PENELOPE

By Thomas Lenz

Aus gutem Haus.

Die Wilherns haben ein wirklich, wirklich schweres Schicksal zu tragen. Ein alter Familienfluch lastet auf Ihnen, und der macht ihnen das Leben als Vertreter eines gehobenen Standes nicht leicht. Einst nämlich hatte ein Vorfahre unachtsamer Weise eine bürgerliche Dienstmagd geschwängert, und wie es in viktorianischen Adelskreisen nun einmal üblich war, durfte nicht sein, was sich nicht gehörte. So nahm das Schicksal seinen Lauf: Vor Gram hatte sich zuerst die Verstoßene in den Tod gestürzt und dann die Mutter (eine ziemlich grimmige Hexe) aus Rache einen Fluch über das Geschlecht der Wilherns ausgesprochen. Demgemäss würde die nächstgeborene Tochter mit einer Schweinenase (ja, richtig gelesen) auf die Welt kommen und erst erlöst werden können, wenn jemand ihres Blutes sie bis ans Ende ihrer Tage von ganzem Herzen liebt und so akzeptiert, wie sie ist. Mehrere Generationen lang ging die Sache gut, und die Wilherns brachten ausnahmslos männliche Nachkommen unter die Menschheit, doch schließlich und endlich traf es die Sippschaft dann doch. Vor Peinlichkeit und Scham und angesichts der Tatsache, dass die Kopfschlagader ausgerechnet durch die ungeliebte Nase der Kleinen verläuft, und deshalb auch mit plastischer Chirurgie nichts zu machen war, beschlossen die Eltern, ihr Kind offiziell lieber für tot erklären und einäschern zu lassen, als dass es jemand zu sehen bekommt. Doch damit nicht genug. Schließlich muss Jahre später für die mittlerweile junge Frau ja ein Ehemann adligen Geblüts gefunden werden, der sie heiratet und so den Fluch von ihr nehmen kann (Ehe, Liebe, wer nimmt das schon so genau?). Doch egal, wen die eigens beauftragte Partnervermittlerin auch anschleppt, die Männer laufen schreiend davon, sobald sie dem verunstalteten Mädchen gegenüberstehen. Dabei macht das gar keinen Sinn, denn Penelope sieht aus wie Christina Ricci, unwiderstehlich und mit großen Augen, nur eben mit einer lustigen Schweinenase im Gesicht. Wer würde da ernsthaft die Flucht ergreifen wollen?

Doch darin liegt auch schon der Grundgedanke der Geschichte. Natürlich ist Penelope kein Entsetzen verbreitendes Monster, vor dem irgendjemand davonlaufen würde – mit Ausnahme eben von verwöhnten Sprösslingen aus gutem Haus, deren Leben ausschließlich klinisch rein ausgestattet ist und nach Vorgaben verläuft, die ihnen Stand, Status und Elternhaus aufs Auge drücken. Gefangene sind sie allesamt mindestens so sehr wie das bedauernswerte Mädchen, das vor allem auf Betreiben der von unterdrückter Hysterie gesteuerten Mutter (trotzdem irgendwie sympathisch: Catherine O`Hara) in seinem goldenen Käfig auf Erlösung hoffen muss. Und so lässt die Kleine die im Grunde demütigenden Casting-Veranstaltungen geduldig über sich ergehen – jedenfalls solange, bis einmal einer nicht panisch davonläuft und für Penelope vermutlich zum ersten Mal echte Hoffnung wach wird. Leider meint der wenig standesgemäß auftretende Max es aber auch nicht ehrlich mit ihr, denn in Wahrheit soll er im Auftrag des kleinwüchsigen Paparazzos Lemon (sehr lustig: Peter Dinklage) und eines ehemaligen Casting-Kandidaten, der seinen Ruf wiederherstellen will, heimlich ein Foto machen, um das Mädchen damit einer sensationslüsternen Öffentlichkeit zum Fraß vorwerfen zu können. Doch Max ist allem Anschein nach verarmter Adel, spielsüchtig und braucht das Geld, das ihm der Auftrag bringt – also auch ein Gefangener der Umstände. Dass ihm Penelope aber schon ganz bald wichtiger sein wird, weiß selbst der ganz naive Zuschauer schon nach Sekunden. Und so soll es auch sein.

Allerdings immer dann, wenn man glaubt, den Verlauf der Geschichte gänzlich vorauszuahnen, macht sie einen Schlenker und treibt sich so selbst voran. Leslie Caveny hat diese Strategie in über zehn Jahren Serienarbeit für CBS verinnerlicht und macht sie in ihrem ersten Kinofilm zum Erzählprinzip. Überhaupt hat „Penelope“ viel vom US-Fernsehen gelernt. Das betrifft die Narration ebenso wie die Charaktere, denn innerhalb des klaren Spannungsbogens nach den Vorgaben eines Märchens (Fluch und Erlösung) ordnet sich der Film merklich in aufeinander aufbauende Kapitel (oder eben Episoden), die jeweils eine neue Richtung einschlagen, das Ensemble erweitern und die Geschichte fortentwickeln. Die zahlreichen Figuren haben ihren festen Platz und nehmen in der Dramaturgie mal mehr, mal weniger Raum ein. Ihr Hintergrund und ihre Motivationen sind schnell erzählt, werden manchmal aber auch erst für einen späteren Zeitpunkt im Film aufgehoben. Solange jedoch funktionieren sie nach denjenigen Regeln, die ihnen die Seriendramaturgie vorschreibt. Das ist klug und für den Zuschauer angenehm, denn so lässt sich schon nach dem ersten Auftreten jedes einzelnen Charakters wie mit einem alten Bekannten umgehen. Wenn er wieder erscheint, weiß man schon, wie er funktioniert, und man kann mit echtem Vergnügen verfolgen, wie er seinen Regelkanon ausspielt. Nach demselben Prinzip dürfen durchaus auch erst vergleichsweise spät im Film ganz neue Figuren auftauchen, die sich aber trotzdem problemlos in die Erzählung einfügen und sie auf ihre Weise bereichern (etwa in Gestalt von Mitproduzentin Reese Witherspoon, die unter anderen Umständen vermutlich viel zu viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte).

Liest man die Geschichte mit all ihren physischen Entstellungen (Schweinenase, Zwergwüchsigkeit, Augenklappe) und den absurden Konstellationen, könnte man auf den ersten Blick befürchten, die Farrelly-Brüder hätten Pate gestanden und eine Handvoll Krüppel-Kalauer eingebracht. Das Gegenteil ist zum Glück der Fall. Mark Palanskys Langfilm-Debüt gibt sich alle Mühe, die Balance zwischen Comedy, kleiner Tragödie und Märchen zu halten, ohne das schön gefügte Sujet überzustrapazieren. Zu keinem Zeitpunkt etwa macht sich der Film über seine Figuren lustig, und selbst diejenigen, die zunächst eher als Karikaturen aufzutreten scheinen, bekommen früher oder später noch eine zweite Chance. Dabei wird vielleicht erst bei genauerem Hinsehen deutlich, wie reichhaltig die Geschichte mit Details aufgefüllt ist, die dafür sorgen, dass es über runde 105 Minuten keine einzige Leerstelle gibt.

Umso mehr wundert es, warum diese bereits 2006 auf dem Filmfestival in Toronto uraufgeführte Independent-Produktion eine ganze Weile auf Eis lag und nicht längst im Vorweihnachtsprogramm gelandet ist. Erst im Zuge der plötzlichen Popularität von Max-Darsteller James McAvoy (der in Joe Wrights „Atonement“-Verfilmung seiner Figur mehr Leben hinzufügen könnte als McEwans ganzer Roman) hatte sich das Blatt allem Anschein nach gewendet, und wo der Film selber nicht Argument genug war, könnte der Award- und Nominierungsregen, der über dem Schotten niedergegangen war, Abhilfe schaffen. Verständlich ist jedoch auch das nicht.

Getragen wird der Film jedenfalls ganz und gar von seiner entwaffnenden Hauptdarstellerin, die völlig vergessen lässt, was an der verfluchten Schweinenase eigentlich so schlimm sein soll. Wenn Penelope etwa ihrem Elternhaus entflieht, um die märchenhaft irreale Realwelt draußen endlich kennen zu lernen (ein glitzerndes CGI-Panorama unter betörender Musik von Joby Talbot), zeigt sie ohnehin nur ihre Augen, während die ungeliebte Nase hinter einem Tuch verborgen bleibt. Dass diese Augen allerdings mehr zu sagen haben als eine ganze Wagenladung Method Acting, ist einzig und allein der Verdienst von Christina Ricci, die in den noch nicht einmal zwei Jahrzehnten, in denen sie auf der Leinwand zu sehen ist, mehr unverwechselbare und gern erinnerte Figuren geprägt hat, als es andere, weitaus höher dotierte Darsteller in ihrer ganzen Karriere schaffen. Das Mädchen Penelope bildet da keine Ausnahme, sondern fügt sich widerstandsfrei in ihr vielfältiges, niemals jedoch eintöniges Rollenportfolio und bereichert es um eine weitere schöne Note. Und wer sich nicht an irgendeiner Stelle dieses uneingeschränkt glückseligmachenden Films wünscht, sie käme einfach von der Leinwand herab, um ein wenig Grau aus der Welt zu vertreiben (ganz egal ob mit Schweinenase oder ohne), der hat mit großer Wahrscheinlichkeit im Kino ohnehin nichts verloren.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Capelight Pictures

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