Magische Artfakte:
Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels.
Wer sich noch gut daran erinnern kann, wann er das letzte Mal mit kindlicher Begeisterung dem Kinostart eines Films entgegengefiebert, alle Vorberichte gierig verschlungen, dann mit zitternden Händen endlich die Eintrittskarte zum Abriss bereitgehalten hat und schließlich die letzten Meter zum Vorführsaal mit einem wilden Rudel Schmetterlingen im Bauch entlanggeeilt ist, um schnell noch den bestmöglichen Sitzplatz zu ergattern, bevor die Lichter ausgingen und der Projektor endlich, endlich zu rattern begann, der hat entweder ein lebhaftes Erinnerungsvermögen, das problemlos Erfahrungen wiederbeleben kann, die schon mehrere Jahrzehnte zurückliegen, oder aber er gehört zu jener fragwürdigen Spezies, der die Leinwand ein echtes Ersatzleben bietet. Mit dem großen Ereignischarakter ist es im Gegenwartskino nämlich leider nicht weit her. Der mediale Overkill von Werbekampagnen, die gerne mal die 200 Millionen-Dollar-Marke knacken, gibt sich zwar alle Mühe, selbst mittelmäßige Produktionen zu vermeintlichen Sensationen aufzublasen, den Adrenalinanteil beim Publikum können sie jedoch nur geringfügig ankurbeln, und das Zeitfenster zur DVD-Auswertung ist in den meisten Fällen ohnehin allerhöchstens nur noch ein Bullauge. Wer allerdings daraus schließen will, dass sich das Publikum und seine Bedürfnisse eben verändert hätten (und nicht etwa in erster Linie eine pappsatte Industrie schuld ist), der muss sich gehörig darüber wundern, wie groß die Sehnsucht nach Anachronismen werden kann, wenn nur das richtige Angebot da ist. Dass dazu eine altbewährte Formel und ein Filzhut schon ausreichen können, wer hätte das ernsthaft bezweifeln können? Welcome back, Dr. Jones, good to have you around again.
Nicht, dass die Rückkehr des Mannes, der sich selbst unter heißester Wüstensonne nicht von seiner Lederjacke trennt, ohne omnipräsenten Werbeaufwand vonstatten gegangen wäre – im Gegenteil natürlich (und zwar mit einem Budget von mindestens 150 Millionen US-Dollar). Den Sensationscharakter allerdings bringt die bloße Existenz des Films bereits ganz von selbst mit sich und reicht zurück bis in den peruanischen Dschungel von 1936 oder einen Nachtclub in Shanghai im Jahr zuvor. Wie auch immer man sich da entscheiden mag, spätestens beim Öffnen der Bundeslade jedenfalls war das Schicksal des unkonventionellen Archäologieprofessors mit krankhafter Schlangenphobie und ausgeprägtem Vaterkomplex (von dem damals allerdings noch niemand wusste) bereits besiegelt. So wie seine kreativen Wegbegleiter sich in der vielleicht berühmtesten Überblendung der Filmgeschichte das Paramount-Logo einfach mal schnell zueigen gemacht hatten, war Indiana Jones 1981 unumkehrbar in das kollektive Bewusstsein westlicher Popkultur eingetaucht.
Doch dabei ging es nicht um die bloße Figur alleine, sondern vielmehr um ein ganzes Stil- und Erzählkonzept mit klaren und unumstößlichen Koordinaten, von denen her sich der Wiedererkennungswert eines Phänomens definierte, das auch nach 27 Jahren ganz offensichtlich immer noch keinen einzigen Funken seiner Faszination eingebüßt hat. 1989 hatte Henry Jones jr. zwar bereits sein (vermeintlich) letztes Leinwandabenteuer bestanden, doch weder in den Köpfen und Träumen seiner Fans noch den Bilanzbüchern seiner Lizenznehmer war er tatsächlich für immer in den Sonnenuntergang geritten. In einer Flut aus Comics, Romanen, Videospielen, Themenparks und der endlosen Palette von Merchandising lebte das Prinzip Indy weiter und sorgte beständig dafür, auf keinen Fall in Vergessenheit zu geraten. Selbst das eher verhalten entgegengenommene TV-Spinoff „The Young Indiana Jones Chronicles“ mit ganzen drei Indy-Versionen in verschiedenen Altersstufen (und sogar einem winzigen Gastauftritt von Harrison Ford selber) konnte die Figur nicht entzaubern. Warum also sollte eine Rückkehr auf die große Leinwand fast zwei Jahrzehnte später etwas anderes sein als die logische Konsequenz aus echter Unkaputtbarkeit?
Für Lucasfilms und Paramount war dabei sicherlich vor allem die eine große Zahl ein ganz entscheidendes Argument: 1,2 Milliarden. So viele US-Dollar nämlich sollen „Raiders of the lost ark“, „Temple of doom“ und „Last Crusade“ angeblich bislang eingespielt haben, Lizenzrechte vermutlich nicht eingerechnet. Das ist eine Menge Holz (oder Papier), und so lag es eigentlich nur am Duett Lucas / Spielberg, das Prinzip Indiana Jones noch einmal dort auszuspielen, wo es ursprünglich hingehört – auf der großen Leinwand eben. Wie viele Storylines und Drehbuchversionen dabei entstanden sind, und wie viele Autoren verschlissen wurden, wissen wahrscheinlich nur die Buchhalter von der Skywalker Ranch. Der MacGuffin sei es gewesen, der Lucas über all die Jahre Kopfzerbrechen bereitet hätte, derjenige archäologische Plunder also (Bundeslade, Sankara Steine, heiliger Gral), der den Film zumindest auf der Oberfläche in Gang setzt. Nichts sei gut und groß genug gewesen, bis, tja, bis für Lucas die Erleuchtung in Gestalt eben jenes sagenumwobenen Kristallschädels kam, um den sich dann endlich eine echte Indy-Geschichte stricken ließ. Das mag man glauben oder auch nicht, die Erwartungshaltung schürt es aber allemal.
Mit dem unglaublichen Druck von 19 Jahren auf den Schultern also und einem Millionenpublikum, das die originalen drei Filme in- und auswendig kennt, genau weiß, wer, wie und was Indiana Jones ist, hat, darf und will, und das eine ebenso abstrakt-klare wie konkret-diffuse Vorstellung davon hat, wie die Rückkehr ihres Lieblingshelden auszusehen hat, und wie eben nicht, flimmerte schließlich am 18. Mai 2008 auf der ungemein werbewirksamen Plattform des 61. Filmfestivals von Cannes und begleitet von echter Vorabhysterie dasjenige zum ersten Mal über die Leinwand, worauf so viele so lange gewartet, und vor dem nicht wenige auch gehörige Angst hatten. Beunruhigendes gab es kurz zuvor bereits mit fragwürdiger Quellenlage im Netz zu lesen, und so war die Premierenpresse schon mal vorgewarnt. Ziemlich gemischt fielen demgemäss auch die ersten Reaktionen aus, und es war eingetreten, wofür Lucas bereits im Vorfeld aktive Schadensbegrenzung betrieben hatte: der Kritik gefiel sein Film nicht besonders. Zu bemüht, zu unoriginell, zu unzeitgemäß – so oder ähnlich war man sich weitestgehend einig, erst recht an der Croisette, wo Indy als alles überschattender Platzhirsch aufgetreten war, ohne überhaupt irgendetwas mit dem Wettbewerb selber zu tun zu haben. Das nahm man ihm selbstredend gerne übel.
Mit dem Film selber jedoch hat das alles herzlich wenig zu tun, und man würde einen entscheidenden Fehler begehen, ginge man davon aus, dass Indy 1981 von der professionellen Kritik merklich wärmer empfangen oder auch nur eines der vorherigen Sequels nicht gegen seine Vorgänger ausgespielt worden wäre (selten etwa wurde zum originalen „Raiders“ Unqualifizierteres gesagt als in jener legendären Kritik des damaligen Spiegel-Kulturchefs, die heute nur noch verständnisloses Kopfschütteln hervorrufen kann). Von einer Verbesserung der Bedingungen war also kaum auszugehen, und wie um alte Traditionen noch einmal aufleben zu lassen, war sich selbst der Archäologenverband nicht zu schade, dem Treiben des Mannes mit dem Faible für mythologisch vorbelastete Fundstücke allen Ernstes wieder einmal Rufschädigung vorzuwerfen – man kann es eben nicht allen recht machen. Und so waren es vor allem die Fans des Franchise, deren Zustimmung im Fokus der Macher lag. Die große Aufgabe des neuen Films müsste es schließlich sein, Tradition und Erneuerung unter einen (Fedora-) Hut zu bringen, und dabei dennoch nicht so zu tun, als sei die Filmgeschichte zwischenzeitlich stehen geblieben.
Vielleicht war es die klügste Entscheidung von allen, Indy etwas zu erlauben, was anderen Filmhelden im Normalfall eher den Hals brechen würde und deshalb meistens mehr oder weniger trickreich ausbleibt. Während der bekannteste Geheimagent seiner Majestät etwa alle paar Jahre einer Verjüngungskur unterzogen werden muss, um überleben zu können, ist Dr. Jones tatsächlich mit seinem Publikum gealtert – freilich ohne merkliche Anteile an Kondition und Schlagkraft einzubüßen (und das ganz ohne Martial Arts). Exakt 19 Jahre zeitliche Deckung erlaubt sich der Film, und so darf Harrison Ford zwar immer noch in derselben Montur, zugleich aber auch mit ehrenhaft ergrauter Mähne auftreten (wobei die Legende natürlich den Vortritt bekommt, und wohl deshalb die berühmte Silhouette das erste ist, was Indy als Indy identifiziert). Und weil Spielberg seit „Hook“ die ewige Kindheit gegen die Vaterschaft ausgetauscht und Lucas mittlerweile (für manchen Anhänger schmerzhaft) bewiesen hat, dass er den fiktionalen Generationswechsel für ein probates Mittel hält, um Altbewährtes fortzuführen, bekommt der (vermeintlich?) lebenslange Junggeselle Indy im Verlauf des Films tatsächlich einen unehelichen Sohn an die Seite gestellt. Die Funktion von Shia LaBeouf war zwar trotz akribischer Geheimniskrämerei frühzeitig, vielleicht aber auch ganz absichtlich durchgesickert, doch selbst der unbedarfte Zuschauer kann schon nach den ersten Minuten ohnehin ahnen, was da für ein Verhältnis vorliegt, wenn er Zeuge wird, wie Indy mit dem etwas ungestümen Mutt Williams (ein weiterer Beleg dafür, dass Lucas seine große Begabung für griffige Namen wirklich eingebüßt hat) mal im Wortgefecht liegt, mal eine gemeinsame Flucht auf dem Motorrad besteht (eine schöne Variante der umgekehrten Vater/Sohn-Konstellation aus „Last Crusade“). Und daran ändert sich auch solange nichts, bis es Gewissheit gibt und beide schließlich der Frau gegenüberstehen, die als einzige jemals ein ebenbürtiger Partner für den doch eher anti-emanzipatorischen Professor war: Marion Ravenwood (Karen Allen, die wie die meisten Spielberg-Frauendarstellerinnen keine nennenswerte Karriere aufbauen konnte), Indys weibliches Gegenstück aus „Raiders“ und der Zeit davor. Dass Mutt als wilde Mischung aus Brando und Errol Flynn das ungewollte Ergebnis einer gemeinsamen Liebesnacht ist (vermutlich jener einzigen, die es jemals in einem Indy-Film gegeben hat), muss man erst mal verdauen – aber warum eigentlich nicht? Marion jedenfalls ist damit endlich auch im Spielberg-Universum angekommen, in dem Frauen bekanntlich und ausnahmslos nur dann akzeptabel sind, wenn sie als Mütter fungieren – vermutlich also auch ein rückwirkendes Zugeständnis von George Lucas an die in Genderfragen geordnete Weltsicht seines Partners.
Unabhängig von dieser zentralen Figurenkonstellation, die „Crystal Skull“ zum echten Familienfilm macht und dem Sohn über weite Strecken diejenigen Actionsequenzen zumutet, die früher der Vater selber abgeliefert hätte, ist der neue Film vor allem eine gutgelaunte Variationssammlung aller bewährten Indy-Ingredienzien rund um Skorpione und Schlangen, Treibsand und Tempelbauten, versteckte Geheimgänge und verdeckte Falltüren, wenn auch ohne die obligatorischen Nazis, dafür aber mit einer Abordnung nicht weniger allmachtbesessener Russen (an deren Spitze eine akzentsichere Cate Blanchett sichtliches Vergnügen am bösen Spiel zeigt), vor allem aber mit einem gehörigen Augenzwinkern angesichts auch der absurdesten Plotwendungen und der unübertrefflichen (oder ganz einfach: saugeilen) Coolness Harrison Fords, der endlich wieder dort ist, wo er hingehört (und so selbst das filmische Entsetzen von „Firewall“ vergessen lässt). Das ist alles nicht neu, aber das soll und darf es auch nicht. Indiana Jones ist Indiana Jones ist Indiana Jones, und damit die unendliche Variation eines fest abgesteckten Regelkanons, in dem man sich selbst nach zwei Jahrzehnten Funkstille jederzeit willkommen, geborgen und zuhause fühlen kann – und für 124 Minuten ein bisschen das Gefühl haben darf, dass die Indy-Filme vielleicht selber magische Artefakte sind, die es auf ganz unerklärliche Weise möglich machen, die Zeit doch tatsächlich für einen Augenblick zurückzudrehen.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Universal Pictures International Germany GmbH
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