THE HAPPENING

By Thomas Lenz

Reise in die Provinz.

Folgende Schockmomente gibt es in diesem Film nicht zu sehen: Eine junge Frau begeht spontanen Selbstmord, indem sie sich eine Haarnadel in die Halsschlagader bohrt, ein Tierpfleger lässt sich von einem Löwen freiwillig einen Arm abreißen, und ein Mann legt sich seelenruhig vor einen fahrenden Rasenmäher, der ihn kurz darauf mühelos überrollt. Wobei das, präzise gesagt, so gar nicht stimmt. Die Bilder selber gibt es nämlich durchaus, auf deutsche Leinwände haben sie es jedoch nicht geschafft. Und das funktioniert hier so: Die FSK setzt sich mit dem hiesigen Verleih an einen Tisch und sagt, „Entweder Ihr nehmt dies, jenes und auch das noch aus Eurem Film heraus, oder Ihr bekommt nur eine Freigabe ab 18.“ Der Verleih überlegt darauf einen Moment, wägt ab und entscheidet schließlich, dass mit einem Publikum ab 16 vermutlich ein größerer Kundenkreis angesprochen werden kann, und schon haben sich Haarnadel, Löwe und Rasenmäher erledigt. Dass man damit möglicherweise drei wohldosierte Schrecksequenzen eliminiert, die der Film für den allgemeinen Spannungsaufbau dringend benötigt, interessiert niemanden. Indem also etwa gleich zu Beginn nur zu sehen ist, wie sich die junge Frau, die zuvor unerklärlicher Weise ihr Orientierungsvermögen verloren hat, eine Haarnadel aus ihrem Dutt zieht, und der Zuschauer lediglich vermuten kann, was sie damit macht, ist der gesamte Auftakt des Films schon im Eimer. So was kennt man sonst nur aus dem Privatfernsehen. Wer sich also für derartige Bevormundungsmaßnahmen und eine konkrete Verweigerung des eigentlich intendierten Filmerlebnisses gerne einmal schriftlich bedanken will, sollte sich direkt an die Twentieth Century Fox of Germany in Frankfurt wenden: Danke, liebe Kollegen, dass Ihr immer mit Bedacht und Sorge darüber entscheidet, was Eurem Publikum zugemutet werden kann.

Ein solches Vorgehen ist umso ärgerlicher, als „The Happening“ der erste Film seines Machers ist, der den amerikanischen Markt mit einem R-Rating erreicht und damit jeden unter 18 ohne Begleitung eines Erziehungsberechtigten oder sonst wie verantwortlichen Begleiters vom Kinobesuch ausschließt – theoretisch jedenfalls. Nun ist das Rating-System der MPAA zwar ein komplexes Regelwerk, das fernab von echter Stimmigkeit stattfindet (und sich inzwischen etwa auch auf die Darstellung von Zigarettenkonsum im Film konzentriert), für jemanden wie M. Night Shyamalan aber, dessen Filme sich bisher dezidiert durch die Abwesenheit grafischer Gewalt auszeichneten, markiert eine derartige (fraglos berechtigte) Einstufung durchaus einen echten Wandel. Zynischer als all seine Filme zuvor, hoffnungsloser und wenig herzlich kommt seine seltsame Endzeit-Vision daher und zeigt kein nennenswertes Mitleid mit seinen Figuren. An die Stelle seiner sonst mit großer Detailverliebtheit konstruierten Charaktere, die angesichts eines Bedrohungs- und Transzendenzhorizontes, der um Lichtjahre größer ist als sie selbst, über sich hinauswachsen müssen, sind Reißbrettentwürfe getreten, die bestenfalls gerade noch soviel Tiefe besitzen, dass sie nicht zur bloßen Parodie geraten. Statt individuelle Ausnahmeerscheinungen zu sein, markieren sie lediglich einen bestimmten Typus mit vorgegebenen Verhaltensmustern, Wünschen und vor allem Dummheiten. Wenn etwa angesichts einer globalen Bedrohung, deren Ursachen niemand kennt, der Anblick eines einzelnen Militärjeeps eine Figur ernsthaft dazu bewegt, erleichtert von sicherer Rettung zu sprechen, ist alle Hoffnung auf Vernunft und Verstand des dramatischen Personals dahin.

Das mag weniger mit dem Sujet selber zu tun haben als mit den Erfahrungen, die der indischstämmige Filmemacher in den letzten Jahren mit der Industrie selber gemacht hat. Nie um eine lautstarke Selbstüberschätzung verlegen, hatte er sich zuerst mit Disney verkracht und dann mit seinem Lieblingsprojekt „Lady in the water“ einen massiven Flop hingelegt, in dem viele schon das Ende seiner einst ziemlich vielversprechenden Karriere sahen. Vermutlich hätte er nie den Fehler machen dürfen und den Trick, der „The sixth sense“ so berühmt gemacht hatte (ohne freilich die wirkliche Sensation des Films zu sein), bereits in seinem nächsten Projekt noch einmal zu wiederholen, wenn auch zu wesentlich moderateren Konditionen. Von da an spätestens jedenfalls galt Shyamalan als Macher von Mystery-Filmen mit überraschendem finalen Twist, ganz egal, wie unsinnig ein solches Label auch erscheinen mag – für den eigenwilligen Egomanen ein echtes Problem, denn fortan stand er unter einem ziemlich enggestrickten Erwartungsdruck, und umso mehr setzte er alles daran, seinen Kopf möglichst wirksam aus der Schlinge zu ziehen. Betrachtet man etwa „The Village“ aus dieser Perspektive, so kann man durchaus den Eindruck gewinnen, als habe der Mann mit dem Recht auf den Final Cut zeigen wollen, wie man sich als Zuschauer schnell selber ins Aus manövrieren kann, wenn man unbedingt eine überraschende Schlusswende haben will, die den gesamten Film auf den Kopf stellt – enttäuschender jedenfalls als dort kann es kaum ausfallen. Einen Gefallen hatte Shyamalan sich damit allerdings auch nicht getan, und noch schlimmer sollte es werden, als er sich mit seinem nächsten Projekt gänzlich von allen Vorgängern absetzte und einen echten Kinderfilm machte. Dass man bei Warner trotzdem mit dem Filmemacher warb und so durchweg falsche Erwartungen weckte, tat sein Übriges. „Lady in the water“ fuhr gnadenlos gegen die Wand.

Von der Häme abgeschreckt, die über sein Herzensprojekt ausgegossen worden war (immerhin ursprünglich eine Gutenacht-Geschichte für seine Kinder), mag sich Shyamalan vermutlich dazu entschlossen haben, seine nächsten Filme so anzulegen, dass sich die persönliche Einbindung merklich in Grenzen hält. So jedenfalls sieht „The Happening“ aus: technisch weitestgehend perfekt, aber völlig seelenlos. Selbst die zentrale Liebesgeschichte (und von solchen hatte sich der Filmemacher bisher zurecht fern gehalten) findet gänzlich emotionsfrei statt. Zwischen den beiden Darstellern Mark Wahlberg und Zooey Deschanel stimmt die Chemie nicht einen Funken, und der Umgang ihrer Figuren miteinander ist so leidenschaftslos, dass man sich fragen muss, was die beiden überhaupt voneinander wollen. Aber auch das fügt sich angemessen in Shyamalans kalte Versuchsanordnung, die sich programmatisch um die Frage dreht: Was wäre, wenn die Menschen plötzlich und unerwartet ihren Lebenswillen verlieren und sich ebenso nüchtern wie folgerichtig selbst richten?

Genau das nämlich geschieht hier. Es beginnt in der Metropole aller Metropolen und arbeitet sich von dort rasend schnell in die Provinz vor, bis es schließlich auch den zivilisationsfremden Einsiedler irgendwo in Pennsylvania erreicht hat. Präzise nachinszenierte TV-Berichterstattungen (mittlerweile ein Standard im amerikanischen Katastrophenkino) und Expertenkommentare belegen nur eines: Niemand weiß, was für eine Form der Epidemie hier gerade ausbricht, denn kurioserweise ist offenbar nur der Nordosten der USA betroffen. Ganze Menschengruppen bleiben einfach wie eingefroren stehen, verlieren Orientierung und Verstand, stürzen sich von Gebäuden, jagen sich Kugeln in den Kopf oder machen ihrem Leben sonst wie ein Ende. Ein Highschool-Lehrer (Wahlberg), seine Frau und ein enger Freund (dank John Leguizamo die einzige echte Identifikationsfigur) fliehen mit dem Zug aufs Land, doch auf halber Strecke ist die Fahrt bereits zu Ende und aller Kontakt zur Außenwelt abgebrochen. Ziellos machen sich die Menschen auf den Weg, der unbekannten Bedrohung zu entkommen, doch das Schicksal nimmt seinen Lauf und alle Hoffnung scheint vergebens.

Im Grunde ist „The Happening“ wie viele Apokalypse-Fantasien eigentlich ein Roadmovie. Wahlbergs Figur reist auf ihrer Flucht von einer Station zur nächsten und nähert sich dabei immer mehr den archaischen Strukturen eines Landes, dessen zivilisatorisches Gesicht echte Makulatur ist. Am Ende sind der destruktive Irrsinn, den die mysteriöse Epidemie auslöst und derjenige, der sich tief verborgen im psychischen Haushalt der Menschen am Rande aller Gemeinschaft längst seinen Weg gebahnt hat, nur gradweise voneinander entfernt. Am unheimlichsten und bedrohlichsten wird der Film deshalb vor allem dann, wenn er die Konfrontation mit demjenigen sucht, was es unter gut funktionierenden zivilisatorischen Verhältnissen nur im Kino zu sehen gibt (hier vor allem in Gestalt der beunruhigenden Betty Buckley) – auffälliger jedenfalls könnte der Kontrast zum Gros der oberflächlichen und wenig vielschichtigen Haupt- und Nebenfiguren kaum sein. Am Schluss jedenfalls wird es keine überraschende Wende geben und noch nicht einmal eine eindeutige Erklärung. Beruhigend ist das zum Glück nicht.

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Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Twentieth Century Fox of Germany GmbH

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