NO COUNTRY FOR OLD MEN

By Thomas Lenz

Grenzgänger und Beulenpest.

Von Zeit zu Zeit gibt es kulturelle Errungenschaften, die einen ziemlich ratlos zurücklassen. Im Kino allerdings stellt sich dieses Phänomen merklich seltener ein als anderswo. In der bildenden Kunst etwa hat der Wahnsinn vor allem dann Methode, wenn er in den Köpfen des Publikums mehr Fragezeichen in Gang setzt als alle Aporien der modernen Physik zusammen. Das verkauft sich gut und lenkt gelegentlich auch von künstlerischen Unzulänglichkeiten ab, die sich auf diesem Weg angenehm kompensieren lassen. Nun sind die Coen-Brüder zwar Profis genug, auf solche strategischen Augenwischereien gelassen verzichten zu können, die Freisetzung kalkulierter Ratlosigkeit jedoch gehört unbestreitbar zu ihren bevorzugten Wirkmechanismen. Im Fall von „No country for old men“ entfaltet sich dieses Prinzip auf zweierlei Weise, nämlich entweder als Ausdruck hymnischer Begeisterung für eine filmhistorische Offenbarung, oder aber als verständnisloses Schulterzucken angesichts solchermaßen ungebremster Heldenverehrung. Die Entscheidung allerdings, auf welche Seite man sich dabei schlagen möchte, sollte niemand leichtfertig aus der Hand geben – zu groß ist die Gefahr, dass am Ende eine Münze geworfen wird.

Zuletzt hatten die Coens vor allem mit ihren beiden Ausflügen in den Hollywood-Mainstream für Ratlosigkeit gesorgt und ihre Fanbase im Feuilleton merklich verschreckt. Aber vielleicht war dieser Schritt ja nicht nur eine Reaktion auf die ökonomisch unwiderstehlichen Angebote der Industrie, sondern ganz nebenbei auch eine weit ausgeholte und strategisch clever angelegte (da große Relationen schaffende) Vorbereitung auf die Rückkehr zu den raueren Sitten früherer Werke. Zumindest kann man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass gerade diejenigen, denen „Intolerable Cruelty“ zu glatt war und „The Ladykillers“ zu forciert, jetzt besonders laut jubilieren und dabei vielleicht ein Stück weit das Augenmaß verloren haben. Eines jedenfalls lässt sich mit einiger Sicherheit behaupten: Um die Erfüllung von Erwartungshaltungen haben sich die Coens noch nie sonderlich geschert. Von „Blood Simple“ bis „Paris je t´aime“ (bzw. „Tuileries“) haben sie immer sorgfältig darauf geachtet, das sich jeder Film deutlich von seinem Vorgänger absetzt – und das sicherlich auch und gerade um nicht zu liefern, was andere gerne bestellen wollen. Erst in der Zusammenschau und aus einiger Distanz ergibt sich ein kohärentes filmografisches Bild, und diesem fügen sie jetzt also ihre Version von Cormac McCarthys Abgesang auf ein zivilisierbares Amerika hinzu.

Anfang der 80er ist das Land im texanischen Grenzgebiet angekommen. Hier hat die Wachablösung der Werte bereits begonnen, und ihr Wechselkurs drängt unaufhaltsam an der Border Patrol vorbei, um den Boden zu verseuchen, auf dem sich bald nichts Ehrbares mehr pflanzen lässt. Der Drogenhandel hat seine eigenen Gesetze geschaffen und wird schnell auch ein Mittel großer Politik werden (spätestens nämlich dann, wenn die USA ihren Anteil am Contra-Krieg ganz konkret mit Geldern co-finanzieren, für die schon mal die eine oder andere Wagenladung Heroin ihren Besitzer wechseln muss). Konsequenterweise ist es ein misslungener Drogendeal, der die Geschichte in Gang setzt: Der Zufall führt einen der drei treibenden Charaktere mitten in der Wüste zu jener stummen Anordnung zerschossener Pick-Ups, die einen Koffer mit zwei Millionen Dollar in seine Hände geraten lassen und einen Killer auf seine Fährte setzen, der mit einem Bolzenschussgerät Türschlosser und menschliche Körper gleichermaßen außer Funktion setzt. Keine angenehme Konstellation also für den glücklosen, aber einfallsreichen Vietnam-Veteranen Moss, den Josh Brolin mit der richtigen Mischung aus routinierter Gelassenheit und ungesunder Selbstüberschätzung auf den Punkt bringt. Eine exzellente Konstellation jedoch für eine Verfolgungsjagd, die jede Menge Haken schlägt und die Geschichte dramaturgisch am Laufen hält.

Doch der Zuschauer ist nicht der einzige, der den beiden auf der Spur bleibt. Müde und illusionslos geworden angesichts eines sich wandelnden Landes, in dem Gesetzeshüter, die mit ethischen Prinzipien angetreten sind, nicht mehr viel bewegen können, übernimmt der aufrechte, aber gerade deshalb hilflose lokale Sheriff die Rolle des antiken Chors und hebt die Geschichte so auf eine reflexive Ebene, von der aus der Plot zum Symptom wird. Und wie um zu demonstrieren, dass Männer seines Schlages nicht mehr viel ausrichten können in der veränderten Welt, verdammt ihn der Ablauf der Ereignisse zum Beobachter, der von den Dingen schon überholt wird, bevor er eine Chance bekommt, sich ihnen in den Weg zu stellen. Tommy Lee Jones leiht dieser im Grunde tragischen Figur sein markantes Gesicht und jedem ihrer Worte den angemessen, mal lakonischen, mal trockenhumorigen Gestus, der die ansonsten beherrschende Distanziertheit des Films um ein notwendiges Maß reduziert. Auf eine Weise laufen in Sheriff Bell entscheidende Merkmale aller Gesetzeshüter zusammen, die Jones in seiner nicht immer balancierten Schauspielerkarriere verkörpert hat, jedoch mit dem zentralen Unterschied, dass ausgerechnet ein profunder Anachronimus die Position dieser Figur in einer Welt definiert, für deren Erhalt sie einmal eingetreten ist. Dass dabei nicht viel übrig bleibt, über das sich mit Optimismus in die Zukunft blicken ließe, ist ebenso bezeichnend wie ernüchternd.

Hauptattraktor des Films jedoch, und deshalb auch Fixpunkt seiner Vermarktung, ist der Mann mit dem Bolzenschussgerät (der, wie Woody Harrelson als spannendste aller Randfiguren zu bedenken gibt, immerhin den Vergleich mit der Beulenpest standhält). Als konsequente Reaktion auf die Regeln einer neuen Weltordnung und mit klaren Prinzipien im Gepäck markiert er den Gegenentwurf zu Bell auf der anderen Seite des Gesetzes. Im Grunde ist er ein strenger Kantianer, der lediglich die Moral aus der Philosophie eliminiert hat. Ausnahmen von der Regel gibt es nicht, und in Fällen, für die keine eindeutige Regel oder sonstige Notwendigkeit besteht, wird die Entscheidung nicht zwischen Kopf oder Bauch, sondern Kopf oder Zahl ausgetragen. In einer Weltordnung, die an das Gesetz als Regulativ glaubt, muss er als psychotischer Killer gelten, in seiner eigenen jedoch ist er schlicht die Exekutive. Einzig Sheriff Bell begreift, dass der Mann ein Wanderer zwischen diesen beiden Welten ist und deshalb für den Blick von außen ein Geist, der solange nur sicht- aber nicht greifbar durch die alten Ordnungsstrukturen spukt, bis diese irgendwann gänzlich aufgelöst sind. Bezeichnenderweise findet die einzige Begegnung der beiden so auch nur für den Zuschauer statt.

Der Killer ist damit aber zugleich ein Gesetzeshüter aus der Zukunft, und so nicht weniger ein Anachronismus als Bell selbst – nur eben auf der anderen Seite der Zeitachse. Der helmartige Haarschnitt, die uniformähnliche Kleidung und nicht zuletzt seine absurde Waffenwahl muten bei genauerem Hinsehen an wie die frühe Studie eines Elitesoldaten aus einem fernen Übermorgen – oder eben umgekehrt wie dessen reduzierte Tarnform. Anton Chigurh – so sein Name, der mehr nach Roddenberry klingt als nach Peckinpah – ist ebenso Terminator wie Bewohner von Delos, aber eben kein Hannibal Lecter. Seine Überlegenheit der menschlichen Rasse gegenüber macht ihn dabei nicht nur schuss- sondern auch pointensicher und verleiht seinem Handeln den reizvollen Beigeschmack eines ironiefreien Kommentars zur conditio humana – ein Tatbestand, der ihm beim Publikum einige Lacher sichert (und seinen Darsteller Javier Bardem gefährlich nah am Abgrund des Chargierens entlang balancieren lässt).

Im Grunde ist „No country for old men“ aber weniger ein Film der Offenbarung als der Verweigerung. Vielfach wird die Erzählung gerade dort elliptisch, wo andere als die Coens weiter am Ball geblieben wären, um den Zuschauer nicht vor den Kopf zu stoßen. Doch den Brüdern aus Minnesota geht es eben gerade nicht um die Erfüllung von Erwartungshaltungen, und deshalb sind die Leerstellen, die sie sich erlauben, für die Wahrnehmung ihres Films mindestens ebenso bedeutend wie dasjenige, was sie zeigen. Ein Traum von der Fackel vergangener Werte, deren Entzündung Sheriff Bell nur knapp verpasst, markiert so an bezeichnender Stelle die vielgestaltigen Grenzgänge der Geschichte und ihrer Figuren, die sie solange vollführen, bis alle Grenzen verwischt sind und die Schwarzblende zur größten Verweigerung von allen wird.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Universal Pictures International Germany GmbH

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