Falsche Propheten.
Nur ein einziges Mal erlaubt Daniel Plainview einen flüchtigen Blick in die Karten seiner Motive und straft damit alle Lügen, die naiver Weise glauben, nackte Gier alleine sei sich bereits selbst genug. Den Ölmann ohne Wurzeln und Vergangenheit treibt an erster Stelle nämlich eine ganz und gar fundamentale Misanthropie voran, ein tiefempfundener und bedingungsloser Hass auf alles, was Mensch ist. Schon das Wort alleine geht ihm nur mit Spott und Verachtung über die Lippen, und so liegt auf der Hand, warum er es nie im Mund führt. So unfassbar viel Geld will er machen, dass er niemanden mehr um sich ertragen muss. Dazu greift er nach dem, was sich anbietet, zunächst nach Silber, dann nach Öl. Und weil er nicht erst auf den Grund ihrer Seelen blicken muss, um zu verstehen, wie sie funktionieren, kann er diejenigen, die er für seine Zwecke nutzt, auch nach Belieben manipulieren. Wer also ist Daniel Plainview in Wahrheit? Richtig. Der Antichrist.
Dafür spricht einiges, und die einzigen, die sich ihm in den Weg stellen, sind Gottesfürchtige oder Gottbesessene, die ihm den Teufel austreiben wollen. Doch was können sie schon erreichen, wenn Plainview seinem Förderturm listig den christlichen Segen verweigert und stattdessen echtes Fegefeuer in den Himmel lodern lässt? Der Ölmann, dem die Spätfolgen eines gebrochenen Beins lebenslang den Pferdefuß ersetzen, verteilt lieber seinen ganz eigenen Segen – etwa als schwarzes Initiationszeichen aus Öl auf der Stirn seines Sohnes. Überhaupt scheint er selber von dort zu kommen, woher er seinen Reichtum fördert. Plainview und sein Öl, sie entstammen beide den unteren Regionen der Erde, ihren urgewaltig-archaischen Schichten, und so wundert es kaum, dass die Kamera ihn auch dort zum ersten Mal zeigt und wortlos dokumentiert, wie er unter Schmerzen ans Tageslicht zurückkehrt. Dunkles fördert er zutage, und zwar ebenso aus der Erde wie aus der eigenen Seele und der seiner ärgsten Gegner. Denn mit demjenigen, was er da hervorbringt, stachelt er die Gier an, die blind ins Verderben laufen lässt. Und als Plainview sich schließlich in seiner eigentlichen Gestalt zu erkennen gibt – seinem Sohn gegenüber und seinem ärgsten Feind – ist es für alle Beteiligten längst zu spät. Doch das ist nun einmal der Fluch der dritten Offenbarung: Dass nämlich niemand wachsam genug ist zu begreifen, wer da eigentlich auferstanden ist.
Immer noch wasche er sich nach dem Sex die Hände, bemerkt Paul Thomas Anderson bei Gelegenheit. Ob das stimmt, sei einmal dahin gestellt. Seine Figuren jedenfalls profitieren in aller Regel von den Gelegenheiten zur Reinwaschung, die ihnen ihr Autor bietet, ganz egal, ob sie dafür erst so weit unten ankommen müssen, dass kein tieferer Abstieg mehr übrig bleibt („Boogie Nights“), oder die absurde Wiederkehr einer biblischen Plage alles Vergangene schlicht hinwegspült („Magnolia“) oder aber der eigene naive Weltglaube einfach alle Realität außer Kraft setzt („Punch Drunk Love“). Am Ende jedenfalls sind sie alle noch einmal davon gekommen. Und so schwebt das Damoklesschwert christlicher Katharsis auch über Daniel Plainview. Damit dieser nämlich das zuvor sträflich übergangene Stück Land kaufen kann, das er so dringend braucht, um seine Pipeline bauen zu können, muss er sich erst taufen lassen und der Heilerkirche beitreten, die er so sehr verachtet. Reinwaschen mit dem Blut des Herrn, so lautet die Bedingung des Landeigners, der tatsächlich glaubt, Plainviews Seele retten zu können. Der Ölmann wird das Spiel mitspielen, und es wird mindestens so sinnentleert ausfallen wie Andersons postkoitaler Widerhall eines katholischen Elternhauses. Doch am Ende soll es Blut von anderer Güteklasse sein, nach dem sein ganz eigener Katechismus verlangt. Der Mann, der nur ein einziges Mal einer Lebenslüge hinterher trauert (wohlgemerkt keiner eigenen), folgt fremden Regeln falscher Propheten eben nur, solange sie ihm dienlich sind.
So finster Andersons Film ausgefallen ist, so konsequent ist er auch und eben deshalb makellos. Nichts ist übrig geblieben von den losen Enden, in denen sich seine beiden großen Ensemble-Filme gerne schon einmal verlieren, und die nur ein dramaturgischer Reset wieder zusammenfügen kann. „There will be blood“ positioniert sich da schon eher als illusionsloser Gegenentwurf zu „Punch Drunk Love“ und Barry Egans romantischer Weltverlorenheit, die ihn die Regeln eines Spiels außer Kraft setzen lässt, in dem er nur eine Randfigur ist. Daniel Plainview hingegen setzt keine Regeln außer Kraft – er fördert sie ans Tageslicht. Wo alle anderen Figuren in Andersons filmischem Kosmos früher oder später an den Umständen scheitern müssen, macht sich Plainview von eben diesen Umständen zielgerichtet unabhängig. Was er dafür braucht, nimmt er sich, und wer ihn behindert, dem kehrt er bestenfalls den Rücken zu oder lässt ihn auf die eine oder andere Weise aus seinem Leben verschwinden. Der Prototyp des Raubkapitalisten verfolgt wie alle Antichristen vor und nach ihm nur das eine – die Errichtung eines Gegenkosmos.
Vor allem „The treasure of the Sierra Madre“ habe Andersons Herangehensweise die Richtung verliehen, und er wird nicht müde, diese Tatsache zu würdigen. Vor allem die frühen Sequenzen des Films sind es dabei, die von der Lauterkeit dieses Eingeständnisses zeugen. Überhaupt ist so viel John Huston zu spüren wie schon lange nicht mehr im amerikanischen Kino (und folgt man Roger Ebert, so reicht sein Schatten bis in den Sprachduktus, mit der Daniel Day-Lewis seine Figur anlegt). Mindestens genauso konsequent aber wie Anderson diesen Einfluss zulässt, spannt er zugleich von Anfang an einen (nur auf den ersten Blick recht weiten) Bogen zu den kubrickschen Räumen des letzten Aktes, in denen Plainview schließlich seine Vorhölle errichten wird. So wie sich der Ölmann aus den engen Silber- und Ölgruben (Andersons Dawn of Man) in die Weite der kalifornischen Landfluchten ausdehnen wird, so mündet sein Kosmos in den schmalen Abmessungen einer artifiziellen Bowlingbahn, die später vielleicht einmal von einem ebenso vermeintlich geläuterten Alex bespielt wird („I was cured, alright“).
Dass Andersons Film zum derzeit Markantesten gehört, was das Medium zu leisten in der Lage ist, wird nach gelegter Anfangseuphorie und Irritation vor allem die Rückkehr zum Alltagsgeschäft zeigen. In welchem Maß die Leistung von Daniel Day-Lewis jedenfalls auf den Punkt bringt, wie wenig Mühe sich die überwiegende Mehrheit seiner Kollegen im Allgemeinen doch gibt, lässt sich nur schwerlich übersehen.

Artikel © 2008 Thomas Lenz. Alle Rechte vorbehalten.
Filmplakat: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH
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