Verbrechen und andere Kleinigkeiten.
Ian und Terry leben über ihre Verhältnisse, daran besteht kein Zweifel. Schon bald aber kommen bessere Zeiten, da sind sich die Brüder sicher, und so schadet es sicher nicht, wenn sie entgegen aller Vernunft und jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten Nägel mit Köpfen machen, als der langgehegte Traum vom eigenen kleinen Segelboot zum Greifen nahe ist. Denn irgendwann wird Terry beim Pokern oder Hunderennen schon das große Los ziehen, und bis Ian die Arbeit im elterlichen Restaurant hinter sich lässt und zum großen Player im Immobiliengeschäft aufsteigt, kann es auch nicht mehr lange dauern. Im Moment aber müssen es noch geborgte Autos sein, die ihm erlauben, das Dasein als Lebemann schon einmal zu proben und Frauen zu beeindrucken, die jenseits seiner Liga spielen (und denen er das Blaue vom Himmel herablügt) – praktisch also, dass der etwas einfacher gestrickte Terry als Automechaniker schnittige Luxusschlitten instand setzt und seinem Bruder da aushelfen kann. Das solchermaßen gut geölte Spiel mit Schein und Sein geht allerdings nur solange gut, bis Terry eines Tages im Kartenrausch untergeht und sich bei Leuten hoch verschuldet, mit denen nicht zu spaßen ist. Eine ausweglose Lage? Nicht ganz. Zum Glück gibt es da nämlich noch den reichen Onkel Howard, und der hat den Jungs bisher immer geholfen, wenn Not am Mann war. Ein kleiner Gefallen im Gegenzug muss diesmal allerdings drin sein – etwa einen gefährlich gewordenen Mitarbeiter unter die Erde zu bringen, der andernfalls die blitzblanke Fassade des familiären Wohltäters einreißen würde. Eigentlich ein Kinderspiel also. Oder auch nicht.
Was den Umgang mit thematischem Material angeht, war Woody Allen noch nie verlegen, das Prinzip der Variation über den Neuentwurf zu stellen. Dass seine Filme auf diese Weise miteinander kommunizieren, sich ergänzen oder antithetisch gegenüberstehen, ergibt sich aus der Natur der Sache. Sein immer noch immenser Output von mehr oder weniger einem Film pro Jahr folgt damit vor allem musikalischen Gesetzen, und so ist manchmal ein bisschen (vor allem zeitliche) Distanz hilfreich, einzelne Arbeiten angemessener einordnen zu können. Manches, was auf den ersten Blick große Begeisterung hervorgerufen haben mag (etwa „Radio Days“), kann dabei überraschend schnell verblassen, anderes hingegen profitiert mit zunehmendem Abstand merklich von allzu verwandt erscheinenden Variationsträgern. Im Fall des allgemein rasch untergegangenen „Cassandra´s Dream“ (eine Kinoauswertung für den deutschen Markt war eigentlich schon ad acta gelegt worden) ist es in erster Linie die Loslösung vom thematisch naheliegenden „Match Point“, welche klarer sehen lässt und die eigentlichen Stärken des jüngeren Films deutlicher aufzeigt als es der direkte Vergleich nahe legt. Wer den ersten von Allens drei (dialektisch angelegten) England-Filmen etwa noch gar nicht zur Kenntnis genommen hat, ist ohnehin besser dran und wird diesem Bruderdrama einiges abgewinnen können.
Zu den attraktivsten Faktoren gehört dabei eine eng geführte Dramaturgie, die keine Abweichungen zulässt, und eine Bildsprache, die den aufmerksamen Zuschauer einiges kassandrisch voraussehen lässt, ohne aufdringlich zu werden. Nomen est eben omen, und so macht Allen das Schicksal der mythologischen Seherin zum Prinzip einer Narration, in der sich zukünftiges Unheil zwar frühzeitig ab-lesen, wohl aber nicht ab-wenden lässt. Schon beim einleitenden gemeinsamen Bootskauf der Brüder, der das Motivgerüst der Geschichte in wenigen Strichen vorskizziert, weist ein klarer Bildaufbau den Protagonisten ihre spätere Rollenverteilung zu – Ian wird die treibende Kraft hinter dem gemeinsamen Verbrechen sein, und so landet er optisch schon mal hinter Gittern, während Terry außen vor bleibt und sich lieber mitreißen lässt. Überhaupt ist Ian derjenige, der seinen Bruder im Griff hält, auch wenn beide im Umgang miteinander lange Zeit auf Augenhöhe zueinander stehen. Immer wieder wird Ian die rechte Bildhälfte einnehmen und seine Hand auf der Stuhllehne hinter Terry platzieren, ganz brüderlich und gelassen, aber damit letztlich nicht weniger einnehmend. Von solchen Vorzeichen liefert Allen eine ganze Menge, und man kann sich einen Spaß daraus machen, sie zu sammeln und vorab zu deuten. Im Wesentlichen wird man richtig liegen und ganz nebenbei erkennen, dass hier mehr Raffinesse am Werk ist als sich auf den ersten Blick vermuten lässt.
Auffällig erscheint ein deutlicher Wandel der Sympathiewerte einzelner Figuren, doch auch das gibt sich schnell als Methode zu erkennen. Charaktere kippen entweder mit ihrem Handeln oder aber durch eine deutliche Diskrepanz zwischen dem offensichtlichen Bild, das andere von ihnen vermitteln, und ihrer tatsächlichen Gestalt. So erweist sich der zunächst von Bewunderung getragene Onkel Howard schnell als trojanisches Pferd mit unangenehmen Abgründen (die Tom Wilkinson völlig mühelos hinter der vertrauenserweckenden Fassade aufblitzen lässt), und der gefürchtete Denunziant, den er aus dem Weg räumen lassen will, scheint vielmehr ein angenehmer Gesprächspartner ohne ersichtlich böse Absichten zu sein. Den größten Verlust an Sympathiewerten wird Ian erleiden, und Ewan McGregor legt die Figur so an, als wäre er kurzfristig für Jude Law eingesprungen. Zu Beginn ein netter Kerl, den es eigentlich nur im Doppelpack mit seinem Bruder gibt, wird Ian seiner eigenen Korrumpierbarkeit schneller erliegen als man lange Zeit vermuten würde (auch wenn sich gut nachvollziehen lässt, dass er die schöne Hayley Atwell – eine echte Entdeckung übrigens – mit allen Mitteln an seiner Seite halten will).
Den größten Sympathiegewinn hingegen trägt der andere der beiden Brüder davon, und so gerät für Colin Farrell diese ziemlich atypische Rolle zur gut genutzten Gelegenheit, den einen oder anderen Fehlgriff der letzten Jahre wieder wettzumachen. Der einfach gestrickte, und gerade deshalb mit seinem Gewissen hadernde Terry ist dabei vielleicht die tragischste Gestalt des Films, und konsequenterweise erhält das titelgebende Segelboot seinen Namen auch von ihm – selbstverständlich nicht mit griechischer Mythologie im Hinterkopf, sondern in Erinnerung an eine Gewinnerplatzierung im Hunderennen (was den übereifrigen ehemaligen Germanistikstudenten beim deutschen Verleih offensichtlich entgangen sein muss, denn obwohl es zugestandenermaßen in den meisten Fällen oft keinen gesteigerten Sinn macht, den englischen Originaltitel unübersetzt zu lassen, so ist doch in gerade diesem speziellen Fall jegliche Eindeutschung nichts als blanker Unsinn).

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Constantin Film Verleih GmbH
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