Natürliche Auslese.
Und noch ein Endzeit-Szenario, diesmal allerdings mit unangenehm geringer Inkubationszeit. Bereits 2008 nämlich bricht auf dem größten europäischen Inselstaat ein ungewöhnlich aggressiver Virus aus und lässt die Regierung in aller Eile mal eben das Kriegsrecht verhängen. Für Ursachenforschung bleibt angesichts der rasend schnellen Verbreitung keine Zeit, und neben einem ziemlich unansehnlichen Ausschlag und sich zersetzenden Organen bringt der Reaper, so der treffsichere Name, auch äußerst unerfreuliche und wenig sozialverträgliche Verhaltensmuster mit sich. Also wird das Epizentrum im Norden des Landes einfach vom Rest der Welt abgetrennt und der alte Hadrianswall in moderner Hightech-Fassung neu aufgebaut. Schottland gehört wieder ganz den Schotten, nur dass von diesen bald keiner mehr übrig ist. So weit, so gut. Ein knappes Vierteljahrhundert ist Ruhe, dann kehrt der Reaper zurück. Wohl wissend, aber aus strategischen Gründen vor der Öffentlichkeit geheim gehalten, dass es in der Sperrzone immer noch Überlebende gibt, schicken der Premier und sein Drahtzieher ein Sondereinsatzkommando ins Krisengebiet, um dort nach einem offensichtlich existierenden Heilmittel suchen zu lassen. Doch der Zeitplan ist eng, und nur 48 Stunden verbleiben, um eine Pandemie zu verhindern. Auftritt Lara Croft, sichtbar und unstrittig aus Fleisch und Blut.
Nein, es geht nicht um Angelina Jolie und schon gar nicht um einen weiteren Film aus der eher lauwarmen als siedend heißen „Tomb Raider“-Serie. Es geht um Höheres. Als die erste weibliche Konsolenikone nämlich noch ausschließlich ein zweidimensionales Leben führte, hatte der Spielehersteller Eidos Interactive schnell begriffen, dass vor allem die männliche Kundenbasis dringend auch eine reale Version der Figur benötigte, eine Lara also, die auf Messen und Conventions auftreten, Interviews und Autogramme geben oder auch noch ganz anderen gewinnbringenden Unsinn machen konnte – wie etwa eine eigene CD aufnehmen. Also engagierte man ein Model, das die notwendige Ähnlichkeit zur Vorlage bei sich trug, und machte mit ihr noch ein bisschen mehr Geld als ohnehin schon. Die Wahl fiel damals, nach zwei mehr oder weniger offiziellen Stand-Ins (unter anderem Katie Price), auf die junge britische Schauspielerin Rhona Mitra, die sich schnell noch die passende Körbchengröße besorgte (Schönheitschirurgie liegt bei ihr praktischer Weise in der Familie) und fortan als Real-Lara eine ziemlich gute Figur machte. Eine nie näher öffentlich erläuterte Trennung von Eidos verhinderte allerdings ihr Auftreten in der späteren Filmfassung – und das ist ein Umstand, der angesichts dessen, was sie für Neil Marshalls wilden Endzeit-Ritt leistet, echtes Bedauern auslösen kann. Denn im Vergleich zu Mitras fiebriger Interpretation der von einem explosiven Cocktail aus tiefverwurzeltem Zorn und kompromisslosem Jagdinstinkt getriebenen Elitekämpferin Eden Sinclair (ein Name, für den ein einzelner Film ganz unmissverständlich nicht ausreicht) erscheint Jolies Croft-Version geradezu kleinbürgerlich. Die abgründige Entschlossenheit jedenfalls, mit der sich die Engländerin irisch-indischer Abstammung schwitzend und blutend durch die unterschiedlichen Levels dieser staubig-schmutzigen Anarchielandschaft aus postzivilisatorischen Tribal-Punks, Rittern und Gladiatoren schlägt (egal ob mit Schusswaffen, Schwertern, einem Bentley Continental GT oder bloßen Händen), ist schlicht und einfach pures Adrenalin.
Ausgestattet mit einer simplen, aber trotzdem alle entscheidenden Koordinaten der Figur wirkungsvoll ausrichtenden Initiationsgeschichte (ihre Mutter musste beim ersten Ausbruch des Reapers in der Sperrzone zurückbleiben, um das Leben ihrer Tochter retten zu können), orientiert sich Eden Sinclair ganz an den beiden einzigen wirklich schulemachenden Frauengestalten im amerikanischen Action-Kino, also Ellen Ripley („Alien“) und Sarah Connor („The Terminator“). Und demgemäss legt Mitra ihre Darstellung auch an, zynisch, schweißtreibend und unberechenbar, ohne dabei auch nur im Ansatz forciert zu wirken oder gar die Typologien ihrer Vorbilder imitieren zu müssen. Wenn Sinclair zum ersten Mal (als erwachsene Frau) auftritt, findet ihre zentrale Fokussierung zwar schon in der dramaturgischen Konstellation ihr unmissverständliches Abbild, doch erst der scheinbar fest in der Physiognomie ihrer Darstellerin verankerte Grenzgang zwischen gefährlicher Entschlossenheit und kontrollierter Psychose (und zwar genau ohne den verheerenden Grad zuviel, der Michelle Rodriguez oft so unerträglich macht) gibt der Figur diejenige Schlüssigkeit, die sie über den ganzen Film hinweg glaubwürdig und problemlos aufrecht erhält. Eine ganze Staffel lang hatte Rhona Mitra dem freakreichen Ensemble von „Nip/Tuck“ mit der ebenso undurchsichtigen wie besessenen Ermittlerin Kit McGraw bereits eine ähnlich erinnerungswürdige Figur hinzugefügt und diese mit jener bemerkenswert bedrohlichen Form sexueller Aggression versehen, die in der Elitekämpferin Sinclair nun ihr asexuelles Pendant findet – und damit eine Art Dialekt derselben Sprache in der Figurengestaltung ihrer Darstellerin markiert.
Aber ist das nicht alles ein bisschen zuviel für einen Film, der sich mit echtem Retro-Feeling irgendwo zwischen Mad Max, Snake Plissken und deren ebenso zahlreichen wie namenlosen Epigonen bewegt? Nun, vielleicht – aber auch nur für denjenigen, der schon mit den klassischen Endzeit-Spinnereien der späten 70er und frühen 80er nichts anfangen konnte. Alle anderen sollten einen Heidenspaß an diesem durchweg sehenswerten Versuch haben, einen Genrezwitter wiederzubeleben, der schon lange aus dem Kino verschwunden ist und sein Dasein stattdessen vor allem im Spätprogramm des Privatfernsehens fristet. Im Gegensatz aber etwa zu einem Projekt wie „Planet Terror“, das sich in ähnlichem Umfeld bewegt, nimmt Neil Marshall sein Sujet (sofern das überhaupt geht) weitestgehend ernst. Beide Filme profitieren merklich und intendiert vom Stil John Carpenters auf dem Höhepunkt seines Könnens (bevor er anfing, vor allem uninspirierten Nonsens zu drehen), doch während Rodriguez zunehmend in die Albernheit von „Big trouble in Little China“ verfällt, bleibt Marshall vor allem dem grimmigen Ton der „Klapperschlange / Escape from New York“ verpflichtet. Und so trägt Rhona Mitra (zumindest zeitweise) selbstverständlich auch eine Augenklappe.
Doch ganz unabhängig von diesem Trip in eine Ära des Kinos, die längst ausgestorben ist, wartet „Doomsday“ (auch ohne den sinnlosen deutschen Titelzusatz) mit einem Detailreichtum auf, das für eine geradlinige Geschichte wie diese durchaus ungewöhnlich ist. Marshall liebt seinen Stoff ganz offensichtlich und holt aus den für vergleichbare Hollywood-Verhältnisse geradezu lächerlichen 30 Millionen Dollar (dennoch ungefähr das Zehnfache seines vorherigen Budgets) so ziemlich alles raus, was drin ist. Dafür ging er mit seiner Crew zwar für den überwiegenden Teil des Drehs nach Südafrika, doch das sieht man dem fertigen Film nicht eine Sekunde lang an – von der flimmerigen Atmosphäre, die in Teilen der Geschichte vorherrscht, einmal abgesehen. Der Brite, der sich zuvor mit dem beklemmenden Horrorfilm „The Descent“ bereits einen guten Namen gemacht hatte, zeigt dabei ziemlich überzeugend, dass er auch angesichts eines größeren Budget nicht vergisst, worum es beim Filmemachen in erster Linie geht. Und das gilt für den gesamten Produktionsprozess von der Besetzung (Bob Hoskins als Sinclairs väterlicher Vorgesetzter, David O´Hara als schmieriger Drahtzieher, Craig Conway als Tribal-Führer in einer völlig überdrehten Chargenkreuzung aus Travis Bickle und Dennis Hopper, sowie, gänzlich unvermeidlich, Malcolm McDowell als archaischer Darwinist mit royalen Allmachtsfantasien) bis zur Tonspur (auf der Tyler Bates einen weiteren Beweis dafür liefert, dass er mit seinen vielschichtigen Partituren zu den interessantesten Filmkomponisten der Gegenwart gehört).
An seiner Inszenierung von (ansonsten einfallsreichen) Nahkampfsequenzen könnte Marshall zwar noch feilen und vor allem die Schnittfrequenz deutlich runterschrauben, im Grunde aber gibt es wenig an diesem temporeichen, niemals zeitschindenden und immer wieder überraschenden filmischen Endzeit-Vergnügungspark auszusetzen. Wo die natürliche Auslese nämlich dafür sorgt, wessen Köpfe im plastischen oder übertragenen Sinne rollen, da ist die Welt eigentlich völlig in Ordnung – jedenfalls solange sie ausschließlich im Kino stattfindet. Und was kann schon falsch sein an einem Film, in dem eine Horde kriegsbemalter Kannibalen ihr (in Deutschland erwartungsgemäß heftig gekürztes) Schlacht- und Grillfest mit dem gutgelaunten „Good thing“ der Fine Young Cannibals in Gang bringt? Nichts natürlich.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Concorde Filmverleih GmbH
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