Photoshop und Silhouettentheater.
1938 war für die Popkultur ein entscheidendes Jahr. Nichtsahnend, was er da in die Welt setzen würde, synthetisierte Albert Hofmann einen Stoff, der zunächst wie das unbrauchbare Ergebnis pharmazeutischer Laborarbeit aussah. Doch der Chemiker aus der Schweiz hatte anscheinend eine Ahnung von dem, was ihm hier gelungen war, machte sich fünf Jahre später noch einmal an seine Forschung und sah kurz darauf jede Menge bunten Irrsinn. Der Rest ist Geschichte: Hofmann hatte ein leistungsstarkes Halluzinogen gefunden (oder eigenen Worten gemäß eher anders herum) und damit unfreiwillig ein schickes Spielzeug für den CIA, eine Horde Psychiater und die spätere Hippiebewegung gleichermaßen entworfen. Die nachhaltigsten Belege für den Erfolg von Hofmanns Zufallstreffer fanden ihren Niederschlag jedoch vor allem in denjenigen kulturellen Errungenschaften, die anderweitig nie entstanden wären. Angemessen also, dass der erste große Nachruf auf den LSD-Urvater bereits knapp eine Woche nach seinem Ableben selbstverständlich auf der großen Leinwand stattfindet – und das ganz ohne Suchtgefahr. Denn als hätten die Wachowskis geahnt, dass es einen aktuellen Anlass für die Rückkehr des psychedelischen (und in diesem Fall völlig asexuellen) Barbarellismus auf die Leinwand geben würde, erzählt „Speed Racer“ mit einem Füllhorn aus wilden Spektralfarben, Kaleidoskopen und optischen Spiralen im Grunde Hofmanns legendären Bycicle-Day nach – wobei das Fahrrad selbstverständlich durch einen schnittigen Boliden ersetzt worden ist.
Dass diese Realfilmversion des 60er-Jahre Animes von Tatsuo Yoshida dabei unter dem Deckmantel reichlich kindlicher Familienunterhaltung auftritt, ist nicht ungewöhnlich. Denn schließlich finden sich die tatsächlichen Verhältnisse bei den Wachowskis in aller Regel erst hinter einer Vielheit von Etiketten, Masken und Oberflächen. Dass gilt archetypisch für den Kosmos der „Matrix“-Filme, etwas raffinierter für die vielfachen Täuschungsmanöver von „Bound“, und schließlich in aller Offensichtlichkeit für die Geheimwelten von „V for Vendetta“. Überall liegen Masken über Gesichtern, Ebenen über Ebenen, und jede weitere hebelt die vorherige aus, enttarnt oder erweitert sie. Die Brüder mit dem großen Faible für Mangas machen also im Grunde Layerfilme, und wie um es zu belegen, bedienen sie sich in „Speed Racer“ gegen Ende einfach ganz plakativ der Technik visueller Schichtenbildung und spannen so den weiten Bogen von Photoshop zum Silhouettentheater. Aber auch inhaltlich ist die Wahrheit fein säuberlich hinter inszenierter Augenwischerei versteckt. So beruht der globale Rennzirkus, um den sich alles dreht, selbstverständlich auf korrupter Konzernpolitik der großen Player, sind vermeintliche Rivalen tatsächlich gute Freunde, und hinter einem harmlosen Skiurlaub verbirgt sich eine rüde Rallye durch sandige Wüsten und verschneite Berglandschaften. Das ist alles ziemlich offensichtlich, und damit eben familienfreundlich – aber eben auch nur als oberste Schicht von vielen.
Die Geschichte des jungen Racer-Talentes (Emile Hirsch ohne nennenswerten schauspielerischen Gestaltungsrahmen), der sich nicht korrumpieren lässt und lieber für den kleinen Rennstall seiner Familie fährt, als dem Lockruf von Reichtum und kalkulierten Siegen zu folgen, kann im Grunde vor lauter konservativer Klischees kaum atmen. Das soll sie vermutlich aber auch gar nicht. Die Figuren haben visuell wie inhaltlich klare Farbvorgaben ohne Grauzonen oder Schattierungen – auch wenn einige von ihnen erst nach einer Weile ihre true colors zeigen. Eine Katastrophe – der Renntod des ältesten Sohnes – überschattet die Familienidylle zwar, gibt sich jedoch alle Mühe, den Zuschauer nicht ernsthaft emotional zu belasten. Auch sie ist nur ein Layer von vielen, denn schon früh scheint sich der totgeglaubte Bruder in Wahrheit hinter der Maske des mysteriösen Racer X zu verbergen. Als dieser aber sein wahres Gesicht zeigt, sieht er eben aus wie Matthew Fox und ist damit prädestiniert, nur eine weitere Maske hinter der Maske zu sein.
Eine ganz andere Schicht des Films entlarvt die Wachowski-Brüder als dreiste Videoinstallateure. Etwa so, als hätte Matthew Barney die Geschwindigkeit entdeckt und immenses Geld für wilde CGI-Spielereien aufgetrieben, zelebriert „Speed Racer“ in seinen vollig entfesselten (und gänzlich unüberschaubaren) Renn- und Verfolgungssequenzen die Überwindung körperlicher Begrenzung durch Motorsportmaschinen, die für physikalische Wahrscheinlichkeiten nur ein müdes Lächeln übrig haben, während die steuernden Subjekte in ihren eigenen, eng gestrickten Koordinaten verbleiben. Eine solchermaßen gegenläufige Dynamik muss dann ab und zu schon mal die Zeit dehnen, um neu ansetzen zu können statt implodieren zu müssen (wohingegen die berühmte „bullet time“ der Matrix-Filme lediglich eine narrative Funktion hat und ihre Dynamik sich nicht aus der Konfrontation von Körper und Maschine speist). Aus dieser Perspektive ist das Zusammenspiel von scherenschnittartigen Charakteren wie Handlungsmustern einerseits und selbstgenügsamem Geschwindigkeitsaktionismus andererseits folgerichtig und notwendig. Erst die gemeinsame Ästhetik jedoch liefert den Raum, in dem sich beide Seiten begegnen können – und der ist im Wesentlichen synthetisch.
Für einen echten Blockbuster ist das nun ersichtlicher Weise zuviel des Guten, und so war das langgehegte Lieblingsprojekt der Wachowskis auch Monate vor Filmstart schon mit Sorgenfalten im Gesicht erwartet worden. Zudem ungünstig in die zweite Woche des (bei Kritikern wie Zuschauern) alles überstrahlenden Marvel-Triumphes von „Iron Man“ gestartet, schloss „Speed Racer“ den ersten Sonntag mit einem bedenklichen Resultat von knappen 18,6 Millionen Dollar auf dem US-Markt ab (bei einem geschätzten Budget von rund 100 Millionen plus Marketing). Viel Grund zur Zufriedenheit bei Warner und Produzent Joel Silver besteht da also nicht. Eine langfristig angelegte IMAX-Auswertung mag hier zum Schlüssel werden können, denn für die Jahrmarkt-Kinos der Gegenwart ist dieser Film im Grunde gemacht – und ins Museum of Modern Art schafft er es in ein paar Jahren vielleicht auch noch. Im Wesentlichen allerdings belegen nur wenige Sekunden von insgesamt 135 knallbunten und CGI-lastigen Minuten bereits, dass die größte Attraktion auch schon eine vielsagend hochgezogene Augenbraue sein kann. Zumindest dann, wenn sie Christina Ricci gehört.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Warner Bros. Entertainment GmbH
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