FUNNY GAMES U.S.

By Thomas Lenz

Sprachbarrieren.

Über Michael Hanekes medienkritische Gewaltstudie ist in den mittlerweile über zehn Jahren seit jener denkwürdigen Uraufführung in Cannes, bei der Wim Wenders und eine ganze Reihe anderer Zuschauer demonstrativ den Saal verlassen hatten, so ziemlich alles bereits gesagt worden – und das meiste davon merklich zu oft. Was sich da anderorts vielfach nachlesen lässt, trifft in mehr oder weniger gleichem Maß auch auf das fast identisch auftretende US-Remake zu, und selbst Vergleiche zwischen beiden Fassungen liefern kaum Bemerkenswertes. Die Geschichte der intakten Bürgerfamilie, die in ihrem Wochenendhaus von zwei Männern ohne offensichtliches Motiv einer brutalen psychischen Folter unterzogen wird, sieht in der Neufassung nahezu Bild für Bild genauso aus wie im Original – und das ist auch Sinn und Zweck der ganzen Angelegenheit. Haneke, so wird er nicht müde zu betonen, habe schon die Urfassung eigentlich für ein amerikanisches Publikum entworfen, dieses jedoch aufgrund der problematischen Sprachbarriere nie wirklich erreicht. Strategie und Intention seien jedoch weiterhin dieselben, wozu also Dinge verändern? Unabhängig davon, dass es aus dieser Perspektive sinnvoll gewesen wäre, schon im ersten Anlauf auf Englisch zu drehen, kann man im Grunde froh sein, dass der Film immer noch (fast) derselbe ist. Auf diese Weise jedenfalls bleibt das Original glücklicherweise unberührt, und diejenigen, die mit der deutschsprachigen Version bereits vertraut sind, gehören ohnehin nicht zum anvisierten Publikum.

Würde man beide Fassungen, etwa im Rahmen einer Videoinstallation, parallel zueinander laufen lassen, sähe man vor allem doppelt. Hier und da fallen Nuancen von Variationen auf, im Wesentlichen aber hat sich nicht viel verändert. Einzig die Figur des Paul (einer der beiden Eindringlinge) als eigentlichem Motor der Geschichte ist offensichtlich stärker auf amerikanische Sehgewohnheiten eingeschworen. Wo Arno Frisch seine Rolle blutleer und stilisiert anlegt, da verleiht Michael Pitt ihr eine lebendigere und identifikationsfreundlichere Note. Umso eher geht der Zuschauer ein Bündnis mit ihr ein und akzeptiert sie als heimliche Hauptfigur. Dafür tritt Peter, der Schweigsamere der beiden, in seiner Verkörperung durch den etwas farblosen (aber deshalb nicht auch bereits langweiligen) Brady Corbett um einiges hinter Frank Gierings beunruhigender Darstellung aus dem Original zurück. Aber das ist beides fraglos gewollt. Überhaupt führt es nicht sonderlich weit, derartige Feinjustierungen genauer zu analysieren, denn vom Prinzip her ist „Funny Games“ auch in der US-Version immer noch der gleiche Film, der auf unbedarfte Zuschauer vermutlich weitestgehend dieselbe schockierende und verstörende Faszination ausüben kann wie das Original – oder eben Verärgerung, Abscheu und tödliche Langeweile. Einer dieser Seiten wird man zugehören, und so oder ähnlich ist es bei Haneke ja meistens.

Nun kann man lange darüber debattieren, ob diese neue Fassung überflüssig ist oder nicht, eine Anpassung an veränderte Verhältnisse nötig gewesen wäre, oder ob Hanekes Strategie im Grundsatz überhaupt aufgehen kann, entscheidend ist, weit und breit findet sich kein Beleg, dass sich jemand ernsthaft die Mühe gemacht hat, den Film einmal dort anzusehen, wo er auf sein eigentlich anvisiertes Publikum trifft. Schon 1997 war die Motivation des Filmemachers, nicht nur einem (im Zuge echter Tarantinoisierung des Kinos) allgemein spielerischer gewordenen Umgang mit medialer Gewaltdarstellung den Spiegel vorzuhalten, sondern auch ganz konkret dem betreffenden Publikum genügend Verstörungspotential zuzumuten, um es ins Grübeln geraten zu lassen. Dass das im Programmkino nur äußerst eingeschränkt funktionieren kann, liegt auf der Hand. Doch genau dort war Hanekes Film natürlicher Weise gelandet. Eine starbesetzte US-Fassung sollte deshalb (vermutlich) der Versuch sein, die zentralen Rezeptionsprobleme des Originals auszuhebeln – von den 15 Millionen Dollar, die einfach mal so zum Verschleudern bereit standen, selbstredend zusätzlich motiviert.

Um aber eine Idee davon zu bekommen, wie derjenige Zuschauertypus nun tatsächlich reagiert, dessen spaßgeleiteten Gewaltfilmkonsum Haneke infrage stellen will, muss man schon in die Vorhölle des Arthouse-Films hinabsteigen – in ein Multiplex-Kino also – und dort inmitten von Halbliterbechern, Dauerquatschern und blinkenden Handys zwei Stunden ausharren, bis sich die feste Überzeugung einstellt, dass man gerade mit großer Wahrscheinlichkeit ziemlich repräsentatives Datenmaterial gesammelt hat. Und das beruht vor allem auf der Tatsache, dass die Mehrheit des Publikums ausschließlich aufgrund falscher Voraussetzungen im Kino sitzt (jedenfalls kaum wegen der verlässlich guten Naomi Watts) – und da liegt auch schon ein ganz entscheidendes Problem. Alle Werbemaßnahmen versprechen nämlich in echter Unmissverständlichkeit einen blutigen Psychothriller mit einiges an Gewalt und hohem Tempo. Nichts davon trifft natürlich zu. Weder gibt es etwa den irre von unten in die Kamera starrenden Kubrick-Killer des Filmplakats zu sehen noch die blutigen Handschuhe (und noch nicht einmal die vermeintlich langen weißen Hosen, denn die sind tatsächlich immer noch kurz). Völlig konträr zum Film tritt aber vor allem der effektreiche Trailer auf. Passend montiert zu Griegs bekanntem (und bis zum Erbrechen penetrierten) Peinigungsthema aus den Hallen des Bergkönigs, legt er ein ungeheures Tempo vor, das nichts, aber auch rein gar nichts mit Hanekes an die Grenzen des Erträglichen gehenden Zeitzerdehnungen zu tun hat, die im Film dominieren.

Im Normalfall würde man da einfach von Etikettenschwindel sprechen, hier aber könnte auch eine strategische Transferleistung des Films selber mit im Spiel sein (vom ökonomisch relevant erweiterten Kundenkreis natürlich ganz abgesehen). Denn dieser kleidet sich ja bekanntermaßen gerade in den Konventionsmustern des Psychothrillers – wenn auch ausschließlich, um selbige dann nach allen Regeln der Kunst hintergehen zu können. Nichts anderes also bietet auch die zugehörige Kampagne. Dass dieser Schuss allerdings merklich nach hinten losgeht, daran lässt das Multiplex-Publikum keinen Zweifel, wenn nach der ersten, quälend langen Viertelstunde erst vermehrt die Handydisplays leuchten, dann der Geräuschpegel anzieht und schließlich laute Unmutsbekundungen um sich greifen. Das bleibt so, bis endlich der erste Gewaltakt Besserung verspricht, hält aber nicht lange vor. Für einen Großteil scheint der Film endgültig erledigt, als Paul zum ersten Mal das Publikum direkt anspricht. Das ist zuviel des Guten. Von hier an funktioniert der Film offensichtlich vor allem als Komödie, und speziell die Dialoge verursachen ausgelassene Heiterkeit – bis die Langeweile wieder Überhand nimmt. Die längste Einzelsequenz ohne Schnitt, eigentlich die gnadenlosesten, schockierendsten und schmerzhaftesten Minuten des ganzen Films, ziehen in erster Linie erhebliche Ungeduld und lautstarken Spott über die Charaktere nach sich. Erst als sich die Gewalt kurzfristig gegen die Peiniger wendet, ist das Publikum auf der Seite der Opfer, johlt und klatscht Beifall, jedoch nur um im Anschluss umso verärgerter zu reagieren, als sich das Blatt durch den berüchtigten Rewind-Trick erneut dreht. Danach ist zum Glück bald Schluss, und die Meute verlässt kopfschüttelnd und genervt angesichts verschwendeter Zeit und Euros den Saal. Verdenken kann ihr das niemand.

Die Schuld liegt jedoch nicht wirklich beim Film selber – sie liegt aber viel weniger noch beim Publikum. Die Krux ist die irrige Herangehensweise, zwei Systeme aufeinander zu hetzten, die einfach nicht miteinander können. Sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zusammenzuführen, macht die Lage nur noch fataler und wiederholt im Fall von „Funny Games“ einen zentralen Fehler des Originals: die Unterschätzung von Sprachbarrieren. Derjenige Zuschauertypus, den Haneke im Kopf hat, wäre vielleicht mit anderen Mitteln aufs Glatteis zu führen, so allerdings kaum. Vermutlich ist der Verdacht nicht ganz unberechtigt, dass der Filmemacher bestenfalls eine (imaginierte) Vorstellung, jedoch keine fundierte Kenntnis von seinem Zielpublikum hat. Vor allem am fehlenden Entgegenkommen scheitert das ganze Unterfangen erheblich. Dabei geht es jedoch weniger darum, den Sehgewohnheiten von „Hostel 2“ und anderem Material aus dem Kategoriensumpf des Torture Porn oder von Schlitzernonsens wie „Prom Night“ nachzueifern (bezeichnenderweise einer der Filme des thriller- und horrorlastigen Trailer-Paketes), als vielmehr den Akzeptanzrahmen nicht über Gebühr auszureizen. Das große Problem ist hier vor allem das fehlende Tempo und ein schier endloses, vermeintlich ereignisloses Warten, mit dem die herbeigelockten Zuschauer nicht klarkommen. Die Konzentrationsschwelle des Multiplex-Publikums erweist sich dabei schon per se als ausgesprochen gering, doch wenn man ihm vorab dann auch noch gänzlich Irreführendes vorgaukelt, erübrigt sich seine Bereitschaft zur Geduld gänzlich. Dies zu ignorieren, muss zwangsläufig alle guten Absichten zugrunde richten.

Ein Jahr nach dem Original übrigens drehte der bis heute völlig unbekannte und auf Video-Premieren festgelegte Brian Katkin mit „If I die before I wake“ (in Deutschland bekannt unter dem Titel „Panic House“) eine durchweg bemerkenswerte Variante des Sujets, die beweist, dass sich selbst im eingeschränkten Rahmen eine beklemmende Leidensgeschichte aus Sicht der Opfer erzählen lässt, die ganz ohne comichafte Gewalt funktioniert, jegliche Komplizenschaft zwischen Täter und Zuschauer ausschließt und trotzdem in der Lage ist, ein breites Publikum gnadenlos spannend zu unterhalten.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: X Verleih AG

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