere Mischung aus realen Ereignissen und wilden Spekulationen mit dem Zusatz „gut recherchiert, aber zum Schutz der Betroffenen deutlich verfremdet“. Normalerweise sollte einen das abschrecken und schlimmstes Kolportagekino erwarten lassen, in diesem auf angenehme Weise altmodischen britischen Kriminalfilm (nirgendwo wäre diese leicht antiquierte Bezeichnung besser aufgehoben) ist aber zum Glück das genaue Gegenteil der Fall. Den Bruch hat es tatsächlich gegeben, und die erbeutete Summe übertraf sogar den legendären Eisenbahnraub um Längen. Was aber erst den großen Raum für Fantasie und Verschwörungstheorien eröffnete, war die Tatsache, dass ein offizieller Zensurerlass alle damalige Berichterstattung nach vier Tagen einfror und die Öffentlichkeit ausschloss. Wen das wundert, muss wissen, dass solcher Wahnsinn in England Methode hat. Die sogenannte D-Notice (heute DA-Notice) hat ihre Rechtfertigung nämlich von jeher in Maßnahmen für die nationale Sicherheit und funktioniert demgemäss gut. Wie aber kommt da ein harmloser Banküberfall ins Spiel, der gänzlich ohne Gewalteinwirkung, Bedrohung von Leib und Leben oder öffentliche Erpressungsmaßnahmen abgelaufen ist? „Eben“, wird sich so mancher gedacht und, vermutlich kaum zu Unrecht, die Spekulationsmaschinerie angeworfen haben. Das Drehbuch des erfolgreichen Autorenteams Dick Clement und Ian La Frenais (die zuletzt Julie Taymors psychedelische Musicalromanze „Across the Universe“ auf den Weg gebracht hatten) zimmert auf dieser Grundlage ein eng gestricktes Netz aus Korruption und schmutziger Wäsche zusammen, das kein besonders rosiges Licht auf das konservativ regierte England der frühen 70er wirft. Wie viel Wahrheit nun aber hinter den wilden Konstruktionen des fertigen Films steckt, lässt sich kaum ausmachen. Und dass die behauptete Einbindung anonymer Zeitzeugen und Beteiligter zur werbewirksamen Legende der Macher gehört, ist Ehrensache.
Als dankbares Opfer für die alles auslösenden Skandalfotos jedenfalls übernimmt die jüngere Schwester der Queen eine glaubwürdige Position ein. Ganz Archetyp aller royalen Verfehlungen, die heute zur äußerst boulevardwirksamen Seite der königlichen Familien gehören, war Prinzessin Margaret lange Zeit das Lieblingsobjekt von wilden Gerüchten und Unterstellungen, denen sie mit ihren zahlreichen (vermeintlichen?) außerehelichen Affären und gescheiterten Romanzen nicht gerade entgegenwirkte. In jüngeren Jahren eine außergewöhnliche Schönheit, war die Princess of York mit ihrer bürgerlichen Heirat (ausgerechnet ein Fotograf) und einem sozialen Umfeld, das direkt vom roten Teppich stammte, vor allem den konservativen Royalisten ein merkliches Dorn im Auge. Eine eindeutig Bilderserie mit pikanten Details, aufgenommen in ihrem berüchtigten, jederzeit von Geschichten um wenig königliche Drogenorgien umgebenen Ferienhaus in der Karibik, hätte also durchaus eine gewisse Sprengkraft besessen – und wäre aus heutiger Perspektive vermutlich nur noch ein gelangweiltes Gähnen wert.
Im British Empire von 1971 jedoch reicht solches Material offensichtlich noch aus, um die Military Intelligence aufzuscheuchen und einen Plan entwickeln zu lassen, der nicht davor zurück schreckt, eine Handvoll eingeschränkt gesetzestreuer Bürger ins offene Messer laufen lassen. Die kleinkriminelle Truppe, die es schließlich trifft, entstammt gänzlich der Fantasie der beiden Autoren. Ein Heiratsschwindler, ein erfolgloser Schauspieler, ein Fotograf und ein Mechaniker – Danny Ocean ist da zweifelsfrei nicht im Spiel. Zusammengewürfelt wird das harmlose und durchweg sympathische Einbrecherteam von einem erfolglosen Autohändler, dem die Gläubiger als Warnschuss schon mal die Ware zertrümmern lassen. Dass der eigentliche Drahtzieher aber wiederum eine Frau ist, die nur ihren Kopf aus der Schlinge schaffen will, zeugt von den vielen smarten Haken, die das Drehbuch schlägt, ohne dass der Zuschauer vorzeitig merkt, wie tief der Sumpf ist, in den die Figuren von Anfang an gezogen werden. In Parenthesen baut sich die Geschichte zu Beginn kunstvoll auf und lässt einen dabei nicht selten ratlos stehen angesichts der einzelnen Beteiligten, die auf den ersten Blick keinen schlüssigen Zusammenhang erkennen lassen – umso spannender aber dafür die Frage, wie sich der Kreis wohl später schließen mag. Erst nach einer Weile wird der Film geradliniger und widmet sich dem Eindringen in den Tresorraum, ohne auf eine ganze Handvoll amüsanter und spannungsfördernder narrativer Windungen zu verzichten. Hat man dann für eine Weile die komplexen Verstrickungen vom Anfang fast vergessen und stattdessen gebannt verfolgt, wie sich der Film seinen Weg in den Tresorraum der Bank bahnt, wird man zusammen mit den Figuren selber kaum auf diejenige Realität vorbereitet sein, die in der zweiten Hälfte über Terry, dem Autohändler, und seinen Jungs einbricht.
Was lange Zeit wie eine leichtfüßige Spielerei in der Tradition klassischer Heist-Thriller aussieht, offenbart schnell eine dunkle Kehrseite, und die erweist sich als überraschend konsequent und stimmig. Das hat der Film vor allem seinem klugen Buch und der uneitlen Regie zu verdanken, mit der Roger Donaldson ganz nebenbei daran erinnert, dass er ja vor langer Zeit einmal den überaus raffinierten Costner-Thriller „No way out“ inszeniert hat. Ähnlich verzwickt sind die Konstellationen in „The Bank Job“, und Donaldson setzt sie mit großer Übersichtlichkeit und ohne übertriebenes Tempo in Bewegung. Dabei gerät der Film weder zur Kopie verwandter Muster (angefangen bei Jules Dassins Klassiker) noch zum filmischen Karaoke, das sich in selbstverliebter Stilkopiererei etwa den britischen Thrillertypus der 1970er Jahre zum Vorbild hätte nehmen können.
Natürlich ist das Zeitkolorit wiedererkennbar eingefangen (Produktionsdesign: Gavin Bocquet, der schon viel für die historische Glaubwürdigkeit der „Young Indiana Jones Chronicles“ getan hatte), die gängigen Klischees halten sich jedoch angenehm in Grenzen, und die dynamisch-rhythmische Musik von J. Peter Robinson (der es trotz bemerkenswerter Anfänge unter John Schlesinger leider nie in die A-Liste der Filmkomponisten geschafft hat) versucht einen möglichst zeitlosen Ansatz zu finden. Die Farbgebung Londons ist in blassen Blau- und Grüntonen gehalten, doch der größte Retroanteil fällt weniger auf den Film selber als auf sein stimmungsvolles Werbeplakat. Das konzentriert sich zwar gänzlich auf seinen populären Hauptdarsteller Jason Statham, doch ist auch dieser letztlich nur Teil eines durchweg makellosen Ensembles, von dem besonders ein beunruhigender David Suchet (seit mittlerweile über zehn Jahren erfolgreicher Poirot in der gleichnamigen britischen TV-Serie) einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Statham hingegen beweist überzeugend, dass er es auch weiterhin nicht nötig hat, seinen Partnern die Show zu stehlen, und so kann er gut abschätzen, wann es an ihm ist, die Geschichte zu tragen, und wann er sich unterzuordnen hat. Mehr Filme wie dieser würden ihm sicher gut tun. Und dem Zuschauer erst recht.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Kinowelt GmbH
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