Aufklärer und Bauherren.
Da mag sich so manchem Kulturfaschisten der Magen umdrehen, aber der erfolgreichste deutsche Regisseur in Hollywood ist kein Miethengst, sondern Autorenfilmer, und als sei das für den einen oder anderen nicht schon genug zu schlucken, regiert er ganz nebenbei auch noch lässig über Budgets, von denen andere, denen man auf breiter Front vielleicht eher gewillt ist, diesen Titel zuzusprechen, im Grunde noch nicht einmal träumen dürfen. Bei Sony wäre man gerade etwas klamm gewesen, plaudert er bei Gelegenheit gelassen vor sich hin, da sei er halt zu Warner gegangen mit seinem Drehbuch, und die hätten die 120 Millionen Dollar noch in der Portokasse gehabt. So einfach kann es gehen – keine lästigen Fördergremien mit undurchsichtigen Vergabekriterien, kein privatwirtschaftliches Klinkenputzen oder fragwürdiges Fondanzapfen, stattdessen mal schnell bei einem Großstudio vorbeischauen und einen Blockbuster finanziell absegnen lassen. Kein Wunder, dass der Mann aus Sindelfingen für das verständnislose Zähneknirschen seiner Kritiker zu Recht nur ein müdes Achselzucken übrig hat und in seinen Filmen gerne Dinge verkauft, denen aller Realitätssinn mit offenem Mund gegenüberstehen muss. Denn: erscheinen 120 Millionen Dollar gesichertes Budget für einen Autorenfilmer realistischer als eine direkte Nachbarschaft von Eiswüste und tropischem Regenwald? – Eben.
Dabei war schon früh abzusehen, wohin die Reise gehen würde. Bereits sein Abschlussfilm an der HFF gab sich budgetmäßig nicht mit dem zufrieden, was seine Kommilitonen zur Verfügung hatten, und so hob sich „Das Arche Noah Prinzip“ auch ganz merklich von demjenigen ab, was sonst mit Ach und Krach die Vorführräume der hiesigen Filmhochschulen (bis zum heutigen Tag) verlässt. Genrekino sollte es sein, und dabei würde es auch bleiben. Mühelos verkaufte sich dieser in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Debütfilm in mehr als 20 Länder, und damit war der wesentliche Schritt auch bereits getan. Schnell mit dem Trademark „Spielberg aus Sindelfingen“ (wo er eigentlich gar nicht herkommt) versehen, wurden nicht wenige Hoffnungen in seine Karriere und deren Wirkung für den heimatlichen Produktionsstandort gesetzt. Doch Ende der 80er war Deutschland filmtechnisch betrachtet eher Sahelzone als Regenbogenland, und das galt erst recht für ein Kino, wie es sich der junge Emmerich vorstellte. Wie sehr er alle damaligen Möglichkeiten ausgereizt hatte, lässt sich gut an „Moon 44“ ablesen, seinem letzter Film unter hiesigen Bedingungen, bevor er seine Sachen packte und sich gänzlich in eine bessere (Kino-)Welt aufmachte, und es damit seinem 14 Jahre älteren Kollegen Wolfgang Petersen fast zeitgleich nachtat – mit ähnlichem Ergebnis.
Es bedurfte nur einer einzigen Auftragsarbeit („Universal Soldier“), und Emmerich war dort angekommen, wo er hinwollte: In der A-Liga derjenigen Filmemacher, die ihre eigenen Stoffe realisieren konnten, ohne auf ein knapp bemessenes Budget achten zu müssen – einen Status, den er 1996 mit dem Überflieger-Erfolg von „Independence Day“ so massiv zementieren konnte, dass sein Film bis heute zu den 20 erfolgreichsten Produktionen überhaupt gehört und ihm auch zehn Jahre später immer noch jedes Wunschbudget sichert. Für Emmerich arbeitet dabei vor allem die Übereinstimmung seines eigenen Interesses mit demjenigen eines ausgesprochen breiten Publikums, und damit zugleich der großen Studios. Seinen Kritikern reicht das alles nicht bzw. setzt die Problematik erst in Gang, und so kommen bei ihnen auch nur „The Patriot“ (die einzige Auftragsarbeit des Schwaben) und „The day after Tomorrow“ einigermaßen gut weg. Dünne Plots, flache Dialoge, unausgegorene Charaktere, Schablonen, Klischees und logische Löcher – die Liste der mittlerweile gewohnheitsmäßig einsatzbereiten Krankheitsbilder, die man einem Emmerich-Film zuschreiben zu können meint, ist längst zum Kanon geworden, an dem man sich jederzeit ohne große Eigenleistung und merkliche Gegenstimmen abarbeiten kann. Ob man es sich damit allerdings nicht zu einfach macht, ist eine andere Frage.
Emmerichs Kino ist vor allem Jahrmarkt, und dabei eher Riesenrad und Geisterbahn als Kinderkarussell. Das große Staunen angesichts dessen, was da auf der Leinwand gezeigt wird und so noch nie zu sehen war, drängt Figuren und dramaturgische Feinheiten manchmal weiter in die zweite Reihe zurück als einem lieb sein kann, aber das lässt sich leicht verschmerzen, solange man nichts Falsches erwartet. Wenn das Kino zeigt um des Zeigens willen, kehrt es für den Moment zu seinen Wurzeln zurück und vergisst alles, was es seitdem dazugelernt hat. Das mag bei Emmerich offensichtlicher sein als im Fall manch anderer Kollegen, am Grundprinzip ändert es aber nichts. Filme wie Petersens „Troy“ etwa, Oliver Stones „Alexander“ oder auch gerne Ridley Scotts „Gladiator“ (für den Emmerich selber eine Weile im Gespräch war), kranken nicht geringfügig gerade an den nur eingeschränkt wirksamen Anstrengungen, die ihre Macher unternehmen, um den Vorwurf des selbstgenügsamen Zeigens möglichst umfassend einzudämmen. Der Mann aus Sindelfingen verzichtet in aller Regel auf derartige Rechtfertigungsmaßnahmen und investiert seine Zeit stattdessen lieber in perfekte Bilder. „10.000 BC“ ist da keine Ausnahme – ganz im Gegenteil.
Den Titel sollte man dabei nicht allzu wörtlich nehmen, denn weder geht es dem Film um die schlüssige Aufarbeitung frühhistorischer Geschichtsschreibung, noch hat die genaue Jahreszahl irgendeinen immanenten Sinn (und schließlich spielt „Andorra“ bei Max Frisch ja auch nicht dort, wo es der Titel vorgibt). Überhaupt kann man die Tatsache kaum überbewerten, dass die fiktive Autorität des Films ein Erzähler aus dem Off ist (im Original Omar Sharif), der die vermutlich vielfach tradierte Legende gerade mal so wiedergibt, wie er sie zu hören bekommen hat. Leichter kann man es sich mit der künstlerischen Freiheit kaum machen, denn wilde Unstimmigkeiten und die Zusammenschau ganzer Generationen in einer einzigen Figur gehören nun einmal zur Natur aller mündlichen Überlieferung. Dass also im Verlauf der Geschichte mal schnell der Himmelskompass erfunden, blinder Dämonen- und Götterglaube als mythisches Erklärungsmuster entlarvt und der Bau von Pyramiden mit Mammuts vollzogen wird, während Wüsten, Dschungel und schneebedeckte Gebirgsketten friedlich nebeneinander existieren können, als seien ihre Grenzen mit einem kosmischen Lineal gezogen, kann nicht wundern – und soll es auch nicht. Emmerich und sein Co-Autor Harald Kloser (mit John Ottman oder Joseph Gershenson der seltene Fall eines Filmkomponisten, der auch am Produktionsprozess Gefallen findet) erzählen ihre Geschichte so, als hätte sie ein Zwölfjähriger erdacht: Mit viel Fabulierlust, aber ohne Interesse an historischer, geografischer oder klimatischer Authentizität. Insofern ist „10.000 BC“ auch eher Fantasy als Historie.
Die Geschichte kann nur ein Heldenepos sein. Dem Bergvolk der Yagahl prophezeit die Stammesälteste einen Erlöser, der es in eine neue Zeit führen wird – an seiner Seite die strahlend schöne Evolet, einzige Überlebende eines fremden Stammes und beunruhigendes Zeichen für die Existenz einer anderen Welt irgendwo da draußen. Schon als kleiner Junge verliebt sich der elternlose D´Leh in das Mädchen, und als Evolet Jahre später von den gefürchteten vierbeinigen Dämonen geraubt wird, macht er sich mit einer Handvoll Gefährten auf die Suche nach ihr und jagt die Entführer. – Die Geschichte ist denkbar simpel und gewinnt auch durch ein paar Nebenstränge nicht an übermäßiger Tiefe. Sie reicht aber aus, um den Film zu tragen, und mehr muss sie auch nicht leisten: Zwei Hauptfiguren, deren Namen man besser nicht rückwärts liest (O´Reh war den Autoren vermutlich zu irisch), ein paar Nebenfiguren, die dem vergleichsweise eng gestrickten Korsett der Handlung ein bisschen Bewegung verschaffen, und ein prophetischer Überbau, der alles zusammenhält – damit alleine könnte es jedoch nicht getan sein. Die B-Note holt sich der Film erst mit seinen spektakulären Bildern und Jagdsequenzen. Bis ins Detail perfekt animierte Mammutherden, ein Säbelzahntiger, angriffslustige Riesenlaufvögel, atemberaubende Bauten, Schiffe, Pyramiden – die Schauwerte sind enorm und Emmerichs präzises Handling komplexer Action-Strukturen war nie besser. Was bleibt, sind rund 110 eindrucksvoll gefilmte Minuten, die gut unterhalten und vor allem auf der großen Leinwand Sinn machen. Die Filmgeschichte wird „10.000 BC“ sicherlich nicht ändern, aber das kann auch niemand ernsthaft erwarten.
Allerdings: Der Angriff des Säbelzahntigers, mit dem das offizielle Filmplakat sein Publikum anwirbt, muss wohl aus einem anderen Film stammen.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Warner Bros. Entertainment GmbH
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