DIE UNBEKANNTE

By Thomas Lenz

Erzählerische Sorgfalt.

Wenig Verständnis, dafür aber umso mehr Verärgerung hatte 2007 in Cannes ein Statement Quentin Tarantinos zur Lage des italienischen Gegenwartskinos geerntet. In erster Linie, so die These, sei die Mehrheit dessen, was da mittlerweile aus dem Heimatland von Leone, Bava und Argento über die Leinwand flimmere, schlichtweg deprimierend. Geschichten vom Erwachsenwerden, von Ehekrisen und geistig Behinderten auf Urlaub – mehr hätten Italiens Filmemacher nicht zu bieten. Kein Wunder also, dass angesichts eines derartigen Rundumschlags dem einen oder anderen spontan der Kragen geplatzt war. Dabei reagierte alle Aufregung jedoch notgedrungen weniger auf fundierte Kritik als vielmehr auf die ziemlich ernüchternde Tatsache, dass Tarantino sein cineastisches Weltbild nun einmal grundsätzlich mithilfe von Scheuklappen ausrichtet und deshalb in sein ganz eigenes mentales Filmregister unter „I“ wie „Italien“ in erster Linie Spaghetti-Western und Giallos einsortiert. Namen wie etwa Daniele Luchetti oder Ermanno Olmi haben da also nichts verloren. Kaum besser stehen vermutlich (trotz Klangähnlichkeit) die Chancen für Giuseppe Tornatore und seine von Wehmut getragenen Geschichten um unerfüllte Träume und vergangenes Glück, auch wenn sich das mit „La Sconosciuta“ vielleicht kurzfristig hätte ändern können – jedenfalls bis ungefähr zur Hälfte des Films. Denn trotz der vielschichtigen Strategie, dem Zuschauer über weite Strecken einen klassischen Thriller vorzugaukeln, ist Tornatores favorisiertes Genre immer noch das Melodram der kleinen Leute. Deprimierend für Quentin, gut für Cinecittà.

Tornatores Film handelt vom Beobachten und Verbergen, vom Maskieren und Wiedererkennen, und die Art, wie diese Motive zu einer narrativen Einheit zusammenfügt sind, zeugt von großer Sorgfalt des Erzählers. Während anderorts gerade die losen Enden, jene also, die irgendwann keinen Platz mehr in der Geschichte finden, mit stilbildendendem Anspruch auftreten, konzentriert sich Tornatore ganz dezidiert auf die innere Geschlossenheit seiner Fiktion. Das mag man als konservativ erachten, an der Wirkkraft der Erzählung ändert das jedoch nichts. Und so könnten Anfangs- und Endbild kaum weiter voneinander entfernt sein, ohne die Geschichte in sich zerfallen zu lassen. Doch genau dies ist die große Leistung des Filmemachers, nämlich einen ausgesprochen weiten Bogen über knappe zwei Stunden hinweg glaubhaft und ohne Zugeständnisse zu spannen, während alle Stufen der dramaturgischen Entwicklung sich wie von selbst fortzuschreiben scheinen.

Am Anfang steht eine Szenerie, die einen echten Richtungswechsel im ästhetischen Kosmos Tornatores zu markieren scheint. Was da auf den ersten Blick aussieht wie ein Casting für die Ritualorgien reicher Herren aus Kubricks Schnitzler-Variante, entpuppt sich schon bald darauf als erster von zahlreichen Mosaiksteinen aus der Vergangenheit der Hauptfigur. Lange Zeit wird es für den Zuschauer nur Bruchstücke ihrer Geschichte zu sehen geben, ohne den eigentlichen Zusammenhang aufzudecken. Überhaupt funktionieren alle Rückblenden, bevor sie begreifen lassen, zunächst auf emotionaler Ebene, lange Zeit ausschließlich schockbildend in Ausbrüchen sexueller Gewalt (mit einem überraschend abstoßenden Michele Placido), dann zunehmend auch verklärend und träumerisch, weichgezeichnet und sichtbar überhöht. Mit Tendenz zur Synkope fügt Tornatore diese Bruchstücke ein und lässt sie vor allem im Hinterkopf des Zuschauers wirken, lange bevor sich die Dinge aufklären. Das hält die Vergangenheit aufrecht, während die Erzählung selber von den gegenwärtigen Verläufen dominiert wird – solange bis beide Stränge zusammenfinden.

„Die Unbekannte“, das ist Irina, eine Ukrainerin im französischen Exil. In Ihren Erinnerungen heißt sie Georgia und ist kaum wiederzuerkennen. Wie viele Jahre zwischen den beiden Ebenen liegen, lässt sich nicht ausmachen. Das schnell gealterte Gesicht der Frau zeugt von wenig erlebter Freude, doch wer sie ist, bleibt lange im Dunkeln. Denn trotz eines Koffers voller Bargeld bemüht sie sich um eine unterbezahlte Putzstelle in einem Mietshaus, besticht den Verwalter gar mit einem Drittel Ihres Lohns und lehnt lukrativere Angebote einfach ab. Direkt gegenüber nimmt sie sich ein Apartment, doch davon darf niemand etwas wissen. Eine bestimmte Familie im Haus auf der anderen Straßenseite ist es, die sie im Blick hat, und so setzt sie alles daran, ihr nahe zu kommen, um erst in ihre Wohnung, dann in ihr Leben einzudringen. Doch was ist das Ziel dieser getriebenen Figur, wo liegt die Verbindung zu den Gewaltbildern aus ihrer Vergangenheit? Man kann eine Menge vermuten, aber Bestätigung wird man nicht finden. Lange Zeit lässt Tornatore den Zuschauer bewusst im Unklaren, und umso unaufhaltsamer treibt die Geschichte voran. Doch wenn sich schließlich die einzelnen Stränge langsam im eigenen Kopf zusammensetzen, hat der Film selber unbemerkt bereits eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Aus dem Thriller, der „La Sconosciuta“ lange Zeit zu sein scheint, und über dessen Regelapparat der Film soweit funktioniert, ist die Tragödie eines zerstörten Lebens geworden, das verzweifelt um Anschluss an längst Verlorenes ringt.

Dass eine solchermaßen riskante narrative Manipulation nicht nur bruchlos funktioniert, sondern im Nachhinein auch völlig konsequent erscheint, verdankt sich aber nicht nur der erzählerischen Reife des Filmemachers, sondern vor allem auch seiner Fähigkeit, die Leistungen aller Beteiligten einer gemeinsamen Vision unterzuordnen. Dass etwa die hierzulande noch gänzlich unbekannte russische Schauspielerin Ksenia Rappaport den Film tragen kann, ohne unter seiner Last einzubrechen, ist mehr als bemerkenswert. Das breite Spektrum ihrer Figur mit allen Leerstellen, die erst nach und nach gefüllt werden, die vielschichtige Charakterisierung, die sie aufbringen muss, und der zeitliche Abstand, den Irina durchlebt, all dies manifestiert sich in einer eindringlichen, gänzlich uneitlen, aber vor allem den Zuschauer trotz aller Widersprüche völlig für sich einnehmenden Darstellung, die man im europäischen Kino sonst vielfach eher vergeblich sucht.

Kalt und abweisend sind die Bilder von Fabio Zamarion in seiner ersten Zusammenarbeit mit Tornatore, aufdringlich und archaisch werden sie in den gewaltsamen Flashbacks, und Wärme lassen sie nur zu, wenn Irina dem Träger ihrer Erlösung nahe kommt, und zwar in Gegenwart wie Erinnerung. Gänzlich beherrscht wird der Film jedoch vor allem von Ennio Morricone, dessen Musik Tornatores Kino seit „Cinema Paradiso“ mindestens so eindeutig definiert wie die Bildsprache des Regisseurs selber. Wie so oft bereits in der Phase des Drehbuchs komponiert und dann am Set abgespielt (eine Technik, die Sergio Leone bekanntlich gerne einsetzte), legt Morricones größtenteils streicherbestimmte Partitur einen dunkel-melancholischen Ton über den Film und verdichtet die Atmosphäre hinter den Bildern mit gewohnter Meisterschaft. Wie weit das Gros der gegenwärtigen Filmmusik von den eigenen Vorbildern mittlerweile entfernt ist, lässt sich hier einmal mehr mit unmissverständlicher Klarheit nachvollziehen.

„Die Unbekannte / La Sconosciuta“ gewann sowohl in Berlin (beim Europäischen Filmpreis) als auch auf dem Moskauer Filmfestival einen Publikums-Award und konnte so belegen, dass Tornatore auch nach sechs Jahren filmischen Schweigens immer noch die Sprache seiner Zuschauer spricht. Eine größere Kopienzahl für den deutschen Markt wäre da durchaus nicht nur wünschenswert, sondern für einen der sehenswertesten italienischen Filme der letzten Jahre auch nicht weniger als angebracht gewesen.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Senator Entertainment AG

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